Heinrich Heine - Porträt von Wilhelm Hensel

Heinrich Heine

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 3 der Beitragsserie "Heinrich Heine"

Heinrich Heine

Dichter
Geboren am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf
Gestorben am 17. Februar 1856 in Paris


Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen.
Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen,
wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.
(Heinrich Heine in: „Französische Zustände“ Artikel VI vom 19. April 1832)

 

Heinrich Heine - Bildnis von Julius Giese
Heinrich Heine im Jahr 1838, Lithographie nach einer Ölskizze Julius Gieres.
Quelle: Wikimedia Commons, Künstler: Julius Giere, Lizenz: gemeinfrei, da urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.

Ein passendes Zitat, wie ich finde, für unsere Intention, auf Anderes.Berlin über historische Persönlichkeiten, die in unserer Stadt gelebt oder aber zumindest zeitweilig gewirkt und uns heute noch etwas zu sagen haben, zu schreiben. Nicht zuletzt eben auch mit der Absicht, aus den „gestrigen Tagen die heutigen“ besser zu verstehen.

Wenn ich jetzt Heinrich Heine ausgewählt habe, mag sich der Eine oder Andere fragen, was hat dieser Dichter speziell mit unserer Stadt zu tun? Nun, er ist immerhin von 1821 bis 1823 als Student in Berlin und weilt dann noch zweimal, nämlich 1824 und 1829, in der Stadt. Interessant ist dabei, welche Spuren er hier hinterlassen hat, was davon vielleicht noch heute zu sehen ist beziehungsweise was heute in unserer Stadt an ihn erinnert. Und ich will nicht verschweigen, daß ich seit meiner Jugend mit Heine und seinem Werk vertraut bin. Dafür bedanke ich mich noch heute bei meinem Deutschlehrer, einem großen Verehrer Heines, der die Liebe zu dem Dichter an seine Schüler weitergegeben hat. So wurde ich ein eifriger Leser und auch Besitzer Heinescher Werke, unter anderem auch der zehnbändigen Ausgabe der „Werke und Briefe“, herausgegeben von Hans Kaufmann im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1972, aus denen die meisten Zitate in diesem Text stammen. Bezüge zu dieser Ausgabe werden aus Gründen der Vereinfachung jeweils nur mit „Werke, Band…, Seite…, angegeben.

Auf Heines Biographie will ich nicht ausführlich eingehen. Das würde hier zu weit führen und nicht dem entsprechen, was wir mit Anderes.Berlin beabsichtigen. Vielmehr beschränke ich mich auf Heines Aufenthalte in Berlin. Dazu gibt es natürlich schon einige Quellen, ich vermute aber, daß sie relativ wenig bekannt sein dürften, wenn man von Fachleuten wie Germanisten und Deutschlehrern absieht. Besonders will ich auf das Buch „Heine in Berlin“ von Gerhard Wolf und sein darin enthaltenes Nachwort verweisen. Interessant auch das Büchlein „Auf den Spuren Heines in Berlin“ von Roland Schiffter, eine kleine Stadtwanderung zu Orten, die den Schilderungen Heines in seinen „Briefen aus Berlin“ folgt.

Erster Aufenthalt Heinrich Heines in Berlin

Der Dichter, der zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend unbekannt ist, kommt im März 1821 nach Berlin. Er will, bis dahin Student der Rechte an der Universität in Göttingen und dort wegen einer Duellaffäre exmatrikuliert, sein Studium an der Berliner Universität, die damals noch den Namen Friedrich-Wilhelm-Universität trägt, fortsetzen. Unter der Nummer 226 wird er hier am 4. April 1821 als Student der Jurisprudenz eingeschrieben, wie aus dem Eintrag in der Immatrikulationsliste, die im Archiv der Humboldt-Universität aufbewahrt wird, hervorgeht. Hier sei gleich erwähnt, daß er die Universität im Mai 1823 verläßt, nach Göttingen zurückgeht und dort 1825 promoviert.

In den über zweieinhalb Jahren dieses ersten Berlin-Aufenthaltes entwickelt sich Heine vom relativ unbekannten Poeten, der noch sehr der Romantik verhaftet ist, zum mehr und mehr politisch denkenden Dichter. Bei Gerhard Wolf heißt es dazu, daß es erstaunlich ist,

wie Heine schon in den ersten Wochen seines Berliner Aufenthaltes an Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein gewinnt.

Er knüpft schnell Kontakte zu literarischen Gesellschaften und verkehrt häufig in Salons – besonders in dem der Rahel Varnhagen von Ense, die zu der Zeit in der Französischen Straße 20, Ecke Friedrichstraße wohnt (hier befindet sich heute das Kaufhaus Galeries Lafayette), wo er auf berühmte Persönlichkeiten wie beispielsweise Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Schleiermacher und Alexander von Humboldt, Schriftsteller wie Adelbert von Chamisso, Christian Dietrich Grabbe, Willibald Alexis, Bettina und Achim von Arnim und andere trifft. In der Universität interessieren ihn weniger die Vorlesungen in seinem Fach an der juristischen Fakultät, sondern viel mehr andere Fachgebiete. Dazu heißt es wiederum bei Gerhard Wolf:

Er hört Hegel und Raumer, Griechische Literaturgeschichte bei Böckh und Preußisches Landrecht bei Savigny in der Universität, den Blick aus dem Hörsaal immer auf das gegenüberliegende Opernhaus gerichtet, dessen wichtigste Aufführungen er besucht. Er kennt die bekannten Berliner Cafés mit den Stadtgrößen aller Coulèur, die er bald in seinen Briefen aus Berlin präsentiert, witzig und stilsicher…

In diesen Briefen, die Heine zwischen Januar und Juni 1822 schreibt, schildert er sehr detailliert das bürgerliche Leben in der Stadt in all seinen Facetten, ob es sich um Musik, insbesondere die Oper wie beispielsweise Webers Freischütz, um Literatur, Architektur, Denkmale oder auch um Bälle und Hoffeste handelt, oder aber um seine Beobachtungen auf seinen Stadtspaziergängen. (Briefe aus Berlin, siehe Werke Band 3, Seite 495 bis 558; wer sie noch nicht kennt, sollte sie unbedingt selbst in Gänze lesen, was ich auch für das im Quellenverzeichnis genannte Buch von Gerhard Wolf, insbesondere dessen Nachwort, empfehle).

Dr. Günter Witt meint, daß Heine mit den „Briefen aus Berlin“ der Schöpfer eines neuen Genres, der literarischen Publizistik, sei. (siehe „Heinrich Heine, Persönlichkeiten in Berlin“).

Auch gesellschaftspolitische Betrachtungen spielen in Heines Briefen eine Rolle, wenngleich oft nur angedeutet, weil er dabei stets die preußische Zensur zu beachten hat, die alle kritischen Äußerungen zu unterbinden weiß. Das geschieht oft allein schon in vorauseilendem Gehorsam der Redaktionen. Das ist auch eine der Hauptursachen, die Heine veranlassen, nach seinem dritten Brief keine weiteren mehr folgen zu lassen. In einem Brief an seinen Freund Ernst Christian August Keller vom 1. September 1822 schreibt er dazu:

In meinem dritten Briefe aus Berlin ist auf unverzeihliche Weise geschnitten worden. Schultz schreibt, es sei die Zensur gewesen. Nicht allein, daß jener Brief, die Spuren meiner krankhaften Stimmung tragend, unerquicklich ausfiel, mußte die Zensurschere noch verursachen, daß ich Unsinn sprach. – Ich werde schwerlich mehr als zwei Briefe noch schreiben.
(siehe Werke, Band 8, Seite 50)

Nun, er schrieb auch diese zwei angekündigten Briefe nicht mehr.

Kommen wir aber noch einmal zurück auf den ersten Brief, in dem er den Leser auf seinen Spaziergang durch Berlins Mitte, von der Königstraße über die lange Brücke und den Schloßplatz bis zur Universität mitnimmt, die er ebenso beschreibt wie das schräg gegenüberliegende Opernhaus. Unwillkürlich gehen meine Gedanken dabei zu dem Platz daneben, dem heutigen Bebelplatz (früher Opernplatz), auf dem die Faschisten am 10. Mai 1933 auch die Werke Heinrich Heines ins Feuer warfen. Davon konnte er damals noch nichts wissen. Aber schon in seinem Drama „Almansor“, das im November 1821 in der Berliner Zeitschrift „Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz“ mit dem Zusatz „Fragmente aus einem dramatischen Gedicht“ und 1823 bei Ferdinand Dümmler in Berlin unter dem Titel „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo“ erscheint, heißt es:

Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
(Werke, Band 2, Seite 490)

Welch unvorstellbares Ausmaß diese Voraussage einmal annehmen würde, konnte Heine wohl kaum erahnen.

Denkmal für die Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz
Ein Blick in die leere Bibliothek – das von Micha Ullmann geschaffene Mahnmal an die Bücherverbrennung der Faschisten auf dem heutigen Bebelplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2010), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Heute befindet sich an dieser Stelle ein unterirdisches Mahnmal, geschaffen von dem israelischen Künstler Micha Ullmann, das an die Bücherverbrennung erinnert. Durch eine Glasplatte sieht man weiße leere Bücherregale. Mein Aufruf geht an alle Berliner und Berlin-Besucher, die ihr über den Bebelplatz flaniert: Verweilt an dieser Stätte und gedenkt des großen deutschen Dichters Heinrich Heine sowie aller Autoren und ihrer Werke, die von den Faschisten vernichtet werden sollten, aber heute allen Menschen zugänglich und aktueller denn je sind.

Als Heine 1821 nach Berlin kommt, ist er, wie schon erwähnt, noch weitgehend unbekannt. Er beabsichtigt aber, diesen Zustand schnell zu verändern. Dazu wendet er sich an den Herausgeber der Zeitschrift „Gesellschafter“, Friedrich Wilhelm Gubitz. Gerhard Wolf schreibt, daß Heine mit einem Manuskript Gedichte zu Gubitz geht,

…um sich ihm wirkungsvoll-bescheiden mit den Worten einzuführen: Ich bin Ihnen völlig unbekannt, will aber durch Sie bekannt werden.

Und weiter unten:

Der beunruhigenden Eigenart dieser Gedichte kann sich Gubitz nicht entziehen; er vermittelt Heine an die Maurersche Buchhandlung, die seinen Erstling noch im gleichen Jahr verlegt…
(zitiert nach Gerhard Wolf: „Heine in Berlin“, Seite 281/282)

Aber schon hier bekommt es der Dichter mit der Zensur zu tun. Gubitz zumindest rät zu einigen Korrekturen und Heine nennt auch späterhin solcherlei „Hinweise“ gubitzen. Bereits ein Jahr später, 1823, erscheinen im Verlag Dümmler die „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo“.

1822 schließt sich Heine dem „Verein für die Kultur und Wissenschaft der Juden“ an, der im Jahre 1819 in Berlin gegründet worden war. Hier hält er auch Vorträge über deutsche Geschichte und Literatur. Zugleich erfährt er viel über die Lage der Juden in Preußen, zu einer Zeit, als die nach den Reformen unter Hardenberg (Edikt vom 11. März 1812) erreichten Bürgerrechte wieder eingeschränkt werden. So wird beispielsweise durch königlichen Beschluß vom August 1822 das Recht für Juden auf akademische Lehr-und Schulämter wieder aufgehoben.

Aus „Heinrich Heine – Chronik seines Lebens und Werkes“ von Fritz Mende erfahre ich, daß Heine zwar am 19. Mai 1823 Berlin wieder verläßt, daß die Exmatrikulation an der Berliner Universität jedoch erst am 24. Dezember 1823 vorgenommen wird. Dies erledigt sein Freund Moser für ihn. Schließlich wird er dann am 30. Februar 1824 erneut an der Universität Göttingen immatrikuliert.

Zweiter und dritter Aufenthalt Heines in Berlin

Wie eingangs schon erwähnt, weilt Heinrich Heine noch zweimal in Berlin.

1824

In diesem Jahr kommt er zu einem relativ kurzen Besuch in die Stadt. Er trifft am 6. April 1824 ein, um vor allem seine Freunde und Bekannten, insbesondere die Varnhagens, zu treffen. Gerhard Wolf schreibt dazu unter anderem:

Sein Aufenthalt im Jahre 1824 war nur von kurzer Dauer. Er muß sich beim Staatsrat Schultz wegen einer Aufenthaltsgenehmigung melden, und dieser nahm ihn, wie Varnhagen von Ense erzählt, streng ins Gebet, ‚fragte genau nach seinen Absichten, warnte ihn vor Umtrieben und warf ihm vor, daß er sich früherhin der preußischen Regierung durch seine Ansichten verdächtig gemacht. ,Mein Gott!‘ sagte Heine mit höflichster Emphase, ‚ich habe immer dieselben Ansichten wie die Regierung, ich habe gar keine! ‚
(a. a. O., Seite 296)

Und weiter heißt es dann:

Gubitz schickt er dreiunddreißig Gedichte für den ‚Gesellschafter‘, darunter den anspielungsreichen Vierzeiler:

Blamier mich nicht mein schönes Kind,
Und grüß mich nicht unter den Linden;
Wenn wir nachher zu Hause sind,
Wird sich schon alles finden.
(a. a. O., Seite 296)
(Das Gedicht siehe auch Werke, Band 2, Seite 264.)

Max Liebermann: Illustration zu Der Rabbi von Bacherach.
Illustration Max Liebermanns zu Heinrich Heines „Der Rabbi von Bacherach‘‚, entstanden 1922/1923.
Quelle: Wikimedia Commons, Künstler: Max Liebermann, Lizenz: gemeinfrei, da urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.

Während dieses Aufenthaltes hat er auch Kontakt zur jüdischen Gemeinde, nimmt an einem „Seder“-Abend des Pessach-Festes teil. Hier soll er auch zu seinem „Rabbi von Bacherach“ angeregt worden sein. Dieses Werk bleibt „Ein Fragment“, wie es auch im Untertitel heißt. Es wird als sicher angenommen, daß es eine ursprünglich umfangreichere Fassung gab, die bei einem Brand 1833 im Hause der Mutter wohl Opfer der Flammen wird. Heine veröffentlicht das Werk dann 1840 in der heute bekannten Form (siehe Anmerkungen in: Werke, Band 4, Seite 597). Die Lektüre dieses Buches, in dem Heine Judenpogrome thematisiert, empfiehlt sich uns aus heutiger Sicht, wo antisemitische Tendenzen erneut in der Welt zunehmen. Auch in dieser Hinsicht, so meine ich, hat uns der Dichter noch immer viel zu sagen. Es lohnt, darüber nachzudenken.

Am 29. April 1824 reist Heine bereits aus Berlin wieder ab.

1829

Am 23. Januar 1829 trifft Heinrich Heine zu seinem dritten Aufenthalt in Berlin ein. Zunächst nimmt er im Hotel „Stadt Rom“ Quartier, dann wohnt er in der Friedrichstraße Nr. 47 bei Friedländer. Gerhard Wolf schreibt:

…die Stelle ließe sich bei braver Nachforschung finden, selbst wenn das Haus sicher nicht mehr steht.

Es lohnt wohl der Mühe nicht, denn es würde sich dort kein Hinweis auf den Dichter finden.

Heinrich Heine - Zeichnung von Franz Theodor Kugler
Heinrich Heine, gezeichnet von Franz Theodor Kugler im Jahr 1829. Heine notierte darauf eigenhändig: „So sah ich aus heute Morgen, den 6ten April 1829 H. Heine„.
Quelle: Wikimedia Commons, Künstler: Franz Theodor Kugler, Lizenz: gemeinfrei, da urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.

Er bleibt in der Stadt bis zum 17. April 1829. In dieser Zeit trifft er wiederholt Freunde und Bekannte. Vor allem sind auch hier Rahel und Karl August Varnhagen von Ense zu nennen. Er hat Kontakte zu Wilhelm Hensel und Franz Theodor Kugler, die ihn zeichnen. Er lernt im Hause der Mendelssohns den jungen Felix Mendelssohn Bartholdy und dessen Schwester Fanny kennen. Auch besucht er die Wiederaufführung der „Matthäuspassion“ von Johann Sebastian Bach, die unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Singakademie aufgeführt wird. Diesem kommt das Verdienst zu, den bis dahin fast vergessenen Bach wiederentdeckt zu haben. In seiner späteren Tätigkeit als Chefdirigent des Gewandhausorchesters in Leipzig verhilft er dessen Musik zu neuer Bekanntheit.

Heine hegt in dieser Zeit auch den Plan, sich um eine Privatdozentur an der Berliner Universität zu bemühen, was aber wegen genereller Vorbehalte preußischer Behörden gegenüber kritischen Geistern, wie er einer ist, von vornherein undenkbar ist. Schließlich übersiedelt er am 17. April 1829 nach Potsdam. Hier wohnt er Hoher Weg Nr. 12 bei Witte. Laut Roland Schiffter ist das heute die Friedrich-Ebert-Straße 121. Hier arbeitet er an den „Reisebildern“, insbesondere an seiner „Italienischen Reise“, von der er vor seinem dritten Berlin-Aufenthalt zurückgekommen ist.

Mitte Juli kehrt Heine nochmals kurz nach Berlin zurück und reist dann am 20. Juli 1829 nach Hamburg ab.

Berlin sieht er nie wieder. Er bleibt aber mit seinen Freunden stets in brieflichem Kontakt, auch von seinem Exil in Paris aus. Auch hier ist wieder Varnhagen von Ense an erster Stelle zu nennen, mit dem er bis zu seinem Tode 1856 verbunden bleibt. Ihm hat er auch seinen „Atta Troll“ gewidmet, der als Buchausgabe 1847 erscheint. Da lebt er schon in Paris. (siehe „Atta Troll“, Caput XXVII, in Werke, Band 1, Seite 426 und dazugehörende Anmerkungen Seite 541ff.)

Heinrich Heine in unserer Gegenwart

Der vorstehende Teil meiner Ausführungen gilt Heines persönlichen Aufenthalten in Berlin. Im nachfolgenden Teil will ich darauf eingehen, welche Spuren des Dichters wir heute in unserer Stadt finden können, die uns an ihn erinnern.

In seinem ersten Brief aus Berlin lese ich, wie er durch Berlins Mitte spaziert, von der Poststraße über die Lange Brücke und den Schloßplatz zum Lustgarten, dann über die Hundebrücke (die heutige Schloßbrücke, die zu DDR-Zeiten Marx-Engels-Brücke hieß), an der Friedrich-Wilhelm-Universität (heute Humboldt-Universität) und dem gegenüberliegenden Opernhaus und Opernplatz (heute Bebelplatz) vorbei, um dann Unter den Linden entlang zu flanieren. Über diese Straße schreibt er:

Ja, das sind die berühmten Linden, wovon Sie soviel gehört haben. Mich durchschauert’s, wenn ich denke: Auf dieser Stelle hat vielleicht Lessing gestanden, unter diesen Bäumen war der Lieblingsspaziergang so vieler großer Männer, die in Berlin gelebt; …
(Werke, Band 3, Seite 502)

Mag sein, es klingt zu pathetisch, aber es geht mir an dieser Stelle ebenso, wenn ich denke: hier ist mein verehrter Heine gewesen, hier ist er spazieren gegangen, hat in dieser Universität studiert, war oft in der Oper und nicht zuletzt an der Ecke zur Charlottenstraße im berühmten Café Royal, das es heute längst nicht mehr gibt, wo er damals jedoch andere berühmte Zeitgenossen traf. Und ich will auch nicht darauf verzichten, sein Gedicht, das an dieser Stelle einfach dazugehört, zu zitieren:

Ja Freund, hier unter den Linden
Kannst du dein Herz erbaun,
Hier kannst du beisammen finden
die allerschönsten Fraun.

Sie blühn so hold und minnig
im färbigen Seidengewand;
Ein Dichter hat sie sinnig
Wandelnde Blumen genannt.

Welch schöne Federhüte!
Welch schöne Türkenschals!
Welch schöne Wangenblüte!
Welch schöner Schwanenhals!
(Werke, Band 3, Seite 502/503)

In seinen Briefen aus Berlin lese ich eine wunderbare Beschreibung des damaligen Berlins. Ich gewinne eine Vorstellung davon, wie die Stadt zu dieser Zeit aussieht und wie sie und ihre Bürger auf den Dichter wirken.

Aber zurück zu der Frage, wo ich im heutigen Berlin Hinweise auf Heinrich Heine finde.

Heinrich-Heine-Straße
Blick in die Heinrich-Heine-Straße in Berlin-Mitte.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Zunächst ist auf die Straße zu verweisen, die durch den Beschluß des Magistrats von Berlin vom 22. Juli 1960 seinen Namen trägt. Sie ist die einzige nach ihm benannte Straße in Berlin, liegt im Stadtbezirk Mitte und verläuft von der Köpenicker Straße bis zur Prinzenstraße an der Stadtbezirksgrenze zu Kreuzberg. Hier ist auch die Station der U-Bahnlinie 8, gelegen zwischen den Bahnhöfen Jannowitzbrücke und Moritzplatz, nach ihm benannt.

Eine besondere Ehrung erfuhr Heine auch dadurch, daß ein ganzes Ostberliner Stadtviertel mit etwa 10.000 Einwohnern seinen Namen erhielt. Und auch wenn der Name Heinrich-Heine-Viertel heute auf keiner Karte offiziell verzeichnet ist, ist er doch vielen Berlinern als inoffizielle Bezeichnung für das Wohngebiet um die gleichnamige Straße geläufig. Namensträger wurden auch eine Schule und eine Buchhandlung. Seit 1957 verlieh der Minister für Kultur der DDR den bereits 1956 gestifteten Heinrich-Heine-Preis für hervorragende Werke der Lyrik und der literarischen Publizistik. Der Preis wurde jährlich am 13. Dezember, dem Geburtstag Heines, vergeben, letztmalig 1990.

Aber wie steht es mit den Denkmalen für den Dichter?

Kurt Tucholsky schrieb in der Zeitschrift „Die Weltbühne“, Nr. 28 vom 9. Juli 1929, Seite 58:

Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist.

Keineswegs kann ich hier für das ganze Land zur heutigen Situation etwas sagen, wohl wissend, daß man sich im Westen Deutschlands lange Zeit schwer damit getan hat. Selbst in Heines Geburtsstadt Düsseldorf hatte es lange gedauert, bis ihr größter Sohn entsprechende Würdigung fand. Hier soll nur von Berlin die Rede sein. Nun, auch hier gibt es wohl noch mehr Kriegerdenkmale, aber erfreulicherweise haben wir drei für Heine. Welche Stadt in Deutschland kann das von sich sagen?

Heine-Denkmal am Kastanienwäldchen
Das Denkmal für Heinrich Heine am Kastanienwäldchen. Dies ist eine Kopie des von Waldemar Grzimek geschaffenen Originals, das im Weinbergspark steht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wenden wir uns zunächst dem sehr schönen Bronzedenkmal von Waldemar Grzimek im Kastanienwäldchen in Berlin-Mitte zu. Hierbei handelt es sich allerdings um eine Kopie, die erst im Jahre 2002 hier aufgestellt wurde. Zum Original komme ich weiter unten. Zunächst zitiere ich eine Passage aus Eberhard Esches Buch „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen“, in der er auf diese Kopie eingeht und die mir hier ganz passend erscheint. Er schreibt dort, daß er ursprünglich gefragt worden war, ob er in einer Kommission mitarbeiten wolle, die eine Kopie des Denkmals in Berlins Mitte aufzustellen plane. Wörtlich heißt es dann weiter:

Doch eine Heine-Kopie steht nun, ohne mein Dazutun, ein wenig deplaziert und verloren vor einem Gitter. Steht der Suchende mit dem Rücken zur Staatsoper, entdeckt er rechts neben der Berliner Universität, etwas nach hinten versetzt, einen Sockel. Und auf dem Sockel sitzt die Kopie. Und hinter dem Gitter, vor dem der Heine sitzt, steht rechts von ihm, auch verloren, doch schon ein wenig länger verloren, ein anderer Bronzemann. Es ist der Entdecker der Selensäure, der Übermangansäure, des Nitrobenzols, des Azobenzols, der Benzolsulfosäure und des allbekannten Benzols. Der vergessene Name dieses deutschen Chemikers ist Eilhard Mitscherlich. An diesen verdienstvollen Mann, ohne den das Autofahren undenkbar wäre, denkt heute beim Autofahren auch keiner mehr. Der Dichter, an den auch keiner mehr denkt, war der Mitschöpfer der deutschen Sprache und des deutschen Denkens und des deutschen Humors. Oder wie sich Heine selbst nannte: Ein humoristischer Schriftsteller. Liegt es am Zustand des heutigen deutschen Humors, daß ihn, mit Ausnahme der Deutschlehrer, nur noch wenige Menschen zur Kenntnis nehmen?

Doch tröstet es mich andererseits, daß besagter Platz umrahmt wird vom Hinterteil von Schinkels Wache, dem Zeughaus, dem ehemaligen Preußischen Finanzministerium im Palais am Festungsgraben und der ehemaligen Singakademie, dem heutigen Maxim-Gorki-Theater. Und genau hier führte 1829 Mendelssohn-Bartholdy die vergessene Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach, unserem großen Bach auf. Den hatte man auch mal vergessen. Und sehen wir nun den vergessenen Eilhard, den vergessenen Heinrich, den einst vergessenen Johann, dann gäbe der Platz doch fürs erste Raum genug, um weitere Standbilder von vergessenen Deutschen aufzustellen, die keiner mehr liest, an die keiner mehr denkt, von denen keiner mehr was weiß. Das wäre ein wertvoller Beitrag des deutschen Gedenkens an das Nichtdenken in Deutschland.

So gedacht, stehen die beiden Herren eigentlich putzig richtig an dieser Stelle, da sie hier wirklich kaum auffallen.
(Seite 375/376)

Eberhard Esche verstarb im Jahre 2006. Ich wünsche mir sehr, daß dieser geniale Schauspieler, der seit 1961 am Deutschen Theater in Berlin in vielen bedeutenden Rollen zu sehen war, nicht vergessen wird. Seine Soloprogramme am Deutschen Theater, in denen er Goethes „Reinecke Fuchs“ und vor allem auch Heinrich Heines „Deutschland ein Wintermärchen“ vortrug, sind legendär. Allen Heine-Freunden sei an dieser Stelle auch die CD-Box empfohlen, auf der Esche mit dem „Wintermärchen“ zu hören ist.

Heinrich-Heine-Denkmal im Volkspark am Weinbergsweg
Das originale Heinrich-Heine-Denkmal von Waldemar Grzimek im Volkspark am Weinbergsweg.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Von der Kopie nun also zurück zum Original des Heine-Denkmals, das 1954 geschaffen wurde. Es steht am Rand des Volksparkes am Weinbergsweg, in der Rosenthaler Vorstadt an der Ecke Veteranen- und Brunnenstraße. Der Dichter sitzt auf seinem Hocker, wohl gerade eines seiner Gedichte rezitierend, dabei die Arme bewegend, so, als ob er eben zu uns späche. Um den Sockel ist ein Bronzefries angebracht, auf dem Reliefszenen zu sehen sind. Auf seiner Vorderseite findet man die Heine-Worte:

Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein, daß wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen.

Das Denkmal wurde erst 1958 hier aufgestellt. Aus den von mir gesichteten Quellen erfahre ich, daß der Künstler dazu den Auftrag vom Berliner Magistrat bekam, der die Aufstellung anläßlich des 100. Todestages Heinrich Heines 1956 im Kastanienwäldchen plante. Die Plastik habe dann den Auftraggebern, andere Quellen nennen die Führung der SED, nicht gefallen, und daher sei sie über eine zeitweilige Lagerung auf der Museumsinsel an den jetzigen Standort verbannt worden. Roland Schiffter verweist auch darauf und meint dazu:

Heine scheint verschmitzt-versonnen etwas erklären zu wollen. Die Pose wurde ihm zum Verhängnis… Der Statue fehlte jedes Heldentum, sie war ‚zu introvertiert‘ und ‚ohne Pathos und Monumentalität‘.
(in: „Auf den Spuren Heines in Berlin“, Seite 20)

Am Weinbergsweg findet Heine aber seitdem offenbar viel Anklang, denn als zum 200. Geburtstag des Dichters 1997 eine Umsetzung in das Kastanienwäldchen geplant wurde, sprachen sich viele der Anwohner dagegen aus. So kommt es letztlich zu der Kopie, die, laut der Aufschrift an deren Sockel, von Peter Dussmann gesponsort wurde.

Man muß das Original aufsuchen, wenn man sehen will, daß es wirklich gut angenommen wird. Dazu zitiere ich nochmal Eberhard Esche:

Doch die grüne Patina an den Knien und Händen des großen Deutschen Dichters von Kinderhänden weggerieben und so die goldene Bronze erglänzen gemacht – das findet man nur am Weinbergsweg.

Und daran anschließend bringt er das Gedicht von Peter Hacks, das auch hier nicht fehlen soll:

Der Heine auf dem Weinbergsweg

Der Heine auf dem Weinbergsweg
Hat einen goldnen Zeh
Und einen goldnen Daumen.
Der Zeh tut ihm nicht weh.

Die Kinder, wenn sie steigen
Aufs Knie dem Dichtersmann,
Fassen sie erst die Zehe
Und dann den Daumen an.

O deutsches Volk, erobere
Dir deiner Meister Knie.
Dann wetzt du ab die Patina
Vom Gold der Poesie.
(a. a. O., Seite 377)

Als Bewunderer dieses Kunstwerkes kenne ich natürlich das Original, gehe immer mal wieder zu ihm hin, und ich kann versichern, daß auch gegenwärtig Zehe, Knie und Daumen unseres Dichters golden glänzen.

Heinrich-Heine-Denkmal im Heine-Viertel
Das Heinrich-Heine-Denkmal von Carin Kreuzberg im Heine-Viertel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wie schon erwähnt, hat Berlin glücklicherweise noch ein drittes Heine-Denkmal. Geschaffen von der Künstlerin Carin Kreuzberg, steht es in Mitte, im Heinrich-Heine-Viertel an der Heinrich-Heine-Straße, Ecke Köpenicker Straße. Hier wurde es im Februar 1991 zum 135. Todestag des Dichters aufgestellt. Dem Heine-Verehrer, der am Weinbergsweg, so wie ich, auf den Gedanken verfällt, diese dritte Stätte gleich danach aufzusuchen, sei folgendes empfohlen: vom Original kommend ein paar Schritte in die Brunnenstraße in Richtung Rosenthaler Platz gehen; am gleichnamigen U-Bahnhof in die U-Bahn in Richtung Hermannstraße ein- und an der Station Heinrich-Heine-Straße aussteigen; das Ziel ist bereits erreicht. Hier steht die Heine-Plastik, etwas hinter Buschwerk versteckt, gleich hinter dem Eingang zur U-Bahn.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine stehende Figur des Dichters, die von zwei versetzt montierten Relieftafeln eingerahmt wird, die figürliche Darstellungen und Heine-Gedichte enthalten. Für mich wirkt die Statue etwas abstrakt. Vielleicht kann man Roland Schiffter zustimmen, wenn er schreibt:

…(die Statue) zeigt einen Heine in der tiefsinnigen Haltung eines leidenden Bekenners.
(a. a. O., Seite 22)

Eine weitere Erinnerung an Heine findet man in der Behrenstraße in Mitte. Hier wohnte er von 1821 bis 1822 bei seinem ersten Aufenthalt in Berlin in der Nummer 71. Im Heine-Jahr 1956 wurde dort eine Gedenktafel angebracht. Es ist nicht mehr dasselbe Haus, wo er in der 3. Etage ein möbliertes Zimmer mietete. In dessen Nachfolgebau befinden sich heute Büros von Abgeordneten des Bundestages. In der DDR gehörte der Bau zum Ministerium für Volksbildung beziehungsweise zur Akademie der Pädagogischen Wissenschaften.

An drei weiteren Adressen aus der Zeit bis 1823, wo Heinrich Heine Quartier nimmt, findet sich keinerlei Hinweis. So nicht in der Mauerstraße 51, wo sich heute (auch ein Folgebau) das Ministerium für Arbeit und Soziales befindet. Und es findet sich auch in der Taubenstraße 32 und Unter den Linden 24 nichts, was an Heine erinnert.

Auch an der Ecke Friedrichstraße / Französische Straße, wo heute das Kaufhaus Galeries Lafayette steht und zu Zeiten von Heines Aufenthalten in Berlin Rahel Varnhagen ihren Salon unterhielt, den Heine immerhin so oft besuchte, daß er ihn als „mein Vaterland“ bezeichnete, findet sich kein Hinweis auf den Dichter.

Wer sich jedoch an Heine richtig erinnern will, sollte sich nicht damit begnügen, hin und wieder vor einem der beschriebenen Gedenkorte zu verweilen. Ein Dichter lebt in den Menschen erst richtig weiter, wenn sein Werk von ihnen gelesen wird und sie sich damit auseinandersetzen, wenn sie sich fragen, ob er ihnen heute noch etwas zu sagen hat. Ich glaube, der Dichter Heinrich Heine – und hier komme ich auf das an den Anfang dieses Beitrags gestellte Zitat zurück – hat uns Heutigen eine ganze Menge zu sagen. Unterstreichen möchte ich das zum Abschluß mit einem Zitat von Sigrid Damm. Sie sagte in ihrer Rede bei der Übergabe der Strittmatter-Nachlässe an die Akademie der Künste:

Die Zukunft gewinnen wir nur im Umgang mit unserer Vergangenheit. ‚Mit dem Vergessen füttern wir den Tod, das Unvergeßbare aber ist ein Zukunftsstück.‘
(zitiert nach: Ulrich Kaufmann: „Die Schmerzgezeichneten müssen es sein… Zum Werk von Sigrid Damm“, quartus-Verlag, Bucha bei Jena, 1. Auflage 2017, Seite 182)

Heine, Heinrich
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