Die Lutherbrücke

Durch Tiergarten und Hansaviertel

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 1 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nummer 19"
  • Durch Tiergarten und Hansaviertel

Berlin ist grün. Das wird einem jeder Berliner bestätigen. Um dann vielleicht stolz darauf zu verweisen, daß Berlin zu den grünsten Städten der Welt gehört. Und hat man einen echten Lokalpatrioten vor sich, wird er sogar behaupten, Berlin sei überhaupt die grünste Stadt der Welt. Nun, das zu beweisen, überlasse ich gern anderen. Um jedoch zu selbst zu erleben, daß Berlin tatsächlich eine grüne Stadt ist, dafür ist nicht einmal eine Fahrt in die Randbezirke dieser großen Stadt erforderlich. Üppiges Grün anzutreffen und die Natur zu erleben, das ist auch in der Innenstadt möglich. Begeben wir uns also auf eine Wanderung auf dem „Tiergartenweg“, dem Grünen Hauptweg mit der Nummer 19. Besonders schön ist das im Frühling, im schönen Monat Mai. Was gibt es da Besseres, als die Wohnung zu verlassen und rauszugehen ins Freie, wo die Sonne scheint und der Wind einem um die Nase weht…

Die Wegstrecke
(ca. 6 Kilometer)

 

Ein Bus der Linie 200 bringt uns zur Corneliusbrücke. Wir steigen aus und schauen uns um. Recht schnell ist es am Pfahl eines Verkehrsschildes zu entdecken – das Zeichen, das den Grünen Hauptweg Nummer 19 markiert: ein blauer Querbalken mit einer weißen 19 im Zentrum. Es wird uns auf unserer Wanderung leiten.

Grüner Hauptweg Nr. 19
Unverkennbar und nicht zu verwechseln: das Kennzeichen des Grünen Hauptwegs Nummer 19 an der Corneliusbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die Corneliusbrücke führt über den Landwehrkanal. Der hat seine Existenz einst als Entlastungskanal für den Schiffsverkehr auf der Spree begonnen. Erste Planungen dafür gab es bereits im frühen 19. Jahrhundert. Peter Joseph Lenné, dessen Namen man immer wieder begegnet, wenn man sich ein wenig mit der Geschichte Berliner Grünanlagen beschäftigt, griff diese Anfang der 1840er Jahre auf, als er für die städtebauliche Planung Berlins zuständig war. Wirklich gebaut wurde dann erst ab 1845. Fünf Jahre dauerten die Arbeiten, und als der Kanal 1850 schließlich eröffnet wurde, nahmen die Berliner davon kaum Notiz. Für sie lag er damals einfach zu weit entfernt vor der Stadt.

Der Weg führt am Ufer des Landwehrkanals in Richtung Westen, die Corneliusstraße entlang. Diese endet auch schon wieder an der nächsten Querstraße und führt als Drakestraße weiter, benannt nach dem deutschen Bildhauer Friedrich Drake, dessen bekanntestes Berliner Werk die Viktoria auf der Siegessäule ist. Die befindet sich gar nicht weit von hier am Großen Stern. An der hiesigen Straßenecke steht das Gebäude der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, das für eine Weile das letzte Haus am Weg ist, der jetzt in den Berliner Tiergarten hineinführt.

Das Gebäude der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik
Das Gebäude der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in der Drakestraße im Berliner Tiergarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Rechts begleitet uns zunächst ein Zaun aus engstehenden Metallstangen, eine jede gekrönt von einer kegelförmigen Spitze. In ihrer Gesamtheit dürften diese Zaunspitzen sein Übersteigen zwar wohl nicht völlig unmöglich, jedoch zumindest ziemlich unangenehm gestalten. Dahinter scheint sich zunächst nur eine gewöhnliche Parkanlage zu befinden, doch schon bald kann man durch Zaun und Büsche Tiergehege erkennen. Es sind die ersten Ausläufer des Berliner Zoos, an denen wir nun entlangwandern. Eröffnet wurde er im Jahre 1844 und ist damit der älteste Zoo Deutschlands. Der Zaun endet erst, als der am Ufer weiterführende Weg eine Brücke erreicht, die den Kanal überquert.

Rosa-Luxemburg-Steg und Lichtensteinbrücke über dem Landwehrkanal
Blick über den Landwehrkanal auf den Rosa-Luxemburg-Steg und die Lichtensteinbrücke im Berliner Tiergarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Dort angekommen, stellen wir fest, es sind zwei. Direkt nebeneinander. Wozu leistet man sich hier den Luxus gleich zweier Brücken? Die östliche trägt den Namen Liechtensteinbrücke und ehrt damit Martin Hinrich Lichtenstein, den Begründer und ersten Direktor des Berliner Zoos, die westliche heißt Rosa-Luxemburg-Steg. Doch die Ehrung zweier Persönlichkeiten ist wohl kein hinreichender Grund, gleich zwei Brücken zu errichten, wo doch eine genügen sollte. Steigen wir also die nach oben führende steinerne Treppe hinauf. Nur eine der beiden Überführungen steht uns offen. Die andere, die Liechtensteinbrücke, grenzt derselbe Zaun ab, den wir schon von unten kennen. Hier oben ist er allerdings mit massiven metallischen Stachelkugeln bewehrt, als müsse er eine Festung schützen. Tatsächlich ist es aber wieder nur der Zoo, der über die Brücke das Kanalufer wechselt. Und damit nicht nur dessen Besucher hier über das Wasser gelangen können, steht für die Tiergartenspaziergänger eine zweite Brücke daneben. Früher führten beide Übergänge denselben Namen, doch 2012 benannte man den öffentlichen Teil in Rosa-Luxemburg-Steg um.

Rosa-Luxemburg-Steg
Hier am Rosa-Luxemburg-Steg befindet sich eine Gedenkstätte für Rosa Luxemburg.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wenn sich die Gelegenheit schon bietet, nutzen wir sie für einen Abstecher auf die andere Uferseite. Zum einen lohnt sich das, weil man von der Brücke einen schönen Blick über den in den Berliner Tiergarten hineinführenden Landwehrkanal hat. Zum anderen befindet sich auf der anderen Seite des Wasserlaufs, direkt neben der Brücke, ein Denkmal für Rosa Luxemburg. An dieser Stelle haben im Januar 1919 ihre Mörder die Leiche der Kommunistin und Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung ins Wasser geworfen.

Gedenkstätte für Rosa Luxemburg
Der Namenszug von Rosa Luxemburg am Landwehrkanal im Berliner Tiergarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Gedenkstätte für Rosa Luxemburg
Der in Metall gegossene Namenszug Rosa Luxemburgs wurde ganz offensichtlich in der DDR hergestellt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Gußeiserne Großbuchstaben bilden den Namen Rosa Luxemburg und ragen schräg aus dem Boden auf, so daß sie, je nach Blickrichtung, dem Betrachter entgegenzuragen oder aber ins Wasser zu stürzen scheinen. An der rechten Seite ist eine Plakette eingelassen, die darauf hinweist, daß dieses Denkmal 1987 im „Kunstguß VEB Lauchhammerwerk“ in der DDR hergestellt wurde. Das dahinterliegende Ufergeländer hat jemand mit Nadelzweigen und Blumen umwunden. An einer gegenüberliegenden Mauer ist einer Gedenktafel zu entnehmen, daß dieses Denkmal Teil eines Mahnmals ist, dessen zweiter Teil sich nur ein Stück weiter nördlich auf der anderen Seite des Landwehrkanals am Neuen See im Berliner Tiergarten befindet. Er erinnert an Karl Liebknecht, der dort von denselben Tätern ermordet wurde, die auch Rosa Luxemburg umbrachten. Entworfen hat das Mahnmal das Architektenehepaar Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, die auch für die Liechtensteinbrücke verantwortlich zeichnen.

Gedenkstätte für Rosa Luxemburg
Die Gedenktafel an der Gedenkstätte für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Landwehrkanal im Berliner Tiergarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Über die Brücke gelangen wir wieder auf die andere Uferseite zurück, wo wir unsere Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 fortsetzen. Dieser führt weiter am Landwehrkanal entlang, wo die Drakestraße, die nun schon seit einigen hundert Metern keine Straße mehr ist, auf das Tiergartenufer trifft. Auf dieser breiten Promenade herrscht an sonnigen Tagen stets ein reges Treiben. Spaziergänger, die sie müßig entlangbummeln und die Sonne genießen, dazwischen toben Kinder von links nach rechts und umgekehrt über den Weg. Fahrradfahrer versuchen, sich ihren Weg durch dieses Gewirr zu bahnen, und fahren in Schlangenlinien um die Fußgänger herum. Alle haben Zeit, und so regt sich auch niemand auf und jeder läßt jeden gewähren. Links glitzert die Wasseroberfläche des Kanals im Sonnenlicht, rechts wechseln Beete, Buschwerk, Bäume und grüne, saftige Wiesen einander ab. Im Frühling ist ein solcher Bummel durch den Tiergarten besonders schön, wenn auf vielen der Wiesen ein Meer von Osterglocken zu wogen scheint, die ihre gelben und weißen Blüten der Sonne entgegenrecken.

Wenn man vom Tiergarten spricht, meint man eigentlich immer den Großen Tiergarten, eine Parkanlage im gleichnamigen Ortsteil Berlins, die mit ihren 2,1 Quadratkilometern Fläche ein riesiges Naherholungsgebiet mitten in der Stadt ist. Tatsächlich gibt es noch einen Kleinen Tiergarten, der sich im Stadtteil Moabit an der Straße Alt-Moabit befindet. Die Anfänge des Großen Tiergartens gehen bis ins Jahr 1527 zurück, als man in der Nähe des Berliner Schlosses ein erstes Areal mit diesem Namen anlegte. Es wurde in der Folgezeit immer wieder in Richtung Westen und Norden vergrößert, bis es das Gebiet des heutigen Parks mit einschloß. Den Kurfürsten von Brandenburg diente es als Jagdgebiet, und damit ihnen die zu diesem Zweck ausgesetzten Wildtiere nicht davonliefen, ließen sie den Tiergarten umzäunen. Mit dem Anwachsen der Stadt wurde er dann immer weiter verkleinert. Doch erst unter Friedrich dem Großen, der für die Jagd nichts übrig hatte, riß man auf seine Veranlassung hin die Zäune ein und legte unter der Leitung seines Haus- und Hofarchitekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff einen Lustpark für die Bevölkerung an, dem dann in den 1830er Jahren auch Peter Joseph Lenné seinen Stempel aufdrückte, als er den Großen Tiergarten neu gestaltete.

Der Zweite Weltkrieg ließ davon nicht viel übrig. Bilder jener Zeit zeigen den Tiergarten als Mondlandschaft. Doch nach dem Krieg stellte man ihn mit viel Engagement wieder her. Westdeutsche Städte übernahmen Patenschaften und spendeten Bäume, die teils über die Luftbrücke während der Berliner Blockade in die Stadt gebracht wurden, so daß der Große Tiergarten schon bald wieder die grünende und blühende Parklandschaft war, als die er sich heute präsentiert. In ihm haben auch zahlreiche Tierarten eine Heimstatt gefunden, und das nicht nur im Berliner Zoo. Die zahlreichen kleinen und großen Gewässer des Großen Tiergartens bieten Wasservögeln einen idealen Lebensraum. Man muß nicht einmal viel Geduld aufbringen, um ihnen zu begegnen und sie zu beobachten, denn sie sind an die Menschen im Park gewöhnt und alles andere als scheu. Mit etwas Glück trifft man im Frühling am Kanal auf eine Familie Kanadagänse. Die Kleinen lassen sich von den Passanten unter den wachsamen Augen von Mutter und Vater Gans bereitwillig füttern.

Kanadagänse am Landwehrkanal

Kanadagänse am Landwehrkanal

Kanadagänse am Landwehrkanal

Kanadagänse am Landwehrkanal
Kanadagänse mit ihren Jungen am Landwehrkanal im Berliner Tiergarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Schließlich teilt sich der Landwehrkanal in zwei Arme auf. Der linke führt direkt in die sogenannte Unterschleuse. Sie ist eine von zwei Schleusen, die der Kanal besitzt. Die zweite befindet sich an der Lohmühleninsel an seinem anderen Ende in Kreuzberg und heißt naheliegenderweise Oberschleuse. Beide Schleusen dienen der Regulierung der Wassertiefe des Kanals, die möglichst unabhängig vom Wasserstand der Spree sein soll. Der rechte Kanalarm, an dem der Weg nun weiterführt, dient als Flutgraben. Beide Arme umschließen eine Insel, an deren Anfang eine Brücke auf die andere Kanalseite führt. An dieser Brücke, direkt oberhalb der Schleuse, liegt eine beliebte Ausflugsgaststätte. Ich denke, für eine Rast ist es noch zu früh, daher lassen wir den Schleusenkrug, wie das Lokal heißt, im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und wandern weiter.

Der Abzweig zum Schleusenkrug liegt kaum hinter uns, da ist der Weg links und rechts plötzlich von Straßenlaternen gesäumt. Das ist an sich nichts besonderes, sind die Hauptwege im Großen Tiergarten doch alle mit derartigen, Licht verbreitenden Einrichtungen versehen. Diese hier sind jedoch ein wenig anders. Sie stehen nicht nur viel dichter beieinander, eine jede von ihnen ist auch noch ganz individuell und anders als die anderen Laternen. Und doch haben alle eines gemeinsam: sie sind samt und sonders Gaslaternen. Der Grüne Hauptweg Nummer 19 führt uns mitten durch Berlins Gaslaternen-Freilichtmuseum. An jeder Leuchte war einst ein Schild angebracht, das ihre Herkunft erklärte, denn hier sind 90 Lampen aus verschiedenen deutschen und europäischen Städten versammelt. Einige dieser Schilder sind noch vorhanden, viele fehlen jedoch. Auch die Lampen sind nicht mehr alle intakt. Glasscheiben sind zerbrochen, viele der kunstvollen Schmuckelemente beschädigt. Vandalismus, das heutige Äquivalent früherer Landplagen, hat hier sein zerstörerisches Werk verrichtet. Einige Laternen fehlen auch ganz. Sie wurden bereits abgebaut und im Deutschen Technikmuseum eingelagert. Wie es heißt, beabsichtigt man, die gesamte Lampensammlung dort eines Tages aufzubauen. Es wäre sehr zu wünschen.

S-Bahn-Brücke im Berliner Tiergarten
Hier durchquert der Grüne Hauptweg Nummer 19 das Viadukt der Berliner Stadtbahn nahe dem S-Bahnhof Tiergarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Durch einen tunnelartigen Durchgang passiert der Grüne Hauptweg Nummer 19 anschließend das Viadukt der Berliner Stadtbahn. Über dieses beeindruckende Bauwerk aus gemauerten Bögen, den sogenannten Stadtbahnbögen, durchfahren Fern- und S-Bahn auf mehr als elf Kilometern Länge die Berliner Innenstadt. 1882 wurde die Strecke eröffnet. Sie ist auch heute noch eine der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt.

Auf der anderen Seite des Kanalarms, den der Weg immer noch begleitet, ist nun ein etwas merkwürdig anmutendes Bauwerk zu sehen – ein hoher, grauer Klotz, in den auf der einen Seite eine dicke, rosafarbene Röhre hinein- und aus dem sie auf der anderen Seite wieder herausführt. Hier werden wissenschaftliche Versuche zu Strömungs- und Schiffstechnik durchgeführt, denn dieser Bau ist die Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau Berlin, deren Anfänge bis ins Jahr 1903 zurückreichen. Sie gehört heute zur Technischen Universität Berlin. Einst war die Schleuseninsel, auf der sie steht, ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner. Weil Kaiser Wilhelm II. die neu zu errichtende Versuchseinrichtung jedoch nicht neben seinem Reitplatz haben wollte, ordnete er den Bau an dieser Stelle an. Regieren war damals recht einfach, wenn auch nicht zwangsläufig im Interesse der Bevölkerung. Nun, zumindest letzteres ist auch heute nicht immer anders.

Die Ruhe der Natur im Park des Großen Tiergartens weicht nun immer mehr einem zunehmenden Rauschen und Brausen, denn der Weg nähert sich stetig der großen Straße des 17. Juni, die die Grünanlage der Länge nach durchschneidet und auf der der Straßenverkehr zweier Bundesstraßen fließt. Einst fuhren hier nur die Kutschen der Kurfürsten und Könige vom Berliner Stadtschloß zum Schloß Lietzenburg oder, wie es nach dem Tode Sophie Charlottes, der Gemahlin König Friedrichs I. in Preußen, hieß, Schloß Charlottenburg. Mitte des 18. Jahrhunderts baute man die Straße zwar zur breiten Allee aus, für ihre heutige Überbreite von 85 Metern sorgten allerdings erst die deutschen Faschisten im Zuge ihrer wahnwitzigen Pläne zur „Welthauptstadt Germania“.

Die Straße des 17. Juni

Diese Straße erreicht nun auch der Grüne Hauptweg Nummer 19. Beim Überqueren fallen zwei Säulenhallen links und rechts der Straße ins Auge, die leicht gekrümmt sind und quer zu ihr stehen. Dahinter spannt sich eine Brücke über den Landwehrkanal, hinter der zwei einzeln stehende Kandelaber an den Straßenrändern das Bild komplettieren. Wem sich beim Betrachten dieses baulichen Ensembles der Eindruck einer Toranlage aufdrängt, der liegt völlig richtig: diese Anlage ist das sogenannte Charlottenburger Tor, das die damals eigenständige und sehr selbstbewußte Stadt Charlottenburg Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an diesem Ende des Großen Tiergartens dem Brandenburger Tor der Stadt Berlin gegenüberstellen wollte. Lang währte die Freude am eigenen Tor jedoch nicht – Charlottenburg wurde 1920 mit dem Groß-Berlin-Gesetz ein Teil der Hauptstadt des Deutschen Reiches.

Am Charlottenburger Tor
Am Charlottenburger Tor überquert der Grüne Hauptweg Nummer 19 die Straße des 17. Juni.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Ist man an einem Wochenende auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 unterwegs, ist es recht wahrscheinlich, daß man nach dem Überqueren der Straße auf eine große Menschenmenge trifft, die zwischen vielen Buden mit allerlei Trödel auf und ab flaniert. Dann findet hier an der Straße des 17. Juni der Original Berliner Trödelmarkt statt, der vom Charlottenburger Tor bis zum S-Bahnhof Tiergarten reicht. Hier findet man alles, was alt, gebraucht und irgendwie noch zu verkaufen ist, ob Schallplatten, Videos oder Computerspiele, Kleidung, Schuhe oder Schmuck, Porzellan, Möbel oder alte Gemälde, Kunst oder Kunsthandwerk. Man sollte allerdings auch reichlich Geld dabeihaben, denn billig kommt man auf diesem Markt meist nicht davon.

Ein kleines Stück geht es nun noch am Landwehrkanal weiter, doch bereits an der nächsten Ecke verläßt der Weg den Wasserlauf und biegt in die Englische Straße ein. Links und rechts ziehen die langweiligen Fassaden trister Geschäftshäuser vorüber, über die es wahrlich nichts Bemerkenswerteres zu berichten gibt, als daß sie da sind. Die Gebäude auf der rechten Straßenseite sind erst vor einigen wenigen Jahren errichtet worden, und im hinteren Teil der Straße wird immer noch fleißig gebaut. Bauzäune links und rechts zwingen zum Ausweichen. Immerhin ist die nächste Straßenkreuzung noch zu erreichen, doch dann ist unweigerlich Schluß. Geradeaus geht es nicht weiter, das verhindert ein weiterer Bauzaun, der den Grünen Hauptweg Nummer 19 rigoros unterbricht. Um ihn und seine Baustelle zu umgehen, biegen wir nach rechts in die Wegelystraße ein.

Und auch hier, etwas abseits vom Grünen Hauptweg Nummer 19, läßt sich etwas entdecken, denn die Wegelystraße trägt ihren Namen nicht von ungefähr. Benannt ist sie nach Wilhelm Kaspar Wegely, der im 18. Jahrhundert in Berlin Unternehmer war und 1751 die erste Berliner Porzellanmanufaktur gründete. Diese befand sich in der Neuen Friedrichsstraße, etwa dort, wo heute die Littenstraße verläuft. Wegen des Siebenjährigen Krieges war dem Unternehmen kein dauerhafter Erfolg beschieden, so daß Teile der Manufaktur zehn Jahre später im Unternehmen von Johann Ernst Gotzkowsky aufgingen, das sich in der Leipziger Straße befand. Doch auch dieses mußte wegen des Krieges seine Produktion einstellen, wurde aber 1763 von Friedrich dem Großen übernommen, der daraus die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin formte. Diese bezog in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neues Domizil am Berliner Tiergarten – an eben jener Wegelystraße, die wir nun entlangspazieren. Und so stehen wir nach wenigen Schritten an ihrem Eingang.

KPM - Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin
Der Grüne Hauptweg Nummer 19 führt zwar nicht direkt daran, aber doch in ihrer Nähe vorbei: die KPM – die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Das gesamte Gelände ist zwischen 1998 und 2003 rekonstruiert worden und erhielt auch einige Neubauten, so daß es sich jetzt als interessante Mixtur aus Alt und Neu präsentiert. An der Giebelwand eines der historischen Gebäude prangt das Logo der Manufaktur – das in Kobaltblau gehaltene Zepter aus dem kurfürstlich-brandenburgischen Wappen. Es wurde dem Unternehmen von Friedrich dem Großen höchstselbst verliehen. Heute sind ihm noch die drei Buchstaben „KPM“ beigegeben.

KPM - Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin
Das Logo der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin an der Giebelwand eines der historischen Gebäude.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

KPM - Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin
Blick in den Hof der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin. Rechts ist die historische Ringkammer-Ofenhalle zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wer Zeit hat, kann den Ausstellungsräumen der Manufaktur einen Besuch abstatten. Hier kann man Stücke der aktuellen Kollektionen bewundern, und es gibt auch eine Ausstellung zur Geschichte der Manufaktur. Wer so wie ich sonntags hierhergekommen ist, muß sich den Besuch allerdings für einen anderen Tag aufheben – nicht zuletzt deshalb, weil da die Ausstellung geschlossen ist. Spazieren wir also weiter und folgen nun dem Verlauf der Wegelystraße, bis sie am S-Bahnhof Tiergarten auf die Bachstraße trifft. Hier geht es nach links und dann gleich in die nächste Seitenstraße hinein: Siegmunds Hof. Hier haben wir das Hansaviertel erreicht.

Fragt man heute einen Berliner, wo sich das Hansaviertel befindet, wird er vermutlich auf das Areal zwischen Stadtbahn und Tiergarten verweisen. Tatsächlich wissen viele gar nicht mehr, daß sie damit eigentlich nur das Südviertel beschreiben und daß es noch einen zweiten Teil gibt, der auf der anderen, der nördlichen und nordwestlichen Seite der Stadtbahn liegt, die hier eine große Kurve beschreibt und das Hansaviertel in zwei etwa gleich große Hälften teilt. Gegründet wurde der zwischen Spree und Großem Tiergarten gelegene Ortsteil, dessen Name an den Städtebund der Hanse, dem Berlin einst angehörte, erinnert, im Jahre 1874. Zu seinem Zentrum entwickelte sich der Hansaplatz, an dem sich drei Straßen sternförmig kreuzten. Wer sie entlangspazierte, konnte vorwiegend bürgerliche Wohnhäuser bewundern, die meist mehrere Etagen besaßen und überwiegend historistisch gestaltet waren – Fassaden, die an die Zeit der Renaissance erinnerten, im Inneren viel Stuck und Vergoldung, Holztäfelungen und Malereien. Hier lebten Unternehmer und Rentiers, Künstler und Schriftsteller, aber auch deren Personal. Unter den Bewohnern finden sich Namen wie Dietrich Bonhoeffer, Mathilde Jacob, Käthe Kollwitz, Rosa Luxemburg, Ludwig Marcuse, Max Reinhardt, Nelly Sachs und Kurt Tucholsky.

Die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs ließen von diesem alten Viertel kaum etwas übrig. So wurde der südliche Teil nach dem Krieg zum Modell für die neue ideale Stadt der Moderne, locker bebaut, mit viel Grün durchzogen, Arbeit und Wohnen strikt getrennt. Für die Internationale Bauausstellung des Jahres 1957 schuf man ein völlig neues Wohngebiet mit komplett anderen Grundstücken und Straßenverläufen, das fortan meist allein als Hansaviertel bezeichnet wurde. Der zwischen Stadtbahn und Spree liegende nördliche Teil, in dem noch ein paar der alten Wohnhäuser den Krieg überstanden hatten, geriet gewissermaßen in Vergessenheit. Und doch ist er es, durch den uns der Weg nun führt.

Durch Siegmunds Hof geht es an einer Wohnanlage für Studenten vorbei – die Technische Universität ist ja nicht weit von hier. Als die Straße in einen sanften Bogen übergeht, erreicht der Weg die Spree. Eine schmale Fußgängerbrücke, der Wullenwebersteg, führt zur anderen Seite hinüber und verbindet als Nachfolger der früher hier die Spree überspannenden Achenbachbrücke das Hansaviertel mit Moabit. Benannt ist er zu Ehren Jürgen Wullenwevers, der im 16. Jahrhundert Bürgermeister der Stadt Lübeck war.

Am Wullenwebersteg

Am Wullenwebersteg
Der Wullenwebersteg über die Spree.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

An der Spree in Moabit
Blick über die Spree am Wullenwebersteg.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Vor der Brücke steht ein kleines Denkmal. Seine stählernen, eng nebeneinanderstehenden Stelen unterschiedlicher Höhe sind so zusammengesetzt, daß einige mit ihren abgeschrägten Oberkanten ein Dreieck formen, das in die von ihnen gebildete Wand hineinragt, während andere mit ihrer größeren Höhe eben dieses Dreieck durchbrechen. Ein bißchen sieht das so aus, als habe da jemand mit einem Stäbchen-Baukasten experimentiert. Geschaffen wurde dieses Denkmal, das den Titel „Erinnerung“ trägt, im Jahre 1986 vom Bildhauer Georg Seibert. Einer weiteren stählernen Stele mit eingelassenen Texten in Deutsch und Englisch ist zu entnehmen, daß sich an dieser Stelle unter der Hausnummer Siegmunds Hof 11 ab 1924 ein Gemeindezentrum der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel zu Berlin befand. Diese orthodoxe jüdische Gemeinde unterhielt hier eine Schule und eine Synagoge. In den Novemberpogromen des Jahres 1938 blieb letztere zwar verschont, doch lösten die Faschisten die Gemeinde 1939 auf. Die Synagoge durfte nicht mehr genutzt werden. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie ebenso wie das Gemeindezentrum und die meisten anderen Gebäude des Hansaviertels schließlich zerstört.

Denkmal für die Synagoge der Gemeinde Adass Jisroel
Dieses Denkmal für die Synagoge der Gemeinde Adass Jisroel steht am südlichen Spreeufer einige Meter neben dem Wullenwebersteg.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Denkmal für die Synagoge der Gemeinde Adass Jisroel
Die Stahlstele mit den eingelassenen Texten, die die Geschichte der ehemaligen Synagoge der Gemeinde Adass Jisroel erzählen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Neben der Brücke führen Stufen zum Uferweg an der Spree hinab. Wir steigen sie hinunter, wenden uns nach rechts und sind nun wieder auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 angekommen. Unter hohen, schattenspendenden Bäumen folgen wir dem Wasserlauf flußauf. Die Spree windet sich hier in großen Schlaufen durch die Stadt, den sogenannten Spreebögen, die von der Charlottenburger Einmündung des Landwehrkanals im Westen bis zur Marschallbrücke im Osten reichen, die sich in Mitte befindet. Die nördliche Uferseite bildet der Berliner Ortsteil Moabit, während sich Charlottenburg, das Hansaviertel und der Ortsteil Tiergarten die südliche Uferseite teilen, auf der der Weg nun verläuft.

Es dauert nicht sehr lange, da gelangen wir zur Hansabrücke. Sie führt die Altonaer Straße über den Fluß, die, vom Großen Stern kommend, die wichtigste Straße im Hansaviertel ist. Die heutige Brücke ist die dritte an dieser Stelle. Die erste entstand in den 1890er Jahren und war aus Holz. Bereits 1910 ersetzte man sie durch eine steinerne – der stark zugenommene Verkehr hatte dies erfordert. Im Zweiten Weltkrieg teilte die Brücke das Schicksal des Stadtviertels, dessen Namen sie trug. Sie wurde zerstört. Der Flußübergang, den der Uferweg heute passiert, stammt aus den 1950er Jahren. Treten wir auf der anderen Seite unter ihm hervor, bemerken wir voraus eine kleine steinerne Säule, auf der eine Figur aus dem gleichen Material sitzt. Sie wendet uns den Rücken zu, will, daß wir um sie herumgehen. Tun wir das, erkennen wir einen barfüßigen jungen Mann, der hingebungsvoll seine Ziehharmonika spielt. Das sieht so lebensecht aus, daß man meinen könnte, die Musik zu hören. Rollkragenpullover, Beinkleider und Schürze lassen den Schiffer erkennen. Unter seinen Füßen sitzen auf allen Seiten der Säule auf kleinen Vorsprüngen vier Frösche. Einst dienten sie als Wasserspeier, denn die Säule war mit dem steinernen Becken, in dem sie steht, einst der von Hermann Hosaeus geschaffene Schifferbrunnen. Das Wasser ist ihm leider ausgegangen, so daß die Frösche heute mit leeren, offenen Mündern in die Gegend starren und so ein wenig hilflos wirken. In der Brunnenschale, die es auf ein Dutzend Ecken bringt, wuchert dafür üppiges Grün, das weitestgehend sich selbst überlassen ist und das – wer mag es ihm verdenken – weidlich ausnutzt, denn es klettert bereits über den Rand und siedelt sich auf dem Platz vor der Einfassung an.

Schifferbrunnen an der Hansabrücke

Schifferbrunnen an der Hansabrücke
Der heute stillgelegte, dafür aber bepflanzte Schifferbrunnen an der Berliner Hansabrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Kurz nach dem Schifferbrunnen passiert der Weg einen langweilig grauen Flachbau, der soweit ans Ufer heranreicht, daß er den Uferstreifen ein gutes Stück überragt und der Weg unter ihm hindurch muß. Der Kasten gehört zum Gymnasium Tiergarten und seinem 1971 errichteten Neubau, der, steht man oben auf der Altonaer Straße, den um vieles imposanteren und schöneren Altbau fast völlig verdeckt. Vom Ufer aus kann man diesen jedoch sehen, denn er war einst Bestandteil der Uferpromenade und beherbergte das Menzel-Gymnasium, dessen Namenspatron der Maler Adolph von Menzel war und dessen Geschichte bis ins Jahr 1902 zurückreicht.

An der Spree am Hansaviertel.
Gelbe Akazie am Spreeufer.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Hinter dem Gymnasium wandern wir weiter am Spreeufer entlang. Im Frühling ist das besonders reizvoll, wenn die Bäume in voller Blüte stehen und die Sonnenstrahlen auf dem Wasser glitzern. Kurz vor der nächsten Brücke, die den Namen des Dichters Gotthold Ephraim Lessing trägt, ist auf der anderen Flußseite ein Haus zu sehen, dessen spitzer Giebel die Uferbäume überragt und an dem in großen Lettern „Haus Lessing“ zu lesen ist. Nun, mit dem Dichter hat dieses Wohnhaus nur insofern etwas zu tun, als es in der Nähe eben jener gleichnamigen Brücke steht, denn gewohnt hat er hier nie. Das Haus wurde erst von 1912 bis 1913 für Paul und Erich Spielhagen errichtet, der eine ein Kaufmann, der andere Architekt. Sie wollten wohl dem Schöpfer der Minna von Barnhelm oder des Nathan ihre Reverenz erweisen.

An der Spree in Moabit
Blick über die Spree auf das Lessinghaus in Moabit.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die Lessingbrücke führt eine weitere wichtige Straße des Hansaviertels, die ebenfalls den Namen des Dichters trägt, über die Spree. Der erste Brückenbau wurde hier Ende der 1870er Jahre errichtet, genau wie die erste Hansabrücke aus Holz. Bereits 1897 benannte man sie in Lessingbrücke um und ersetzte sie nur vier Jahre später durch einen Neubau aus Stein. Diesen schmückten vier Pfeileraufbauten mit ebensovielen Bronzereliefs, die Szenen aus vier Dramen Lessings zeigten und von Otto Lessing geschaffen wurden, einem Nachfahren des Dichters. Er hatte sich auch schon vorher mit seinem Ahnen beschäftigt und ihm im Berliner Tiergarten ein Denkmal gesetzt, das noch heute dort steht. Den deutschen Faschisten, die nicht nur Bücher verbrannten, sondern auch viele andere Kunstwerke vernichteten, indem sie sie für den Wahn ihres Krieges einschmolzen, entgingen auch diese Bronzereliefs leider nicht. Sie entstanden erst in den 1980er Jahren als Nachbildungen neu, als man die Brücke zum zweiten Male neu errichtete.

An der Lessingbrücke
Der Fußgänger-Durchgang der Lessingbrücke am südlichen Ufer der Spree.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

An der Lessingbrücke
Dieses wappenartige Zierelement befindet sich an der Lessingbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Hinter der Lessingbrücke trifft der Weg auf den Wendekreis einer hier endenden Straße. Sie trägt den Namen Holsteiner Ufer und ist mit kleinteiligem Kopfsteinpflaster versehen. Während die linke, bürgersteiglose Straßenseite vom mit Büschen bewachsenen Spreeufer eingenommen wird, stehen rechter Hand Wohnhäuser, von denen die meisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet wurden. Am gegenüberliegenden Flußufer wurden die Wohnbauten nun von einem Gebäudekomplex abgelöst, der seinen Zweck als Heimat für Gewerbe und Büros nicht verleugnen kann. Große Fensterfronten und zahlreiche Firmenlogos weisen unmißverständlich darauf hin. Zwar dominieren moderne Neubauten das Bild, doch passen sich ihre rot verkleideten Fassaden den vereinzelt zwischen ihnen erkennbaren roten Klinkerbauten an, die deutlich älteren Ursprungs sind und sich auf dem Gelände, das sich von der Straße Alt-Moabit bis zum Spreeufer erstreckt, erhalten haben. Sie sind die verbliebenen Reste der einstigen Moabiter Unternehmenszentrale der Meierei Carl Bolle, einem 1879 gegründeten Berliner Unternehmen, dessen Milchwagen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zum Stadtbild gehörten wie heute die Busse für die Stadtrundfahrten. Diese Wagen zuckelten durch die Stadt und lieferten deren Bewohnern Milch. Besetzt waren sie meist mit einem Jungen und einem Mädchen. Während er, den die Berliner der Wagenaufschrift wegen einfach als Bolle bezeichneten, für die Wagenlenkung zuständig war, lieferte das Bolle-Mädchen die Ware aus und kassierte. Neben der Milch hatten beide noch etwas anderes im Angebot, das für die Berliner ebenso wichtig war: Neuigkeiten und freche Sprüche. Wenn Dir, lieber Leser, also ein Berliner bescheinigt, Du seist „frech wie Bolle“, dann nimm es als Kompliment. Jene Zeiten klingen darin nach.

Die Spree beschreibt hier einen ihrer weiten Bögen, so daß die Wanderung am Holsteiner Ufer beständig durch eine Kurve geht. Hinter der Claudiusstraße haben sich noch einige Häuser aus dem alten Hansaviertel erhalten. Errichtet Ende des 19. Jahrhunderts, sind sie heute eine der letzten Erinnerungen an die bürgerlichen Bauten jener Zeit. Prächtig gestaltete Fassaden verleihen den Häusern individuellen Charme, der vielen Bauten der heutigen Zeit so oft leider völlig abgeht. Am Eckhaus an der Claudiusstraße, das im Stile der norddeutschen Renaissance gehalten ist, wechseln sich Backsteinverkleidungen und verputzte Wandflächen ab und tauschen an der Fassade auch immer mal wieder ihre Rollen. So bestehen die Hauswände hier aus Backstein, während dort nur die Fensterverkleidungen aus diesem Material geschaffen wurden. Die Atelierwohnungen im dritten und vierten Stock erinnern daran, daß im Hansaviertel einst auch viele Künstler lebten.

Bürgerhaus am Spreeufer
Das Haus an der Ecke Holsteiner Ufer / Claudiasstraße in Berlin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

An der Spree im Hansaviertel
Eine Weide am Holsteiner Ufer nahe der Claudiusstraße im Hansaviertel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Am benachbarten Haus mit den Nummern 18 und 20 dominieren barocke Elemente. Große Bogenfenster, geschweifte Giebel, wuchtige Gesimse, eine Balustrade auf dem Dach und üppige Stuckdekorationen wie die beiden prächtigen Kartuschen unter dem Hauptgesims – die Anleihen bei barocken Schloßbauten sind nicht zu verkennen. An einem der beiden Eingänge entdecke ich eine Berliner Gedenktafel. Sie erinnert an die jüdische Wissenschaftlerin Marianne Awerbuch, die in diesem Hause ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Von den Faschisten zur Flucht nach Palästina gezwungen, kehrte sie 1966 nach Berlin zurück und war als Professorin und Dekanin an der Freien Universität Berlin tätig. Zeit ihres Lebens setzte sie sich stets für gegenseitige Achtung zwischen Christen und Juden ein.

Bürgerhaus am Spreeufer
Das Haus Holsteiner Ufer 18-20 an der Spree in Berlin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.
Gedenktafel für Marianne Awerbuch
Diese Berliner Gedenktafel am Haus Holsteiner Ufer 18-20 erinnert an Marianne Awerbuch.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Das nächste Haus, ihm sind die Hausnummern 22 und 24 zugeordnet, beherbergt wieder Atelierwohnungen. Seine Fassade ist in jedem Stockwerk anders gestaltet. In der Mitte dominieren zwei große, bis auf den Boden hinabreichende Erker, die mit Balkonen verbunden sind. Auch hier finden sich Stuckelemente, die aber längst nicht so überbordend vorhanden sind wie noch am Nachbargebäude.

Betrachtet man im Weitergehen die nachfolgenden Hausfassaden, so fällt unmittelbar auf, daß wirklich nur sehr wenige der Wohnhäuser des alten Hansaviertels den Krieg überdauert haben. Zwar ist die Häuserfront am Holsteiner Ufer mittlerweile wieder lückenlos, doch die nach dem Krieg errichteten Gebäude sind auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Ihre Fassaden sind meist völlig schmucklos, glatt verputzt und einfarbig gestrichen. Ihre Fenster paradieren streng in Reih und Glied und Balkone gibt es gar keine. Lediglich vereinzelt werden sie durch niedrige Gitter vor den Fenstern angedeutet.

Auf der gegenüberliegenden Uferseite ist inzwischen ein großes, markantes Gebäude zu sehen, das die Form eines riesigen Us hat, von dem wir aber nur die Spitzen sehen, die als abgerundete Glasfronten ausgebildet sind. Von 1999 bis 2015 war dies der Sitz des Bundesministeriums des Inneren, das hier jedoch nur zur Miete wohnte. Mittlerweile ist es ausgezogen und hat sich seinen eigenen Wohnsitz an der Straße Alt-Moabit geschaffen.

Das ehemalige Bundesinnenministerium in Moabit
Blick über die Spree auf das Gebäude, in dem einst das Bundesinnenministerium seinen Sitz hatte.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

An der Ecke, wo das Holsteiner Ufer auf die Bartningallee trifft und sich der winzige Vorgarten des Hauses um die Ecke herumwindet, führen ein paar Stufen zu einem Eingang in der abgeschrägten Hausecke hinauf. Der erwähnte Vorgarten beherbergt eine Handvoll Gartentische, deren Plätze an sonnigen Tagen wie diesem ausnahmslos alle von Menschen belegt sind, die hier sitzen, Kaffee trinken und schwatzen. Diese sehr beliebte und daher belebte Straßenecke gehört der Konditorei Buchwald, Berlins ältester Konditorei. 1852 hatte Gustav Buchwald sein „Baumkuchenfabrikation-Konditorei und Café“ genanntes Unternehmen gegründet. Das war zwar in Cottbus, doch als es ihm 1883 gelang, königlicher Hoflieferant zu werden, sah er sich bald darauf nach einem Standort in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs um. Diesen fand er in dem gerade neu entstandenen Hansaviertel, an der Spree in der Brückenallee, die seit 1960 Bartningallee heißt. Bis heute ist die Konditorei, die von Anfang an berühmt war für ihren Baumkuchen, hier ansässig – und ein Familienunternehmen, mittlerweile in fünfter Generation. Ein Stück Berliner Geschichte sozusagen, das man hautnah erleben kann, wenn man hier eine Rast einlegt. Vorausgesetzt natürlich, man bekommt noch einen Platz.

Die Moabiter Brücke, mittels derer die Bartningallee die Spree überquert, gibt es hier bereits seit 1821. Zuerst aus Holz, wurde sie in den 1890er Jahren als steinerne Brücke errichtet. Vier Bronzebären zierten sie, von denen einer von Karl Begas geschaffen wurde, einem Bruder des Berliner Bildhauers Reinhold Begas. Diese Bären teilten schließlich das Schicksal der Bronzereliefs der Lessingbrücke, als die Faschisten sie während des Zweiten Weltkriegs fortschaffen und für die Waffenproduktion einschmelzen ließen. Um sie zu ersetzen, stellte man im Jahre 1981 vier von Günter Anlauf geschaffene Bärenfiguren an den beiden Brückenenden auf. Mit den einstigen Figuren haben sie allerdings wenig gemein, denn sie wirken, verglichen mit diesen, doch arg klobig.

Was heute kaum noch jemand weiß, ist, daß im 19. Jahrhundert nicht nur Venedig eine Stadt der Gondeln war, sondern auch Berlin. Nun, vielleicht ist das ein wenig hoch gegriffen, doch tatsächlich gab es hier in Moabit Gondeln, die die Spree hinauf- und hinabfuhren. Und auch wenn Moabit damals noch gar nicht zu Berlin gehörte, so war es doch ein Ausflugsziel der Berliner, denn hier gab es eine Reihe von Tanz- und Bierlokalen und Cafés. Die beste und angenehmste Möglichkeit, diese zu erreichen, um einen vergnüglichen Tag zu verbringen, war eine Fahrt mit einer der Gondeln. Diese muß man sich nun ganz und gar nicht wie eine Venediger Kanalgondel vorstellen. Immerhin war hier ein genügend breiter Fluß vorhanden. Daher waren die Gefährte doch um einiges größer. Ein jedes konnte wenigstens zwanzig bis dreißig, manche wohl bis zu fünfzig Personen fassen. Hier an der Moabiter Brücke befand sich eine kleine Schiffswerft, deren Betreiber Jahnke einige dieser Gondeln gebaut hatte, für die sich bald der Name „Moabiter Gondel“ einbürgerte. Als sich in Moabit dann mehr und mehr Industrie ansiedelte und die Lokale verdrängte, als Brücken über die Spree gebaut und die Wege befestigt wurden und schließlich mit Omnibus und Dampfschiffahrt moderne Verkehrsmittel die Fahrzeiten verkürzten, bedeutete das in den 1880er Jahren das Ende der Gondeln.

Der Weg führt nun weiter das Holsteiner Ufer entlang, bis die Straße auch auf dieser Seite wieder in einem Wendekreis endet. Ein Fußweg gestattet es uns, weiter am Spreeufer entlangzuspazieren, und passiert alsbald eine Fußgängerbrücke – den Gerickesteg. Vor uns liegt das Viadukt der Stadtbahn, das, von links über die Spree kommend, nach rechts zum Bahnhof Bellevue führt. Der Gerickesteg ermöglicht den Moabitern einen einfachen Zugang zur S-Bahn. Beim Bau der Stadtbahn hatte man deren Brücke über den Fluß mit einem darunterliegenden Fußweg versehen, der den Namen Bellevuesteg erhielt. Die Berliner fanden dafür einen anderen Namen, der dem Lärm der über dem Fußweg dahindonnernden Züge gerechter wurde: Bullerbrücke. Ein Umbau der Eisenbahnbrücke, der wegen des zunehmenden Verkehrs auf der Stadtbahn erforderlich geworden war, verdrängte dann die Fußgänger. Als Ersatz errichtete man eine neue Brücke, die nun aber rechtwinklig zu den Spreeufern den Fluß überspannte. Zunächst ebenfalls Bellevuesteg genannt, gab man ihr in den 1920er Jahren zu Ehren des österreichischen Komponisten Wilhelm Gericke ihren heutigen Namen.

Der Bahnhof Bellevue ist so alt wie die Stadtbahn selbst, zu der in ihren ersten Jahren das alte Hansaviertel ausschließlich über ihn Zugang hatte, denn der Bahnhof Tiergarten entstand erst drei Jahre nach der Inbetriebnahme der Bahnstrecke. Bellevue und Hackescher Markt sind die einzigen beiden Stadtbahnhöfe, die heute noch in ihrer ursprünglichen Form erhalten sind.

Wir folgen dem Grünen Hauptweg Nummer 19 unter dem Stadtbahnviadukt hindurch und verlassen nun endgültig das Hansaviertel. Auf der anderen Seite empfängt uns das üppige Grün einer ausgedehnten Parkanlage, die jedoch alsbald von einer hohen Ziegelmauer abgesperrt wird. Zahlreiche Kameraaugen spähen den Uferweg hinauf und hinunter. Hier möchte jemand wirklich ungestört bleiben. Dieser Jemand ist der Bundespräsident, denn der Uferweg führt nun am Rande des Bellevueparks entlang, der zu den Anlagen des Schlosses gleichen Namens gehört, dem Amtssitz des Staatsoberhaupts der Bundesrepublik. Weil es rechts nun nicht mehr viel zu sehen gibt, bleibt nur die Aussicht links. Am anderen Spreeufer liegt auch eine Parkanlage, der man den schönen Namen „Park auf dem Bundespräsidenten-Dreieck“ gegeben hat. Ein Stück voraus ist bereits die nächste Spreebrücke zu sehen.

Die Lutherbrücke
Blick über die Spree auf die Lutherbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die Lutherbrücke, wie diese Brücke heißt, wurde Anfang der 1890er Jahre erbaut. Die Stadt Berlin wollte eine Verbindung zu den Gebäuden des Hamburg-Lehrter Güterbahnhofs auf der anderen Flußseite herstellen. Weil die Brücke jedoch direkt am Schloß Bellevue lag, das zu jener Zeit noch vom kaiserlichen Hof genutzt wurde, durfte sie natürlich nicht zu profan anmuten und mußte daher ein entsprechendes, repräsentatives Erscheinungsbild erhalten. Der Architekt Otto Stahn hatte dafür zu sorgen und stattete die Brücke mit gußeisernen Laternen, kunstvollen schmiedeeisernen Geländern, kugelförmigen Sandsteinpostamenten, Klinkerverblendung und vier Brückenköpfen aus, auf denen sich hohe Obelisken mit aufgesetzten goldenen Sternen erheben.

Die Lutherbrücke
Einer von vier Brückenobelisken der Berliner Lutherbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Am Spreeweg, der über die Lutherbrücke führt, liegt auch das Schloß Bellevue. Wir müssen  nur ein paar Schritte nach rechts gehen, dann stehen wir auch schon vor dem beeindruckenden Schloßbau. Weil er verkehrstechnisch so gut erreichbar ist, reihen sich auf der Straße davor Stadtrundfahrtenbusse nacheinander auf und der Gehweg ist eigentlich immer von Menschentrauben aus aller Herren Länder bevölkert, die das Schloß betrachten wollen, Fotoapparate klicken lassen und einzeln oder in Gruppen und in allen möglichen und unmöglichen Bekleidungen vor dieser Kulisse posieren. Hinein darf niemand, die Tore sind geschlossen und dahinter patrouillieren gemessenen Schrittes und mit wichtiger, aber gelangweilter Miene Polizisten auf und ab. Zu Kegeln geschnittene Bäumchen säumen links und rechts in militärisch anmutender Ordnung die sorgfältig getrimmte Rasenfläche. Schloßbau und Bäumchen atmen strengste Symmetrie, die lediglich von drei im Vordergrund stehenden weißen Fahnenmasten auf der rechten Seite gestört wird.

Schloß Bellevue
Schloß Bellevue

Schloß Bellevue
Das Schloß Bellevue im Berliner Tiergarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Das Schloß selbst wurde in den Jahren 1785 und 1786 für Ferdinand von PreußenFriedrichs II. jüngsten Bruder, errichtet. Michael Philipp Boumann lieferte die Pläne. Den Namen „Schöne Aussicht“ erhielt der Bau, weil man, wie es heißt, aus dem Wohntrakt in Richtung Westen einen wunderbaren Blick über den Park und die Schlaufen der Spree bis hin zum Schloß Charlottenburg hatte. Davon ist heute nichts mehr übrig, denn seit deren Bau endet der Blick nach nur etwa 400 Metern am Viadukt der Berliner Stadtbahn. In den Zeiten seit seiner Errichtung diente das Schloß verschiedensten Zwecken. Es war königlicher Landsitz, beherbergte mit dem Museum für zeitgenössische Kunst in Preußen den Vorgänger der Nationalgalerie, wurde vom kaiserlichen Hofstaat bewohnt, war Besprechungsort von Militär und Regierung im Ersten Weltkrieg, enthielt zeitweise Mietwohnungen und wurde wiederum Museum, diesmal für Deutsche Volkskunde. 1957 wurde es Amtssitz des Bundespräsidenten, zunächst allerdings nur zweiter. Erst 1994 stieg es unter Richard von Weizsäcker zum ersten Amtssitz auf.

Kastanien am Schloß Bellevue

Kastanien am Schloß Bellevue
Rot blühende Roßkastanien am Schloß Bellevue.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Rechts am Spreeufer stehen einige Kastanienbäume. Jetzt im Frühling kann man ihre blaßroten Blütenstände aus allernächster Nähe bewundern, denn ihre Zweige hängen bemerkenswert tief. Wir überqueren den Spreeweg und folgen dem Grünen Hauptweg Nummer 19 in die John-Foster-Dulles-Allee hinein. Wir sind wieder im Großen Tiergarten angekommen.

Die Straße wurde 1959 nach dem US-amerikanischen Außenminister John Foster Dulles benannt. Das erste Stück, auf dem uns der Weg nun entlangführt, war früher die Fortsetzung des Spreewegs. So sagt es zumindest der Straubeplan von Berlin aus dem Jahre 1910. Weit müssen wir nicht gehen, da öffnet sich auf der rechten Straßenseite ein halbrunder, von einer niedrigen Hecke eingefaßter Platz. In der Mitte steht ein Brunnen, in dessen Zentrum ein auf einem Steinhaufen hockender Jüngling verzweifelt versucht, einen riesig großen Fisch festzuhalten, aus dessen zornig geöffnetem Maul eine Wasserfontäne schießt. Der Jüngling hat es offensichtlich nicht einfach, zumal ihm je nach Windrichtung das niederstürzende Wasser genau ins Gesicht fällt. Rings um diesen von Joseph von Kopf geschaffenen Tritonbrunnen sind auf hohen Postamenten vier Figurengruppen angeordnet, die dem mit dem Fisch ringenden Jüngling bei seinem Tun zuzuschauen scheinen. Die Postamente stehen in passenden, in die Hecke eingelassenen Nischen. Auf jedem von ihnen sitzt eine große steinerne Figur – drei Frauen und ein bärtiger Mann -, die über jeweils zwei Kinder wacht. Die allegorischen Flußgottheiten stellen die Hauptströme des einstigen deutschen Reiches dar, die an den Utensilien erkennbar sind, die die jeweiligen Kinderfiguren bei sich tragen. Wandert man von rechts nach links an ihnen vorbei, trifft man so auf den Rhein, die Elbe, die Oder und die Weichsel. Aus dieser Aufzählung ist schnell erkennbar, daß diese Skulpturen schon einige Jahre alt sind. Sie stammen aus dem Jahre 1874 und standen einst auch gar nicht an dieser Stelle, sondern gehörten zum Figurenensemble der damals gerade neu errichteten Königsbrücke, die am Alexanderplatz über den Königsgraben führte, später abgerissen wurde, als man diesen für den Stadtbahnbau opferte, und deren Königskolonnaden heute am Eingang des Kleistparks die Zeit verträumen.

Der Großfürstenplatz im Berliner Tiergarten
Blick auf den Großfürstenplatz im Berliner Tiergarten mit dem Tritonbrunnen und den Skulpturengruppen für die Deutschen Ströme.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Platz, auf dem die Allegorien der Deutschen Ströme stehen, ist – ein weißes Schild auf hohem Pfahl verrät es – der Großfürstenplatz. Im Jahre 1776 gab es hier eine große Volksbelustigung, die anläßlich der Verlobung des russischen Thronfolgers Großfürst Paul mit Sophie Dorothee von Württemberg ausgerichtet wurde. Die war bald vorüber, der Platz trug jedoch seinen Namen davon. Das ist lange her. Heute wirkt der Platz eher beschaulich. Volksbelustigungen finden hier keine mehr statt. Es gibt sie zwar auch heute noch im Tiergarten, doch sind sie ein paar Meter weiter gezogen zur Straße des 17. Juni.

Ein Stück weiter vollführt die John-Foster-Dulles-Allee eine leichte Biegung nach rechts. An ihrem Beginn zweigt ein Weg nach links ab, dem der Grüne Hauptweg Nummer 19 nun folgt. Etwa an dieser Stelle befand sich einst ein kleiner Gondelhafen, denn von hier aus starteten die Gondeln nach Moabit. Das hiesige Ziel waren die sogenannten Zelte oder Zelten. Damit bezeichneten die Berliner eine Ansammlung von Ausflugs- und Bierlokalen, im 19. Jahrhundert ein wahrer Publikumsmagnet. Ihre Anfänge liegen zu Zeiten Friedrichs des Großen, als nach Preußen geflohene französische Hugenotten vom König die Erlaubnis erhielten, im Tiergarten, den der Alte Fritz bekanntlich zum Erholungsgebiet für die Bevölkerung gestalten ließ, Erfrischungen anzubieten. Die dafür errichteten Lokale durften nach königlichem Willen allerdings nur Zelte sein und mußten im Winter abgebaut werden. Das tat ihrer alsbaldigen Beliebtheit bei den Berlinern jedoch keinen Abbruch. Vier Zelte waren es, als Ende der 1780er Jahre dann auch feste Bauten errichtet und – ganz wichtig – das ganze Jahr über bewirtschaftet werden durften. Ein fünftes kam hinzu, doch das war dann schon gar kein Zelt mehr. Der Name blieb trotzdem. Die Berliner pilgerten zuhauf hierher, wenn sie Ausflüge in den Tiergarten oder Gondelfahrten nach Moabit unternahmen. Die meisten dieser Lokale befanden sich in der Gegend des heutigen Zeltenplatzes, der gleich hinter der erwähnten Straßenbiegung liegt und einst der Kurfürstenplatz war. Die Straße, die zu den Lokalen führte, trug – wie sollte es anders sein – den Namen „In den Zelten“. Doch hier wurde nicht nur gefeiert – ein paar Wohnhäuser gab es hier einst auch. Clara Schumann und Bettina von Arnim haben In den Zelten gewohnt.

Heute steht davon nichts mehr. Die Straße „In den Zelten“ ist verschwunden und mit ihr auch die Zelte. Der Zeltenplatz ist die letzte Reminiszenz an jene Zeit. Doch ein kleiner Rest der alten Zelten-Tradition ist geblieben. Nur ein kleines Stück von hier, neben der Kongreßhalle, die heute den Platz der alten Zelte einnimmt, gibt es heute wieder welche. Das Tipi am Kanzleramt hat hier seit 2002 sein Domizil – ein Theater für Chansons, Konzerte, Cabaret und Musicals, die größte stationäre Zeltbühne Europas. Als solche steht es an diesem Ort auch noch in einer anderen Tradition. Denn in seiner Nähe, am heutigen Platz der Republik, stand einst ein anderes Theater: die Krolloper. 1844 eröffnet und nach ihrem Gründer Joseph Kroll benannt, war sie im Laufe ihrer Existenz vieles – Vergnügungsetablissement, Komödien- und später Opernhaus, zunächst in privater Hand, später in staatlicher. Nach dem Reichstagsbrand tagte hier das Parlament und die Faschisten nutzten die hier stattfindenden Sitzungen als Bühne. Der Zweite Weltkrieg brachte dann schließlich das Ende, als das Theater unter den Bomben zugrundeging.

Auf dem Uferweg wandern wir nun auf die Schwangere Auster zu, wie der Berliner die Kongreßhalle respektlos nennt. Behaupten jedenfalls die Reiseführer. Ich habe das noch keinen Berliner tatsächlich einmal sagen hören. Das Gebäude, in dem das Haus der Kulturen der Welt untergebracht ist, errichtete man 1956 als Beitrag der USA zu der bereits erwähnten Internationalen Bauausstellung. Am Ufer der Spree führt uns der Weg gerade darauf zu. Etwa auf halber Strecke bis dorthin steht auf der rechten Seite ein kleines Denkmal, das man leicht übersehen kann, denn es ist nicht auf den ersten Blick als solches zu erkennen. Eine rostfarbene Stele mit angeschrägtem Fuß steht am Rande eines Beetes. Erst beim Nähertreten wird im oberen Drittel eine eingelassene geneigte Tafel, in die ein Text eingraviert ist, erkennbar. Das Denkmal erinnert an Dr. Magnus Hirschfeld und das von ihm 1919 gegründete Institut für Sexualwissenschaften, das sich ganz in der Nähe in der Straße „In den Zelten“ befand. Die Machtergreifung der deutschen Faschisten bedeutete das Ende des Instituts, denn bereits im Mai 1933 plünderten sie es und vernichteten den umfangreichen Bestand wissenschaftlicher Schriften, indem sie sie auf dem Opernplatz – dem heutigen Bebelplatz – verbrannten. Das Gebäude selbst zerstörten dann die Bomben des Zweiten Weltkriegs. An seiner Stelle steht nun das Bundeskanzleramt. Das gegenüberliegende Spreeufer trägt heute den Namen Magnus Hirschfelds.

Gedenksäule für das Institut für Sexualwissenschaft
Am Uferweg nahe dem Haus der Kulturen der Welt steht diese Gedenksäule für das Institut für Sexualwissenschaft und für Magnus Hirschfeld.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Gedenksäule für das Institut für Sexualwissenschaft
Der Text auf der Gedenksäule für das Institut für Sexualwissenschaft.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Vor der Kongreßhalle ist sommers wieder großes Menschengedränge, denn ein Café hat den Platz mit Tischen und Stühlen vollgestellt. Umsatz will maximiert werden, und angesichts der großen Scharen von Touristen und Spaziergängern sollte das kein Problem sein. Wir wandern weiter auf breitem Uferweg an der Spree entlang und haben rechts eine hohe Betonwand neben uns, die über weite Strecken von grünem Gerank bewachsen ist, was ihren tristen Gesamteindruck stark mildert. Der Frage, ob das Kanzleramt ein schöner Bau ist, weiche ich an dieser Stelle lieber einmal aus. Die Meinungen der zahlreichen Betrachter gehen darüber sicher weit auseinander. Errichtet wurde das Gebäude von 1997 bis 2001. Freunde der Superlative werden ihre Freude daran haben, daß es das größte Regierungshauptquartier der Welt sein soll und achtmal größer als das Weiße Haus in Washington ist. Ob das die darin fabrizierte Politik beeinflußt, mag jeder für sich selbst entscheiden. Mit dem Bundeskanzleramt erreicht der Grüne Hauptweg Nummer 19 das sogenannte Band des Bundes – eine Gruppe von mehr oder weniger aufeinanderfolgenden Gebäuden, die die letzte große Spreeschleife des Spreebogens vor der Marschallbrücke durchschneidet.

Die Spree am Kanzleramt

Die Spree am Kanzleramt
Blick die Spree entlang am Kanzleramt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Schließlich erreichen wir die Moltkebrücke, die in ihrer heutigen Form seit 1886 existiert. Sie ist die dritte Brücke an dieser Stelle und nach Helmuth Karl Bernhard von Moltke benannt, der preußischer Generalfeldmarschall und von 1857 bis 1888 Chef des Preußischen Generalstabes war und als solcher maßgeblichen Anteil am Sieg im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 hatte. Ihm zu Ehren schufen bedeutende Künstler des Deutschen Kaiserreichs den Bild- und Skulpturenschmuck der Brücke, unter ihnen Karl BegasJohannes Boese und Carl Piper.

Den Tiergarten, in den wir am Anfang des Spaziergangs hineingewandert sind, haben wir nun endgültig verlassen. Und so beenden wir hier, in Sichtweite des Hauptbahnhofs auf der anderen Spreeseite, den ersten Stadtspaziergang auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19. Es war eine Wanderung durch die größte grüne Oase der Berliner Innenstadt. Doch auch die folgenden Etappen haben in dieser Hinsicht noch einiges zu bieten…

Bei der Bezeichnung “20 Grüne Hauptwege” handelt es sich um eine Wortmarke der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, von der auch die Streckenführung der Wege entwickelt wurde. Wegbeschreibungen und Etappeneinteilung unterliegen sowohl Urheberschaft als auch Copyright von Anderes.Berlin. Sie entsprechen dem Stand der Wegführung vom August 2017. Änderungen, die zwischenzeitlich von der Senatsverwaltung vorgenommen wurden, sind möglicherweise (noch) nicht berücksichtigt. Die angezeigten Karten wurden von uns selbst mittels Google Maps erstellt..

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