Das Hauptschiff der Spandauer Nikolaikirche mit dem Altar

Die Nikolaikirche in Berlin-Spandau

Blick vom Rathaus Spandau auf die Spandauer Nikolaikirche
Blick vom Rathaus Spandau auf die Spandauer Nikolaikirche
Fotograf: Alexander Savin
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Bei unserem Altstadt-Bummel Spandau hatten wir die Sankt-Nikolai-Kirche als eine der Sehenswürdigkeiten nur kurz beschrieben, meinen aber, daß ihre Geschichte und die Kunstwerke in ihrem Inneren so interessant sind, daß es lohnt, etwas ausführlicher in einem eigenen Beitrag darauf einzugehen. Vielleicht ist es auch für unsere Leser eine Anregung, einen längeren Blick auf und in die Nikolaikirche zu werfen (aus Vereinfachungsgründen verwenden wir im Text überwiegend nur den Begriff Nikolaikirche).

Die Nikolaikirche in der Altstadt Spandaus gilt als eine der ältesten Stadtkirchen Berlins und als Reformationskirche der Mark Brandenburg. Es handelt sich um „eine gotische dreischiffige Hallenkirche mit polygonalem Umgangschor, einem monumentalen Westturm und je einem Kapellenanbau nördlich und südlich“, wie es in einem Informationsblatt der Kirche heißt.

Zuerst wollen wir Theodor Fontane das Wort geben, der Spandau und die Nikolaikirche besuchte, was er im dritten Teil seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg, dem Havelland, beschreibt. Interessant dabei ist, daß er mit dem Zug nach Spandau fährt. Er geht, vom Bahnhof kommend, durch die „immer enger werdenden Gassen auf den alten gotischen Bau“ zu und bemerkt dann:

Das Innere, ein seltener Fall bei renovierten Kirchen, bietet mehr, als das Äußere verspricht.

Wenn er hier von renovierter Kirche spricht, dann bezieht er sich offensichtlich darauf, daß die Nikolaikirche 1839 unter Leitung von Karl Friedrich Schinkel eine neugotische Renovierung erfuhr. Darauf kommen wir weiter unten nochmals zurück. Allerdings beschreibt Fontane das Innere der Kirche nicht ganz so ausführlich. Das ist eher in seinen Anmerkungen zur Erstausgabe der Wanderungen Teil III, „Ost-Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg“, 1. Auflage, Berlin 1873, der Fall, wie wir aus dem uns vorliegenden Band des Aufbau-Verlages von 1977 erfahren, der auf der 2. Auflage von 1880 beruht, an der Fontane noch selbst mitgewirkt hat. In letzterem lesen wir dann weiter:

Der Turm der Spandauer Nikolaikirche
Der Turm der Spandauer Nikolaikirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Alle diese Dinge indes sind es nicht, die uns heute nach Sankt Nikolai in Spandau geführt haben, unser Besuch gilt vielmehr dem alten Turme, zu dessen Höhe ein Dutzend Treppenstiegen hinanführen.

Und weiter unten:

Endlich sind wir an Uhr und Glockenwerken vorbei, haben das Schlüsselbund, im Kampf mit Großschlössern und Vorlegeschlössern, siegreich durchprobiert und steigen nun, durch eine letzte Klappenöffnung, in die luftige Laterne hinein, die den steinernen Turmbau krönt. Keine Fenster und Blenden sind zu öffnen, frei bläst der Wind durch das gebrechliche Holzwerk. Das ist die Stelle, die wir suchten. Ein Luginsland.

Fontane läßt seinen Blick weit schweifen – über Spandau hinweg bis nach Berlin hinein und über das Havelland. Und er sieht den Bahndamm, der ihm erst nur wie eine braune Linie erscheint:

…aber jetzt gewinnt die Linie mehr und mehr Gestalt; denn zischend, brausend, dampfend, dazwischen einen Funkenregen ausstreuend, rasseln jetzt von zwei Seiten her die langen Wagenreihen zweier Züge heran und fliegen – an der selben Stelle vielleicht, wo einst Jaczko und Albrecht der Bär sich trafen – aneinander vorüber. Das Ganze wie ein Blitz!

Im Weiteren wollen wir uns nun der Geschichte und dem Inneren der Nikolaikirche zuwenden.

Die Nikolaikirche in Spandau im Jahre 1839
Die Nikolaikirche in Spandau im Jahre 1839.
Künstler: unbekannt Aus: Ludwig Frege: Das dritte Brandenburgische Reformations-Jubiläum, Verlag von George Gropius, Berlin, 1839, S. 38
Quelle: ZLB, 2011
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Spandau erhält 1232 das Stadtrecht, und es ist davon auszugehen, daß es zu dieser Zeit schon länger einen Kirchenbau gibt. Die Kirche selbst wird erstmals 1240 als „ecclesia forensis“ (Marktkirche) urkundlich erwähnt, wie wir aus dem Informationsblatt der Kirche erfahren. Und auch, daß der Vorgängerbau der heutigen Kirche möglicherweise aus Feldsteinen und Holz errichtet worden sei. Aus weiteren Quellen geht hervor, daß die Kirche zunächst zum Kloster der Benediktinerinnen gehört und dann den Spandauer Bürgern übertragen wird. Dieser Vorgängerbau wird durch ein Feuer vernichtet. Der Neuaufbau beginnt um die 1320er Jahre. Der Dachstuhl über dem Rohbau ist vermutlich um 1365 errichtet und das Kirchenschiff 1370 fertiggestellt. Das Taufbecken, gestiftet 1398, deutet darauf hin, daß nunmehr die Gottesdienste in diesem Raum stattfinden können. 1467/68 erhält die Kirche ihren massiven, spätgotischen Westturm. Es „sei ein ’schöner und hoher Turm erbauet‘ worden vom Baumeister Paul Rostocken aus Magdeburg. Er soll lange Zeit Wahrzeichen nicht nur Spandaus, sondern im 16. Jahrhundert soll er gar der höchste Turm der Mark Brandenburg gewesen sein.“, so erfahren wir aus dem Stadtteilführer „Spandau“ von Sigrid Hoff.

Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte wird der Turm mehrfach verändert. So erhält er beispielsweise 1744 eine neue barocke Spitze, da er einige Zeit zuvor bei einem Feuer ausbrennt.

Auch Preußens berühmter Baumeister Karl Friedrich Schinkel hinterläßt seine Spuren an Kirche und Turm. Im Zuge der Restaurierung 1839 verändert er Turm und Kirchenschiff in neugotischem Stil. So erhalten die Öffnungen des Turmes Spitz-, Rund- und Stichbogenschlüsse und das Kirchenschiff wird mit neugotischen Zierteilen versehen.

Kehren wir aber nochmal drei Jahrhunderte in die Zeit vor Schinkels Arbeit zurück – ins Jahr 1539. Am 1. November empfängt Brandenburgs Kurfürst Joachim II. in der Nikolaikirche erstmals das Abendmahl nach der Lehre Luthers und führt damit die Reformation in Brandenburg ein. Dies erklärt auch unsere weiter oben getroffene Aussage, daß das Gotteshaus als Reformationskirche der Mark Brandenburg bezeichnet werden kann. An dieses Ereignis erinnern das Denkmal vor der Kirche – die Bronzestatue Joachims II. von 1889, geschaffen von dem Bildhauer Erdmann Encke – und ein Gemälde in der Kirche.

Seit 1839 dürfte die Nikolaikirche so, wie sie Schinkel restauriert hatte, bis 1944 ausgesehen haben. Infolge des Zweiten Weltkrieges aber werden Turm und Kirche am 6. Oktober 1944 im Bombenhagel sehr stark beschädigt. Sie bieten ein Bild der Verwüstung. Der Wiederaufbau beginnt 1946, und 1949 findet der erste Gottesdienst statt. Auch der Turm wird wieder soweit hergestellt, daß am 3. Oktober 1965 ein neues Glockengeläut eingeweiht werden kann. Dem Stadtteilführer „Spandau“ von Sigrid Hoff entnehmen wir, daß wohl erst 1989, zum 450. Jahrestag der Einführung der Reformation in Brandenburg, die Rekonstruktion des barocken Turmhelms und die Restaurierung des Turmschaftes in der Schinkelschen Fassung von 1839 abgeschlossen sind.  Eine dritte Glocke, die Dankglocke, wird am 3. Oktober 1990 eingebracht, dem Tag der Wiedervereinigung Deutschlands. Sie soll die einzige dieser Art sein, die aus diesem Anlaß hergestellt wurde.

Insgesamt dauert die vollständige Innen- und Außenrestaurierung den gesamten Zeitraum von 1979 bis 1996 an. Heute erstrahlt die Nikolaikirche wieder in alter historischer Schönheit, so wie sie Theodor Fontane bei seinem oben erwähnten Besuch vorfand.

Das Taufbecken in der Spandauer Nikolaikirche
Das Taufbecken in der Spandauer Nikolaikirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2010)
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Im Folgenden wollen wir uns in der Kirche den beeindruckenden Kunstwerken und weiteren Sehenswürdigkeiten zuwenden.

Auf dem schon erwähnten Taufbecken aus Bronze ist das Datum 8. September 1398 zu finden. Es ist das älteste Kunstwerk der Nikolaikirche. Wer es schuf, weiß man heute nicht mehr. Auf dem ringförmigen Fuß stehen die vier Evangelisten, die das ziemlich große Becken stützen. Nach altem Brauch wurden die Täuflinge ganz unter Wasser getaucht (daher wohl die Größe des Beckens), was man sich heute gar nicht mehr vorstellen mag. Allerdings verbot der preußische König Friedrich I. im Jahre 1701 per Edikt diese Art der Taufe wegen der lebensgefährlichen Folgen, die diese haben konnte. Eine Bronzeeinlage mit Engelsfiguren stammt aus der Schinkelzeit von 1839. Einige Quellen geben auch an, daß der Entwurf dazu von Schinkel selbst angefertigt wurde. Am Pfeiler neben dem Taufbecken steht eine Nikolaus-Skulptur, die der Bildhauer Bernhard Gisevius schuf. Sie gibt es erst wieder seit dem 2. Advent 2006. Eine frühe Nikolausfigur gilt seit 1541 als verschollen – vermutlich ist sie nach Luthers Kritik an der Heiligenverehrung entfernt worden. Für die Nikolaikirche ist die neue Plastik sicher von Bedeutung, trägt sie doch den Namen des heiligen Nikolaus, der auch als Schutzpatron der Kaufleute, Fischer und Seefahrer gilt.

Die Spandauer Madonna in der Ribbeckschen Kapelle der Nikolaikirche Spandau.
Die Spandauer Madonna in der Ribbeckschen Kapelle der Nikolaikirche Spandau.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wie schon erwähnt, ist nördlich und südlich an die Kirche je eine Kapelle angebaut. Wir wenden uns der nördlichen zu, der Ribbeckschen Kapelle, über deren Türgittereingang das Wappen der Familie von Ribbeck zu sehen ist. Unter dem Fußboden befindet sich die Gruft der Familie. In einer Nische sehen wir eine ausdrucksstarke Kreuzigungsgruppe aus der Zeit um 1500, geschnitzt aus Lindenholz von einem ebenfalls unbekannten Künstler. In dieser Kapelle bewundern wir auch die „Spandauer Madonna“. Sie zeigt die Maria mit dem Jesuskind. Allerdings ist sie eine Replik des Originals aus Sandstein, das ursprünglich aus dem Jahre 1290 stammt und 1876 dem Märkischen Museum übergeben wird. Es wird angenommen, daß sie aus dem Benediktinerinnen-Kloster stammt, das eine Marienkirche besaß. Da die Ribbeck-Kapelle bis zur Reformation Marienkapelle hieß, in der sie der Marienverehrung diente, kann man wohl nicht ganz zu Unrecht annehmen, daß die Madonna deshalb dem Märkischen Museum übergeben wurde, weil sie nicht mehr so recht in die reformierte Kirche paßte. Aus der Informationstafel zur Madonna an der Ribbeck-Kapelle geht hervor,  daß man sich hundert Jahre später vergeblich bemühte, die Skulptur zurück zu erhalten. Die Verhandlungen mit den Vertretern der DDR seien gescheitert, jedoch der Anfertigung der Kopie aus Elbsandstein durch den Künstler Manfred Salow habe man zugestimmt und diese sei 1987 der Nikolaikirche übergeben worden.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß in der ehemaligen Südkapelle heute die Sakristei untergebracht ist.

Der Altar der Spandauer Nikolaikirche.
Der Altar der Spandauer Nikolaikirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wir gehen in die Mitte des Raumes und setzen uns auf einen Platz dem Altar gegenüber, um ihn in Ruhe zu bewundern. Zur Beschreibung dieses Kunstwerkes zitieren wir aus dem Informationsblatt der Kirche:

Künstlerischer Höhepunkt des Innenraums ist der 1582 von Graf Rochus zu Lynar gestiftete Altar. Er steht in der Mittelachse der Kirche und erhebt sich über 8m hoch. Er ist aus Stein, seine Bildwerke sind aus Stuck ausgeführt und von Hieronymus Rosenbaum bemalt worden. In der Mittelachse des Renaissance-Altars ist Christus dreimal dargestellt: im Abendmahl, als Weltenrichter und als Gekreuzigter. Die Seitenfelder zeigen Bildnisse der Stifterfamilie Lynar. Links Graf Rochus mit seinen Söhnen, rechts Gräfin Anna mit den Töchtern.

Aus einer anderen Quelle, dem „Altstadtbummel Spandau und Drumherum“ in der Ausgabe von 2007, erfahren wir, daß die Messingleuchter auf dem Altar auch ein Geschenk Lynars sind. Und ebenso, daß die in der Abendmahlsgruppe neben Jesus sitzenden Jünger die Gesichtszüge von Martin Luther und Philipp Melanchton tragen (letzterer hielt sich 1535 mehrere Wochen in Spandau auf und gründete die Stadtschule, aus der das Kant-Gymnasium hervorging) und daß das Kruzifix auf dem Altar 1825 von König Friedrich Wilhelm III. gestiftet wurde (der 1817 in Preußen eine Union der reformierten und lutherischen Glaubensrichtung erwirkte).

Hier noch einige Worte mehr zum Stifter des Altars, auf den wir auch schon in unserem Altstadt-Bummel Spandau kurz verwiesen hatten. Dazu zitieren wir zunächst wieder aus dem Informationsblatt der Kirche:

Rochus Guerini Graf zu Lynar wurde 1525 in der Toskana geboren, floh wegen einer Blutfehde 1542 nach Frankreich und wurde 1560 Calvinist. 1578 holte ihn Kurfürst Johann Georg in die Mark Brandenburg und übertrug ihm die Leitung der Arbeiten an der Zitadelle Spandau. 1596 starb Lynar in Spandau. Er wurde mit seiner Familie unter dem von ihm gestifteten Altar beigesetzt.

Die Kopie der Halbplastik von Rochus Guerini Graf zu Lynar in Lübbenau
Die Kopie der Halbplastik von Rochus Guerini Graf zu Lynar in Lübbenau.
Fotograf: Unukorno
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Nicht unerwähnt soll auch bleiben, daß es eine Skulptur des Grafen zu Lynar gibt, die vor dem Schloßhotel in Lübbenau steht. Dazu ein etwas längeres Zitat aus dem Buch „Fürsten, Helden, große Geister“ von Helmut Caspar, das die Herkunft dieses Kunstwerks beschreibt:

Es handelt sich um den Bronzeabguss einer Assistenzfigur vom Marmordenkmal des brandenburgischen Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg von der Berliner Siegesallee. Die aus dem stehenden Herrscher sowie Büsten des Festungsbauingenieurs und Diplomaten Rochus zu Lynar sowie des kurfürstlichen Kanzlers Lambert Distelmeier bestehende Gruppe ist ein Werk von Martin Wolff und wurde 1901 enthüllt. Rochus zu Lynar ist als Halbfigur in voller Rüstung mit einem übergeworfenen Mantel dargestellt. In der rechten Hand hält der Italiener in brandenburgischen Diensten eine Papierrolle, die ihn als Erbauer der Spandauer Zitadelle charakterisiert. Kaiser Wilhelm II., der Stifter der Siegesallee im Berliner Tiergarten, hatte einen Bronzeabguss der Figur im Jahre 1903 der gräflichen Familie zu Lynar geschenkt, die sie vor ihrem Schloss in Lübbenau auf einen großen Findling stellte.

Dann geht der Autor darauf ein, daß die Plastik zu DDR-Zeiten ins Depot kam und nach 1990 wieder in Lübbenau vor dem Schloß aufgestellt wurde, das die Familie Lynar zurückerhielt und zu einem Hotel umwandelte. Weiter heißt es dann:

Am U-Bahnhof Zitadelle in Berlin-Spandau prangt ebenfalls eine Kopie jenes Hüftbildes von der Siegesallee, während das Wolffsche Original in der Spandauer Zitadelle, Rochus zu Lynars bekanntestem Bauwerk, gezeigt wird.

Außerdem verweist der Autor noch darauf, daß in der Nikolaikirche Spandau eine Gedenktafel an einen Nachfahren Lynars erinnert. Es heißt wörtlich:

Hier erinnert auch eine Gedenktafel mit der Inschrift ‚Er starb am Galgen für Freiheit und Recht‘ an Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar, der Widerstand gegen das Naziregime geleistet hat und dafür nach dem missglückten Attentat auf Hitler vom nationalsozialistischen Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 29. September 1944 hingerichtet wurde.

Das Grabmal von Rochus Guerrini Graf zu Lynar.
Das Grabmal von Rochus Guerrini Graf zu Lynar in der Nikolaikirche Spandau.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wieder zurück ins Kircheninnere.

Wir gehen jetzt den Chorumgang entlang. An der Rückseite des Altars können wir einen Blick in die offene Familiengruft der Lynars werfen. Ihr gegenüber befindet sich an der Außenwand des Chorumganges noch eine Sakramentsnische aus vorreformatorischer Zeit in Form eines Schrankes, den eine hölzerne, eisenbeschlagene Tür verschließt. Im Chorumgang sieht man außerdem noch einige alte Grabsteine, Epitaphien und Wappen, die an Persönlichkeiten der Stadt und Festung Spandau erinnern; so beispielsweise an den Kaufmann Johann Ludwig Haacke, nach dem der Spandauer Ortsteil Hakenfelde benannt ist. Es handelt sich um eine Arbeit aus Sandstein des Bildhauers Wilhelm Christian Meyer aus dem Jahre 1764.

Den Chorumgang verlassend, verharren wir vor einem weiteren Kunstwerk: der Kanzel. Auch hier sei aus dem Informationsblatt der Kirche zitiert:

Die Kanzel ist ein Meisterwerk des preußischen Barock. Sie ist um 1700 aus Holz geschnitzt worden. Den Fuß bilden Bärentatzen, an der Brüstung drei preußische Adler. Ursprünglich stand die Kanzel in der Schloßkapelle des Potsdamer Stadtschlosses.

Die Kanzel der Spandauer Nikolaikirche.
Die Kanzel der Spandauer Nikolaikirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Aus anderen Quellen ist zu erfahren, daß König Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, die Kanzel für sein Stadtschloß in Potsdam stiftete, und sie von ihm auch selbst zur Anrede an seine „Langen Kerls“ benutzt wurde. Er schenkte sie dann 1714 der armen reformierten Gemeinde St. Johannis in Spandau, ohne jedoch Geld für deren Aufbau dazuzugeben. So blieb die Kanzel in zerlegtem Zustand, bis erst König Friedrich II. 1751 mit einer großzügigen Zuwendung dafür sorgte, daß die Kanzel aufgebaut werden konnte. Da die Kirche St. Johannis 1903 wegen des Baus des Kant-Gymnasiums abgerissen wurde, ging die Kanzel an die Nikolaikirche über, wo wir sie heute bewundern können.

Gehen wir nun in Richtung Ausgang, sehen wir oben auf der Empore die Orgel. Sie wurde von der Werkstatt „Eule Orgelbau“ aus Bautzen hergestellt und am 6. Oktober 1996 feierlich eingeweiht. Im mehrfach genannten Informationsblatt der Kirche steht dazu, daß sie über 51 Register mit insgesamt 3638 Pfeifen auf drei Manualwerken und einem Pedalwerk verfügt. Auch zähle die Kirche zu den kirchenmusikalischen Schwerpunktgemeinden in Berlin mit einem äußerst qualitätsvollen Konzertangebot. Das Vorgänger-Instrument der Nikolaikirche erhielt die Gemeinde Peitz zum Geschenk. Übrigens finden wir in einer Quelle verzeichnet, daß eine Orgel in der Nikolaikirche bereits im Jahre 1515 urkundlich erwähnt wird.

Die Orgel der Spandauer Nikolaikirche.
Die Orgel der Spandauer Nikolaikirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wir verlassen die Kirche nicht, ohne nochmals auf Theodor Fontane und seine Turmbesteigung zu verweisen. Neben dem eingangs gebrachten Zitat wollen wir hier noch anfügen, wie er seinen „Luginsland“ beschreibt. Es heißt bei ihm:

Zu Füßen uns, in scharfer Zeichnung, als läge eine Karte vor uns ausgebreitet, die Zickzackwälle der Festung; ostwärts im grauen Dämmer die Türme von Berlin; nördlich, südlich die bucht- und seenreiche Havel, inselbetupfelt, mit Flößen und Kähnen überdeckt; nach Westen hin aber ein breites, kaum hier und da von einer Hügelwelle unterbrochenes Flachland, das Havelland.

Zum Schluß sei noch darauf verwiesen, das 229 Stufen hinauf zur Aussichtsplattform in die „Laterne“ des Turmes führen. Wer nach dem Rundgang durch die Kirche noch über ausreichend Zeit und Kondition verfügt, sollte diese 229 Stufen nicht scheuen. Anders als Fontane wird er jedoch ein etwas verändertes Bild wahrnehmen, denn nur noch die Altstadt bietet einen annähernd ähnlichen Anblick. Wer dann zu dem Bahndamm hinüberschaut, wird jedoch sehen, daß die Züge, die heute hier fahren, nicht mehr zischend, dampfend und funkensprühend aneinander vorüberbrausen. Heute sind es ICE-Züge, Regionalbahnen und S-Bahnen, die elektrisch fahren, aber immerhin auch „das Ganze wie ein Blitz“. Diesen Blick vom 77 Meter hohen Turm sollte sich der Besucher jedenfalls nicht entgehen lassen.


Ansichten der Spandauer Nikolaikirche

Fotograf aller Bilder: Alexander Glintschert
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Quellen

  • Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil – Havelland, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1977
  • Jürgen Grothe: Spandau vor Berlin – Von Menschen, Bräuchen und Häusern, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1980
  • Jürgen Grothe: Spandau – Stadt an Spree und Havel, Aus der Chronik eines Berliner Bezirkes, 3. neu bearbeitete Auflage, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1981
  • Charlotte Pape: Die Spandauer Altstadt – Veränderungen im 20. Jahrhundert, Herausgeber: Der Präsident der Technischen Universität Berlin, Im Verlag der publica Verlagsgesellschaft in Berlin mbH, Berlin, 1984
  • Baedekers Berlin-Spandau – Bezirksführer von Karl Baedeker, Karl Baedeker GmbH, Freiburg, 1987
  • Jürgen Grothe: Spandau – Schauplätze seiner Geschichte, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin, 1991
  • Sigrid Hoff: Spandau – Stadtteilführer, Argon Verlag GmbH, Berlin, 1994
  • Jürgen Grothe: Spandau im Wandel der Geschichte, be.bra Verlag GmbH, Berlin-Brandenburg 2000
  • Helmut Caspar: Fürsten, Helden, große Geister – Denkmalgeschichten aus der Mark Brandenburg, Berlin Edition im be bra Verlag GmbH, Berlin Brandenburg, 2004
  • Altstadtbummel Spandau und Drumherum, Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Altstadt Spandau e.V., Ausgabe 2007
  • Statistisches Jahrbuch Berlin 2008, Herausgeber: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Kulturbuch-Verlag GmbH, Berlin, 2009
  • Kleiner Führer durch die St. Nikolai-Kirche in Berlin Spandau, Informationsblatt der Kirche

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Nikolaikirche Spandau
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