Grand-Hôtel Alexanderplatz - 1903

Geschichten um die „Bärenlina“

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 5 der Beitragsserie "Die Berolina"

Viva la Signorina Forckenbeck!

Als im Jahre 1895 die Berolina auf dem Alexanderplatz aufgestellt wird, veranstaltet man mit den in der Stadt anwesenden ausländischen Journalisten eine Rundfahrt mit der Pferdestraßenbahn. Dabei wird ihnen erzählt, daß dem Künstler Emil Hundrieser, der die Berolina geschaffen hatte, die Tochter des damaligen Bürgermeisters Forckenbeck Modell gestanden habe. Das stimmt zwar nicht, denn als Modell für die Berolina hatte Hundrieser eine ehemalige Blumenverkäuferin, die 26-jährige Anna Sasse, gedient, doch wissen das ja nicht die Journalisten. Als sie daher bei der Berolina ankommen und von ihr ganz entzückt sind, rufen einige von ihnen – vermutlich Italiener – begeistert aus: “Viva la Signorina Forckenbeck!”

Die beiden Kapseln

Bei der Wiederaufstellung der Berolina auf dem Alexanderplatz im Jahre 1933 findet man im Inneren der Figur eine verschlossene Kapsel. Man ist einigermaßen erstaunt und wohl auch ein wenig verwirrt, denn es lassen sich beim besten Willen keinerlei Aufzeichnungen darüber finden, daß diese Kapsel geschaffen wurde und wie sie ins Innere der Statue gekommen war. Da man annimmt, sie enthalte eine Urkunde und sonstige Erinnerungsstücke an die Enthüllung der Figur, soll sie in Gegenwart eines Staatskommissars geöffnet werden.

Doch noch bevor es dazu kommt, meldet sich ein Berliner Fabrikant namens Max Schohaus, der in der Berliner Oranienstraße ansässig ist, und erzählt die erstaunliche Geschichte, er habe 1895 bei der Firma Friedrich Peters, die den Auftrag für die Herstellung der Berolina-Figur erhalten hatte, als Lehrling gearbeitet. Dabei sei er auch an den Arbeiten an der Statue beteiligt gewesen. Als die Figur nahezu fertig auf dem Alexanderplatz gestanden habe und nur noch ein kleines Stück des kupfernen Rückenteiles fehlte, sei er auf den Gedanken verfallen, seiner Mitarbeit an der Statue ein Denkmal zu setzen. Er habe sich einen Bogen Pergamentpapier gekauft und darauf fein säuberlich mit chinesischer Tusche seinen Lebenslauf gemalt. Dieses Dokument habe er dann in der Kapsel verlötet. Kurz vor der Einweihung sei er dann durch die Öffnung im Rücken der Statue in diese hineingekrochen und habe die Kapsel in den hohlen Raum des ausgestreckten Armes geworfen.

Als man nun die Kapsel öffnet, findet man zur allgemeinen Überraschung jedoch etwas ganz anderes darin: eine versiegelte Flasche mit vierzehn einzelnen Schriftstücken. Das umfangreichste dieser Schriftstücke ist der Vertrag, der zwischen dem Hersteller bzw. Gießer der Berolina, Friedrich Peters, und dem Künstler Hundrieser sowie der städtischen Bauverwaltung abgeschlossen worden war und der alle Einzelheiten juristisch genau festlegte. Diesem Vertrag ist ein Handschreiben beigefügt, dessen Inhalt einigermaßen pikant ist. Aus ihm geht nämlich hervor, daß Peters über diesen Vertrag offenbar sehr erbost war. In Zeitungsartikeln jener Zeit wird der Wortlaut dieses Handschreibens wie folgt veröffentlicht:

“Damit die Nachwelt erfährt, wie man im Jahre des Heils 1895 zu Berlin das Kunsthandwerk geachtet, lege ich den Vertrag mit in die Flasche, den der Künstler und die Städtische Bauverwaltung mit mir gemacht hat. Der Leser wird nun der Meinung sein, daß derjenige, mit welchem dieser Vertrag gemacht wurde, ein Dieb oder Betrüger oder Schwindler ist, mit dem man nicht anders verfahren konnte. Dies ist aber nicht der Fall. Der Verfertiger dieser Berolina erfreut sich eines allgemein guten Rufes, ist weit über seine Grenzen des Vaterlandes bekannt und seine Werkstatt ist eine der ersten und besten. Eine Reihe von großen und schönen Arbeiten ist aus seiner Werkstatt hervorgegangen: Petri … (?), Synagoge, Börse, Nationalgalerie, Reichstag, Museum, Gewerbemuseum.

Warum aber unterschreibt man einen solchen Vertrag? Als geborener Berliner von alter Familie war es mir eine Ehre, ein Denkmal in meiner guten Vaterstadt zu machen. Es sollte der Schlußstein meines an Arbeit reichen Lebens sein, auch hätten sich wohl andere gefunden, die den Vertrag unterzeichnet hätten. Ich habe lange geschwankt, da mir der Künstler als ein unduldsamer Mann bekannt war. Ich habs getan und sind mir durch die Launen des Künstlers nicht allein die Freude am Gelingen meines Werkes genommen, es ist mir auch verteuert worden. Dies nennt man den Schutz des Kunsthandwerks. Es soll mein letztes Werk sein. Ich bin 68 Jahre alt. Dies der vollen Wahrheit gemäß geschrieben.

Berlin, den 12. Dezember 1895, gez. Fr. Peters.”

Peters fügte dem Schreiben noch zehn verschiedene Quittungen und Mitgliedskarten von Vereinen bei. Eine ist beispielsweise die des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins. Unter den Quittungen finden sich einige Steuerquittungen, die seinen guten Ruf belegen sollen, zumal sie aus Jahren stammen, in denen schon damals Steuerflucht sehr beliebt war. Ebenso liegen dem Päckchen ein Reklameplakat seiner Firma und eine summarische Aufstellung aller bei der Herstellung der Berolina beschäftigten Personen, vom Gesellen bis zum Werkführer, bei.

Ist diese Geschichte schon erstaunlich genug, bleibt doch die Frage offen, was es mit der Geschichte des Max Schohaus eigentlich auf sich hat. Schnell sind sich die Zeitungsschreiber einig: Es muß eine zweite Kapsel geben. In ihren Artikeln regen sie das Interesse der Öffentlichkeit derart an, daß sich Angestellte des städtischen Tiefbauamtes bemüßigt sehen, noch einmal nach dieser zweiten Kapsel in der Statue zu suchen. Und tatsächlich finden sie bei ihrer Suche diese zweite Kapsel mit dem angegebenen Schriftstück, in dem es unter anderem heißt:

“Aussteller dieses Schriftstücks ist als Lehrling bei der Figur in den letzten 6 Monaten beschäftigt gewesen. Er erlernte das Handwerk bei seinem Vater in den Jahren 1892 bis 1895 und wurde dann vom erstgenannten Meister in Arbeit genommen. Zum Zwecke des dauernden Erhaltens dieses Schreibens ist dasselbe in eine kupferne Hülle gesteckt, und wird höflichst gebeten, dieses nach Auffindung an den Unterzeichneten oder dessen Nachkommen zurückzugeben.”

Man beschließt jedoch im Einverständnis mit dem Urheber des Schriftstückes, dieser letzten Bitte nicht nachzukommen, und stattdessen alle diese Dokumente, erweitert um einen Lageplan des neuen Alexanderplatzes und eine kurze Geschichte des Abrisses und der Wiederaufstellung der Berolina, wieder in einer Kapsel zu verschließen und diese in der Statue zu hinterlegen. Genützt hat es nichts, denn wenige Jahre später werden die Dokumente gemeinsam mit der Berolina von den Faschisten vernichtet…

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