Die Spittelbrücke und die Leipziger Straße um 1778 (Banner)

Spittelbrücke und Spittelkolonnaden: Das ungeliebte Meisterwerk

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 8 der Beitragsserie "Die Spittelkolonnaden"

Der Karren des Händlers, der sich irgendwann in der Zeit des beginnenden 15. Jahrhunderts auf der Teltower Landstraße aus südwestlicher Richtung der Stadt Cölln nähert, ist, als er das Areal des heutigen Spittelmarktes erreicht, immer noch außerhalb der Stadt unterwegs. Langsam rumpelt er auf der holprigen Straße der Stadtmauer entgegen, die vor ihm aufragt. Sein Ziel ist das Teltower Tor, durch das ihn der Weg in die Stadt hinein und zum Markt führt. Der Händler ist froh, daß er diesen häufiger besucht, so daß der Torposten ihn bereits kennt. Andernfalls könnte es ihm leicht passieren, daß er von ihm erst einmal in das kleine Hospital geschickt wird, das das St.-Gertrauden-Stift hier kürzlich errichtet hat. Seitdem in der Stadt in jüngster Zeit einige Seuchen grassierten, ist man dort vorsichtig geworden. Wer fremd ist, den lassen sie nicht hinein, ehe er sich nicht im Spital hat untersuchen lassen. Und wehe jenem, bei dem auch nur der kleinste Verdacht aufkommt, er habe eine gefährliche Krankheit. Den behalten sie gleich dort und stecken ihn in Quarantäne. Bei dem Gedanken daran brummt er mißmutig vor sich hin. Er möchte lieber nicht darüber nachdenken, was dies für seine Geschäfte bedeutete.

Das Hospital, um das der Händler auf seinem Weg in die Stadt am liebsten einen weiten Bogen machen möchte, steht hier seit dem Jahre 1403. Es führt den Namen der Heiligen Gertraudis, der Beschützerin der Armen, der Kranken und der Pilger. Als Quarantänequartier soll es an seinem abgelegenen Ort die Stadt vor Seuchen schützen. Von den Cöllnern wird das Gertraudenhospital schnell vereinfachend auch nur Spital oder Spittel genannt. Dennoch gewinnt der Name der Heiligen in dieser Gegend an Bedeutung. Das nahe Teltower Tor nennt man alsbald einfach Gertraudentor. Und als man in der unmittelbaren Nähe des Spitals eine kleine Kapelle baut, erhält sie anläßlich ihrer Weihe im Jahre 1411 den Namen St.-Gertrauden-Kapelle. Weil jedoch die hier aus der Stadt führende Straße im 18. und 19. Jahrhundert als Chaussee nach Potsdam mit seinen Schlössern immer wichtiger wird, nicht zuletzt als Verbindungsweg für die Könige, wird die kleine Kirche, die sehr prominent an dieser Straße liegt, mehrfach umgestaltet und schließlich nach dem Spital Spittelkirche genannt. Nun, Hospital und Kirche existieren heute nicht mehr. Nur ihre Namen haben sich in dieser Gegend erhalten, führt doch heute die Getraudenstraße direkt zum Spittelmarkt.

Mehr Sicherheit für die Stadt

Es ist der von 1618 bis 1648 Europa und vor allem Deutschland heimsuchende Dreißigjährige Krieg, der Kurfürst Friedrich Wilhelm, eher bekannt als der Große Kurfürst, vor Augen führt, daß die beiden Städte Berlin und Cölln und damit seine Residenz völlig ungeschützt sind. So veranlaßt er die Errichtung einer die Doppelstadt umschließenden Festungsanlage, für die der Baumeister Johann Gregor Memhard die Pläne zu liefern hat. Zehn Jahre nach dem Ende des Krieges beginnen 1658 die Arbeiten. Das Gebiet beider Städte wird mit insgesamt dreizehn Bastionen umgeben, die durch Wälle – sogenannte Kurtinen – miteinander verbunden sind. Diesen lagert man einen Festungsgraben vor, dessen Wasser der durch die Stadt fließenden Spree entnommen wird. Der Graben besteht aus zwei Teilen, die zusätzliche Verbindungen zwischen dem Ober- und dem Unterlauf der Spree herstellen. Der eine, später Königsgraben genannte, umfaßt im Osten Berlin, während der andere im Westen Cölln und den Friedrichswerder umschließt, auf den sich die Stadt mittlerweile ausgedehnt hat. Folgerichtig erhält dieser Teil den Namen Cöllnischer Festungsgraben, wird jedoch später häufiger einfach als Grüner Graben bezeichnet.

Das Leipziger Tor vor Cölln und Berlin um 1690
Das Leipziger Tor vor Cölln und Berlin um 1690, Leopold Ludwig Müller zugeschrieben.
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Kupferstichkabinett, Fotograf: Dietmar Katz, Bearbeitet: Alexander Glintschert
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Die Festungsanlage besitzt nur wenige Tore, durch die Reisende in die Stadt gelangen können oder aus dieser hinaus. Vor dem Gertraudenhospital, das zwischenzeitlich abbrannte und wieder aufgebaut worden war, liegt nun die Bastion IV, die sogenannte Gertrauden- oder auch Spittelbastion, und versperrt den bisher an dieser Stelle verlaufenden Weg aus der Stadt. Das alte Gertraudentor wird daher geschlossen, und man verlegt die ehemals hier einmündenden, von Leipzig, Potsdam und Teltow herführenden Landstraßen ein Stück in Richtung Nordwesten. Ein Reisender auf dem Weg aus der Stadt hinaus muß nun durch die spätere Alte Leipziger Straße über den Friedrichswerder gehen, wo 1683 Johann Arnold Nering ein neues Stadttor errichtet –  in etwa dort, wo heute die Alte Leipziger Straße auf die Niederwallstraße trifft, deren Name noch auf die ehemalige Festung verweist. Weil jedem der Stadttore zur Überwindung des Festungsgrabens notwendigerweise eine Brücke vorgelagert sein muß, sieht Nering für den nun als Leipziger Tor bezeichneten Durchlaß eine hölzerne Zugbrücke vor, die den Grünen Graben quert und den Namen Leipziger Brücke erhält. Der Platz am Spital, der bisher stets vor der Stadt lag, wird auf diese Weise von dieser vereinnahmt. Eine unmittelbare Verbindung zu dem durch das neue Stadttor führenden Verkehrsweg besitzt er jedoch nicht mehr.

Mehr Platz für die Stadt

Eine lange Existenz ist den so aufwendig errichteten Festungswerken jedoch nicht beschieden. Schon als sich das 17. Jahrhundert seinem Ende entgegenneigt, geht ihre militärische Bedeutung mehr und mehr zurück. Vor den Wällen und dem Festungsgraben siedeln sich immer mehr Menschen an, so daß die Vorstädte anwachsen. Es dauert nicht lang, da verlaufen die Wehranlagen an immer mehr Stellen innerhalb der städtischen Gebiete anstatt um sie herum. Folgerichtig sinkt dadurch ihr Nutzen für die Siedlung immer mehr, bis schließlich der mittlerweile regierende Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. nicht mehr umhinkann festzustellen, daß die Festungsanlagen völlig überflüssig geworden sind. Hinzu kommt, daß sie aufgrund der geringen Anzahl von Stadttoren, die ihre Durchquerung ermöglichen, den Verkehr zwischen der Kernstadt und den Vorstädten inzwischen arg behindern. Und so beginnt man nicht einmal hundert Jahre nach dem ersten Spatenstich ihrer Errichtung ab 1732 mit ihrer Beseitigung. Den Anfang macht man auf der Cöllnischen Seite, wo seit dem Ende des 17. Jahrhunderts vor den Wällen die Friedrichstadt entstanden, gewachsen und zu einem Teil der Stadt geworden war.

Zwischen 1734 und 1737 schleift man die Festungswerke westlich und südlich des Spreekanals. Weil das hinter ihnen liegende Stadtgebiet zu jener Zeit bereits dicht bebaut war, haben sich die hinter den Wällen verlaufenden Straßen weitestgehend erhalten. Wandelt man also vom ehemaligen Zeughaus am Boulevard Unter den Linden durch die Straßen Hinter dem Gießhaus, Oberwallstraße, Niederwallstraße und Wallstraße, so kann man noch heute den inneren Abschluß der Wehranlage nachvollziehen, und das nicht nur anhand der Straßennamen, sondern insbesondere auch durch ihren Verlauf. Auf der rechten Seite dieser Straßenzüge lagen die Bastionen, vor denen der Festungsgraben verlief.

Dieser Grüne Graben ist der einzige Teil der Wehranlagen, der deren Beseitigung übersteht. Weil jedoch ein Hauptgrund für den Abriß der Wälle und Bastionen die Schaffung neuer Verkehrsverbindungen zwischen Kernstadt und Vorstädten ist, wird der Bau mehrerer neuer Brücken erforderlich, über die der Festungsgraben überquert werden kann. Man nutzt diese Gelegenheit, um die alte über den Platz am Gertraudenhospital führende Straßenverbindung wiederherzustellen. Dafür läßt König Friedrich Wilhelm I. in den Jahren 1737/38 eine Holzbrücke errichten, die den Platz vor dem Spital über den Grünen Graben hinweg mit der Potsdamer Straße verbindet, die in der neuen Friedrichstadt entstanden war und heute Leipziger Straße heißt.

Plan der königlichen Residenzstadt Berlin von 1740 (Ausschnitt Spittelmarkt)
Plan der königlichen Residenzstadt Berlin von 1740 (Ausschnitt)
In der Mitte ist der Spittelmarkt mit der Gertraudenkirche (mit ‚h‘ gekennzeichnet) zu erkennen, von dem in Richtung Westen eine Verbindung über die hölzerne Spittelbrücke in die Potsdamer Straße (die heutige Leipziger Straße, mit ‚p‘ gekennzeichnet) führt.
Quelle: Johann Marius Friedrich Schmidt, Historischer Atlas von Berlin, Simon Schropp & Comp., 1835 – Digitalisiert durch die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011.
Bearbeitet: Alexander Glintschert
Gemeinfrei, da urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.

Der Baumeister dieser neuen Verbindung zwischen Friedrichstadt und Friedrichswerder ist Titus Favre. Die Brücke, die auf den Namen Leipziger-Tor-Brücke getauft wird, besitzt, weil der ehemalige Festungsgraben hier nicht sehr breit ist, eine Länge von gerade einmal fünfzehn Metern. Um so verwunderlicher mag es zunächst erscheinen, daß ihre Breite der Länge kaum nachsteht. Ganze vierzehn Meter mißt sie von einer Brückenseite zur anderen. Diesen Platz benötigt man für die hölzernen dorischen Säulenlauben, die die beiden Ränder der Brücke säumen. Darin sind sogenannte Boutiquen untergebracht, wie es seit dem 17. Jahrhundert bereits auf der Mühlendammbrücke der Fall war. Diese auf mehreren Berliner Brücken eingerichteten Verkaufsstände sollen die auf den Straßen und Plätzen der Stadt wuchernden, den Verkehr behindernden Buden ablösen. Auf der Leipziger-Tor-Brücke sind diese Boutiquen jedoch ebenso wie auf den anderen Brücken nicht mehr als einfache Holz- und Lehmbuden, deren Dächer kleine Statuen tragen. Die Inhaber der Boutiquen müssen einen Ladenzins an den Magistrat der Stadt entrichten, der die für die Brücke ohne die Materialien angefallenen Baukosten von 2808 Talern dadurch allerdings nur zu einem äußerst kleinen Teil refinanzieren kann. Um 1747 nimmt er beispielsweise für die 24 Boutiquen in einem eineinhalbjährigen Zeitraum gerade einmal 54 Taler ein. Das liegt zu einem großen Teil daran, daß viele Handwerker, Händler und andere Gewerbetreibende die schlechte Beschaffenheit der Buden bemängeln und sich weigern, diese anzumieten und zu beziehen. Die ausbleibenden regelmäßigen Mietzahlungen erschweren es dem Magistrat der Stadt, die permanent erforderlichen Maßnahmen zur Instandhaltung der Brücke und der Buden zu finanzieren, was die Vermietung auch nicht einfacher macht. Selbst die In-Aussicht-Stellung eines dreijährigen Mieterlasses für all jene, die die Buden beziehen und auf eigene Kosten pflegen, und die Bereitstellung einer nächtlichen Schildwache ändern daran nicht viel. So entwickelt sich auf den Brücken nur sehr langsam ein reges geschäftliches Leben.

Mehr Schönheit für die Stadt

Ein bedeutendes Bauwerk ist die Brücke in jener Zeit nicht. Als Friedrich Nicolai 1769 die erste Auflage seiner „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam und aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten“ herausgibt, widmet er ihr darin die folgenden Zeilen:

An und auf der Spittelbrücke ist die Gegend, welche zu Ende des Spittelmarktes rechts nach der Leipzigerstraße [sic!] führt. Die Brücke bedeckt hier den Graben. Auf der Brücke sind Trödelbuden und kleine Häuser.

Der Platz vor dem Gertraudenhospital ist, wie dieser mehr als kurzen und nüchternen Beschreibung zu entnehmen ist, mittlerweile nach diesem benannt, und auch die Brücke trägt nunmehr den dazu passenden Namen. Die von Nicolai erwähnten kleinen Häuser sind Stadtbauten, die einzelne Händler in der Zwischenzeit als Ersatz für die mangelhaften Buden errichtet haben. Weil dies den ohnehin an dieser Stelle schon nicht sehr breiten Grünen Graben mehr und mehr verengt, sieht sich der mittlerweile regierende König Friedrich II. zum Handeln veranlaßt. Er faßt den Entschluß, den Graben mit einer neuen steinernen Brücke massiv überwölben zu lassen.

Das ist schon allein deshalb erforderlich, weil die Leipziger Straße immer mehr an Bedeutung gewinnt – zum einen als Verkehrsader, über die immer noch der Weg nach Potsdam, Leipzig und allgemein in die südwestlich der Stadt gelegenen Landesteile verläuft, zum anderen aber auch als Wohngegend. Unweit der Brücke war dort inzwischen ein neuer Platz entstanden, den man in den 1740er Jahren nach Alexander Graf von Dönhoff benannt hatte. Dieser war zu jener Zeit Kommandant von Berlin und von König Friedrich Wilhelm I. damit beauftragt worden, eben jenen Platz zu bebauen. Dies schien ihm nicht schlecht gelungen zu sein, denn das Ergebnis gefiel ihm selbst derart gut, daß er sich schließlich entschied, auch selbst dort zu wohnen. All dies war einem fortgesetzten Ausbau der Friedrichstadt geschuldet, der zur Folge hatte, daß die Spittelbrücke neben der nicht weit entfernten Jägerbrücke zur wichtigsten Verbindung zwischen diesem neuen Stadtviertel und der Altstadt geworden war.

Friedrich II. möchte jedoch nicht irgendeine Brücke errichten lassen. Er ist in dieser Zeit bestrebt, mit repräsentativer Architektur das in baulicher Hinsicht doch verhältnismäßig nüchtern wirkende Berlin zu verschönern, um es als seine Residenz- und Hauptstadt aufzuwerten. Bereits in ihrem äußeren Erscheinungsbild soll die Stadt die Macht Preußens repräsentieren. Schmuckbauten sind dem König dafür ein probates Mittel, und so läßt er Bauwerke wie den Deutschen und den Französischen Dom errichten, die gemeinsam mit Karl Friedrich Schinkels Schauspielhaus dem Gendarmenmarkt ein repräsentatives Gepräge verleihen. Eine besondere Vorliebe hat der König jedoch für Kolonnaden entwickelt, wie sich in Potsdam und insbesondere Schloß Sanssouci mit ihren vielen Säulengängen eindrucksvoll zeigt. Daher soll nach dem Willen des Königs nun auch Berlin solchen Schmuck bekommen. Die neu zu errichtende Spittelbrücke bietet dafür eine gute Gelegenheit.

Nun ist die Ausstattung von Brücken mit Aufbauten und Verkaufsständen zu jener Zeit nicht wirklich ungewöhnlich. Bereits ein Jahrhundert früher hatte es dies auf der Brücke am Mühlendamm bereits gegeben, und auch die Spittelbrücke hatte bisher schon darüber verfügt. Allerdings war der Baustoff dafür meist Holz gewesen, und wo Stein verwendet wurde, stand eher der praktische Nutzen für Händler im Vordergrund. Eine Ausführung derartiger Aufbauten als architektonischer Prachtbau aus Stein, wie sie Friedrich II. realisieren möchte, gilt daher schon als etwas Besonderes, erst recht, wenn der Grund dafür nicht nur reine Vorliebe ist, sondern auch städtebauliche Erwägungen eine wesentliche Rolle spielen.

Die neuen Kolonnaden sollen die aus der Kernstadt herausführenden Straßen gewissermaßen akzentuieren, indem sie sanft von den städtischen Häuserzeilen zur offenen Landschaft des überbrückten ehemaligen Festungsgrabens überleiten und eine Verbindung zwischen der Innenstadt und den sich entwickelnden Vorstädten schaffen. Hinzu kommt, daß seit dem Abriß der Wälle der verbliebene Graben nicht mehr wirklich gebraucht wurde, so daß man ihm auch keine besondere Pflege angedeihen ließ. Im Ergebnis verfällt er zunehmend und bietet einen eher unattraktiven Anblick, der sich durch prachtvolle Kolonnaden ganz wunderbar verdecken läßt.

Der Monarch vergibt den Auftrag zur Errichtung der neuen Brücke an Carl Philipp Christian von Gontard, einen der bedeutendsten Baumeister jener Zeit, der später die Kuppeltürme der bereits erwähnten beiden Dome am Gendarmenmarkt errichten wird. Für die zwischen 1776 und 1778 errichtete neue Spittelbrücke, die zu beiden Seiten von Kolonnaden eingefaßt ist, müssen die bisherigen hölzernen, schon halb verfallenen Krambuden weichen. Um deren Besitzer nicht zu schädigen, sagt man ihnen zu, daß sie in den neuen Kolonnaden wieder unterkommen werden. Von Anfang an ist also die Unterbringung von Verkaufsständen in den Säulenhallen vorgesehen. Um den dafür erforderlichen Platz zu gewinnen und den Verkehr über die Brücke nicht zu behindern, läßt Gontard die Straße am Standort der Kolonnaden verbreitern. Hatte die alte Brücke noch eine Breite von gerade einmal vierzehn Metern, so mißt die neue von einer Seite zur anderen ganze fünfzig. Weil der Graben nicht sehr breit ist, kommt sie mit einer einzigen Wasseröffnung aus, deren Stützweite zehn Meter beträgt. Als Baumaterial für das Brückengewölbe verwendet Gontard roten rothenburgischen Sandstein. Auch für die Kolonnaden wählt er Sandstein, jedoch keinen roten, sondern weißen.

Als Friedrich Nicolai im Jahre 1786 seine deutlich erweiterte Ausgabe der „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten, und der umliegenden Gegend“ veröffentlicht, vermerkt er unter dem Stichwort Spitalbrücke:

Der jetztregierende König ließ 1776 nach von Gontards Angabe diese Brücke mit rothenburgischen Quadersteinen wölben, auf derselben in zwey Halbzirkeln die Kramladen von weissen [sic!] Quaderstücken bauen, und vor dieselben auf beiden Seiten eine runde Säulenlaube ionischer Ordnung setzen.

Die Spittelbrücke und die Leipziger Straße um 1778
Ansicht der Spittelbrücke mit den Kolonnaden und der Leipziger Straße um 1778, von Carl von Gontard (1731-1791).
Quelle: Architekturmuseum TU Berlin, Inv. Nr. 51069
Bearbeitet: Alexander Glintschert
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Die von Nicolai erwähnten „zwey Halbzirkel“ sind einander an den Seiten der Brücke gegenüberstehende halbkreisförmige Säulengänge, die von der Straße zurücktreten. Diese Arkaden ruhen an ihrer Vorderfront auf glatten ionischen Säulen mit einem Durchmesser von sechzig Zentimetern, die von ihrer Basis bis zum Kapitell eine Höhe von fünfeinhalb Metern erreichen. Hinter den Säulen verläuft ein Wandelgang. Die Mitte beider Hallen bildet jeweils ein Pavillon, der durch Säulen und Pilaster besonders hervorgehoben ist. An ihren jeweiligen Enden werden die beiden Säulengänge durch quadratische Eckbauten abgeschlossen, die auf den Bürgersteig der Brücke hervortreten. Diese verfügen an allen drei Außenseiten über Bogenöffnungen und sind von plastischen Aufbauten mit reichhaltigem Ornamentschmuck gekrönt, die sich durch geschweifte Sockel und knaufartige Spitzen auszeichnen.

Der Dachfirst beider Säulengänge ist mit jeweils zwanzig Verzierungen geschmückt, sogenannten Akroteren, die jedoch nicht aus Stuck bestehen, sondern aus angetragenem Mörtel. Diese Akroteren fügt Gontard erst spät hinzu, denn in einem ersten erhaltenen Entwurf für die Kolonnaden sind sie noch nicht enthalten. Über ihnen plaziert er auf der Attika steinerne Vasen, deren jede eine Höhe von eineinhalb Metern besitzt. Jeden der mittleren Pavillons versieht Gontard über dessen vorderen Säulen mit zwei Puttengruppen, hinter die er einen größeren, mit Trophäen und Kartuschen geschmückten Paradeaufsatz stellt. Dieser Figurenschmuck wird aus Sandstein geschaffen.

Anstelle der früheren Krambuden errichtet man nun feste Ladenräume, deren Eingänge an der Rückseite des Wandelganges liegen. Dessen Rückwände weisen dafür durch Pilaster voneinander getrennte Bogenöffnungen auf, die den Zugang zu den einzelnen Läden gewähren. Sie werden durch vertiefte Wandfelder eingerahmt, in denen Reliefs Geräte des Handels und des Ackerbaus, Laubzweige, Füllhörner mit Blumen und Früchten sowie Waffentrophäen zeigen. Diese Reliefs sind ebenso wie der Figurenschmuck der Pavillons ganz dem Zeitalter des Barock verbunden. Geschaffen werden sie von Friedrich Elias Meyer und seinem Bruder Wilhelm Christian Meyer, die nur wenig später auch die ebenfalls von Gontard entworfenen Königskolonnaden mit reichhaltigem Figurenschmuck ausstatten.

Bei der Gestaltung der Spittelkolonnaden, wie die Säulengänge auf der Spittelbrücke nach ihrer Fertigstellung alsbald genannt werden, läßt sich Gontard von der französischen Architektur seiner Zeit beeinflussen. Er nimmt sich seine 1767, also knapp zehn Jahre früher errichtete Hallenanlage der sogenannten Communs gegenüber dem Neuen Palais in Potsdam zum Vorbild, in der sich dieser Einfluß bereits zu erkennen gibt. Peter Wallé weist in seinem Werk „Leben und Wirken Karl von Gontard’s“ darauf hin, wenn er zu den Communs bemerkt:

Hier entwickelt er zum ersten Male die Sonderart seiner Richtung, die bei jedem Werke auf einen wohl vorbereiteten Kraftpunkt der Gesamterfindung hinarbeitet. Das Vorziehen von freistehenden Ecksäulen und die reichere Umrahmung der Öffnungen, sowie der kraftvolle, auf die Fernwirkung berechnete Aufbau der bekrönenden Obelisken, das alles kehrt mit ähnlichen Motiven in manchen späteren Schöpfungen des Meisters wieder.

Die Communs am Neuen Palais in Potsdam (2016)
Die Communs am Neuen Palais in Potsdam (2016)
Quelle: Ladiszlai, via Wikimedia Commons
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Den direkten Vergleich mit den Communs stellen auch Zeitgenossen an, nicht zuletzt der König selbst, der beide Anlagen beauftragte. Einer Anekdote zufolge kommen die neuen Kolonnaden dabei nicht allzu gut weg, erzählt sie doch, daß Friedrich II., als er jene eines Tages vom Pferde herab besichtigt, in Bezug auf deren Erbauer lakonisch bemerkt:

Sein Talent muß ihn bei dem Bau verlassen haben.

Und ein neidischer Konkurrent Gontards soll die Spittelkolonnaden gar als dessen „ungeratenen Sprößling“ bezeichnet haben.

Nun, wirklich belegt sind diese Begebenheiten nicht. Es mag wahr sein, daß die Spittelkolonnaden das prachtvolle Erscheinungsbild der Communs nicht ganz erreichen. Der Abstand der neuen Kolonnaden zueinander ist aufgrund der dazwischen verlaufenden Straße doch recht groß, und der Einwand, daß derart weit ausschwingende Baukörper nicht gerade gut auf eine Brücke passen, ist wohl auch nicht so ganz von der Hand zu weisen. Daß der König über das Ergebnis jedoch wirklich verärgert gewesen sein soll, erscheint angesichts der Tatsache, daß Gontards Tätigkeit für die königlichen Bauten zu keiner Zeit unterbrochen war, wenig glaubhaft. Vielmehr überträgt Friedrich der Große seinem Baumeister genau zu jener Zeit den Bau der Königsbrücke und ihrer Kolonnaden. Und zu diesen stellt Burkhard Meier in seinem 1929 erschienenen Artikel „Die Spittelkolonnaden in der Leipziger Straße zu Berlin“ fest:

[Die Königskolonnaden] beweisen aber […] nur ein Jahr später, nämlich 1777 […], daß Gontard sich durchaus noch auf der Höhe seines Könnens befand. In ihrer gleichmäßig alle Teile erfassenden Gliederung, in dem Verhältnis der diesmal gepaarten Säulen zur besser durchgebildeten Attika, sind die Königs- den zopfigen Spittelkolonnaden bedeutend überlegen.

Meier vermutet in seinem Artikel, daß der König selbst es war, der die Wiederholung der Communsgalerie befahl, so wie er in anderen Fällen auch gern eingegriffen hatte, und daß diese Einschränkung seinen Architekten behinderte.

Wie dem letztlich auch sei, es wäre ein Fehler, die Spittelbrücke mit ihren Kolonnaden als unbedeutende oder gar mißglückte Leistung Gontards anzusehen. Als eine der Kolonnadenbrücken, die zu jener Zeit anstelle alter Stadttore entstehen, trägt sie ihren nicht unwesentlichen Teil dazu bei, daß sich dieser Bautypus in Berlin zu einer eigenständigen Architekturgattung entwickelt, die maßgeblich durch Carl von Gontard geprägt wird und in Deutschland eine gewisse Einzigartigkeit erlangt.

Nach der Fertigstellung der Spittelkolonnaden dauert es nicht lange, bis die Händler darin ihre Läden eröffnen. Schon bald entwickeln sich feste marktähnliche Verkaufsräume und die Kolonnaden werden zu kleinen Markthallen, zu einer Art Ladenstraße. Die Lädchen, die sich hinten an die Säulenlauben anschließen, werden mit einem Obergeschoß versehen, in dem kleine Wohnungen untergebracht sind, wie einer Beschreibung zu entnehmen ist, die Dr. David Korth 1821 für seine „Neuesten topographisch statistischen Gemälde von Berlin und dessen Umgebungen“ verfaßt:

Die Spittelbrücke […] geht von der Leipzigerstraße [sic!] ohne den geringsten Bogen über den ehemaligen Festungsgraben in die Straße An der Spittelbrücke, ist der Straße ganz gleich gepflastert und verbindet Neu-Kölln mit der Friedrichstadt. Diese Brücke wurde unter Friedrich dem Großen, im Jahre 1776 nach Gontard’s Plan von Steinen aufgeführt. Sie hat auf beiden Seiten eine hohe halbzirkelförmige Säulenlaube, in deren Hintergrunde Kramläden und darüber Wohnungen sind, die die Aussicht auf den Graben und auf die zu beiden Seiten desselben liegenden Hintergebäude und Gärten der daran stoßenden Straßen haben. An dem Gesimse der Säulenlaube, zu beiden Seiten, sind verschiedene Verzierungen angebracht. Das Gewühl auf und an dieser Brücke, wo verschiedene kurze und Baumwollen-Waaren [sic!], Körbe, Blumen etc. verkauft werden, und die Passage darüber nach dem Spittelmarkte ist unbeschreiblich groß und sehr interessant.

Es scheint, als wären die Spittelkolonnaden und ihre Brücke von den Berlinern angenommen worden. Reichlich vierzig Jahre nach ihrer Errichtung sind sie offenbar fest ins Berliner Stadtleben integriert und erfüllen ihren Zweck wie von ihrem Baumeister vorgesehen.


Das Banner auf dieser Seite zeigt eine Ansicht der Spittelbrücke mit den Kolonnaden und der Leipziger Straße (Ausschnitt), Carl von Gontard (1731-1791), um 1778
Quelle: Architekturmuseum TU Berlin, Inv. Nr. 51069
Bearbeitet: Alexander Glintschert
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