Wer im Jahre 2020 über den Potsdamer Platz schlenderte, konnte an seinem südlichen Ende einen kleinen Pavillon entdecken, der durch sein überstehendes, mit geschwungenen Kanten und nach oben gezogenen Ecken versehenes Dach auf den ersten Blick als ein Bauwerk aus dem asiatischen Raum zu identifizieren war. Ein hübscher, kleiner, hölzerner Bau, über dessen Zweck und die Gründe für sein Vorhandensein an dieser Stelle sich wohl so mancher vorübereilende Passant den Kopf zerbrochen haben mag. Und vielleicht auch darüber, warum er dann im Jahre 2021 plötzlich wieder verschwunden war und was wohl aus ihm geworden sein mochte.
Nun, zumindest die letzte Frage läßt sich schnell beantworten. Der kleine Pavillon befindet sich nach wie vor in Berlin. Um ihn zu entdecken, muß man sich in den einstigen Bezirk Tiergarten zur Corneliusbrücke begeben. Von ihr, die über den Landwehrkanal hinweg die Budapester mit der Stülerstraße verbindet, führt der Weg die Corneliusstraße am Kanalufer entlang in Richtung Westen. Weit muß man nicht gehen, da kann man das kleine Bauwerk auf der dem Ufer gegenüberliegenden Straßenseite hinter einem Zaun entdecken.
Dieser „Pavillon der Einheit“, wie er genannt wird, ist einem ebensolchen, in der Gartenanlage des Königspalastes Changdeokgung in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul gelegenen und als Pavillon Sangnyangjeong bezeichneten Bauwerk nachempfunden, das aus der Zeit der von 1392 bis 1910 herrschenden Joseon-Dynastie stammt. Die südkoreanische Regierung hatte ihn, sein Name deutet es bereits an, zum fünfundzwanzigsten Jahrestag der deutschen Einheit im November 2015 am Potsdamer Platz errichten lassen – dem die einstige Teilung der Stadt vielleicht am deutlichsten symbolisierenden Ort in Berlin. Dort sollte der Pavillon nicht nur das Jubiläum der deutschen Einigung feiern, sondern ebenfalls der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß die Welt gemeinsam auch die Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten unterstützt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2022)
Zu seiner Errichtung kamen eigens sechs Experten der im Kreis Hwacheon-gun in der südkoreanischen Provinz Gangwon-do gelegenen Hwacheon-Hanok-Schule nach Berlin, um mit dem Bau des Fundaments und der Säulen des Pavillons zu beginnen und diesen anschließend ganz dem dancheong, der traditionellen Kunst der Verzierung von Holzhäusern und Dachvorsprüngen, gemäß auszugestalten und mit einem ebenso traditionellen Ziegeldach, dem giwa, zu versehen. Nach seiner Fertigstellung fanden hier, organisiert vom südkoreanischen Kulturzentrum in Deutschland, zahlreiche Veranstaltungen wie Kalligrafiekurse und Verkostungen traditioneller Speisen und Tees statt, die den Einheimischen die koreanischen Traditionen näherbringen sollten.
Mit der Stadt Berlin hatte man dazu einen Nutzungsvertrag für das entsprechende Grundstück abgeschlossen. Das war allerdings mehr politisch als traditionsbewußt ausgewählt worden, hatte man doch lediglich darauf geachtet, den Bezug zur deutschen Einheit herzustellen, jenen auf die koreanischen Traditionen dabei allerdings völlig außer Acht gelassen. Diesen entsprechend werden solche Pavillons stets an Orten errichtet, die es dem Betrachter ermöglichen, die Natur in ihrem ursprünglichen Zustand auf sich wirken zu lassen. Das gilt selbstverständlich auch für den Pavillon Sangnyangjeong, in dessen Umgebung sich Laub- und Obstbäume befinden, Blumen blühen und Früchte reifen. Seinem Berliner Ebenbild blieb dies leider versagt, denn von einem Natur in ihrem ursprünglichen Zustand bietenden Umfeld konnte am Potsdamer Platz nun wirklich nicht die Rede sein. Demgegenüber hob man den politischen Aspekt noch hervor, indem man dem Pavillon drei originale Mauerteile beigab, an deren einem man eine Tafel anbrachte, die auf die deutsche und die koreanische Teilung hinwies.
War die Aufstellung des Pavillons am Potsdamer Platz zunächst für zwei Jahre vorgesehen, verlängerte sie sich schließlich auf sechs Jahre. Dann allerdings lief der Nutzungsvertrag endgültig aus und erfuhr keine Verlängerung mehr. So wurde der Pavillon schließlich wie vorgesehen abgebaut und dorthin verlegt, wo er auch heute noch zu finden ist – in den Hinterhof der südkoreanischen Botschaft. Warum sich niemand fand, der sich für einen Erhalt des Pavillons an seinem ursprünglichen Standort, wo er der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich gewesen wäre, einsetzte, bleibt unklar. Daran, daß der Platz anderweitig benötigt wurde, kann es nicht gelegen haben, denn der ehemalige Standort des hübschen Pavillons am Potsdamer Platz ist bis zum heutigen Tag völlig leer[1]Wi Tack-whan & Sohn JiAe: Korean hopes for unification marked in Berlin, Artikel vom 26. November 2015 auf der Website Korea.net – The official website of the Republic of Korea, abgerufen am 8. November 2022.[2]Potsdamer Platz: Hier koreanischer Einheits-Pavillon, dort Rodelbahn, In: Berliner Zeitung vom 26. November 2015.[3]Thomas Konhäuser: Einweihung des „Pavillons der Einheit“, der den Wunsch nach einer friedlichen Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel zum Ausdruck bringt, Artikel vom 26. November 2015, Website von Hartmut Koschyk (koschyk.de), abgerufen am 5. März 2026.[4]Pavillon der Einheit in Berlin verlegt, Artikel vom 15. Februar 2021 auf der Website von KBS WORLD Radio, online nur noch verfügbar via Internet Archive, Wayback Machine, archiviert am 5. März 2024, abgerufen am 5. März 2026.[5]Koreanischer Pavillon der Einheit, Website Gedenktafeln in Berlin, abgerufen am 5. März 2026.. So kann man es wohl niemandem verdenken, wenn er dies als eines der in letzter Zeit häufiger werdenden Armutszeugnisse für die Stadt Berlin betrachtet.
Bildnachweis für das Banner auf dieser Seite:
Das Banner zeigt eine phantasievolle Ansicht, wie der Pavillon der Einheit am Potsdamer Platz in einer den koreanischen Traditionen mehr entgegenkommenden Umgebung möglicherweise ausgesehen hätte.
Erstellt mittels ChatGPT von Alexander Glintschert (2026) unter Verwendung des folgenden Bildes:
- Pavillon der Einheit, Potsdamer Platz 10, Berlin-Tiergarten, Deutschland.
Quelle: Wikimedia Commons
Fotograf: User OTFW, Berlin
Datum: 6. Mai 2018

Anmerkungen:
| ↑1. | Wi Tack-whan & Sohn JiAe: Korean hopes for unification marked in Berlin, Artikel vom 26. November 2015 auf der Website Korea.net – The official website of the Republic of Korea, abgerufen am 8. November 2022. |
|---|---|
| ↑2. | Potsdamer Platz: Hier koreanischer Einheits-Pavillon, dort Rodelbahn, In: Berliner Zeitung vom 26. November 2015. |
| ↑3. | Thomas Konhäuser: Einweihung des „Pavillons der Einheit“, der den Wunsch nach einer friedlichen Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel zum Ausdruck bringt, Artikel vom 26. November 2015, Website von Hartmut Koschyk (koschyk.de), abgerufen am 5. März 2026. |
| ↑4. | Pavillon der Einheit in Berlin verlegt, Artikel vom 15. Februar 2021 auf der Website von KBS WORLD Radio, online nur noch verfügbar via Internet Archive, Wayback Machine, archiviert am 5. März 2024, abgerufen am 5. März 2026. |
| ↑5. | Koreanischer Pavillon der Einheit, Website Gedenktafeln in Berlin, abgerufen am 5. März 2026. |