Henriette Herz von Graff und Therbusch

Henriette Herz und die Spandauer Straße

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 5 der Beitragsserie "Henriette Herz"

 

 

 

 

Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner,
die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben,
die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit…
Aus: Wilhelm Raabe, Die Chronik der Sperlingsgasse

Wollte man von Häusern, ihrer Geschichte und auch den Geschichten ihrer Bewohner, vor allem auch der früheren, erzählen, so ginge das nur, wenn man die betreffenden Häuser vor sich hätte. Man könnte, wie es beispielsweise Regina Scheer in ihrem Roman „Gott wohnt im Wedding“ praktiziert, ein Gebäude selbst erzählen lassen. Zu Beginn des Buches läßt sie das Haus feststellen:

Die meisten denken, ein Haus sei nichts als Stein und Mörtel, totes Material. Aber sie vergessen, dass in meinen Wänden der Atem von all denen hängt, die hier gewohnt haben. […] All ihre Leben habe ich in mich aufgenommen, durch sie lebe ich selbst, auf meine Weise.
In: Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding, Seite 5

Das Haus, von dem die Autorin schreibt und das sie selbst zu Wort kommen läßt, existiert in der Gegenwart des Romans.

Spandauer Straße mit Gerichtslaube - Aquarell von Carl Georg Anton Graeb
Spandauer Straße mit Gerichtslaube – Aquarell von Carl Georg Anton Graeb
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Kupferstichkabinett, Fotograf: Atelier Schneider, Bearbeitet: Alexander Glintschert
Creative Commons Lizenzvertrag

Wir kommen in unserem Spaziergang durch die Spandauer Straße jedoch auf Gebäude zu sprechen, die schon seit langem nicht mehr existieren. Sie wurden abgerissen, an ihrer Stelle Neues errichtet, erweitert oder umgebaut. Letztlich zerstörte der Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges nahezu alle Häuser der Spandauer Straße. Geblieben sind nur das Rote Rathaus und die Marienkirche sowie die Heilig-Geist-Kapelle und das an sie angrenzende Gebäude, das heute zur Humboldt-Universität gehört. Aus der Zeit aber, über die wir auf unserem Spaziergang auf den Spuren von Henriette Herz schreiben, ist außer der Heilig-Geist-Kapelle und St. Marien nichts mehr erhalten.

Was könnte beispielsweise die Gerichtslaube erzählen, die am alten Rathaus stand? Sie wüßte sicher sehr viel über die Menschen, deren Leben und Schicksal, über das in ihren Mauern entschieden wurde.

Oder das Haus Spandauer Straße Nr. 68. In diesem Haus wohnte der zwar klein gewachsene, aber große Menschenfreund, der jüdische Philosoph und Aufklärer Moses Mendelssohn. Schon vor ihm hatten hier bedeutende Zeitgenossen gewohnt. Zu nennen sind hier vor allem Lessing und Nicolai, die dann auch zu den Freunden Mendelssohns gehörten, ihn hier oft besuchten und mit ihm diskutierten. Moses Mendelssohn hat in diesem Haus Bleibendes bewirkt. Davon kündete auch die Tafel, die nach seinem Tod am Haus angebracht wurde. Auf ihr war zu lesen:

In diesem Haus lebte und wirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn. Geb. in Dessau 1729, gest. in Berlin 1786.

Nun stimmt das nicht ganz. Das Haus war Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Durchbruch der Wilhelmstraße (heute Karl-Liebknecht-Straße) abgerissen worden, die Tafel wurde aber am Nachfolgebau wieder angebracht.

Dieses Haus, in dem Moses Mendelssohn mit seiner Familie lebte und wirkte, kann also nichts mehr erzählen, weder von den Bewohnern, deren Besuchern und Gesprächen, noch von den Sorgen und Nöten, vielleicht auch Freuden und Glücksmomenten.

Porträt der Henriette Herz von Anna Dorothea Therbusch, 1778
Das „Porträt der Henriette Herz„, Gemälde von Anna Dorothea Therbusch, 1778 Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Alte Nationalgalerie, Fotograf: Andres Kilger, Bearbeitet: Alexander Glintschert
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Die Tafel übrigens ist noch erhalten. Sie befindet sich heute in der Gedenkkapelle für die Mendelssohns auf dem Dreifaltigkeitskirchhof vor dem Halleschen Tor. Und man kann die Replik der Tafel auch auf dem Bodendenkmal von Micha Ullman lesen, auf das wir auch in unserem Beitrag verweisen.

So wie dem Haus Nr. 68 ging es allen anderen Häusern, an die wir in unserem Artikel ebenso erinnern wollen wie an die Bewohner, die zu der Zeit in ihnen lebten. Unser Hauptaugenmerk soll sich dabei jedoch auf eine ganz besondere Person richten – auf Henriette Herz, die Begründerin des literarischen Salons, die hier, ganz in der Nähe der Spandauer Straße geboren wurde. In der Gegend um die Straße wuchs sie auf und verbrachte einen großen Teil ihres Lebens. Hier heiratete sie und gründete schließlich ihren berühmten Salon.

Von all dem wollen wir hier erzählen:

  1. Henriette Herz und ihr Salon
  2. Entlang der Spandauer Straße – Auf den Spuren der Henriette Herz

Das Banner auf dieser Seite zeigt Henriette Herz, porträtiert von Anton Graff (1792) und Anna Dorothea Therbusch (1778).
Quelle der beiden Gemälde: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital
Sammlung: Nationalgalerie – Alte Nationalgalerie, Ident.Nr. A I 433 und A I 435
Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Fotograf: Andres Kilger
Bearbeitet: Alexander Glintschert
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Herz, Henriette
Lemos, Henriette Julie de Spandauer Straße
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