Aus dem Lokalteil...

10. Januar 1899: Eisige Angelegenheiten

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 2 der Beitragsserie "Aus dem Lokalteil"

Es ist nur eine kurze Notiz, die der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“, die dreimal wöchentlich erscheinende „Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche Angelegenheiten“, am 10. Januar des Jahres 1899 auf Seite 3 vermerkt:

Meldung zur Eisernte im Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 10. Januar 1899

Auf den Teichen und Tümpeln der Berliner Umgebung ist man schon fleißig bei der Eisernte. Jede noch so dünne Eisschicht sucht man sofort zu bergen und nur hier und da hat man bisher Platten bis zu zwei Zoll Stärke ernten können. Wenn nicht bald ein Witterungsumschlag eintritt, steht leider auch für dieses Jahr eine Eisnoth zu befürchten.

So kurz diese Meldung auch ist, wirft sie doch ein interessantes Schlaglicht auf das Leben in Berlin und seinen Vororten und Vorstädten in den Zeiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die angesprochene „Eisnoth“ ist den Berlinern der heutigen Zeit ja durchaus vertraut, charakterisierte sie doch vermehrt auch die Winter in der zweiten Hälfte des zurückliegenden Jahrzehnts in Berlin und ging zudem mit einem drastischen Schneemangel einher. Doch auch wenn die Beschaffenheit des Berliner Wetters oder gar Klimas um die vorletzte Jahrhundertwende für den einen oder die andere ein durchaus spannendes Thema sein mag, soll das dünne Eis dieser Thematik hier außen vor bleiben. Stattdessen steht ein anderer Aspekt im Vordergrund, auf den die zitierte Meldung hinweist: die Eisernte.

Auch wenn es sicher manchem heute kaum noch vorstellbar erscheint, so sind die Zeiten noch gar nicht so lange her, in denen sich nicht in jedem Haushalt ein Kühl- oder gar Gefrierschrank befand, mit dem man seine Lebensmittel über längere Zeit und insbesondere in den warmen Sommermonaten frisch halten und haltbar machen konnte. Die erste künstliche Kühlung hatte William Cullen zwar bereits im Jahre 1748 vorgestellt und 1756 darüber publiziert, doch von der Entwicklung des heute gebräuchlichen Kühlschranks war man auch 150 Jahre später noch weit entfernt, auch wenn man das Verfahren der künstlichen Kühlung in der Zwischenzeit erfolgreich weiterentwickelt hatte. 1859 verwendete Ferdinand Carré erstmals Ammoniak zu diesem Zweck, das auch in dem 1876 vom deutschen Ingenieur und Unternehmer Carl von Linde entwickelten und nach ihm benannten Linde-Verfahren zum Einsatz kam. Allerdings eignete es sich bestenfalls zum industriellen Einsatz. Für den Hausgebrauch im Wortsinne war die giftige und ätzende Substanz, die zu allem Überfluß auch noch wahrlich übel roch und gerne einmal das eine oder andere Leck verursachte, hingegen wenig tauglich. Erst in den 1920er Jahren war man schließlich in der Lage, das Ammoniak durch andere, weniger unangenehme Chemikalien zu ersetzen, so daß von da an der Kühlschrank seinen Siegeszug in die Haushalte dieser Welt und natürlich auch Berlins antreten konnte.

Bis dahin mußte man sich – insbesondere in den Städten – jedoch anders behelfen. Zum Einsatz kamen Eisschränke, die ihrem Namen alle Ehre machten. Denn in ihnen sorgte gefrorenes Wasser für die Kühlung der Lebensmittel, die darin also im wörtlichen Sinne auf Eis lagen. Doch woher nahm man es, besonders im Sommer?

Wie die eingangs zitierte Zeitungsmeldung verrät, holte man es im Winter aus den Seen, Teichen und Fließgewässern der Umgebung. Natürlich machte sich nun nicht jeder Berliner selbst auf den Weg. Das war schon allein deshalb nicht möglich, weil nicht jeder Haushalt über genügend geeignete Lagerkapazitäten verfügte, um das Eis über längere Zeit und bis in die Sommermonate gefroren zu halten. So übernahmen Eiswerke die Beschaffung des Natureises, das sie im Winter entweder aus natürlichen Gewässern holten oder aber mittels sogenannter Eisgalgen selbst produzierten. Das im Zuge der sogenannten Eisernte gewonnene Eis lagerten sie in Eiskellern oder Eishäusern ein, aus denen sie es dann nach und nach über das Jahr hinweg abverkauften und durch den Eismann an die Haushalte auslieferten.

Grabmal Carl Andreas Julius Bolles
Dies ist das Grabmal Carl Andreas Julius Bolles, des Gründers und Besitzers der traditionsreichen Meierei C. Bolle und der Norddeutsche Eiswerke AG, auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof. Die Grabstätte ist ein Ehrengrab der Stadt Berlin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2012),
Creative Commons Lizenzvertrag

Das älteste Unternehmen dieser Art waren die Eiswerke Louis Thater. Mit ihnen begann im Jahr 1840 in Berlin die Geschichte der Eisindustrie in Deutschland. Ab 1870 waren sie im Adreßbuch zu finden, das ihren Standort in der Residenzstraße 31 in Reinickendorf auswies. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen jedoch viele weitere Eiswerke in Berlin und seiner Umgebung hinzu. Zu den bedeutendsten zählten die Eiswerke am Rummelsburger See. Auch sie wurden im Jahr 1870 erstmals im Adreßbuch aufgeführt. Begonnen hatte ihr Gründer, der Maurermeister Carl Bolle, mit der Eisgewinnung am Rummelsburger See vermutlich bereits 1863. Bereits fünf Jahre später sollen in Rummelsburg achtzehn Eisschuppen bestanden haben, deren jeder ungefähr 30.000 Zentner Natureis aufnehmen konnte. Dem wachsenden Eisbedarf Berlins und seiner Vorstädte entsprechend, erweiterte Bolle seine Natureisbeschaffung um Standorte in Plötzensee und an der Oberspree bei Köpenick. 1872 faßte er sie schließlich in der Norddeutsche Eiswerke AG zusammen. Wirkliche Berühmtheit erlangte Carl Bolle in Berlin mit seiner 1881 gegründeten „Provincial-Meierei C. Bolle“, die ihre Milch mit den sogenannten Bolle-Milchwagen auslieferte. Weil die Verkäufer ihr Kommen mit Handglocken ankündigten, bekam Bolle von der Berliner Bevölkerung schon bald den Spitznamen „Bimmel-Bolle“ verpaßt, mit dem er in die Geschichte der Stadt einging.

Darüberhinaus gab es jedoch noch viele weitere Unternehmen, die sich der Versorgung der Städter mit Natureis widmeten, so beispielsweise die Polar-Eiswerke am Spandauer Schiffahrtskanal, die Teltower Eiswerke mit ihrer Niederlassung in der Friedrichstraße, die Eiswerke Mudrack, ebenfalls in der Residenzstraße ansässig, die Märkischen Eiswerke mit mehreren Standorten an verschiedenen Güterbahnhöfen oder die Eiswerke Hohenschönhausen am Orankesee, um nur einige zu nennen.

Wie die Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1899 zeigt, waren das Stechen und die Verwendung von Natureis gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin und seinen Vorstädten gängige Praxis, was durch den Reichtum an Gewässern in der Umgegend stark begünstigt wurde. Doch gleichzeitig offenbart die kurze Meldung auch die Probleme, die mit dieser Art der Eisbeschaffung stets einhergingen. Da war zum einen die unbedingte Abhängigkeit vom Wetter. Damit genügend Eis geerntet werden konnte, mußte die Witterung in den Wintern lang genug ausreichend kalt sein. Und das war bei weitem nicht immer der Fall. Waren die Winter zu warm, verringerte sich die Menge des geernteten Eises und es kam zur Eisnot. Das war gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder der Fall, besonders aber in den frühen 1890er Jahren. Um den Bedarf zu decken, war man gezwungen, Eis nach Deutschland einzuführen. 1894 waren das beispielsweise 350.000 Tonnen. Lieferanten waren vorwiegend die nordeuropäischen Länder. Einer der größten Exporteure für Natureis war Norwegen.

Aber mit dem Natureis war noch ein anderes Problem verbunden. Die Qualität des Wassers ließ je nach Gewässer durchaus zu wünschen übrig. So gelangten verschiedene kleine Organismen oder Schadstoffe aus der Luft – in Zeiten der Verbrennung von Kohle zu Heizzwecken keine Seltenheit – ins Eis und mit diesem in die Eisschränke der Haushalte, wo sie in das zu kühlende Gut eindringen und dieses verderben konnten. Zwar versuchte man, dem so weit wie möglich abzuhelfen, indem man Eis aus Fließgewässern bevorzugte und später auch die Eisschränke so konstruierte, daß Eis und Kühlgut nicht mehr miteinander in direkte Berührung kamen, doch ganz aus der Welt schaffen konnte man das Problem damit nicht.

Die im 19. Jahrhundert entwickelten Kühlverfahren waren zwar, wie bereits erwähnt, für die einzelnen Haushalte nicht anwendbar, doch ermöglichten sie immerhin die industrielle Produktion von Wassereis. Dieses war nicht nur sauber, sondern konnte überdies mit den neuen Kältemaschinen das ganze Jahr über produziert werden. Weil neben den Haushalten insbesondere die sich stark entwickelnden Brauereien der Stadt begeisterte Abnehmer des Industrieeises wurden, lohnte sich die Produktion und die Eiswerke wurden nach und nach von Eisfabriken abgelöst. So kam es nach 1900 zur Gründung der ersten Berliner Kunsteisfabriken. Diese setzten Kältemaschinen ein, um Eis zu produzieren, das sie dann als Stangeneis an Gewerbebetriebe und an die Bevölkerung verkauften. Ein Beispiel war die 1901 gegründete Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen in Kreuzberg. Doch auch die Betreiber der Eiswerke erkannten die Zeichen der Zeit und stellten sich um. So wandelten sich beispielsweise die Eiswerke Mudrack in Reinickendorf zur Eisfabrik, und auch die Norddeutsche Eiswerke AG stellte ihre Eisproduktion von Natur- auf Kunsteis um und errichtete um 1910 eine zwei Höfe umfassende Kunsteisfabrik in der Köpenicker Straße in Berlin, die sie 1913/14 um eine neue Eismaschinenanlage mit Maschinen- und Kesselhaus sowie um mehrere Kühlhäuser erweiterte.

Ruine der Eisfabrik in der Köpenicker Straße in Berlin-Mitte
Die alte Eisfabrik der einstigen Norddeutschen Eiswerke AG in der Köpenicker Straße ist heute eine Ruine. Zwar steht sie unter Denkmalschutz, doch ist nicht mehr viel von ihr übrig. Aktuell sind Bauarbeiten in vollem Gange. Hoffentlich nicht für den endgültigen Abriß dieses technischen Denkmals…
Fotograf: Alexander Glintschert (2020),
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Über viele Jahrzehnte wurde hier in der Folge Eis produziert und gelagert. Nach dem Zweiten Weltkrieg überführte man diese Eisfabrik, die sich nun auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik befand, in einen volkseigenen Betrieb. Auf diese Weise bestand sie weiter und überdauerte sogar ihre einstige Muttergesellschaft, denn die Norddeutsche Eiswerke AG, die 1977 nach Hamburg umzog, löste sich 1986 endgültig auf, während die Eisfabrik in der Köpenicker Straße noch bis 1991 Eis produzierte und bis 1995 mit ihren Kühlhäusern in Betrieb blieb – mittlerweile als Bestandteil der Berliner Kühlhaus GmbH. Nach der Einstellung des Betriebes verfiel die mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Anlage immer mehr und sollte schließlich im Rahmen des Mediaspree-Projektes abgerissen werden. Während die Kühlhäuser, die inzwischen die ältesten noch vorhandenen in Europa waren, dieses Schicksal ereilte, ist die Eisfabrik bis heute vorhanden. Noch. Denn in ihrem Umfeld haben bereits umfangreiche Bau- und Abrißarbeiten eingesetzt.

Heute, im Zeitalter der in jedem Haushalt anzutreffenden Kühlschränke und Gefriertruhen, ist die große Zeit der Eisindustrie in Berlin und anderswo lange vorüber. Die Spuren, die sie in der Stadt hinterließ, schwinden mehr und mehr, so daß heute nur noch wenig an diese Zeiten erinnert. Kleine historische Zeitungsmeldungen wie jene im Friedenauer Lokal-Anzeiger von 1899 können jedoch, spürt man ihnen nach, die Geschichte wieder lebendig werden lassen – wenigstens ein kleines Stück weit.


Quellen

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