Henriette Herz, gezeichnet von Wilhelm Hensel, 1823

Henriette Herz und ihr Salon

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 5 der Beitragsserie "Henriette Herz"

Henriette Herz

Salonière
Geboren am 05. September 1764 in Berlin
Gestorben am 22. Oktober 1847 in Berlin


Henriette Herz von Anton Graff, 1792
Henriette Herz von Anton Graff, 1792
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Alte Nationalgalerie, Fotograf: Andres Kilger, Bearbeitet: Alexander Glintschert
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Im Berliner Biographischen Lexikon wird Henriette Herz als „Literatin“ bezeichnet. Das mutet etwas seltsam an, findet man doch von ihr kaum literarische Werke, weder lyrische noch epische. Aus verschiedenen Quellen ist aber zu erfahren, daß sie eigene Werke nicht an die Öffentlichkeit gelangen ließ. Dazu gehören unter anderem zwei Novellen, die sie, obwohl von ihrer engen Freundin Dorothea gelesen und bewertet, später vernichtet haben soll. Auch ihren umfangreichen Briefwechsel mit bedeutenden Persönlichkeiten dieser Zeit hat sie wohl, bis auf einige wenige Reste, vernichtet. Sie schreibt an ihren Jugenderinnerungen, die glücklicherweise erhalten sind. „Das Original der Handschrift gehört heute dem Archiv der Akademie der Wissenschaften zu Berlin“. Das erfahre ich aus der editorischen Notiz zu dem Buch „Henriette Herz – In Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen“, ediert von Rainer Schmitz anläßlich ihres 250. Geburtstages 2014 in „Die Andere Bibliothek“, in dem ihre Erinnerungen, vereint mit ausgewählten Briefen von ihr und an sie, sowie Zeugnisse von Zeitgenossen enthalten sind. Man erfährt darin viel aus ihrer Kindheit, Jugend und den späteren Lebensjahren. Aus all dem ergibt sich, daß die Berufsbezeichnung „Literatin“ in oben genanntem Lexikon durchaus gerechtfertigt scheint, zumal sie sich wohl auch auf Henriette als Begründerin des Berliner literarischen Salons beziehen läßt.

Henriette Julie de Lemos wird am 05. September 1764 als Tochter des jüdischen Arztes Benjamin Benveniste de Lemos (1711 – 1789), Direktor des jüdischen Krankenhauses Berlin, und dessen Ehefrau Esther de Charleville (1742 – 1817) in Berlin geboren. Sie ist das älteste der Kinder, hat vier Brüder und drei Schwestern. Das Geburtshaus ist das sogenannte Borschardtsche Haus zum Weißen Schwan und steht am Neuen Markt. Die Eltern sorgen für eine sehr gute Bildung und Erziehung ihrer Tochter, die selbst mit viel Interesse und Energie lernt. Sie ist sehr lesehungrig und holt sich immer wieder aus der, wie sie in ihren Erinnerungen schreibt, in der Nähe gelegenen „Viewegschen Leihbibliothek“ in der Spandauer Straße Bücher. Der „Berliner Adreßkalender“ von 1776 gibt als Wohnort von Johann Friedrich Vieweg die Bischofstraße am Neuen Markt an, wo sich vermutlich auch die von Henriette erwähnte Leihbibliothek befand – ganz in der Nähe der Spandauer Straße. Diese Bibliothek ist für ihre Bildung von einiger Bedeutung. Auch ist die junge Frau sehr sprachbegabt und später in der Lage, in mehreren Fremdsprachen umfassende Konversationen zu führen. Henriette ist eng befreundet mit Brendel, der Tochter von Moses und Fromet Mendelssohn. Brendels Vater, der Freund Lessings und Nicolais, führt ein offenes Haus. Es verkehren viele aufgeklärte Zeitgenossen bei ihm. Sie alle schätzen das intellektuelle Klima und die Gesprächskultur. Oft sind auch die Kinder bei diesen Gesprächsrunden anwesend, was auch auf Henriette zutrifft, die oft bei ihrer Freundin weilt. Wenn es sich auch hier meist um Männerrunden handelt, so kann man getrost davon ausgehen, daß die Freundinnen sehr von dieser Atmosphäre profitieren, was sich als gute Voraussetzung für Henriettes späteren literarischen Salon erweist.

Als Henriette zwölf Jahre alt ist, wird sie mit dem siebzehn Jahre älteren Philosophen und Arzt Marcus Herz verlobt. Die Verlobung eines Mädchens in diesem Alter mutet uns heute befremdlich an, ist aber in jener Zeit nach jüdischer Tradition durchaus üblich.

Marcus Herz, Stich von Johann Christoph Frisch und Jean Joseph François Tassaert
Marcus Herz, Stich von Johann Christoph Frisch und Jean Joseph François Tassaert
Quelle: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Inventar-Nr. A 9446
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Marcus Herz, 1747 in Berlin geboren, studiert in Königsberg Medizin und Philosophie, letzteres bei Immanuel Kant, zu dessen Lieblingsschülern er gehört. Er kehrt dann mit einem Empfehlungsschreiben Kants an Moses Mendelssohn nach Berlin zurück. In relativ kurzer Zeit ist er ein geachteter Arzt. Verschiedene Quellen sprechen davon, daß er nicht nur einer der angesehensten Ärzte Berlins ist, sondern mit Recht auch als bekanntester jüdischer Arzt im Deutschland des 18. Jahrhunderts gilt. Er zählt zu den geistreichsten Männern der Stadt, bleibt „Kantianer“ und der Aufklärung verpflichtet. In seiner Wohnung in der Spandauer Straße Nr. 35 hält er Vorlesungen zu Kants Philosophie und unterhält Gesprächskreise zu weiteren wissenschaftlichen und philosophischen Themen. Im Jahre 1785 wird er vom Fürst zu Waldeck zum Hofrat und Leibarzt und 1787 vom preußischen König zum Professor der Philosophie ernannt. Er ist der erste deutsche Jude in Preußen, der den Professorentitel erhält und hier lehrt, obwohl die Berliner Universität erst 1810 gegründet wird. Die Lehrveranstaltungen hält er vornehmlich in seiner Wohnung ab. Seine Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften scheitert 1792 allerdings an seiner jüdischen Herkunft. Das kennen wir schon von Moses Mendelssohn, dessen Aufnahme in die Akademie von Friedrich II. verhindert wurde. Seit dessen  Tod hatte sich in Preußen hinsichtlich der Gleichberechtigung jüdischer Bürger also noch nicht viel verändert. Marcus Herz beginnt als Arzt im Jüdischen Krankenhaus Berlin. 1792 übernimmt er dessen Leitung von Henriettes Vater Benjamin de Lemos, die er bis zu seinem Tod im Jahre 1803 innehat.

Henriette ist, wie sie selbst in ihren Erinnerungen schreibt, mit der Wahl des Mannes durch ihre Eltern einverstanden. Es heißt dort:

[…] beim Mittagessen fragte mich mein Vater, ob ich lieber einen Doktor oder einen Rabbiner heiraten wolle? Mir klopfte das Herz mächtig, und ich antwortete, daß ich mit allem zufrieden sei, was er über mich beschließen würde. Nach dem Essen sagte mir meine Mutter, daß ich am Abend mit dem Doktor Marcus Herz verlobt werden würde. […]

Sie kannte wohl den Bräutigam, der auch bei ihren Eltern verkehrte, wußte aber kaum etwas von ihm. Sie schreibt:

Ich wußte wenig von meinem Bräutigam, er war 15 Jahre älter als ich, klein und häßlich, hatte aber ein geistreiches Gesicht und den Ruf eines Gelehrten. […]
In: Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen, Seite 21 und 22. Den Altersunterschied gibt sie falsch an, er war 17 Jahre älter als sie.

Drei Jahre später, am 1. Dezember 1779, ist die Hochzeit. Die gemeinsame Wohnung ist zunächst die von Marcus Herz in der Spandauer Straße Nr. 35. 1795 zieht das Paar in die Neue Friedrichstraße Nr. 22 um.  Hierzu schreibt Martin Mende:

Wegen der räumlichen Enge verlegte Marcus Herz seine Wohnung und Praxis 1795 in die Neue Friedrichstraße 22. Dort erstreckt sich heute der Fußgängerbereich zwischen Fernsehturm und Bahnhof Alexanderplatz.
In: Martin Mende, Zentralachse des alten Berlin: Die Spandauer Straße. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins – gegr. 1865, Heft  1/2010.

Hier in der Neuen Friedrichstraße entwickelt sich ihr Salon zu der Berliner Institution, die er später ist. Eigentlich handelt es sich dabei um zwei Salons, um getrennte Gesprächsrunden. Anfangs empfängt vor allem Marcus Herz Besucher, die an seinen Vorträgen beziehungsweise Vorlesungen interessiert sind und die seine junge Frau hierbei kennen lernt. Auch sie wird davon profitiert haben. In ihren Erinnerungen schreibt sie dazu:

In kurzem fing er auch an, in unserer Wohnung philosophische Collegia zu lesen, zu welchem sich ein sehr gewähltes Publikum einfand.

Und etwas weiter:

Später traten, noch sehr beifällig aufgenommene, durch Experimente erläuterte Vorlesungen über Physik hinzu […] Sie wurden von Personen aus den höchsten Ständen besucht. […]

Diesen Vorträgen wohnten selbst die jüngeren Brüder des Königs bei, und auch den damals etwa fünfjährigen Kronprinzen brachte späterhin dessen Erzieher Delbrück mit sich, um ihn einige interessante Experimente sehen zu lassen.
In: Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen, Seiten 26 und 27.

Zum Besucherkreis gehörten unter anderem Johann Christian Kunth, der Erzieher der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, die, sechzehn und siebzehn Jahre alt, zu interessierten Zuhörern werden, und die Henriette bereits früh kennen lernt. Auch Christian Gottlieb Selle, der Leibarzt des Königs, der Bildhauer Johann Gottfried Schadow und der Kaufmann David Joachim Friedländer, ein Schüler Moses Mendelssohns, gehören dazu.

Henriette ist beeindruckt, zeigt sich auch wissenschaftlich interessiert und liest entsprechende Texte. Ihr Hauptinteresse gilt jedoch der Literatur. Ihr Mann, der auch mit Lessing und Mendelssohn befreundet ist, respektiert und fördert diese Neigung. Auch in Fremdsprachen bildet sie sich, unterstützt von ihrem Mann, der entsprechende Privatlehrer ins Haus holt. Sie beherrscht dann Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch, Hebräisch und Latein, auch etwas Sanskrit und ist in der Lage, Texte im Original zu lesen und Konversationen mit ihren Gästen, die oft aus dem Ausland kommen und bei ihr zu Besuch weilen, in deren jeweiliger Sprache zu führen.

Henriette Herz von Wilhelm Hensel, 1823
Henriette Herz, Zeichnung von Wilhelm Hensel, 1823
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Kupferstichkabinett, Fotograf: Jörg P. Anders, Bearbeitet: Alexander Glintschert
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Gemäß ihrem Hauptinteresse, der Literatur, schart sich ein Kreis ebenso interessierter Leute um sie, ohne Ansehen von Stand und Namen, was dazu führt, daß sich bald zwei verschiedene Kreise in zwei Zimmern bilden. Während sich bei Marcus Herz meist Männer für dessen wissenschaftliche Kurse einfinden, treffen sich bei Henriette Teilnehmer beiderlei Geschlechts. Vor allem sind es Personen, die an den Künsten interessiert sind, ob Literatur, Theater, Musik, Malerei und Architektur. Nicht unerwähnt bleiben soll, daß Henriette sehr hübsch ist und über eine ungewöhnliche Ausstrahlung verfügt, wie übereinstimmend aus allen Quellen zu erfahren ist. Auch einschlägige Bilder, beispielsweise von Anton Graff oder Wilhelm Hensel, sprechen ebenso dafür wie eine von Johann Gottfried Schadow geschaffene Büste Henriettes. All das trägt wesentlich dazu bei, daß ihr Haus letztlich zu einem Mittelpunkt des geistigen Lebens und der Aufklärung in Preußens Hauptstadt wird.

Zu den engeren Freunden und Teilnehmern gehören unter anderem ihre enge Freundin Brendel und deren Schwester Henriette Mendelssohn. Brendel wird später mit dem Kaufmann Simon Veit verheiratet, nennt sich Dorothea – ein Name, den auch wir im folgenden für sie verwenden wollen – und lebt schließlich mit dem Philosophen und Schriftsteller Friedrich Schlegel zusammen, mit dem sie Jahre später ihre zweite Ehe eingeht. Weitere Besucher des Salons sind eben jener Friedrich Schlegel, der hier Dorothea kennenlernt; die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, der Dichter Karl Wilhelm Ramler, der Schriftsteller Karl Philipp Moritz, der Dichter Jean Paul, der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der Komponist Johann Friedrich Reichardt, der Bildhauer Johann Gottfried Schadow, der hier seine spätere Frau Marianne Devidels kennenlernt; der Schriftsteller und Publizist Karl August Varnhagen von Ense, der hier schon auf Rahel Levin trifft, die er später ehelicht; der Publizist und Politiker Friedrich von Gentz, Alexander Graf von Dohna, der spätere preußische Innenminister; der schwedische Diplomat und deutsche Dichter Karl Gustav von Brinkmann und der Schriftsteller und Diplomat Christian Wilhelm von Dohm. Auch der preußische Prinz Louis Ferdinand gehört zu diesem Kreis. Etwas später kommen der Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und der Publizist und Schriftsteller Ludwig Börne hinzu. Zu letzterem sei noch vermerkt, daß er als Student ein medizinisches Kolleg bei Marcus Herz besucht, der ihn auch zeitweilig in sein Haus aufnimmt. Börne verliebt sich in Henriette, was unerwidert bleibt und ihn einigen Quellen zufolge zu einem Selbstmordversuch getrieben haben soll.

Mit den engeren Freunden gründet Henriette einen sogenannten Tugendbund. Darüber heißt es in dem Buch von Marie Haller-Nevermann, „Mehr ein Weltteil, als eine Stadt. Berliner Klassik und ihre Protagonisten“:

[…] schließt Henriette Herz 1787 den Kreis ihrer persönlichen Freunde aus einem weiteren Anliegen zusammen. Sie schafft ein neues Forum, diesmal eines, das der geistig-seelischen Orientierung, das vor allem der Herzensbildung, der Tugend und der moralischen Vervollkommnung gilt. […]

Und weiter:

Henriettes Tugendbund verbindet Dorothea Veit-Schlegel, deren Schwester Henriette Mendelssohn, Carl von La Roche, den Sohn der Sophie von La Roche, Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen, die Schriftstellerin Therese Forster-Huber, Wilhelm und Alexander von Humboldt und Caroline von Dacheröden, die spätere Frau von Wilhelm von Humboldt. Sittlich gutes Handeln soll die Freunde verbinden, die Freundschaften sollen gepflegt werden, man will keine Geheimnisse voreinander haben, man will sich in allen Herzensangelegenheiten austauschen. Die an Karl Philipp Moritz geschulte erfahrungsseelenkundliche Erforschung der eigenen Psyche und ihrer Implikationen im Hinblick auf das eigene Handeln und Empfinden ist ein für die Zeit hochmodernes Konzept. Die Herzen werden geöffnet, lange Briefe werden geschrieben. Diese hehren Ziele erweisen sich aber rasch als unerreichbar, sie lassen sich nicht lange durchhalten. Henriettes Tugendbund scheitert an den unterschiedlichen individuellen Orientierungen und Entwicklungen der einzelnen Mitglieder. Anfang der Neunzigerjahre löst sich der Tugendbund wieder auf, viele der dort gepflegten Freundschaften oder Beziehungen halten aber weiter an.
In: Marie Haller-Nevermann, Mehr ein Weltteil, als eine Stadt. Berliner Klassik und ihre Protagonisten, Seiten 249 und 250.

Eine besonders enge Freundschaft entwickelt sich mit dem Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Er kommt zwar erst 1796 nach Berlin, gehört aber schnell zum Kreis von Henriette, auch wenn er zwischenzeitlich als Professor in Halle tätig ist. Ab 1809 wieder in Berlin, bleibt er hier bis an sein Lebensende. Marie Haller-Nevermann schreibt in ihrem Buch:

Schleiermacher ist ständiger Gast im Herz’schen Hause. Henriette wird seine engste Gesprächspartnerin bei der Entstehung aller seiner Schriften, sie lernen gemeinsam fremde Sprachen und tauschen sich über Literatur aus.

Und sie zitiert dazu aus den Erinnerungen Henriettes:

Überhaupt legt seine Korrespondenz mit mir von den Jahren 1798 bis 1804, eine Zeit großer innerer und äußerer Tätigkeit Schleiermachers, ja vielleicht seiner eigentlichen Entwicklungs-Periode [sic!], das lebendigste Zeugnis für Geist und Gemüt des trefflichen Mannes ab. Wir waren in Berlin gewohnt, uns täglich zu sehen, und waren wir voneinander getrennt, mußte briefliche Mitteilung den mündlichen Verkehr ersetzen.

In Briefen an seine Schwester geht auch Schleiermacher auf seine Freundschaft zu Henriette ein. So heißt es in dem Brief vom 30. Mai 1798:

Am meisten lebe ich jetzt mit der Herz,[…] Ich pflege jede Woche wenigstens einmal einen ganzen Tag bei ihr zuzubringen. Ich könnte das bei wenig Menschen; aber in einer Abwechslung von Beschäftigungen und Vergnügungen geht mir dieser Tag sehr angenehm mit ihr hin. Sie hat mich Italienisch gelehrt oder tut es vielmehr noch, wir lesen den Shakespeare zusammen, wir beschäftigen uns mit Physik, ich teile ihr etwas von meiner Naturkenntnis mit, wir lesen bald dies bald jenes aus einem guten deutschen Buch, dazwischen gehn wir in den schönsten Stunden spazieren und reden recht aus dem innersten des Gemüts miteinander über die wichtigsten Dinge.
Zitiert aus: Henriette Herz, Berliner Salon, Erinnerungen und Portraits, Seite 191.

In diesem Beitrag ist das weitere Leben Henriettes nicht Gegenstand der Betrachtung. Nur sei noch soviel hinzugefügt, daß 1803 ihr Mann, Marcus Herz im Alter von 56 Jahren stirbt. Für sie wird die Lage danach vor allem in finanzieller Hinsicht schwieriger. Sie führt ihren Salon noch eine Zeit lang weiter, was aber, unter anderem auch nach der Besetzung Berlins durch napoleonische Truppen 1806, nicht mehr möglich ist. Das Berliner Biographische Lexikon vermerkt dazu:

Nach dem Tode von Marcus Herz zog sie aus der seit 1795 bewohnten Neuen Friedrichstraße in eine kleinere Wohnung in der Markgrafenstraße 59. Zunehmende wirtschaftliche Probleme zwangen sie, Privatunterricht zu geben. 1817 konvertierte sie zum christlichen Glauben. 1828 diktierte sie ihre Erinnerungen (Henriette Herz. Ihr Leben und ihre Erinnerungen, Hg. v. J. Fürst, 1850). Der König setzte ihr dank der Fürsprache von A. v. Humboldt eine Rente von 500 Talern aus.
In: Berliner Biographisches Lexikon, Seiten 180 und 181.

Henriette Herz - Zeichnung
Henriette Herz – Zeichnung
Quelle: Georg Brandes, Berlin som tysk Rigshovedstad. Erindringer, etc., Kopenhagen, 1885 – The British Library
Bearbeitet: Alexander Glintschert
Gemeinfrei, da urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.

Kurz nach ihrem 83. Geburtstag geht ihr Leben zu Ende. Sie verstirbt am 22. Oktober 1847. Ihr Grab befindet sich auf dem Kirchhof der Jerusalem-Gemeinde am Halleschen Tor. Es ist ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Wer es dort aufsucht, sollte nicht versäumen, auch das in der Nähe gelegene Doppelgrab von Rahel und Karl August Varnhagen von Ense zu besuchen, ebenso ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Ganz in der Nähe befinden sich auch die Ruhestätten von Felix Mendelssohn Bartholdy, seiner Schwester Fanny und deren Ehemann Wilhelm Hensel.

Neben dem Salon Henriettes gibt es in jenen Jahren noch weitere solcher Salons in Preußens Hauptstadt, die vor allem von jüdischen Frauen geführt werden. Der wohl an zweiter Stelle zu nennende und berühmteste Salon ist der von Rahel Levin, spätere Varnhagen von Ense. Rahel, sieben Jahre jünger als Henriette, besucht auch deren Salon, wo sie bereits viele der Persönlichkeiten kennenlernt, die später und dann auch zur gleichen Zeit ihre Gäste sind. Hier beschränken wir uns nur auf den Salon Henriettes, der als Beispiel für die Bedeutung der Salonkultur für die damalige und aber auch für die heutige Zeit dienen soll, zumal er wohl die meisten anderen an Bedeutung übertreffen dürfte. Dazu sei auch der bedeutende Berlin-Spaziergänger Julius Rodenberg zitiert:

Diese Frauen schufen in der damaligen Öde, welche dem Tode Friedrichs voranging und nachfolgte, jene Kreise, welche so wichtig geworden sind nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Literatur und das öffentliche Leben; […]
In: Julius Rodenberg, Bilder aus dem Berliner Leben, Seite 225.

Die Salons sind auch Zentren der Geselligkeit und Unterhaltung, aber weit darüber hinaus können hier Frauen uneingeschränkt und unbehindert von der feudal-absolutistischen Gesellschaft jener Zeit ihren Teil zur Entwicklung des aufklärerischen und liberalen Denkens leisten. Hier herrscht eine freie, den höfischen und bürgerlichen Konventionen der Zeit entgegengesetzte Form des gesellschaftlichen Lebens. In ihrem Buch über Dorothea Schlegel schreibt Carola Stern:

In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts erleben die zehn bis fünfzehn hauptsächlich jüdischen Salons in der preußischen Hauptstadt ihre Blütezeit. Alles spielte sich unter nicht viel mehr als hundert Menschen ab: Schriftstellern und Offizieren, Hofleuten und Intellektuellen, Schauspielern sowie Diplomaten und ihren jüdischen Gastgeberinnen – unter Menschen, die unabhängig von ihrem Rang und Stand nach wahrhaft menschlichen Beziehungen suchten. Wo gab es das denn sonst?

Und weiter unten:

Und während in den jüdischen Salons alle Standesunterschiede und gesellschaftlichen Gegensätze wenigstens für ein paar Stunden aufgehoben waren, dauerten diese Gegensätze in der übrigen Gesellschaft fort.
In: Carola Stern, Ich möchte mir Flügel wünschenDas Leben der Dorothea Schlegel, Seiten 67 und 68.

Von den Salons gingen immerhin große Wirkungen auf die geistige Entwicklung Berlins, aber auch und vor allem auf die geistige Emanzipation der Frauen insgesamt aus. Wie schon weiter oben festgestellt, werden die Salons vornehmlich von Jüdinnen geführt. Aus deren erfolgreicher Arbeit darf man jedoch nicht ableiten, daß damit in Preußen schon die völlige Gleichstellung der jüdischen Bürger erreicht worden wäre. Im Gegenteil wird nach den Befreiungskriegen im Zuge der Restauration sehr vieles wieder rückgängig gemacht. Henriette hat auch diese Entwicklung aufmerksam verfolgt und wohl auch bedauert. Zum Ende ihrer Erinnerungen liest sich das so:

Nenne man mich immerhin eine „Lobrednerin der vergangenen Zeit“. Ganz fremd ist mir auch die gegenwärtige nicht, und wer weiß, ob diese mit ihrem kalten Verstande, ihrem schlecht verhehlten oder gar sich keck brüstenden Egoismus, ihrem vorherrschenden Streben nach materiellen Gütern jener Zeit der Hingebung an die Mitmenschen und des erfolgreichen Strebens nach geistigen Gütern von der Nachwelt vorgezogen werden wird.
In: a .a. O., Seite 189.

Das liest sich doch fast so, als wäre es für die Gegenwart geschrieben. In diesem Zusammenhang sei auch nochmals Marie Haller-Nevermann zitiert:

Die Existenz erfolgreicher jüdischer Salons als Zentrum kultivierter Geselligkeit darf allerdings nicht zu der Annahme verleiten, die Juden seien nunmehr in der deutschen Gesellschaft angekommen und verankert. Die Geschichte lehrt das Gegenteil. In Preußen werden die durch das Gleichstellungsgesetz von 1812 gewährten Freiräume alle nach und nach wieder zurückgenommen. Die Juden waren und bleiben Außenseiter. In dem Maße, wie eine bürgerliche Oberschicht entsteht und an Macht und Einfluß gewinnt, bemächtigt sie sich auch des Einflusses auf Stil und Regeln des gesellschaftlichen Lebens. Der für eine kurze historische Phase gewonnene Einfluß der Juden auf das gebildete gesellschaftliche Leben in der preußischen Hauptstadt wird eliminiert durch das aufsteigend gebildete Bürgertum.
In: a. a. O., Seite 270.

Dennoch ist die Bedeutung, die von diesen Frauen und ihren Salons ausgeht, nicht zu unterschätzen. Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, in ihnen einen Ausgangspunkt des emanzipatorischen Kampfes der Frauen insgesamt zu sehen, der bis in die Gegenwart reicht, wo noch immer Nachholbedarf bezüglich der Gleichberechtigung der Frauen besteht.

Straßenschild am Henriette-Herz-Platz
Straßenschild am Henriette-Herz-Platz in Berlins Mitte nahe dem Hackeschen Markt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2019),
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Abschließend sei noch die Frage gestellt, wo es in unserer Stadt Gedenkorte für Henriette Herz gibt? Da wäre zuerst der Henriette-Herz-Platz in Berlin-Mitte zu nennen, zu dem auch unser Spaziergang auf den Spuren Henriettes führt. Gelegen in der Nähe des Hackeschen Marktes, wurde er am 7. April 2000 eingeweiht. Auch Henriettes letzte Ruhestätte auf dem Kirchhof der Jerusalem-Gemeinde am Halleschen Tor ist weiter oben schon genannt worden. Relativ neu ist, daß es in der Nähe des Potsdamer Platzes einen kleinen Park gibt, der ihren Namen trägt, was sehr erfreulich ist, auch wenn der ortsunkundige Berlin-Besucher ihn nur schwer finden dürfte, weil leider kein Hinweisschild auf den Namen dieses Parks verweist. Bei der Suche stoßen wir im Internet auf den Hinweis, daß es im Ortsteil Falkenberg im Stadtbezirk Hohenschönhausen eine Henriette-Herz-Allee gibt. Allerdings war bei einem Besuch dort noch kein Straßenschild zu finden. Es ist wohl davon auszugehen, daß diese Straße erst bei Fertigstellung des Bauvorhabens „Wohnen am Gehrensee“ eingeweiht werden wird.

Die bereits erwähnte Büste Henriettes, die der Bildhauer Johann Gottfried Schadow schuf, befindet sich in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel. Leider ist sie gegenwärtig in der Ausstellung nicht zu besichtigen. Auch die schon genannten Gemälde von Anton Graff und Anna Dorothea Therbusch besitzt die Nationalgalerie. Ersteres ist in der Ausstellung der Alten Nationalgalerie zu bewundern (siehe auch: Katalog der ausgestellten Werke, Seite 165).


Das Banner auf dieser Seite zeigt Henriette Herz, gezeichnet von Wilhelm Hensel, 1823.
Quelle der beiden Zeichnungen: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital
Sammlung: Kupferstichkabinett, Ident.Nr. 5/4 und 5/5
Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Fotograf: Jörg P. Anders
Bearbeitet: Alexander Glintschert
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