Die Behrensbauten im Juni 2011

Die Behrens-Bauten am Alexanderplatz

Das Alexanderhaus 1997
Das Alexanderhaus 1997.
Fotograf: Alexander Glintschert (1997), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Kommt man heute auf den Alexanderplatz, so fällt es schwer, den Eindruck zu gewinnen, es handle sich um einen Platz, dessen Geschichte vor mehr als zweihundert Jahren begann. Offenbar stammen alle Gebäude, die den Platz umgeben, aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wirklich alle? Nein. Denn zwei der Gebäude am Platz sind tatsächlich älter. Sie wirken in ihrer Gestaltung allerdings recht modern, so daß sie nicht auf den ersten Blick als “historische” Bauten zu erkennen sind: das Alexander- und das Berolinahaus.

Dennoch könnten auch sie nicht die ganze Geschichte des historischen Alexanderplatzes erzählen, denn sie stammen aus den Anfangsjahren des zwanzigsten Jahrhunderts, als die erste großangelegte Umgestaltungsaktion dem Platz ein völlig neues Gesicht geben sollte. Ihre Geschichte beginnt mit einem Architekturwettbewerb im Jahre 1928, der von der Berliner Stadtverwaltung für eben jene Umgestaltung ausgeschrieben worden war. Das Amt für Stadtplanung veröffentlicht dafür in jenem Jahr einen Generalplan, der als Vorgabe für den Wettbewerb dienen soll, und lädt namhafte Architekten dieser Zeit zur Teilnahme ein: die Brüder Hans und Wassili Luckhardt mit Alfons Anker, desweiteren Peter Behrens, Paul Mebes, Emil Schaudt, Heinrich Müller-Erkelenz sowie Ludwig Mies van der Rohe. Alle Architekten folgen der Einladung und reichen alsbald ihre Entwürfe ein. Der erste Preis geht schließlich an den Entwurf der Brüder Hans und Wassili Luckhardt mit Alfons Anker, während das Konzept von Peter Behrens den zweiten Preis erhält.

Doch bereits ein Jahr später, 1929, bricht die Weltwirtschaftskrise aus und wirkt sich unmittelbar auch auf die bereits laufenden Umgestaltungsarbeiten am Alexanderplatz aus. Hier hatte man bereits mit dem Abriß zahlreicher Gebäude und mit dem Ausbau des U-Bahnhofs begonnen, dessen großangelegte Erweiterung den Anlaß für die Umgestaltung geboten hatte. Die Krise reduziert die Investitionsfreudigkeit privater Bauherren drastisch. Da es auch der Stadt selbst chronisch an Geld fehlt, werden die im preisgekrönten Architekturkonzept für den Alexanderplatz umrissenen Bauprojekte letzten Endes nie ausgeführt.

Dennoch muß eine neue Bebauung her, die die abgerissenen Gebäude ersetzt. Und so schließt am Ende des Jahres 1929 ein “Bürohaus am Alexanderplatz GmbH” genanntes Konsortium, das vorwiegend mit amerikanischem Kapital finanziert wird, mit der Stadt Berlin einen Vertrag über den Bau zweier Geschäftshäuser am Alexanderplatz. Dieser Vertrag sieht eine Beteiligung der Stadt zu zehn Prozent an den Gewinnen aus der Vermietung der Geschäftsräume vor und soll bis 1955 laufen. Die Stadt vermietet dem Konsortium dafür die nötigen Grundstücke am Platz. Bei Vertragsende, so ist vorgesehen, sollen die Gebäude wieder abgerissen und die Grundstücke an die Stadt zurückgegeben werden.

Das Konsortium beauftragt den Architekten Peter Behrens, die beiden Bürogebäude am Alexanderplatz zu entwerfen. Dieser modifiziert daraufhin seine ursprünglichen Wettbewerbspläne grundlegend. Zunächst plant er die Errichtung von Wolkenkratzern, um den Platz als Kernpunkt der Stadt zu entwickeln. Doch bereits nach kurzer Zeit nimmt er selbst von diesen Plänen wieder Abstand. Er zieht damit die Konsequenz aus den Erfahrungen, die man in jenen Jahren in amerikanischen Städten machte, wo die in den Hochhäusern konzentrierten Menschenmengen erhebliche Verkehrsprobleme verursachten. Diese möchte Behrens in Berlin unbedingt vermeiden. Und so sehen seine endgültigen Entwürfe schließlich die Errichtung zweier Häuser mit jeweils acht Stockwerken vor: die Bürohäuser “Alexander” und “Berolina”.

Schon bald wird mit dem Bau der beiden parallel zur S-Bahn stehenden Häuser begonnen. Das Alexanderhaus errichtet man an der Stelle des ehemaligen Königstädtischen Theaters bzw. Aschinger-Hauses, während das Berolinahaus unter anderem anstelle des ehemaligen Wohn- und Atelierhauses des Bildhauers Jean-Pierre-Antoine Tassaert entsteht. Behrens’ Plänen zufolge sollen die beiden Gebäude als neues Stadttor zum Berliner Osten fungieren. Im Baustil der sogenannten Neuen Sachlichkeit in der hochmodernen Eisenbeton-Skelettbauweise errichtet, erhalten sie eine Muschelkalkfassade und eigens für sie angefertigte Stahlfenster. In rechteckige Kassetten werden jeweils zwei quadratische Fenster angeordnet – außer an der “Tordurchfahrt”, dort sind es jeweils drei. Jedes Fenster besteht dabei aus einem oberen und einem unteren Scheibenpaar, wobei ersteres mit Kippflügeln und letzteres mit Wendeflügeln versehen ist. Diese Fensterkonstruktion entwirft Behrens höchstselbst speziell für diese Gebäude.

1931 wird das Berolinahaus als erstes der beiden Gebäude fertiggestellt. 1932 folgt das Alexanderhaus, das nun mit seinem vorstehenden Ostflügel das Polizeipräsidium zum Alexanderplatz hin verdeckt. Das Unternehmen Aschinger bezieht das Alexanderhaus als neues Domizil. Viele weitere Unternehmen schlagen ihr Quartier in den beiden Gebäuden auf. Wie ein zeitgenössischer Reporter in einem Zeitungsartikel jener Zeit bemerkt, ersetzt ein solches Hochhaus praktisch eine ganze Straße: vom Friseur bis zum Anwalt, vom Restaurant bis zur Schuhfirma, vom Kontor über das Büro bis hin zur Vergnügungsstätte findet sich darin alles. 1933 verlegen die Sparkasse der Stadt Berlin und die Berliner Stadtbank ihre Geschäftsleitung und die zentralen Verwaltungsstellen vom Sparkassengebäude am Mühlendamm in das Alexanderhaus am Alexanderplatz, das sie 1937 schließlich von der amerikanischen Investorengruppe erwerben.

Nach dem Machtantritt der Faschisten 1933 greifen die Veränderungen im Gefolge der sogenannten “Arisierung” auch nach den beiden Geschäftshäusern. Im Berolinahaus beispielsweise wird das Tanzcafé “Braun” in “Café Berolina” umbenannt. Den jüdischen Besitzer enteignet man kurzerhand. Aschinger gilt dagegen als “arisches” Unternehmen und bleibt nicht nur bestehen, sondern gewinnt durch das Verschwinden bzw. die Übernahme jüdischer Konkurrenz, wie zum Beispiel 1937 der Kempinski-Kette, noch hinzu.

Der Zweite Weltkrieg endet 1945 für den Alexanderplatz im Bombeninferno. Das Berolina- und das Alexanderhaus brennen nach den Bombenangriffen im Februar und April völlig aus, und das Alexanderhaus erhält sogar einen direkten Bombentreffer, doch bleiben beide Gebäude dank ihrer robusten Eisenbeton-Skelettbauweise in ihren Strukturen erhalten. Dies rettet sie vor dem Abriß, denn bei Untersuchungen stellt man fest, daß ein Wiederaufbau durchaus möglich und lohnenswert ist. Und so werden bereits kurz nach 1945 erste Überlegungen für diesen Wiederaufbau angestellt. Unter anderem plant man ein neues, parallel zur S-Bahn verlaufendes Hochhaus, in das das Berolina-Haus integriert werden soll. Diese Idee setzt sich jedoch letztlich nicht durch.

Es dauert noch bis 1952, bis man die Wiedererrichtung der beiden Gebäude tatsächlich in Angriff nimmt, doch dann werden Alexander- und Berolinahaus in ihren ursprünglichen Formen wiederhergestellt. Mittlerweile gelten sie als wichtige Denkmale modernen Bauens vor der Errichtung der faschistischen Diktatur. Allerdings verändert man teilweise die Konstruktion des Rohbaus und verzichtet aus Kostengründen auf die von Behrens entworfene Muschelkalkfassade. Stattdessen greift man auf einfachen Beton zurück, der in Farbe und Struktur der ursprünglichen Oberfläche angepaßt wird. Im Berolinahaus bleiben sogar Behrens’ Stahlfenster erhalten, doch im Alexanderhaus sind sie verlorengegangen. An ihrer Stelle werden nun Holzfenster eingebaut, die man später in den achtziger Jahren durch Plastikfenster ersetzt.

Da im Zweiten Weltkrieg die gesamte von Behrens entworfene Innenausstattung des Alexanderhauses verlorenging, gestaltet man sein Inneres völlig neu. Es wird nun von der HO, der Handelsorganisation der DDR, übernommen und in ein Warenhaus umgewandelt. Auch eine Buchhandlung eröffnet in dem Gebäude, die in (Ost-)Berlin weithin bekannt wird: “Das gute Buch”. Desweiteren ziehen ein “Automat” genannter Imbiß und ein Selbstbedienungsrestaurant im Erdgeschoß ein. Das Berolinahaus beherbergt nun ein Postamt und die Verwaltung des Stadtbezirks Mitte.

Auf diese Weise überstehen die beiden markanten Gebäude als einzige die Zerstörung des Alexanderplatzes im Zweiten Weltkrieg. Von dessen ursprünglicher Bebauung vor dem Krieg ist sonst nichts erhalten geblieben.

Als am 25. November 1970 das neu errichtete CENTRUM-Warenhaus am Alexanderplatz seine Pforten zum ersten Mal öffnet, wird das HO-Kaufhaus im Alexanderhaus überflüssig. Es wird daraufhin erneut umgestaltet und in das größte Ostberliner Möbel-Einrichtungshaus verwandelt. Fünf Jahre später, 1975, als die beiden Gebäude bereits zwanzig Jahre länger stehen, als es der ursprünglich zu ihrer Errichtung geschlossene Vertrag vorsah, werden sie unter Denkmalschutz gestellt.

Einen erneuten grundlegenden Wandel bringt für beide Gebäude das Ende der DDR im Jahre 1990 mit sich. Es dauert danach nicht lange, da machen sich die ersten Geschäftsinteressen bemerkbar. Die Sparkasse bzw. die Landesbank Berlin, der das Alexanderhaus gehört, möchte ihre Filiale erweitern und das Gebäude sanieren. Sie kündigt allen ansässigen Geschäften den Mietvertrag wegen Eigenbedarfs, plant aber gleichzeitig die Errichtung einer neuen Laden- und Gastronomiepassage über zwei Etagen. So verschwinden alsbald einige bei den Ost-Berlinern recht beliebte Einrichtungen wie das Berliner Kaffeehaus, die Pizzeria und die Palatschinkenbar sowie weitere Lokale. Gleiches widerfährt den Mietern im Berolinahaus, wie beispielsweise dem Café Polar – hier will das Bezirksamt Mitte einen Umbau einleiten. Obwohl sich die betroffenen Gewerbetreibenden hilfesuchend an die Treuhandgesellschaft und den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen wenden, können sie ihr Schicksal nicht abwenden.

Zwischen 1992 und 1995 baut die Landesbank Berlin das Alexanderhaus komplett um. Unter der Leitung des Architekten Hans-Joachim Pysall werden weitreichende Sanierungsarbeiten vorgenommen. So werden beispielsweise im Inneren des Hauses alle nichttragenden Wände entfernt, so daß praktisch nur noch die Fassade erhalten bleibt. Für diese gelingt es, in einem Steinbruch in der Elm ein Muschelkalkgestein zu finden, das dem von Peter Behrens verwendeten Muschelkalk aus einem mittlerweile ausgebeuteten Steinbruch geologisch entspricht und mit ihm farblich identisch ist. Außerdem werden anstelle der alten Plastikfenster wieder Stahlfenster, die sich in Maßstab, Aussehen und Funktion den Originalen annähern, eingebaut. Für ihre Herstellung kann man glücklicherweise auf noch erhaltene Werkzeichnungen zurückgreifen. Im hofartigen Einschnitt des Hauses auf der vom Alexanderplatz abgewandten Seite in der Grunerstraße fügt der Architekt einen gläsernen Baukörper ein und schafft gleichzeitig einen neuen Eingang.

Der Alexanderplatz im Juni 2011
Der Alexanderplatz im Juni 2011, aufgenommen vom Fernsehturm. In der Mitte ist das Berolinahaus, rechts das Alexanderhaus zu sehen. Der Charakter der beiden Gebäude als Stadttor ist aus dieser Perspektive gut zu erkennen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2011), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nach seiner Fertigstellung wird das Alexanderhaus zum Hauptsitz der Landesbank Berlin. Es erhält eine Einkaufspassage mit Lichthof, eigenem U-Bahn-Zugang, Restaurants, Cafés und Büros sowie einen begrünten Dachgarten.

Nicht ganz so geradlinig verläuft indes die weitere Geschichte des Berolinahauses, das in der DDR lange Jahre als Rathaus des Stadtbezirks Mitte diente und nach dem Ende der DDR das Bezirksamt Mitte beherbergte. Nachdem das Land Berlin es im Dezember 1993 ebenfalls an die Landesbank verkauft hatte, hat das Bezirksamt noch bis 1999 Zeit, um ein anderes Quartier zu finden und das Gebäude zu räumen. Danach sollen auch hier die Sanierungsarbeiten beginnen.

Doch dazu kommt es zunächst nicht. Infolge des Berliner Bankenskandals 2001 hat die Bankgesellschaft Berlin andere Sorgen als die Sanierung des Berolinahauses. Bereits begonnene Arbeiten werden wieder abgebrochen, das Gebäude scheint mehr und mehr zu verfallen. Es dauert ganze vier Jahre, bis die Sanierung ab 2005 schließlich weiter vorangetrieben wird. Die Pläne dafür entwickelt der Architekt Sergej Tchoban. Ein Jahr später sind die Arbeiten abgeschlossen. In das Berolinahaus zieht nun neben anderen Mietern das Textilkaufhaus C & A ein und kehrt damit an den Alexanderplatz zurück, an dem es einst im Jahre 1911 seine erste Filiale eröffnet hatte.

Alexanderhaus
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Behrensbauten am Alexanderplatz
Haus Alexander
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