Der Ochsenplatz um 1784

Alexanderplatz: Von den Anfängen

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 12 der Beitragsserie "Der Alexanderplatz"

Es beginnt vor den Toren der Stadt…

Der Platz, der heute eines der großen Zentren der Stadt bildet, liegt in der Zeit, da seine Geschichte beginnt, noch vor den Toren Berlins. Er befindet sich damit nicht nur außerhalb des historischen Kerns der Doppelstadt Berlin-Cölln, sondern ist auch jenseits der militärisch gesicherten Stadtgrenze gelegen. Ja, eigentlich ist er noch nicht einmal ein richtiger Platz, sondern nur ein Treffpunkt bedeutender Handelswege, die hier, vor dem sogenannten Oderberger Tor, bereits seit dem frühen Mittelalter zusammenführen. Schaut man sich einen heutigen Stadtplan Berlins und darauf die Umgebung des Alexanderplatzes an, so sind diese Handelswege noch ohne weiteres zu erkennen: es sind die heutige Prenzlauer Allee, die Otto-Braun- und Greifswalder Straße, die Landsberger Allee (die heute allerdings nicht mehr direkt mit dem Alex in Berührung kommt) und die Karl-Marx- bzw. Frankfurter Allee. Vom Punkt ihres Zusammentreffens auf dem Platz führen in jener Zeit diese Wege durch das Tor weiter über die heutige Rathausstraße in die Stadt hinein.

Das Oderberger Tor befindet sich damals etwa hinter der heutigen S-Bahn-Brücke. Als einziges Tor, durch das man die Stadt in Richtung Osten verlassen kann, hat es einige Bedeutung für Berlin, denn die Stadt ist durch dieses Tor Ausgangs- und Schlußpunkt des Verkehrs mit dem Baltenland. Hier nehmen die Bürger Berlins einen nicht geringen Zoll auf die Handelswaren ein, mit denen die Händler das Tor passieren. Aus dem Osten werden vor allem Getreide, Felle, Häute, Honig und Wachs nach Berlin gebracht, aus dem Norden kommen überwiegend Heringe von der Ostsee. Diese sind auch der Grund, warum der Volksmund das Tor auch als Heringstor bezeichnet.

Natürlich fehlt in jener Zeit an diesem Ort auch ein Gasthof nicht, verspricht doch der Treffpunkt von Handelswegen immer lukrative Geschäfte. Überliefert ist der Name „Zum schwarzen Bären“. Ebenfalls vor dem Tor steht das Georgenhospital, benannt nach seinem Schutzheiligen St. Georg – ungefähr dort, wo sich heute die Kreuzung von Otto-Braun-Straße und Karl-Marx-Allee befindet. Erstmals 1278 in einer Urkunde des Bischofs Ludolf von Halberstadt erwähnt, wurde es vermutlich einige Jahre früher gegründet. Man nimmt heute 1272 als Gründungsjahr an. Sein Zweck ist in erster Linie die Aufnahme der Aussätzigen. Es ist auch das Pesthaus der Stadt. Einrichtungen dieser Art werden in der damaligen Zeit stets außerhalb der Städte errichtet, um die Ansteckungsgefahr zu bannen. Zum Hospital gehört auch ein kleines Gotteshaus, das ebenfalls den Namen St. Georg trägt – eine Kapelle, die 1331 in einem Ablaßbrief des Papstes Johannes XXII. zum ersten Mal erwähnt wird. Sie gilt heute als die eigentliche Keimzelle für die Bebauung des Gebietes um den heutigen Alexanderplatz, sorgt sie doch durch ihre Anziehungskraft für eine erste Ansiedlung von Familien um sie herum.

Das Hospital ist nicht die einzige unattraktive Einrichtung, die die Bewohner der Stadt an diesen Ort außerhalb des Stadtgebiets verbannt haben: ganz in der Nähe, an der Straße nach Landsberg, etwa dort, wo heute der Strausberger Platz liegt, befindet sich in östlicher Richtung der sogenannte Rabenstein, der damals eine Hinrichtungsstätte für Enthauptungen, Verbrennungen und das Rädern ist. Zwischen 1391 und 1448 kommt es hier jährlich zu wenigstens zwei öffentlichen Hinrichtungen. Und nur wenige hundert Meter weiter liegt der Galgenberg. Wer also damals aus östlicher Richtung auf Berlin zukommt, weiß sofort, was ihm blüht, wenn er sich nicht an die Regeln hält.

Zu guter Letzt soll auch noch der Schießplatz für die Armbrustschützen Berlins Erwähnung finden, der hier nach 1600 angelegt wird. Es ist überliefert, daß sich die Schützen regelmäßig mit der Bürgerschaft der Stadt im Schießen nach dem „Papagoy“ maßen, einer Zielscheibe für das sogenannte Vogelschießen.

Der Platz bekommt einen Namen

Als im Jahre 1618 der Dreißigjährige Krieg ausbricht, beginnt auch für Berlin eine schwere Zeit. Gleich mehrmals wird die Stadt in diesen Jahren überfallen, gebrandschatzt und geplündert. Als der Krieg dann 1648 endet, leben in Berlin von den vormals 12 000 Einwohnern gerade mal noch 6 000. Viele Häuser stehen verlassen, sind verfallen oder verwüstet. Die ersten Siedlungsbauten um die St.-Georg-Kapelle hatte man in den Kriegsjahren wieder abgerissen, um ein freies Schußfeld zu bekommen und die Angreifer der Stadt besser abwehren zu können.

Damit sich dies nicht wiederhole und Stadt und Residenz zukünftig besser geschützt sind, entschließt sich Kurfürst Friedrich Wilhelm dazu, einen Festungsring um die Stadt errichten zu lassen. Mit dem Bau beauftragt er den aus Linz an der Donau stammenden Festungsbaumeister Johann Gregor Memhard. Zehn Jahre nach Kriegsende – 1658 – beginnt man nach dessen Planungen mit den Bauarbeiten an der Festungsanlage. Nach ihrem Abschluß im Jahre 1674 ist ein beeindruckendes Bauwerk entstanden – eine Festung mit dreizehn Bastionen bzw. Bollwerken, die durch Wälle – sogenannte Kurtinen – miteinander verbunden sind und die gesamte Stadt vor ihrer mittelalterlichen Stadtmauer umgeben. Letztere verläuft im Bereich des Platzes etwa zwischen dem heutigen Fernsehturm und dem Bahnhof. In diesem Abschnitt ist von ihr jedoch nichts mehr erhalten geblieben.

Das Areal des späteren Alexanderplatzes wird zu einem Teil der neuen Festungsanlage. Es liegt nun vor dem Georgentor, wie das ehemalige Oderberger Tor mittlerweile genannt wird, eingerahmt von zwei Bastionen: Nummer 9, die sich hinter der Klosterkirche erhebt, und Nummer 10, die ungefähr an der Stelle der heutigen Karl-Liebknecht-Straße steht. Ergänzt wird das Festungswerk durch einen vorgelagerten, bis zu 50 Meter breiten Wassergraben, ein Seitenarm der Spree, der unmittelbar vor dem Georgentor verläuft und von einer Zugbrücke überspannt wird.

Vor dem Georgentor vergibt der Große Kurfürst gegen geringe Kaufsummen Landstücke. Da er zudem auf den Grundzins verzichtet, finden sie sehr schnell Abnehmer. Auf diese Weise bilden sich im Osten der Stadt schnell wachsende Ansiedlungen. Der Grundstein für die sogenannte Georgenvorstadt ist gelegt. Schon bald leben hier 600 bis 700 Familien. Im Jahre 1674 stiftet die Kurfürstin Dorothea ein weiteres Hospital. Errichtet wird es ganz in der Nähe der Georgenkapelle. Sein vorrangiger Zweck ist die Aufnahme mittelloser Fremder.

Ein weiteres Kapitel in der Entwicklung des späteren Platzes wird mit einem kurfürstlichen Erlaß im Jahre 1681 eröffnet. Dieser Erlaß verbietet es den Einwohnern Berlins, im Stadtgebiet Schweine zu mästen und mit ihnen und anderem Vieh zu handeln. So verlagert sich der Handel vor die Stadtgrenzen. Für den Berliner Viehmarkt wählt man das freie Gelände vor dem Georgentor aus, was dem Platz im Volksmund seinen ersten Namen einträgt: Ochsenplatz.

Von der Stadt vereinnahmt

Das Vorstadtgebiet entwickelt sich, begünstigt durch diese Ereignisse, schnell weiter. Ausdruck dieser Entwicklung ist im Jahre 1689 die Erweiterung der kleinen Georgenkapelle zur Kirche. Sie bekommt einen eigenen Prediger und wird zur Pfarrkirche für alle Berliner Vorstädte.

Am 18. Januar 1701 krönt sich der Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg selbst zum ersten König Preußens. Zusammen mit seiner Frau Sophie Charlotte als Königin zieht er in feierlicher Prozession durch das Georgentor in die Stadt ein, was dem Tor einen erneuten Namenswechsel beschert. Anläßlich dieses Ereignisses trägt es von nun an den Namen „Königstor“. In offiziellen Dokumenten jener Zeit bezeichnet man den Platz jetzt dazu passend als „Königsthorplatz“, die Straße durch das Tor als „Königsstraße“ und die Brücke über den Festungsgraben als „Königsbrücke“. Der Festungsgraben ist folgerichtig nunmehr der „Königsgraben“.

Doch damit der königlichen Namen nicht genug: Weil sich die in der näheren Umgebung des Platzes ansässigen und wohl zeitweise auch ziemlich aufsässigen Anwohner in jenen Jahren besonders gut benommen haben sollen, erhält die Siedlung bei der Kirche St. Georg das Patent, sich fortan „Königsstadt“ nennen zu dürfen – ohne allerdings auch das Stadtrecht zugesprochen zu bekommen. Und auch wenn dieser Name für den Stadtteil nördlich des Alexanderplatzes heute nicht mehr sehr geläufig ist und es die mit ihm verbundenen Straßen Königstraße, Neue Königstraße und auch den Königsgraben oder das Königstor heute nicht mehr gibt, so bleibt er doch bis in die heutige Zeit erhalten.

Während die meisten dieser Namen lange Zeit in Gebrauch bleiben, setzt sich der Name „Königsthorplatz“ nicht durch. Auch später wird der Platz weiterhin als „Ochsenplatz“ bezeichnet.

Um diese Zeit gibt es in der Umgebung des Platzes bereits fünf Schäfereien und siebzehn Meiereien, von denen einige im Besitz der ehemaligen Kurfürstin und nunmehrigen Königin Sophie Charlotte sind. Ihnen ist auch immer noch ein Gasthof zugesellt. Nach dem Tod der Königin schenkt ihn König Friedrich I. einer nahegelegenen Anstalt für militärische Invaliden. Der Name des Gasthofs ist als „Stelzenkrug“ überliefert – höchstwahrscheinlich eine Anspielung auf die Stelzen, die damals von vielen der Invaliden zum Laufen gebraucht wurden. Mit der Gastwirtschaft ist das Recht verbunden, Viehhändler zu beherbergen und insbesondere auch einen Viehmarkt abzuhalten, wovon reger Gebrauch gemacht wird, so daß der Viehmarkt jetzt schon einige Male im Monat stattfindet.

1712 wird die Georgenkirche an der Westseite um einen großen Turm mit zwei Glocken erweitert. 1716 reißt man das alte Pesthaus ab. Es ist baufällig geworden. Diese Baumaßnahmen in der unmittelbaren Umgebung des Ochsenplatzes gliedern sich in die weiter voranschreitende Entwicklung der Königsstadt wie der anderen Vorstädte Berlins ein, die in Umfang und Einwohnerzahl weiter wachsen. Ergebnis dessen ist die Verschiebung der Stadtgrenzen, die mit der Errichtung neuer Stadttore entlang der heutigen Torstraße einhergeht. Schon bald liegen die Festungsanlagen immer mehr im Stadtgebiet und mit ihnen der Ochsenplatz.

Im Jahr 1734 beginnt folgerichtig die schrittweise Abtragung der massiven Festungsanlagen – bereits ganze sechzig Jahre nach ihrer aufwendigen Konstruktion und ohne daß sie jemals in einem Einsatz erprobt worden wären. Auch das Königstor, das damit überflüssig geworden ist, wird abgetragen.

Zwischen Militär und Gewerbe

Trotz dieser Entwicklung ist die Königsstadt noch stark von Landwirtschaft geprägt. Hier bekommen vorwiegend Viehhalter, Ackerbürger und Gemüsegärtner, die oft auch französischer Herkunft sind, Grundstücke zugewiesen. Viele von ihnen richten kleine landwirtschaftliche Betriebe ein, die für die Bewohner der Stadt Gartenfrüchte und andere landwirtschaftliche Produkte in großen Mengen erzeugen. In keiner anderen großen Stadt ist dies zu dieser Zeit der Fall. Geschäftstüchtig richten viele dieser Gärtnereien auch Kaffeegärten ein, die sich schnell zu beliebten Ausflugszielen entwickeln.

Die königliche Politik ist in diesen Jahren ganz auf die Förderung der Stadt ausgerichtet, konzentriert sich dabei allerdings auf zwei besondere Schwerpunkte: die Vergrößerung der Garnison und die Förderung des Gewerbes. Ganz folgerichtig bilden alsbald Militär und Arbeiterinnen und Arbeiter in den Gewerbebetrieben den größten Teil der Bevölkerung. Dies bleibt natürlich auch für den späteren Alexanderplatz nicht ohne Folgen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wird er schrittweise umgestaltet und mehr und mehr von Militär und Gewerbe geprägt. Direkt auf dem Platz werden drei Kasernen errichtet. In seiner näheren Umgebung entstehen bald weitere. Als diese bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts schließlich fertiggestellt sind, wird der Platz aufgeteilt. An seinem südlichen Ende befindet sich nun ein Exerzier- und Paradeplatz, der von den Regimentern Graf von Kunheim und von Winning genutzt wird. Er erhält den Namen „Paradeplatz“. Der Rest des Platzes bleibt weiterhin dem Viehmarkt vorbehalten, der jedoch bald durch einen zusätzlichen Wollmarkt ergänzt wird.

Entlang des ehemaligen Festungsgrabens errichtet man weitere Militärbauten: mehrere Futter- und Fouragemagazine, ein Kadettenhaus, ein Kommandantenhaus und andere. Auf ihrer anderen Seite verlaufen die Straßen „An der Contrescarpe“ und „Auf der Contrescarpe“. Sie verlaufen parallel zum ehemaligen Festungswall. Ihre Namen weisen unmittelbar auf die ehemaligen Festungsanlagen hin, genauer auf die vor dem Königstor gelegene Contrescarpe, ein dreieckiger, mit der Spitze nach außen zeigender, befestigter Platz, der den Zugang zum Tor schützte. Die Spitze dieser Contrescarpe lag zu Zeiten der Festungsanlagen vor der Bernauer Straße (der heutigen Otto-Braun-Straße) und der Landsberger Straße (der heutigen Landsberger Allee, die damals noch direkt auf den Alexanderplatz führte).

Da man in dieser Zeit dem militärischen Drill und einem auf Kommando im Gleichschritt marschierenden Regiment besondere Bedeutung beimißt, da sich daraus besondere militärische Stärke ableiten soll, sind Exerzieren und Paradieren militärische Disziplinen, die unabhängig von Jahreszeit und Witterung geübt werden sollen. Zu diesem Zweck errichtet man an der Keibelstraße eine Reit- und Exerzierhalle.

Doch auch die Entwicklung des Gewerbes, die zweite Säule der königlichen Politik, hat großen Einfluß auf den Platz und seine Gestaltung. Rund um die Königsbrücke entstehen im 18. Jahrhundert eine Reihe von Manufakturen zur Herstellung von Textilien. Das hat natürlich mit der militärischen Entwicklung zu tun, denn die vielen Regimenter benötigen in erster Linie eines: Uniformen. Dies begründet die Wollfabrikation, einen Wirtschaftszweig, den Friedrich Wilhelm I. nachdrücklich fördert, indem der gleich zu Beginn seiner Regierung die Ausfuhr der Wolle aus seinem Lande verbietet, damit sie den ansässigen Webern und Färbern zur Bearbeitung bleibe. In der Klosterstraße läßt er ein Unternehmen der Wollindustrie gründen, dessen größter Kunde alsbald das Heer ist. Damit ist ein beständiger Absatz garantiert. Für die Weber wird zugleich das Risiko minimiert, in Not zu geraten, ob durch Preisschwankungen oder Absatzschwierigkeiten.

Am Ochsenplatz gründet 1745 ein gewisser Jakob Lange eine Wollzeugmanufaktur. Sie steht ungefähr dort, wo sich heute das Alexanderhaus befindet. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wird sie von den Fabrikanten Paul und Cornelius Hesse übernommen, die dahinter, auf der anderen Seite des Königsgrabens, ein Lagerhaus errichten (heute steht an seiner Stelle das Kino Cubix). 1782 stellen sie auf insgesamt 407 Webstühlen 11350 Stück Tuch her, die einen Wert von 152100 Talern haben. Da ein Großteil der Produkte auch im Ausland abgesetzt wird, ist das Unternehmen zusammen mit einer weiteren Tuchmanufaktur, die sich im Besitz der Familie Wegeli befindet und auf der Spreeinsel angesiedelt ist, zugleich ein wichtiger Posten in der Außenhandelsbilanz des preußischen Staates.

Doch nicht nur Uniformen oder Tuche herstellende Manufakturen entstehen. 1752 läßt Friedrich II., der das Gewerbe ebenfalls fördert, für den Seidenfabrikanten Treitschke am Ochsenplatz eine Manufaktur bauen. Da jedoch die Seidenherstellung starke ausländische Konkurrenz besitzt, will das Geschäft nicht recht florieren. Die Manufaktur wechselt in den Folgejahren mehrfach den Besitzer und wird schließlich geschlossen.

Hinter der Wollzeugmanufaktur entsteht von 1756 bis 1758 ein großes Arbeitshaus (etwa dort, wo heute das Kaufhaus „Alexa“ steht). Die Anregung dafür gibt Friedrich II. Bereits 1742 hatte der König eine solche Einrichtung gestiftet, die in einem Gebäude der Schlächterinnung in der Nähe des Halleschen Tores untergebracht worden war. Da dieses Gebäude als Zierde einen Ochsenkopf über dem Hauptportal trug, wurde die Einrichtung im Volk bald nur noch als „Ochsenkopf“ bezeichnet. Als sie nun in das Arbeitshaus am Ochsenplatz umzieht, wandert der Name selbstredend mit, paßt er doch bestens zu diesem Platz.

Das massive dreigeschossige Gebäude des Arbeitshauses besitzt eine quadratische Grundfläche und wird nach Plänen des Hofbaumeisters Christian Friedrich Feldmann unter der Leitung von Christian August Naumann errichtet. In erster Linie dient es der Aufnahme Obdachloser. Doch auch als Strafanstalt nutzt man es bald, und so müssen in der Stadt aufgegriffene Bettler und Kleinkriminelle, die sogenannten „Arbeitshäusler“, Zwangsdienste verrichten. Bis zu vierzehn Stunden dauern die Arbeitstage. Das für rund eintausend Insassen konzipierte Gebäude stößt schnell an seine Grenzen und ist meist überbelegt. Um 1800 wird ihm die Textilmanufaktur angegliedert. Die Insassen müssen nun auch in der Manufaktur arbeiten, was ihr Los nicht gerade verbessert.

Der Platz macht Staat

Wenn sie auch vorherrschend sind, stellen doch Militär und Gewerbe im achtzehnten Jahrhundert nicht die einzigen Quellen der Entwicklung des Platzes dar. Neben Manufakturen und militärisch genutzten Bauten entstehen auch andere Gebäude, die das Gesicht des Ochsenplatzes mitprägen.

Den „Stelzenkrug“ gibt es noch immer, und im Jahre 1765 kommt dieser Gasthof wieder in privaten Besitz. Sein Eigentümer wird ein gewisser J. G. Kläger, der die Schänke für stattliche 12.600 Reichstaler erwirbt. Von nun an heißt sie „Goldene Krone“. Später, im 19. Jahrhundert, wird ihr ein weiterer Namenswechsel zuteil, so daß die Gäste dann im Gasthof „Zur preußischen Krone“ absteigen.

In der Straße „Am Königsgraben“, direkt am gleichnamigen Kanal, trägt das Haus des Kupferstechers und Verlegers Johann David Schleuen die Hausnummer 10. Es geht in die Literaturgeschichte ein, als in den Jahren 1765 bis 1767 der Dichter Gotthold Ephraim Lessing hier zu Gast ist und im Jahre 1765 in diesem Hause sein Lustspiel „Minna von Barnhelm“ verfaßt. Es ist dies des Dichters letzter Aufenthalt in Berlin. Er trifft in dieser Zeit regelmäßig mit dem Verleger Friedrich Nicolai und dem Philosophen Moses Mendelssohn zusammen. Von letzterem ist er so beeindruckt, daß er ihm mit seinem Stück „Nathan der Weise“ ein literarisches Denkmal setzt.

Der Abriß der Festungswerke schafft in dieser Zeit Freiraum für neue Bauten. Von 1777 an läßt König Friedrich II. eine neue Königsbrücke errichten, die als repräsentatives Bauwerk den Königsgraben überquert. Die Entwürfe fertigt der Königliche Baudirektor Carl Philipp von Gontard an. Mit dem Bau beauftragt der König Georg Friedrich Boumann. Die Brücke wird ein echtes Schmuckstück – mit Bögen aus rotem Rothenburger Sandstein und einem Geländer, das aus weißem Seehausener Sandstein besteht. Verziert ist es mit Figurengruppen verschiedener Künstler. Direkt an die Brücke schließen sich die Königskolonnaden an. Ihre Errichtung dauert bis 1780. Auch sie werden von Gontard entworfen. Ihm zu Ehren trägt die Straße neben dem S-Bahnhof heute seinen Namen.

Der Ochsenplatz um 1784
Blick durch die Königskolonnaden zum Ochsenplatz 1784. Rechts hinter der Königsbrücke ist der Gasthof „Zum Hirschen“ zu sehen, überragt vom Turm der Georgenkirche.
Quelle: Wikimedia Commons, Zeichnung: L. L. Müller Lizenz: gemeinfrei, da urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.

Die Kolonnaden rahmen in direktem Anschluß an die Brücke die Königstraße auf beiden Seiten ein. Auf 52 Metern Länge präsentiert sich dem Passanten in jenen Jahren eine barocke Säulenarchitektur in strenger Symmetrie aus weißem Seehausener Sandstein. An den Außenseiten mit Rundbogenöffnungen und mit pavillonartig ausgebildeten Mitten und Ecken versehen, sind die Kolonnaden auf den Dächern mit jeweils einer Balustrade und zahlreichen Skulpturen gekrönt. In den von ionischen Säulen gebildeten Säulengängen werden dreizehn feste Verkaufsstände untergebracht. Nach ihrer Eröffnung dauert es nicht lange und die Berliner haben die Kolonnaden zu einer neuen Flaniermeile erkoren.

Nachdem das alte Kirchenschiff wegen Baufälligkeit abgebrochen werden muß, erhält die Georgenkirche in den Jahren 1779 und 1780 ein neues Kirchenschiff. Entworfen wird es von Oberbaudirektor August Gotthilf Naumann. Im Zuge dieser Bauarbeiten wird auch der Turm der Kirche ausgebessert.

Das Jahr 1783 beschert dem Platz ein weiteres neues Gebäude, das in der Folgezeit einige Berühmtheit erlangen wird. Es wird in der Nähe der Georgenkirche errichtet, etwa dort, wo sich heute das Haus des Reisens befindet. Sein charakteristischstes Merkmal sind die steinernen Widderköpfe, von denen je einer über jedem Fenster thront. Sie sind das Privilegzeichen der Viehhändler, denn in diesem Gebäude soll zunächst eine Woll- und Viehbörse untergebracht werden. 99 Widderköpfe sind es insgesamt, die dem Gebäude alsbald zu seinem Namen verhelfen: Haus mit den 99 Schafsköpfen. Nicht lange nach seiner Errichtung wird in dem Gebäude der Gasthof „Zum Hirschen“ etabliert. Aus diesem Anlaß bringt man am Giebel des Hauses ein zusätzliches Hirschrelief an.

Der Ochsenplatz um 1796
Der Ochsenplatz im Jahr 1796. Blick auf die Königsbrücke mit den Kolonnaden. Rechts das Haus des Bildhauers Tassaert. Ganz rechts der Turm der Marienkirche.
Quelle: Wikimedia Commons, Kupferstich: F. A. Calau. Lizenz: gemeinfrei, da urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.

Ebenfalls am Ochsenplatz, etwa an der Stelle des heutigen Berolinahauses, steht in jener Zeit das Haus des Hofbildhauers Jean-Pierre-Antoine Tassaert, dem Berlin so manches Denkmal verdankt. Zu nennen sind hier insbesondere die Statuen des Generals Friedrich Wilhelm von Seydlitz und des Feldmarschalls James Keith auf dem ehemaligen Wilhelmplatz. Sie befinden sich heute im Bode-Museum. Tassaert war in Antwerpen geboren worden und hatte in Paris studiert und gearbeitet, bis der König ihn 1774 nach Berlin berief, wo er bis zu seinem Lebensende 1788 lebt und wirkt. Hier ist er unter anderem auch der Lehrmeister von Johann Gottfried Schadow. Seine Tochter HenrietteFélicité Tassaert wächst im Haus am Ochsenplatz auf und wird später eine berühmte Malerin ihrer Zeit.

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