Sandkrugbrücke am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal

Zwischen Eisenbahn und Gottesacker

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 2 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nummer 19"

Er ist schon ein beeindruckender Bau, der Berliner Hauptbahnhof, wie er da so auf der anderen Seite der Spree aufragt. Ein langgestrecktes, gewölbtes Glasdach, zwei mächtige Bügelbauten aus Glas und Stahl, die ihn wie Klammern am Boden zu halten scheinen, und zwischen ihnen das gläserne Eingangsgebäude mit dem weit hervorragenden, leicht gebogenen Dach. Stolz prangt das Logo der Bahn an dem turmartig davor aufragenden Abluftkamin des darunter verlaufenden Tiergartentunnels.

Der Bahnhof fängt unsere Blicke unweigerlich ein, wenn wir unseren zweiten Spaziergang auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 an der Moltkebrücke beginnen. Dieser heute wichtigste, dem Personenverkehr vorbehaltene Berliner Bahnhof wurde im Jahre 2006 in Betrieb genommen. Entworfen wurde das markante Bauwerk von dem Architekten Meinhard von Gerkan. Und es hat Berlin einen Superlativ beschert. Die Stadt darf sich rühmen, den größten Turmbahnhof Europas zu besitzen. Das Areal, auf dem er steht, blickt auf eine lange Eisenbahngeschichte zurück. Sie begann im Jahr 1868 mit dem Lehrter Bahnhof, der bis 1951 der Endpunkt der Berlin-Lehrter Eisenbahn war. Später kam der Lehrter Stadtbahnhof hinzu, der von der Eröffnung der Stadtbahn 1882 bis 2002 einer ihrer Haltepunkte war.

Die Wegstrecke
(ca. 7 Kilometer)

Die Errichtung und Inbetriebnahme des Kreuzungspunktes der Stadtbahn mit einer neu gebauten, unterirdisch in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Eisenbahntrasse verhalf Berlin zum ersten Mal in seiner Geschichte zu einem wirklichen Hauptbahnhof. Zumindest, wenn wir einmal von dem Intermezzo absehen, das der Ostbahnhof unter diesem Namen gab. Das historische Eisenbahnnetz der Stadt hatte einst elf Kopfbahnhöfe aufgeboten, Endpunkte verschiedener Eisenbahnlinien, die Berlin mit anderen deutschen Städten verbanden. Über das innerstädtische Nahverkehrsnetz gelangten die Reisenden von einem Bahnhof zum anderen. Der durch die Straßen der Stadt fahrenden Berliner Verbindungsbahn kam hierbei in der Mitte des 19. Jahrhunderts besondere Bedeutung zu. Trotzdem hatten es Durchreisende damals wohl recht schwer. Kamen sie an einem Endbahnhof an, mußten sie durch teils mehrmaliges Umsteigen über die innerstädtischen Verkehrsmittel zu einem anderen Endbahnhof gelangen und dort dann die Fahrt fortsetzen. War man mit Koffern recht beladen, dürfte das trotz Verbindungsbahn im Zeitalter von Droschken und Pferdebahnen sicher ein eher zweifelhaftes Vergnügen gewesen sein. Doch auch später, als Stadt- und Ringbahn die Verbindungen verbesserten, wurde es sicherlich nur bedingt angenehmer. Es ließe sich nun trefflich darüber spekulieren, ob man sich in Berlin wohl so etwas wie Durchreisende schlicht nicht vorstellen konnte. Doch damit läge man falsch. Als die Eisenbahn zu den Städten kam, waren deren Zentren meist schon dicht bebaut. So mußten die Endpunkte des neuen Verkehrsmittels an den damaligen Grenzen der Städte plaziert werden, sozusagen um sie herum. Und Berlin befand sich damit in bester Gesellschaft, man schaue nur nach Paris oder Budapest.

Der Zweite Weltkrieg mit seinen großflächigen Zerstörungen und die anschließende Teilung der Stadt brachten dann dieses historische Eisenbahnnetz weitgehend zum Erliegen. Viele der nun zerstörten Kopfbahnhöfe wurden stillgelegt. Jeder der beiden Teile Berlins schuf sich sein eigenes System. Das Westberliner hatte allerdings nur einen stark eingeschränkten Fernverkehr zu bewältigen. So war es kein Wunder, daß mit dem Fall der Mauer und der nachfolgenden Wiedervereinigung das existierende Eisenbahnnetz schlagartig nicht mehr ausreichte. Und so griff man auf einen Plan aus dem Jahre 1917 zurück, der eine unterirdische Nord-Süd-Bahn mit dem damaligen Lehrter Bahnhof als Kreuzungsbahnhof vorsah. Nun, den Lehrter Bahnhof gab es inzwischen zwar nicht mehr, aber das zentrale Gelände war infolge von Krieg und Mauerbau so gut wie leer, was die Errichtung des neuen Hauptbahnhofs vereinfachte.

Die Spree am Berliner Hauptbahnhof
Der Berliner Hauptbahnhof, vor dem die Spree ihre Bahn zieht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Und so können wir ihn nun ausgiebig bestaunen, während wir dem Grünen Hauptweg Nummer 19 das Spreeufer entlang folgen, das hier den Namen Ludwig Erhards trägt, der erster Wirtschaftsminister und zweiter Bundeskanzler der Bundesrepublik war und als Vater der Sozialen Marktwirtschaft gilt. Nach einigen Metern unterqueren wir eine Fußgängerbrücke, die hier über den Fluß führt und nach Gustav Heinemann benannt ist, dem dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. Diese Namen weisen unmißverständlich darauf hin, daß wir uns hier entlang des Regierungsviertels bewegen. Wir können es allerdings nicht sehen, denn es versteckt sich hinter dem Spreebogenpark. Der ist wesentlich höher gelegen als das Spreeufer und fällt zu diesem in Form einer senkrechten Betonwand ab. „Gartenarchitektonisch zurückhaltend gestaltet“ sei der Park, lese ich in einer Beschreibung des Areals. Als große Rasenfläche mit einigen spärlich verteilten Bäumen hätte ich ihn beschrieben, aber so klingt es natürlich viel bedeutender. Wer sich selbst ein Bild davon machen will, kann hinter der Brücke eine Treppe hinaufsteigen.

Genau an dieser Stelle überqueren wir den Tiergartentunnel. Kurz vor der Brücke verlaufen unter unseren Füßen die Röhren für den Straßenverkehr, kurz dahinter die der Eisenbahn. Sehen kann man sie natürlich nicht. Am diesseitigen Ufer ist wegen der erwähnten tieferen Lage nicht viel mehr zu betrachten als einige Freiluftbars, die im Sommer Ufer und Uferweg in Beschlag nehmen und deren Theken in großen Nischen in der Betonwand untergebracht sind. Sie sind an sonnigen Tagen dicht umlagert, und meist dröhnen laute, rhythmische Geräusche aus herumstehenden Lautsprecherboxen. Lassen wir sie schnell hinter uns und wandern weiter die große Kurve des Spreebogens entlang.

Das von der Spree umflossene Areal rechts neben uns war bis zum Zweiten Weltkrieg das Alsenviertel. In diesem kleinen Stadtquartier hatten sich sehr viele ausländische Vertretungen angesiedelt, weshalb es auch als Botschaftsviertel bekannt war. Sein Name und der seiner Hauptstraße erinnerten an den Übergang auf die Insel Alsen, ein entscheidendes Ereignis im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864, den Österreich und Preußen für sich entschieden. Passend dazu stellte man 1875 entlang der Alsenstraße die von der abgerissenen Königsbrücke stammenden Kriegergruppen auf. Als die Faschisten mit den Vorbereitungen für die Realisierung ihrer wahnwitzigen Welthauptstadt Germania begannen, in der das Alsenviertel der neu zu errichtenden Halle des Volkes weichen sollte, setzten sie die Figurengruppen 1938 in den Tiergarten um, wo sie noch heute an der Rüsternallee stehen. Der anschließend vom Zaun gebrochene Weltkrieg bedeutete dann nicht nur das Ende der Welthauptstadtpläne, sondern leider auch des Alsenviertels, von dem heute nur noch ein einziges Gebäude übrig ist: die Schweizer Botschaft.

Die Spree am Berliner Hauptbahnhof
Blick von der Kronprinzenbrücke die Spree entlang auf den Berliner Hauptbahnhof.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Uferweg führt uns zur Kronprinzenbrücke, die eine der drei Brücken des Alsenviertels war. Die anderen beiden waren die Moltkebrücke, an der wir unsere heutige Wanderung begonnen haben, und die Alsenbrücke. Diese befand sich am Scheitelpunkt des Bogens, den die Spree hier beschreibt, und führte genau mittig auf die Brücke über den Humboldthafen am gegenüberliegenden Spreeufer zu, so daß beide Brücken ein T bildeten. Die heutige Kronprinzenbrücke hat mit der historischen nicht mehr viel gemein, denn jene war eine schmiedeeiserne Fachwerkbogenbrücke mit drei Öffnungen. Im Krieg zwar schwer beschädigt worden, existierte sie jedoch, leidlich instandgesetzt, noch bis 1972. Dann riß man sie ab, denn dieser Spreeabschnitt lag längst im Mauerstreifen und die Brücke war somit unzugänglich. Nur ihre Pfeiler blieben stehen. Doch auch diese wurden schließlich beseitigt, als man nach dem Mauerfall den neuen Übergang als ersten Brückenneubau über die ehemalige Sektorengrenze errichtete, nun als Stahlbrücke nach einem Entwurf des spanischen Architekten Santiago Calatrava.

Wer will, kann über die Brücke den Weg etwas abkürzen. Gehen wir aber ruhig noch ein kleines Stück den Uferweg entlang, bis wir einen schmalen Spreeübergang erreichen, der zwei große Gebäude miteinander verbindet, die hier links und rechts des Flusses am Ufer stehen. Sie gehören zum Band des Bundes. Das war uns bereits am Ende unserer ersten Etappe auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 begegnet, als wir das Kanzleramt passierten. Der monumentale Bau rechts von uns ist das Paul-Löbe-Haus. Sein Namensgeber war ein SPD-Politiker und in der Weimarer Republik Reichstagspräsident. Am anderen Flußufer setzt das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus das Band des Bundes fort. Benannt ist es nach einer deutschen Politikerin und Frauenrechtlerin, der in der Weimarer Republik maßgeblich zu verdanken war, daß eine Gesetzesänderung es Frauen erstmals in der deutschen Geschichte ermöglichte, juristische Berufe zu ergreifen.

Das Band des Bundes ist der Kern des neuen Berliner Regierungsviertels. Es durchschneidet die letzte große Spreeschleife des Spreebogens vor der Marschallbrücke und ist ganze neunhundert Meter lang. Jede Menge Stahlbeton und Glas, aber auch Platz für die Parlamentarier und Regierungsmitglieder, Beamten und Angestellten, denen hier Büros und Einrichtungen wie die Parlamentsbibliothek, Archive, Anhörungs- und Sitzungssäle zur Verfügung stehen. Und es wäre noch viel mehr, wenn die Häuser, die auf den ersten Blick groß und massiv wirken, nicht jede Menge umbauter Luft in Form von Aussparungen zwischen einzelnen Gebäudeflügeln enthielten. Das Band des Bundes besitzt übrigens eine wichtige Eigenschaft, die es seinem Namen gerecht werden ließe, nicht: es ist kein geschlossenes Ensemble und folglich auch kein Band. Zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus fehlt ein Stück. Ein nicht gerade kleines übrigens. Und damit es dort nicht zu sehr nach Baulücke aussieht, ist sie provisorisch als Platz gestaltet. Eigentlich sah der Entwurf der Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank hier ein Bürgerforum vor, ein Gebäude mit Cafés, Galerien und Geschäften für die Öffentlichkeit. Glauben wir der Berliner Tageszeitung taz, so liegt die Verantwortung für diese Lücke bei Helmut Kohl, der der Zeitung zufolge sein Kanzleramt als Solitär wünschte. Ob es stimmt… nun, wer weiß. Beziehen konnte er es jedenfalls nie. Als es fertig war, hatte ihn Gerhard Schröder bereits abgelöst. Ob das Bürgerforum noch je gebaut werden wird, steht in den Sternen.

Wir nutzen das Bundesband, um auf die andere Seite der Spree zu gelangen. Rechts ist eine Treppe, die uns den Zugang zur bereits erwähnten schmalen Brücke gewährt, die Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus miteinander verbindet. Eigentlich ist sie ja zwei Brücken in einer, denn es gibt zwei übereinanderliegende Übergänge. Einen offiziellen Namen haben sie beide nicht. Der untere wird gemeinhin einfach als Marie-Elisabeth-Lüders-Steg bezeichnet. Der obere hat immerhin ein – für uns von hier unten nicht sichtbares – Namensschild, das ihn als Jakob-Mierscheid-Steg ausweist. Damit wird der seit 1979 im Bundestag sitzende SPD-Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid geehrt. Der ist ebenso verdient wie fiktiv, was ihn nicht davon abhält, fleißig aus dem Bundestag zu twittern. Der nach ihm benannte obere Steg ist den in den beiden Gebäuden Arbeitenden vorbehalten, und es soll Leute geben, die ihn als „höhere Beamtenlaufbahn“ bezeichnen. Nun, diese bleibt uns versperrt. Steigen wir also nur zum unteren Brückenweg hinauf und gehen hinüber.

Auf dem Marie-Elisabeth-Lüders-Steg
Der Marie-Elisabeth-Lüders-Steg mit Blick zum Paul-Löbe-Haus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Auf dem Marie-Elisabeth-Lüders-Steg
Die Spreekurve am Reichstag vom Marie-Elisabeth-Lüders-Steg aus gesehen. Links das Marie-Elisabeth-Lüders-, rechts das Paul-Löbe-Haus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Auf dem Marie-Elisabeth-Lüders-Steg
Blick zum Hauptbahnhof vom Marie-Elisabeth-Lüders-Steg. Hinter der Kronprinzenbrücke ist der graue Bau des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Von hier oben haben wir einen schönen Blick auf den Fluß und dessen Biegung bis hinüber zum Hauptbahnhof. Steht man im Sommer hier oben, tummeln sich viele Schiffe auf der Spree, die Touristen und vielleicht auch manchen Berliner hin- und herschippern. Fast scheint es dann, als fände hier eine Demonstration auf dem Wasser statt. In der anderen Richtung ist der Reichstag gerade nicht zu sehen – er versteckt sich hinter dem Paul-Löbe-Haus. Nur eine der Fahnen, die auf seinen vier Ecktürmchen wehen, lugt oben drüber. Im Zentrum des Blickes ist am Flußufer dafür ein anderes altes Gebäude gut zu sehen, an dessen Hausecke große Bäume stehen. Es steht dort schon mehr als hundert Jahre. Seit seiner Fertigstellung im Jahre 1904 wohnte und arbeitete hier der jeweilige Präsident des Reichstags. Ebenso wie das Reichstagsgebäude selbst wurde dieses Reichstagspräsidentenpalais von Paul Wallot entworfen. Heute beherbergt es die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft.

Auf der anderen Flußseite angekommen, stehen wir nun auf dem Schiffbauerdamm. Der Name kommt nicht von ungefähr, denn tatsächlich wurden in Berlin einst Schiffe gebaut, und zwar nicht nur Gondeln1. Bereits unter dem Großen Kurfürsten gab es im Bereich des heutigen Reichstagsufers eine Werft, auf der holländische Fachleute arbeiteten. König Friedrich Wilhelm I. verlegte den Schiffbau dann an das rechte Spreeufer – zwischen Weidendammer Brücke und Unterbaum, der als Teil der Berliner Zollmauer damals die Spree sperrte. Er war tatsächlich nur ein Baumstamm, den man nachts über die Spree legte, damit Schiffe nicht hindurchkamen, ohne den geforderten Zoll zu entrichten. Später gab es dort eine Brücke. Den Ort, wo diese Unterbaumbrücke stand, kennen wir bereits, denn später wurde sie durch die Kronprinzenbrücke ersetzt. Die in deren Nähe auf die Uferpromenade mündende Unterbaumstraße erinnert noch heute an die alte Zollsperre. Dem Schiffbau war hier jedoch keine große Zukunft beschieden. Zunächst siedelten sich am rechten Spreeufer zwar Schiffbauer an und es erhielt auch einen Damm, von dem aus man Schiffe treideln konnte. Auch gab man der Straße, die auf diesem verlief, 1738 den Namen „Schiffbauerdamm“. Doch die Aktivitäten, auf die er verweist, übte man hier im 19. Jahrhundert schon nicht mehr aus. Und so ist dieser Name heute das einzige, was noch an den Berliner Schiffbau in dieser Gegend erinnert.

Eine von der Weidendammer bis zur Kurfürstenbrücke durchgehende Straße wie damals ist der Schiffbauerdamm heute nicht mehr. Das Band des Bundes legt sich in Gestalt des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses wie ein Querriegel darüber und unterbricht ihn rigoros. Nur ein Uferweg hält die Verbindung zwischen beiden Straßenteilen. Der Grüne Hauptweg folgt ihm jedoch nicht, sondern wendet sich hinter der Brücke nach links und erreicht das Mahnmal „Parlament der Bäume“, das der Künstler Ben Wagin für die Toten an der Berliner Mauer auf einem Stück des ehemaligen Mauerstreifens aus Gedenksteinen, Plakaten und Teilen der Grenzanlagen geschaffen hat. Seit dem 9. November 1990 gibt es diese Gedenkstätte hier. Allerdings war sie zu Beginn viel größer. Für den Betonriegel des Bundesbandes wurde sie später verkleinert. Einige der Bäume setzte man um und installierte – immerhin – in dem an ihrer Stelle neu errichteten Gebäude einige Mauersegmente aus der Gedenkstätte in einem öffentlich zugänglichen Bereich. An dem außerhalb verbliebenen Teil der Gedenkstätte führt uns unser Weg nun entlang, der von jetzt an dem ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer folgt.

Wir passieren das Gebäude der Bundespressekonferenz, und als wir die Kronprinzenbrücke wieder erreichen – wer über sie abgekürzt hat, setzt den Weg hier fort -, queren wir die Reinhardtstraße. Sie ehrt den großen Theatermann Max Reinhardt. Einige der berühmtesten Bühnen der Stadt gehen auf ihn zurück, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin zahlreiche Theater in Berlin gründete und leitete. Das nahegelegene Deutsche Theater mit den Kammerspielen und auch das Theater am Schiffbauerdamm verdanken Reinhardt ihre Existenz, der auch ein bedeutender Theaterregisseur war. Vom Ungeist der deutschen Faschisten und deren Judenverfolgung 1937 zur Flucht in die USA gezwungen, starb er dort 1943. Nach Deutschland hatte er nie wieder zurückkehren wollen.

Weiter führt der Weg die Spree entlang – nun auf dem Kapelle-Ufer, das den Namen Heinz Kapelles trägt, eines 1941 ermordeten Widerstandskämpfers gegen den deutschen Faschismus. Früher trug es den Namen Friedrich-Karl-Ufer und war nach dem preußischen Prinzen Friedrich Karl Nikolaus benannt. Im Pflaster des Gehwegs kennzeichnet eine Doppelreihe von Kopfsteinen den Verlauf der Mauer. Wir wandern weiter, lassen die bereits erwähnte Unterbaumstraße rechts von uns vorüberziehen. Hier an der Ecke stand bis 1945 das 1888 eingeweihte Lessingtheater, einst ebenfalls ein Hort großartiger Theaterkunst, in dem einst Stücke von Carl Zuckmayer, Gerhart HauptmannFranz Werfel, Henrik Ibsen und Friedrich Wolf uraufgeführt wurden. Der Zweite Weltkrieg beendete auch seine Existenz. An seiner Statt passieren wir nun einen langen, grauen, gesichtslosen Neubau mit einer Vielzahl schmaler Fenster in Schießschartenmanier. Es ist der Berliner Dienstsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Es steht hier noch nicht lange, fügt dieser Gegend aber auch nichts Nennenswertes hinzu, was es von den anderen recht langweiligen Neubauten zwischen Spree und Stadtbahn – sieht man einmal vom Hauptbahnhof ab – unterscheiden würde. Da lohnt es sich schon eher, noch einmal ans Spreeufer zu treten und den hiesigen Spreebogen hinauf und hinunter zu schauen.

Am Spreebogen
Ein Blick die Spree entlang zum Band des Bundes. Das Gebäude links hinter der Kronprinzenbrücke ist das Haus der Bundespressekonferenz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Am Spreebogen
Ein Blick über den Spreebogen zur Gustav-Heinemann-Brücke. Links ist gerade noch das Bundeskanzleramt zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Das Alexanderufer
Das Straßenschild des Alexanderufers, auf dem der Grüne Hauptweg Nr. 19 vom Spreebogen wegführt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Es ist ein letzter Blick auf die Spree, denn als wir die nächste Querstraße erreichen, verlassen wir den Fluß. Die Straße trägt den Namen „Alexanderufer“ – zunächst ohne ersichtlichen Grund, denn sie wird auf beiden Seiten von Gebäuden flankiert. Diese sind, genau wie das Ministerium, ebenfalls neu, ja zum Teil immer noch in Arbeit. In den letzten Jahren wird hier viel gebaut, denn auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Stadtbahn und Spree gab es keine alten Gebäude mehr. Doch was wohl als Lob gemeint war, als eine Berliner Tageszeitung über die neue Bebauung urteilte:

Keiner der Bauten tanzt aus der Reihe oder erhebt sich über die anderen.

erweist sich bei Betrachtung des Ergebnisses als eigentliches Problem: was hier neu entstand, ist so beliebig wie langweilig. Was der Bebauung fehlt, ist Charakter, Eigenwilligkeit, Charme. Hier dominiert nur Zweckmäßigkeit.

Verweilen müssen wir hier also nicht. Als wir die Neubauten hinter uns haben, wird klar, warum die Straße ihren Namen trägt. Auf der linken Seite haben wir wieder ein Gewässer neben uns. Der Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal, der hier am Hauptbahnhof von der Spree abzweigt, verbindet diese mit der Havel. Wie schon auf unserer ersten Etappe auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 am Landwehrkanal und im Großen Tiergarten stoßen wir hier auf die Spuren des großen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné, auf dessen Pläne der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegte Wasserlauf zurückgeht. Weil er die vielen Windungen des Unterlaufs der Spree umgeht – einige davon haben uns am Hansaviertel bereits begleitet -, verkürzt der Hohenzollernkanal, wie er ursprünglich genannt wurde, den Wasserweg in die östlichen Landesteile Preußens um ganze sechs Kilometer. Am nördlichen Ende des Spandauer Sees mündet er in die Havel.

An der Stadtbahn mündet von rechts die Margarete-Steffin-Straße ins Alexanderufer ein. Die Schauspielerin und Schriftstellerin Margarete Steffin wurde 1908 in Rummelsburg geboren, das damals noch nicht zu Berlin gehörte. Sie war eine enge Mitarbeiterin Bertolt Brechts und die Mitautorin einiger seiner Theaterstücke.

Unter dem Viadukt der Stadtbahn, das über eine sehr breite Brücke dem Hauptbahnhof entgegenstrebt, gehen wir einem Wasserbecken entgegen, zu dem sich der Kanal öffnet. Dieser Humboldthafen ist nach dem Naturforscher Alexander von Humboldt benannt. Tatsächlich befand sich hier einmal ein kleiner Hafen mit Ladestraßen und Lagerplätzen, die dem Umschlag von Gütern dienten. Um 1900 war dies die einzige öffentliche Umschlagstelle der Stadt. Bis 1945 wurde der Hafen betrieben, nach dem Zweiten Weltkrieg war es damit jedoch vorbei. Viel war zerstört und durch die Teilung der Stadt und die genau hier verlaufende Sektorengrenze, später die Berliner Mauer, geriet der Hafen in eine Randlage, die ihn nutzlos werden ließ. Selbst die Wiedervereinigung der Stadt weckte das alte Hafenbecken nicht aus seinem Dornröschenschlaf. An seinen Ufern wurden lediglich ein paar Lagerstätten unterhalten und gelegentlich Sandskulpturenfestivals gefeiert. Erst der Hauptbahnhof, in seiner unmittelbaren Nähe gebaut, ließ das verschlafene Bassin wieder aufleben. Zumindest in den Überlegungen einiger Stadtplaner, denn passiert ist noch immer nicht viel. Mal soll hier ein Yachthafen entstehen, mal will man Touristenschiffe anlegen lassen. Dann wieder möchte jemand historische Schiffe ausstellen. Immerhin gibt es jetzt mit dem Alexanderufer eine schöne Uferpromenade, die wir nun entlangspazieren.

Humboldthafen und Hauptbahnhof
Der Hauptbahnhof direkt am Humboldthafen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Rechts von uns stehen hinter einem grauen Metallzaun mit rotem Ziegelsockel einige schöne Backsteinbauten mit spitzen Giebeln und vielen Schornsteinen, die in ihrem Stil an eine Mischung aus Kirchen- und Industriebauten des 19. Jahrhunderts erinnern. Sie gehören zum historischen Campus der Berliner Charité, des ältesten Krankenhaus Berlins und heute eine der größten Universitätskliniken Europas. Ihr Name, mit dem Wort „Karitas“ verwandt, ist französisch für Nächstenliebe. Ihr Ursprung ist recht prosaisch. Im Jahre 1710 gründete man hier angesichts einer Pestepidemie, die in Osteuropa grassierte und Preußen bereits erreicht hatte, ein Pesthaus. Das lag damals – natürlich – noch vor den Toren der Stadt. Die Pest erreichte Berlin glücklicherweise nicht, und so wurde das Pesthaus zunächst nicht gebraucht und diente anderen Zwecken. Siebzehn Jahre später ließ es König Friedrich Wilhelm I. in ein Bürgerhospital umwandeln und verlieh ihm den Namen „Charité“. Genau einhundert Jahre später wurde dieses Hospital dann der neu gegründeten Berliner Universität, die heute die Humboldt-Universität ist, als Lehr- und Forschungsstätte beigegeben. Viele bedeutende Wissenschaftler, unter ihnen Christoph Wilhelm HufelandRudolf VirchowRobert KochFerdinand Sauerbruch und Hermann von Helmholtz, verhalfen der Charité zu Weltgeltung.

An der Charité
Die historischen Bauten des Charitégeländes in der Nähe des Humboldthafens.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wir wandern am nordwestlichen Rand des Charitégeländes entlang. Die Gebäude, die wir hier passieren, beherbergen die Pathologie mit dem Rudolf-Virchow-Hörsaal und das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité. Letzteres geht auf die Präparatensammlung Rudolf Virchows zurück, der 1899 das Pathologische Museum gründete, dessen Sammlung bis zum Zweiten Weltkrieg etwa 35.000 Präparate beinhaltete. Davon überstanden den Krieg nur etwa 1.800. Das heutige Museum wurde erst 1998 eröffnet. Zu ihm gehört auch das Berliner Anatomische Theater des 18. Jahrhunderts.

Unser Weg folgt dem Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal, der den Humboldthafen an dessen nordöstlicher Ecke verläßt und in einer Kurve auf die Invalidenstraße zuführt. Diese erreichen wir an der Sandkrugbrücke. Ihr Name erinnert an fröhliche Ausflüge, die die Berliner im 18. und 19. Jahrhundert hierher unternahmen und deren Ziel der Gasthof „Sandkrug“ war. Dieser lag in einer ländlichen Umgebung am Fuße des Hohen Weinbergs, nahebei strebte der Schönhauser Graben der Spree entgegen. Eine Brücke überquerte ihn und bot den Berlinern Zugang zur angebotenen Bewirtung im Freien. Blicken wir heute von der Stelle, an der wir gerade stehen, über die Brücke auf die andere Seite des Kanals, so ist auf der linken Straßenseite der Ort, an dem der Gasthof einst stand. Von dort wanderte man damals gern auf den Hohen Weinberg hinauf und besah sich in weitem Rundblick die Umgebung. Großer Tiergarten und die Silhouette der Stadt Berlin – heute würde man auf Neudeutsch wohl Skyline dazu sagen müssen – boten eine prächtige Ansicht. Sehen wir uns jetzt hier um, ist weit und breit nichts zu entdecken, was auch nur annähernd an eine Erhebung erinnern würde. Die Zeiten ländlicher Idylle sind lange vorbei, der sich ausdehnenden Stadt zum Opfer gefallen. Die im nahegelegenen Moabit mit Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung machte den Anfang. Notwendige Verkehrswege wurden geschaffen, die Eisenbahn rollte heran. Ab 1846 entstand in der Nähe des Gasthofs der Hamburger Bahnhof. Nur wenig später baute man den Kanal, der hier den alten Schönhauser Graben ersetzte. Den Hohen Weinberg trug man dann 1848 vollständig ab. Für schöne Aussicht war kein Platz mehr; ein Hafen wurde gebraucht. Und so liegt heute dort, wo sich einst der Berg befand, das Becken des Humboldthafens. Und der Gasthof? Den ereilte schließlich auch das Schicksal. Nur der Name der Brücke erinnert noch an ihn.

Auf dem diesseitigen Ufer befand sich zwischen 1961 und 1990 der Grenzübergang Invalidenstraße. Er war jedoch gewissermaßen nur in eine Richtung durchlässig, denn er gestattete ausschließlich Westberlinern den Durchgang. Eine Ausnahme bildete das Wachpersonal des Sowjetischen Ehrenmals im Großen Tiergarten.

Am gegenüberliegenden Ufer des Kanals stehen auf der linken Seite der Sandkrugbrücke ein Gedenkstein und eine gläserne Stele. Sie erinnern an Günter Litfin, der kurz nach dem Bau der Berliner Mauer am 24. August 1961 bei dem Versuch, schwimmend den Humboldthafen zu durchqeren, erschossen wurde. Er war das zweite Todesopfer an der Berliner Mauer.

Ebenfalls auf der anderen Kanalseite, jedoch rechts hinter der Sandkrugbrücke, lugt hinter Bäumen ein helles Gebäude hervor, dessen von der Straße zurückgesetztes Eingangsportal zwei kleine Türmchen zieren. Es ist das ehemalige Empfangsgebäude des bereits erwähnten Hamburger Bahnhofs, der nach seiner Eröffnung der Ausgangspunkt der Berlin-Hamburger Bahn war. Ein Vierteljahrhundert nach seiner Inbetriebnahme wurde in unmittelbarer Nähe, dort, wo sich heute der Hauptbahnhof erhebt, der Lehrter Bahnhof errichtet. Weil dieser einige Jahre später einen direkten Anschluß an die Stadtbahn erhielt, übernahm er schließlich auch den Zugverkehr nach Hamburg, was das Ende für den Hamburger Bahnhof bedeutete. 1884, nach nur 37 Jahren Betriebszeit, legte man ihn wieder still. Das hinter ihm gelegene Bahngelände wurde noch fast einhundert Jahre lang als Güterbahnhof genutzt, im Bahnhofsgebäude eröffnete man 1906 das Königliche Bau- und Verkehrsmuseum, ein Vorläufer des heutigen Deutschen Technikmuseums. Die Berliner waren begeistert und strömten zuhauf hierher, um sich die ausgestellten Lokomotiven und anderen Ausstellungsstücke anzusehen. Die Sammlung wuchs schnell und machte Erweiterungsbauten nötig. So errichtete man bis 1916 die beiden Flügelbauten, von denen heute viele glauben, sie seien von Beginn an Bestandteil des Bahnhofsgebäudes gewesen. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, blieb der Bau jedoch als einziges Empfangsgebäude der großen Berliner Kopfbahnhöfe erhalten. Und das, obwohl er zu dieser Zeit schon gar kein Bahnhof mehr war. Eine Ironie der Geschichte. Weil er bereits aus den 1840er Jahren stammt, ist der Bau heute zudem eines der ältesten Bahnhofsgebäude Deutschlands.

Die Sammlung hatte allerdings nicht ganz soviel Glück. Zwar überstand auch sie den Krieg großenteils unbeschadet, doch aufgrund der Teilung der Stadt und der Zugehörigkeit der Bahnhofsanlagen und -gebäude zu der in der DDR ansässigen Deutschen Reichsbahn bekam sie niemand mehr zu sehen. Das Museum blieb geschlossen. 1984 ging der Hamburger Bahnhof an den Berliner Senat über, die Sammlung wurde jedoch aufgeteilt. Ein Teil kam ins Verkehrsmuseum Dresden, den anderen übernahm das heutige Deutsche Technikmuseum. Das Bahnhofsgebäude sanierte man und brachte das Museum für Gegenwart darin unter. Es präsentiert zeitgenössische Kunst.

Am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal
Hinter der Invalidenstraße führt ein Uferweg am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal entlang. Dieser Blick zurück zeigt die Sandkrugbrücke, über die die Invalidenstraße den Kanal überquert. Links stehen die Gebäude der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Akademie, am rechten Ufer ist der Hamburger Bahnhof zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wir überqueren die Invalidenstraße und passieren neben der Brücke ein offenstehendes Gittertor, dessen Flügel durch zwei steinerne Pfeiler gehalten werden. Der Weg führt steil auf eine schöne Uferpromenade am rechten Ufer des Kanals hinab. Hinter dem Tor begleitet uns rechter Hand ein altes Gebäude, dessen Fassade ihre barocken Elemente nicht verleugnen kann. Entstanden ist es dennoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einst war hier die Kaiser-Wilhelm-Akademie untergebracht, eine Lehranstalt zur Ausbildung von Militärärzten. Deren Anfänge gehen bis ins Jahr 1795 zurück, als in Berlin neben der Charité eine zweite Chirurgenschule gegründet wurde, der man den merkwürdigen Namen „Pépinière“ gab. Das ist ebenfalls französisch und bedeutet Baumschule. Mit Pflanzen hatte die Ausbildungsstätte allerdings nichts zu tun. Sie sollte nach dem Willen König Friedrich Wilhelms II. „Pflanzstätte“ für Militärärzte sein. Weil es ähnlich klang, wurden die Studenten schon bald als „Pfeifhähne“ veralbert. Sie fühlten sich jedoch nicht beleidigt und übernahmen den Namen voller Stolz. Aus der Pépinière wurde, verbunden mit mehreren Umzügen innerhalb der Stadt, das Friedrich-Wilhelm-Institut und später die Kaiser-Wilhelm-Akademie. Die zog 1910 in das neu errichtete Domizil, hinter dem sich ein ganzer Gebäudekomplex befand. Ein kleiner, aber feiner eigener Campus sozusagen. Bis 1919 bestand die Akademie, dann mußte sie nach dem Versailler Vertrag aufgelöst werden. 1934 eröffnete noch einmal eine Akademie für Militärärzte in dem Gebäude, 1945 war endgültig Schluß. Die DDR nutzte den Gebäudekomplex für Generalstaatsanwaltschaft und oberstes Gericht und brachte noch Teile des Regierungskrankenhauses darin unter. Heute sitzt hier das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal
Hinter der Invalidenstraße führt ein Uferweg am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal entlang.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wir spazieren die Uferpromenade entlang. Als der Gebäudekomplex der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Akademie endet, schließt sich ein in Wellen verlaufender grauer Metallzaun an. Dahinter erhebt sich ein Neubau, dessen hervorstechenstes Merkmal die Vielzahl an Sonnenkollektoren auf dem schrägen Dach ist. Auch dieser Bau gehört noch zum Bundeswirtschaftsministerium, das sich hier sehr umweltbewußt zeigt. Bemerkenswert ist er jedoch aus einem ganz anderen Grund. Wir können es von dieser Seite aus zwar nicht sehen, aber dieser Neubau gehört zu einem Gebäude in der Form eines Us, dessen Querbalken er bildet. Die beiden Längsbauten, die sich nach der anderen Seite erstrecken, sind die einzigen noch erhaltenen Teile eines älteren und sehr geschichtsträchtigen Bauwerks: des Invalidenhauses. 1748 war es, als unter Friedrich II. diese Unterkunft für kriegsinvalide Soldaten eröffnet wurde. Die Idee dafür geht jedoch schon auf König Friedrich I. in Preußen zurück. Damals lag das barocke Gebäude mit drei Flügeln noch vor den Toren der Stadt. Die Hauptfront zeigte zum Schönhauser Graben, aus dem, wie wir wissen, später der Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal wurde. Eben diesen Hauptbau ersetzt das neue Gebäude, an dem wir gerade entlangspazieren. Zum Invalidenhaus gehörten zwei Kirchen, mehrere Wirtschaftsgebäude und ein Garten, den später Peter Joseph Lenné gestaltete und der heute nicht mehr existiert. Die Invaliden mußten auf ihn verzichten, als man an seiner Stelle die uns schon bekannte Kaiser-Wilhelm-Akademie baute. Als die – unter anderem Namen – in den 1930er Jahren wiedereröffnet und später erweitert wurde, mußten die Invaliden abermals verzichten. Diesmal auf das Invalidenhaus selbst. Zum Ausgleich baute man ihnen eine neue Siedlung in Frohnau, die es heute noch gibt. Dem Invalidenhaus ging im Zweiten Weltkrieg sein Hauptbau verloren, die Seitenflügel blieben erhalten. Aus der Nähe besehen kann man sie sich heute leider nicht. Das Ministerium hat auch sie in Beschlag genommen. Wirtschaft und Energie zu verwalten, braucht eben viel Platz.

Am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal
Am dem Invalidenfriedhof (hinter der Mauer rechts) gegenüberliegenden Ufer wird die Brache bebaut.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Als wir das Ende des Zauns erreichen, der das Ministeriumsgelände umgrenzt, stehen wir vor einer Mauer. Der Weg biegt nach rechts ab. Eine kleine Aussichtsplattform, zu der eine schmale Rampe hinaufführt, erlaubt einen Blick an der Mauer vorbei auf den Kanal, der allerdings nicht sehr spektakulär ist. Die Brache auf der gegenüberliegenden Seite, die einst das alte Bahngelände des Hamburger Bahnhofs war und noch bis in die 1980er Jahre als Güterbahnhof genutzt wurde, wird mehr und mehr bebaut, so daß Baustellen das Bild dominieren. Interessanter ist da, was hinter der Mauer liegt. Diese ist nämlich kein Überbleibsel der ehemaligen Grenzsicherungsanlagen, sondern gehört zu einem weiteren geschichtsträchtigen Ort, zu dem uns der Grüne Hauptweg Nummer 19 als nächstes führt.

Bevor wir jedoch dorthin gelangen, führt uns der Weg nach rechts an der Mauer entlang. Dort, wo er endet, steht vor Büschen eine Bank. Daneben ragt ein Gedenkstein auf, der noch einmal auf die Pépinière Bezug nimmt, wie der am oberen Ende sichtbare Hahn mit der Pfeife in seinen Krallen erkennen läßt. Er erinnert an die „Pfeifhähne“, die Absolventen der Akademie, die aus den Kriegen des Deutschen Reichs bis einschließlich 1945 nicht zurückgekehrt sind.

Folgen wir dem Weg durch einen Durchlaß in der Mauer. Ist das ein Park, in dem wir nun stehen? Vor uns liegen grüne Rasenflächen mit vereinzelten Bäumen und Büschen. Mehrere Wege führen hindurch, einer von einer Baumallee gesäumt. Hier und da stehen Grabsteine. Größere und kleinere. Manche sind im Boden halb versunken. Nein, das ist kein bloßer Park. Wir befinden uns auf einem Friedhof. Es ist ein sehr alter Gottesacker, einer der ältesten der Stadt. Seine Anfänge sind mit der Gründung des Invalidenhauses verbunden, zu dem dieser Invalidenfriedhof einst gehörte. So verwundert es auch nicht, daß hier vornehmlich preußische Militärangehörige bestattet wurden; der erste im Jahr 1748. Einundzwanzig Kommandanten des Invalidenhauses waren darunter. Wenn Friedrich II. Invalidenhaus und Friedhof besuchte, soll er oft unter einer Linde gerastet haben, die hier stand. Schon bald nannte man sie die Königslinde.

Auf dem Invalidenfriedhof
Nicht die Königslinde, aber trotzdem ein sehr schöner Baum: eine Blutbuche auf dem Invalidenfriedhof.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Das Grabmal von Julius von Verdy du Vernois

Das Grabmal von Julius von Verdy du Vernois
Auf dem Invalidenfriedhof steht dieses Grabmal von Julius von Verdy du Vernois, der einst preußischer Staats- und Kriegsminister war.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die ältesten noch erhaltenen Grabmale stammen vom ausgehenden 18. Jahrhundert. Sie und mit ihnen der Friedhof geben Zeugnis von der preußischen und damit auch der deutschen Militärgeschichte. Gerhard von Scharnhorst liegt hier begraben, der Heeresreformer und Kriegsminister, Kämpfer in den deutschen Befreiungskriegen gegen Napoleon, an die dieser Friedhof insbesondere erinnert, denn auch andere, die sich dem kleinen Korsen und seinen Eroberungsarmeen damals entgegenstellten, haben hier ihre letzte Ruhe gefunden; unter ihnen die Generalleutnants Otto Carl Lorenz von Pirch und Ernst Job Wilhelm von Witzleben sowie der General Friedrich Bogislav Emanuel Graf Tauentzien von Wittenberg. Die Grabmale der Genannten haben denselben bedeutenden Schöpfer: Karl Friedrich Schinkel. Und sie alle existieren noch. Das ist nicht selbstverständlich, denn heute sind nur noch etwa 230 Gräber des Friedhofs erhalten, auf dem in seiner gesamten Geschichte etwa 30.000 Beerdigungen stattfanden. Für die außerordentlich geringe Zahl noch vorhandener Ruhestätten sind die Grenztruppen der DDR verantwortlich. Im Zuge des Baus und der späteren immer ausgedehnteren Erweiterung der Anlagen der Berliner Mauer zerstörten sie mehr oder weniger systematisch diesen Friedhof. Ohne jegliche Rücksicht wurden ganze Grabfelder eingeebnet. Die Königslinde fällte man kurzerhand. Ein gut zu überblickender Grenzstreifen hatte Vorrang vor Geschichtsbewußtsein und Pietät, auf betonierten Fahrweg, Wachtürme und sonstige Grenzanlagen konnte nicht verzichtet werden. Dafür wurden Gräber abgeräumt und planiert. Daß historische Grabmale unwiederbringlich verlorengingen, nahm man billigend in Kauf.

Verbote nur für Unvernünftige!
Am Invalidenfriedhof ist man leider ein bißchen inkonsequent. Während am einen Eingang dieses Schild steht – jeder darf nun selbst entscheiden, zu welcher Gruppe er gehören möchte -, darf man auf dem Mauerradweg, der den Friedhof quert, trotzdem radeln.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nach dem Fall der Mauer gelangte der Friedhof noch 1990 unter Denkmalschutz. Seitdem hat sich viel getan. Grabmale wurden restauriert, eine neue Königslinde gepflanzt. Für Grabsteine, die ganz und gar verloren sind, verlegte man einheitlich gestaltete „Restitutionssteine“. Der einstige Fahrweg des Mauerstreifens blieb jedoch erhalten. Als asphaltierter Weg hebt er sich deutlich von den restlichen Wegen des Friedhofs ab. Weil er Bestandteil des Berliner Mauerradwegs ist, dürfen ihn Radler auch auf dem Friedhofsgelände befahren. Was sie bedauerlicherweise auch ausgiebig tun. Pietät ist leider nicht jedem gegeben.

Die Auguste-Viktoria-Glocke
Die Auguste-Viktoria-Glocke befindet sich heute auf dem Invalidenfriedhof. Einst gehörte sie zur 1967 gesprengten Gnadenkirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nahe der alten, noch erhaltenen Friedhofsmauer am Kanal steht ein hohes Metallgestell. Es wirkt wie ein Fremdkörper auf dem Friedhof. Treten wir näher. Darin hängt eine Glocke. Es ist die einzige erhaltene der Berliner Gnadenkirche. Diese stand dort, wo sich heute der Invalidenpark befindet, nahe dem Invalidenhaus. Die Berliner nannten sie daher auch einfach Invalidenkirche. Anfang der 1890 Jahre errichtete man sie für die zivile Gemeinde des Militärpfarramts des Invalidenhauses, denn diese war mit der Zeit sehr groß geworden. Das Deutsche Reich überließ das Grundstück kostenlos an Preußen, das Kaiserhaus gab ein „Gnadengeschenk“ von 300.000 Mark. Daraus erklärt sich der Name der Kirche. Bemerkenswert waren die drei Glocken. Ihr Klang war von ungewöhnlicher Klarheit und galt damals als solche Sensation, daß man die mittlere 1893 auf der Weltausstellung in Chicago zeigte. Gespendet hatte sie die Kaiserin Auguste Viktoria. Als die Kirche im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1967 gesprengt wurde, blieb diese Glocke als einzige erhalten. Man wollte sie dennoch verschrotten. Der Pfarrer von Malchow erwarb sie privat, bewahrte sie auf und nahm sie 1979 nach Thüringen mit. 1990 kaufte sie die Gemeinde Wattenscheid-Leithe, die sie wieder erklingen ließ. Seit 2011 ist die Auguste-Viktoria-Glocke wieder in Berlin und befindet sich nun hier auf dem Invalidenfriedhof, wo sie in ihrem metallischen Glockenturm ihre Stimme wieder zu Gehör bringen kann. Ein kleines Happy-End in einer langen Geschichte von Zerstörung und Verlust.

Am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal
Ein Blick über das Brachland am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal. Im Hintergrund ist die Eisenbahnbrücke zu sehen, über die die Zufahrt vom Berliner Hauptbahnhof auf den S-Bahn-Ring führt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Weg verläßt den Friedhof und folgt nun einer Uferpromenade. Das rechter Hand gelegene Wohnhaus gehört zu einer Wohnanlage in der Kieler Straße, die wir schließlich erreichen, als der Weg einen Durchgang passiert. Weil das gegenüberliegende Ufer hier noch unbebaut ist, schweift der Blick weit über den Kanal und die dahinterliegende Brache. Kein wirklich schöner Anblick. Wenden wir uns also lieber nach rechts. Dort entdecken wir einen alten Wachturm. Er wirkt an dieser Stelle regelrecht deplaziert, wie er da so zwischen den umliegenden Wohnbauten steht, die ihn eng umrahmen. Einst überblickte er jedoch den weiten, leeren Mauerstreifen, der sich hier am Kanalufer erstreckte. Von der in ihm untergebrachten Führungsstelle wurden die umliegenden Wachtürme kontrolliert. Hier liefen die Alarme ein und hier wurden die entsprechenden Reaktionen der Grenzer koordiniert. Nach dem Fall der Mauer waren die sogenannten Mauergrundstücke schnell hochbegehrt und wurden bebaut, so daß heute nur noch an wenigen Stellen in Berlin Reste der ehemaligen Grenzsicherungsanlagen erhalten sind. Von den ehemals über dreihundert Wachtürmen gibt es nur noch ganze drei. Diesen hier hat Jürgen Litfin, der Bruder des am Humboldthafen getöteten Günter Litfin, auf eigene Kosten erhalten, renoviert und darin eine Ausstellung und eine kleine Gedenkstätte für seinen Bruder, den ersten an der Mauer erschossenen Flüchtling, eingerichtet. Heute gehört sie zur Stiftung Berliner Mauer.

Gedenkstätte Günter Litfin
Dieser alte Grenzturm am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal ist heute von Wohnhäusern umgeben. Er beherbergt die Gedenkstätte für Günter Litfin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Grüne Hauptweg Nummer 19 führt weiter an der Uferpromenade entlang. Das Gelände hinter dem Zaun auf der rechten Seite gehört zum Bundeswehrkrankenhaus. Trotz seines Namens ist es jedoch nicht nur Angehörigen der Armee vorbehalten, sondern steht auch Zivilisten offen. Nachdem der Weg rechts ein Wohnhaus passiert hat, kommen wir an eine Wegkreuzung. Links führt die Kieler Brücke über den Berliner-Spandauer Schiffahrtskanal. Bereits seit 1883 gibt es hier einen Übergang. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Brücke zwar beschädigt, war aber noch benutzbar. Ihr Ende kam erst mit dem Ausbau der Grenzsicherungsanlagen der Berliner Mauer in den späten 1960er Jahren, als sie abgebaut wurde. Die neue Überführung, die wir heute sehen, errichtete man 1994. Hinter ihr verbreitert sich der Kanal zu einem größeren Bassin.

Dieser Nordhafen entstand im Zuge des Kanalbaus und ging 1856 in Betrieb. Er versorgte das städtische Gaswerk in Wedding und das Industriegelände um Hamburger und Lehrter Bahnhof, in dessen unmittelbarer Umgebung er lag. Allerdings, und das ist heute noch gut zu erkennen, war die Uferböschung für einen Hafen recht hoch, so daß es stets ein wenig mühsam war, Schiffe zu beladen oder deren Ladung zu löschen. Mit der Zeit gewann so der südlich gelegene Humboldthafen, den wir bereits passiert haben, größere Bedeutung. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg teilte der Nordhafen wegen seiner Nähe zur Sektorengrenze zwischen Ost und West das Schicksal seines südlichen Pendants und wurde stillgelegt. Zurück blieb das ehemalige Hafenbecken, dessen Ufer heute zu großen Teilen Grünanlagen sind.

Die Pankemündung
Das ist die neue Pankemündung. Die Panke fließt heute nicht mehr am Schiffbauerdamm in die Spree, sondern mündet hier in den Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

An einer solchen stehen wir nun. Zu ihr führt eine kleine Brücke geradeaus über einen von rechts in den Hafen strömenden kleinen Fluß. Es ist die Panke, die im Barnim bei Bernau entspringt und dem Berliner Ortsteil Pankow zu seinem Namen verhalf. Sie mündet hier in den Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal. Moment? Die Panke? Mündet die nicht am Schiffbauerdamm in die Spree? Nun, das ist wahr. Alte Stadtbeschreibungen bestätigen das. Doch zugleich ist es auch nicht wahr. Nicht mehr, um genau zu sein. Und daran ist ein weiteres Mal die Berliner Mauer schuld. Doch die Geschichte beginnt früher. Viel früher. Und zwar mit dem Schönhauser Graben. Diesem folgen wir auf unserer Wanderung schon geraume Zeit, denn der Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal entstand ja aus ihm. Der Graben selbst war aber auch schon ein künstlicher Wasserlauf. Friedrich I. hatte ihn ab 1705 anlegen lassen, weil er einen Wasserweg wünschte, auf dem er bis zu seinem Schönhauser Schloß gondeln konnte. Daraus erklärt sich auch der Name des Grabens. Er sollte die Spree mit der Panke verbinden. Jene sollte dann ihrerseits bis zum Schloß in Niederschönhausen schiffbar gemacht werden. Nun, der Graben wurde angelegt und erreichte auch die Panke. Deren Ausbau wurde jedoch nicht vollendet. Das Interesse an der Wasserstraße war beim König inzwischen versiegt. Als man später den Schiffahrtskanal baute, folgte der dem Wasserlauf des Schönhauser Grabens bis etwa zu der Stelle, an der wir jetzt stehen. Hier bog der Graben zur Panke ab, die er nach der Fertigstellung des Kanals mit jenem verband.

Das von Pankow herabströmende Flüßchen unterquerte nicht weit von hier, in der Nähe der Liesenstraße, die Chausseestraße. Weil hier ab 1961 auch die Berliner Mauer diese kreuzte, wurde die Panke zum Sicherheitsrisiko. Man sah in ihr einen potentiellen Fluchtweg und verschloß die Unterquerung kurzerhand. Seitdem müssen die Wasser der Panke den Weg über den Rest des Schönhauser Grabens nehmen und ergießen sich in den Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal. Der ursprüngliche, trockengelegte Flußlauf zum Schiffbauerdamm heißt heute Südpanke. Man hat ihn schrittweise wiederhergestellt – ebenso wie die Unterquerung der Chausseestraße. Doch noch fließt kaum Wasser in dem alten Flußbett, meist liegt es knochentrocken, wie man sehen kann, wenn man über das Charitégelände spaziert. Geht es nach den guten Absichten der Stadtplaner, soll sich das jedoch eines Tages ändern.

Bis dahin liegt die Pankemündung hier vor uns, was uns die Gelegenheit gibt, sie nun einfach links liegenzulassen, denn unser Weg biegt nach rechts ab. Wir folgen ihm einige Meter, bis wir das Ende einer Straße erreichen, die den Namen „An der Kieler Brücke“ trägt. Erneut geht es nach rechts, bis wir an der nächsten Ecke nach links in die Boyenstraße einbiegen. Benannt ist sie nach Leopold Hermann Gottlieb Ludwig von Boyen, der 1813 erfolgreich die Verteidigung Berlins gegen die französischen Truppen Napoleons organisiert hatte, später preußischer Kriegsminister und noch später Gouverneur des Invalidenhauses war. Die linke Straßenseite ist ein Grünstreifen, durch den unser Weg in Schlangenlinien führt. Wir bewegen uns hier entlang des alten Mauerstreifens – die Boyenstraße lag mittendrin -, was man jedoch wissen muß, denn sehen kann man es nicht mehr. Die Häuser auf der rechten Straßenseite sind alle nach dem Mauerfall entstanden. Die frühere Bebauung war, soweit sie nicht bereits im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, für die Grenzsicherungsanlagen abgerissen worden. Links hinter dem Zaun sehen wir die Anlagen des Erika-Hess-Eisstadions, der drittgrößten Eissporthalle Berlins, die hier seit 1967 steht. Sie trägt den Namen der ehemaligen Bezirksbürgermeisterin des damaligen Stadtbezirks Wedding.

Im Park an der Ecke Chaussee- und Liesenstraße
Die Skulptur „Wiedervereinigung“ von Hildegard Leest steht im Park an der Ecke Chaussee- und Liesenstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Als wir die Chausseestraße erreichen, überqueren wir diese und folgen dem Grünen Hauptweg Nummer 19 nach rechts, bis wir nach wenigen Metern eine Grünanlage erreichen, in die er einbiegt. An dieser Stelle unterquert die Südpanke, durch die Grünanlage vom heutigen Hauptstrom kommend, die Chausseestraße. Leider ist das nicht mehr erkennbar, weil der Flußlauf hier komplett unterirdisch verläuft. Wir folgen dem Weg wenige Meter in die Grünanlage hinein, dann geht es nach rechts. Unter den Bäumen steht eine große Muschelkalkskulptur, die zwei einander die Hände reichende Figuren zeigt. Diese trägt den Titel „Wiedervereinigung“ und wurde von der Künstlerin Hildegard Leest geschaffen. Das bemerkenswerte daran ist, daß diese Skulptur bereits im Jahre 1962 hier aufgestellt wurde. Nach nur einem kurzen Wegstück verläßt der Weg die Grünanlage schon wieder und wir stehen in der Liesenstraße, der wir nun nach links folgen.

Ein Stück die Straße hinunter ist auf der rechten Straßenseite ein Areal von der Straße durch einen Zaun abgeteilt, dessen einzelne Gitterfelder auf einem Ziegelsockel ruhen und von ebensolchen Pfeilern voneinander getrennt werden. Dahinter liegt eine große Wiese, an die sich Bäume anschließen. Es ist ein idyllisches Fleckchen Erde, das sich unter ihnen vor der Hektik der Stadt verbirgt, ein Hort der Stille, wie sie mit der letzten Ruhe verbunden ist. Diese haben seit 1830, als mit dem evangelischen Domfriedhof I der Oberpfarr- und Domkirche der erste der insgesamt vier Friedhöfe an der Liesenstraße entstand, viele Berlinerinnen und Berliner hier gefunden. Bereits vier Jahre später legte man den katholischen Domfriedhof St. Hedwig an, dem ein weiteres Jahr darauf der Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde folgte, der heute auch einfach als Französischer Friedhof II bezeichnet wird. Er löste den alten Bestattungsplatz der Gemeinde ab, der sich heute noch in der Chausseestraße befindet.

Der Grüne Hauptweg Nummer 19 führt die Liesenstraße entlang, doch lohnt es sich durchaus, den rechter Hand gelegenen Friedhöfen einen Besuch abzustatten. Ein Tor im Zaun führt uns auf die Wiese vor den eigentlichen Begräbnisplätzen. Diese reichten einst bis an die Liesenstraße und hatten dort ihre Eingänge. Als ab 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, widerfuhr ihnen dasselbe Schicksal wie dem Invalidenfriedhof. Der Mauerstreifen verlief direkt an der rechten Seite der Liesenstraße und wurde, weil er frei überschaubar sein sollte, abgeräumt. Ohne jegliche Rücksicht wurden dafür die Friedhofsportale geschlossen, alle Bäume gefällt und die auf dem Mauerstreifen gelegenen Gräber vollständig beseitigt. An ihrer Stelle entstanden Wachtürme, ein Kolonnenweg für die Fahrzeuge der Grenztruppen, Beleuchtungsanlagen und andere Einrichtungen zur Überwachung der Grenze. Die drei Friedhöfe waren nur noch über einen kleinen, gemeinsamen Zugang an ihrer Südseite in der Wöhlertstraße erreichbar, der jedoch nur für enge Angehörige der hier Bestatteten passierbar war. Und auch das nur unter strengsten Auflagen. Viele Grabstellen verfielen. In den ersten Jahren nach dem Mauerfall sorgten dann Vandalismus und Souvenirjäger für weitere Zerstörungen. Erst als man den nun ehemaligen Grenzstreifen den Friedhöfen wieder zurückgab, ihre Zugänge in der Liesenstraße wiederherstellte und die Hauptwege wieder herrichtete, gelang es, die alten Begräbnisplätze der Vergessenheit zu entreißen und weiteren Verfall zu verhindern. Auf eine Rekonstruktion besonders im Bereich des Verlaufs der Mauer verzichtete man jedoch. Und so ist der frühere Grenzstreifen in Gestalt der Wiese hinter dem Friedhofszaun an der Liesenstraße noch gut zu erkennen.

Turmkreuz des Berliner Doms
Dieses ehemalige Turmkreuz der Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin (kurz: Berliner Dom) steht heute auf dem Domfriedhof I an der Liesenstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Hinter dem ersten Eingang ragt auf der Wiese ein fünfzehn Meter hohes goldenes Kreuz auf. Einst stand es auf der Kuppel des Berliner Doms, zu dessen Gemeinde der Domfriedhof I gehört. Im Dezember 2006 hatte man es wegen Rostschäden von dort entfernt und durch ein neues ersetzt. Wandern wir an ihm vorbei in südlicher Richtung über den Friedhof. Er besitzt die Form eines großen Ls. In der südwestlichen Ecke des Areals, sozusagen dem Scheitelpunkt des Ls, fällt die dunkelrote, im neogeotischen Stil gehaltene Backsteinkapelle ins Auge. Man hat sie Mitte der 1990er Jahre restauriert. An der Friedhofsmauer finden sich große, historische Wandgräber, dahinter ragen Wohnhäuser auf. Beim Rundgang über das stille Gelände können wir die Grabstellen des Ratsmaurermeisters Johann Christoph Bendler, des Begründers eines Kurzschriftsystems Wilhelm Stolze, des Hof- und Domorganisten Bernhard Heinrich Irrgang und des Oberhof- und Dompredigers Wilhelm Hoffmann entdecken. Einst waren hier der Begründer der Berliner Zinkgußindustrie Moritz Geiß, der Komponist und Musikdirektor August Neithardt, der Maler August Ferdinand Hopfgarten und viele weitere Persönlichkeiten des historischen Berlins bestattet. Ihre Gräber fielen jedoch den Zerstörungen, die der Mauerbau und seine Folgen verursachten, zum Opfer.

Auf dem Domfriedhof I an der Liesenstraße
Eine kleine Rotbuche auf dem Domfriedhof I an der Liesenstraße. Unter der Birke am rechten Bildrand ist die Friedhofsmauer zu erkennen, die den Begräbnisplatz vom Französischen Friedhof II trennt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Rhododendron

Rhododendron

Rhododendron
Ein Rhododendron auf dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die Innenseite des L-förmigen Friedhofsareals wird von einer Backsteinmauer begrenzt, an der sich ebenfalls Grabstellen befinden. Sie trennt den Domfriedhof I vom zweiten der drei Begräbnisplätze auf dieser Seite der Liesenstraße, dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde. Ein Durchgang bringt uns hinüber. Seit 1835 wurden hier auf dem zweiten Französischen Friedhof Begräbnisse durchgeführt. Einst besaß er natürlich auch eine eigene Kapelle. Sie gibt es heute jedoch nicht mehr. Sie mußte gemeinsam mit dem Haus des Friedhofswärters den neu zu errichtenden Grenzanlagen weichen, für die man sie rigoros abriß. Der Idylle dieses Ortes konnte das dennoch nichts anhaben. Bänke hier und dort unter den Bäumen laden zum Verweilen ein. Rhododendren entfalten die malerische Pracht ihrer violetten Blütentrauben und locken mit ihnen Bienen, Hummeln und andere Insekten an, die mit ihrem Summen die Stille unterstreichen. Ein Stück entfernt harkt eine einsame Gestalt ein Beet und richtet es her. Ein Wasserhahn bildet silbrige Tropfen aus, die im Sonnenlicht glitzern, und schickt sie in regelmäßigen Abständen zu Boden. Vögel singen. Sonst ist nichts zu hören, nur das Knirschen des Sandes unter unseren Schritten, wenn wir zwischen den Gräberreihen entlanggehen. Unter den Namen auf den Grabsteinen finden sich viele französisch klingende, was angesichts des Namens des Friedhofs nicht verwundert. Die Französisch-Reformierte Gemeinde, der er gehört, wurde im 17. Jahrhundert von nach Preußen geflüchteten Hugenotten begründet.

Grabstelle der Familie Ch. L. Fonrobert
Grabstelle der Familie Ch. L. Fonrobert
Grabstelle der Familie Ch. L. Fonrobert

Grabstelle der Familie Ch. L. Fonrobert
Das imposante Grabmal der Familie Ch. L. Fonrobert auf dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße. Die Engelsfiguren schuf der Bildhauer Richard Daniel Fabricius.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Beim Herumwandern entdecken wir die Grabstätte des märkischen Schriftstellers Theodor Fontane und seiner Frau Emilie. Der in Neuruppin geborene Dichter war hugenottischer Abstammung und ergriff zunächst den Beruf des Apothekers, den er in Berlin bis 1849 ausübte, bevor er sich entschloß, sein Glück als Schriftsteller zu versuchen. Bekannt wurde er durch seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg und zahlreiche Romane, die ihn zum bedeutendsten deutschen Vertreter des Realismus werden ließen. In Berlin war er Mitglied der Französisch-Reformierten Gemeinde, so daß er hier auf ihrem Friedhof beerdigt wurde.

Das Grab von Theodor Fontane
Auf dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße befindet sich das Grabmal des Dichters Theodor Fontane und seiner Frau Emilie.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Das originale Grab ist heute verloren, im Bombardement des Zweiten Weltkriegs wurde es völlig zerstört. Später legte man es wieder neu an, errichtete einen einzelnen Grabstein aus schwarzem Granit. Zu Zeiten der Berliner Mauer war der Friedhof dann wegen seiner Nähe zu dieser für Normalbürger praktisch unzugänglich. Niemand konnte die Grabstelle aufsuchen, es sei denn, er war enger Angehöriger eines auf dem Friedhof Bestatteten. Als der Feuilletonist Heinz Knobloch im Jahre 1978 das Fontane-Grab für einen Artikel zum 80. Todestag des Dichters selbst in Augenschein nehmen wollte, gelang es ihm nur unter größten Mühen, den dafür notwendigen Passierschein zu erhalten. Er beschrieb sie in seinem Text „Wanderung zu Fontanes Grab“. Nach dem Mauerfall wurde der Friedhof schnell wieder zugänglich. Zunächst kam man jedoch nur von der Wöhlertstraße aus hinein – an der Liesenstraße versperrte immer noch die Mauer den Weg. Ich erinnere mich noch, wie ich die Grabstelle nur unter größten Schwierigkeiten fand. Wo sie genau lag, wußte ich nicht. Wegweiser gab es auch keine. Wozu hätte man sie auch aufstellen sollen, hatte doch bis vor kurzem sowieso niemand auf den Friedhof gedurft. Als ich sie dann schließlich doch gefunden hatte, war ich enttäuscht. Ein einzelner verfallener Grabstein aus Granit, auf dem der Name kaum noch zu lesen war, ein ungepflegtes Grab. Das war des Dichters nicht würdig. Heute ist das glücklicherweise anders. Inzwischen wurde die Grabstelle zweimal neu gestaltet. Beim letzten Mal orientierte man sich an historischen Fotografien und versah sie mit zwei kleinen Granitsteinen, schwarz und mit Rundbogen, sowie Ketteneinfassung mit Eisenpfosten. Der „Ehrengrab“-Stein prangt deutlich sichtbar davor.

Das Grab von Peter Hacks
Auf dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße befindet sich das Grabmal des Dichters Peter Hacks.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Das Grab von Arno Mohr
Das Grab des Malers und Grafikers Arno Mohr auf dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

 

Das Grab von Leopold Alexander Friedrich Arends
Das Grabmal für Leopold Alexander Friedrich Arends auf dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße. Er war Erfinder des nach ihm benannten Stenografiesystems.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Doch Fontane ist nicht der einzige berühmte Berliner, der auf diesem Friedhof liegt. In unmittelbarer Nähe seiner Grabstelle steht eine Stele mit einer Büste darauf. Leopold A. F. Arends steht darauf, „dem Begründer der nach ihm benannten Stenografie“. Die Büste schuf Alexander Calandrelli. Unmittelbar rechts daneben ein von einem niedrigen Metallrahmen eingefaßtes Grab mit schwarzem Stein, über dem eingravierten Namen ein Kreuz, darunter eine Zeichnung; die Figur eines Mädchens, das Blumen pflückt. Das Grab des Malers und Grafikers Arno Mohr und seiner Frau Erna. Nur ein paar Schritte entfernt ein anderes Grab, bepflanzt mit Heidekraut. Ein schlichter Stein mit weißer Schrift. Bei seinem Anblick denke ich an Meta Morfoß. Wäre es nicht toll, wenn man sich wie sie in alles verwandeln könnte, was man wollte? Und wieder zurück natürlich. Eine schöne Vorstellung, die ich als Kind ebenso mochte wie das Kinderbuch, das sie mir vermittelte und wie die Hauptfigur hieß: Meta Morfoß. Peter Hacks, dem Schöpfer dieses und weiterer Kinderbücher, darüberhinaus auch bedeutender Dramatiker, Lyriker und Erzähler, gehört dies Grab. Hier haben er und seine Frau Anna Hacks-Wiede ihre letzte Ruhe gefunden.

Am St.-Hedwig-Friedhof I

Am St.-Hedwig-Friedhof I

Am St.-Hedwig-Friedhof I

Am St.-Hedwig-Friedhof I
Diese von Josef Limburg geschaffenen Engelsfiguren stehen am Eingang zum alten Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde. Dahinter ist die Friedhofskapelle zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Gehen wir die Liesenstraße ein Stück weiter, gelangen wir an ein weiteres Tor, von dem ein breiter Weg über den ehemaligen Mauerstreifen zum Friedhofsbereich hinüberführt. Kurz bevor er diesen erreicht, wird er von zwei großen Engelsstatuen flankiert, die mit aufgerichteten Flügeln in kniender Haltung demutsvoll ihr Haupt beugen. Ein berührender Anblick, der unwillkürlich innehalten läßt. Geschaffen wurden sie von Josef Limburg. Sie bewachen den Zugang zum alten Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde. Als er 1834 geweiht wurde, löste er den ersten katholischen Friedhof ab. Dieser befand sich am Oranienburger Tor und ist heute nicht mehr vorhanden. Mietshäuser stehen an seiner Stelle. Damit ist der Domfriedhof heute der älteste noch bestehende katholische Friedhof Berlins. Die beiden Engel standen einst direkt an seinem Eingang an der Liesenstraße, wurden aber beim Bau der Mauer an ihren heutigen Standort versetzt. Ein Glück, möchte man angesichts der vielfältigen anderen Zerstörungen, die dafür angerichtet wurden, sagen. Hinter den beiden Figuren ist, von Büschen leicht verdeckt, ein Ziegelbau mit Kupferdach und Terrakottasteinen nach dem Vorbild der italienischen Renaissance erkennbar – die Friedhofskapelle. Errichtet wurde sie im Jahre 1867. Weil auch dieser Friedhof wegen der Mauer nur sehr eingeschränkt zugänglich war, verfiel die Kapelle mehr und mehr und wurde schließlich so baufällig, daß man sie nicht mehr nutzen konnte. Dennoch gelang es bereits 1987, sie originalgetreu komplett neu zu errichten. Der Friedhof selbst hatte nicht soviel Glück. Der Zweite Weltkrieg zerstörte viele der Grabstätten, und der später angelegte Mauerstreifen entriß ihm einen großen Teil seines Areals, weitere bedeutende Grabmäler gingen verloren. So ist das Grab von Carl Joseph Begas heute mit einer neuen Stele versehen, weil das ursprüngliche, von seinem Sohn Reinhold Begas geschaffene Grabmal zerstört wurde. Der von Alexander Gilli für seinen Vater, den Bildhauer Ceccardo Gilli, geschaffene Gedenkstein wurde infolge des Mauerbaus versetzt. Das Grab von Ernst Eberhard von Ihne, Architekt des Bodemuseums, des Neuen Marstalls und der Staatsbibliothek Unter den Linden, ebnete man ein. Gleiches widerfuhr 1955 der Grabstätte Henriette Maria Mendelssohns, der Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn. Der Gedenkstein für den Mathematiker Karl Weierstraß wurde beim Bau der Mauer immerhin versetzt, nicht beseitigt. Doch viele andere Grabmale bedeutender Berliner gingen unwiederbringlich verloren.

Auf der anderen Seite der Liesenstraße sind die Häuser inzwischen zurückgetreten und haben einem weiteren Friedhof Platz gemacht, dessen Areal ebenfalls von einem Zaun mit halbhohem Ziegelsockel und ebensolchen Pfeilern umfaßt wird. Dieser 1842 geweihte Dorotheenstädtische Friedhof II sollte den ersten Friedhof gleichen Namens an der Chausseestraße ablösen. Der Mauerbau verschonte ihn, doch wurde er dadurch von der Dorotheenstädtischen Gemeinde getrennt, die ihn nun nicht mehr nutzen konnte. Kreuzberger Kirchengemeinden übernahmen in der Zeit der Teilung der Stadt die Pflege des Friedhofs. Ein Rundgang lohnt sich, denn auch hier sind bedeutende Berliner bestattet. Die Ruhestätten des Architekten Julius Carl Raschdorff, Architekt des Berliner Doms, des Komponisten und Dirigenten Otto Nicolai und des Physikers August Kundt sind heute Berliner Ehrengräber. Und mit Paul Busch und seiner Frau Barbara Sidonie Busch, deren beider Mausoleum heute unter Denkmalschutz steht, sowie Ernst Jacob Renz fanden hier die Begründer zweier bedeutender Zirkusdynastien ihre letzte Ruhe.

Kurz bevor die Liesenstraße einen Kreisverkehr erreicht, ist auf der rechten Straßenseite einer der wenigen erhaltenen Abschnitte der Berliner Mauer zu sehen, die es in Berlin noch gibt. Er ist nur 15 Meter lang, und an der der Straße zugewandten Seite sind die von den Mauerspechten hinterlassenen Spuren deutlich zu erkennen. Das auf die Oberseite der Mauer aufgesetzte Betonrohr ist noch vorhanden. Dieser Mauerteil steht heute ebenso unter Denkmalschutz wie der kurze, noch erhaltene Abschnitt der Hinterlandmauer, der im westlichen Teil des Friedhofs der St.-Hedwigs-Gemeinde zu finden ist.

Die Liesenbrücken
Diese alten, Liesenbrücken genannten Bahnbrücken überqueren den Kreisverkehr an der Liesenstraße. Sie gehörten einst zur Stettiner Bahn, sind heute aber weitestgehend stillgelegt. Nur die Nord-Süd-S-Bahn verkehrt hier noch. Im Vordergrund ist das begrünte Gelände des ehemaligen Mauerstreifens am alten Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der sich an die Liesenstraße anschließende Kreisverkehr ist ein wahrhaft düsterer Ort. Und das nicht im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich, denn über dem Straßenkreisel türmt sich ein wahres Ungetüm aus stählernen Pfeilern, Streben und Bögen, das das Licht des Tages von hier fernzuhalten trachtet, so daß dieses nur spärlich auf den Boden dringt. Und meist muß man auch gar nicht lang warten, um die dazu passende akustische Kulisse geboten zu bekommen. Zunächst noch leise grummelt es von ferne, schwillt dann mehr und mehr an, bis das Geräusch in donnerndem Getöse kulminiert, welches eine kleine Ewigkeit anzuhalten scheint, in der mancher sich der bangen Frage nicht erwehren mag, ob ihm das stählerne Konstrukt gleich auf den Kopf fallen möge, um ihn unter sich zu begraben. Doch schon bald ebbt der Lärm wieder ab und verschwindet, leiser und leiser werdend, wieder in der Ferne. Es ist vorbei.

Die Liesenbrücken, die den Kreisverkehr überspannen und diese eigenwillige Atmosphäre schaffen, wurden in den Jahren von 1890 bis 1896 für die Stettiner Bahn errichtet. Diese 1843 in Betrieb genommene Eisenbahntrasse, die Berlin mit der Provinz Pommern und ihrer Hauptstadt Stettin verband, gehört zu den ältesten Eisenbahnlinien Deutschlands. Sie endete am nahegelegenen Stettiner Bahnhof. Bis zum Bau der Brücken gab es an dieser Stelle lediglich einen Bahnübergang, der sich jedoch mit Zunahme von Eisenbahn- und Straßenverkehr mehr und mehr als Hindernis erwiesen hatte. Um die Überführung der Bahntrasse über die Straße zu ermöglichen, schüttete man einen Damm für die Gleise auf. Die Liesenbrücken waren somit die Zufahrt zum weitläufigen Gelände des Stettiner Bahnhofs. Als man in den 1930er Jahren die in der Innenstadt durch einen Tunnel geführte Nord-Süd-Linie der S-Bahn baute, wurden deren Gleise in Richtung Gesundbrunnen über die westliche der Liesenbrücken geführt. Nach der Stillegung der Stettiner Bahn in den 1950er Jahren blieb nur sie in Betrieb.

Aufgang zum Park am Nordbahnhof
Dieser schmale Treppenaufgang führt hinauf zum Park am Nordbahnhof, der sich auf den ehemaligen Gleisanlagen befindet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Grüne Hauptweg Nummer 19 hält sich im Kreisverkehr rechts, unterquert die Liesenbrücken und biegt dann in die Gartenstraße ein. Die ehemalige aufgeschüttete Bahntrasse wird hier von einer gelben Ziegelmauer eingefaßt, an der wir ein kurzes Stück entlanggehen, bis wir eine schmale Metalltreppe erreichen, die an der Mauer hinaufführt. Sie bringt uns hinauf auf das alte Bahngelände.

Die Liesenbrücken

Die Liesenbrücken
Ein Blick über die östliche, stillgelegte Liesenbrücke, über die am Ende des Nordbahnhof-Geländes die Strecke der Stettiner Bahn einst den Kreisverkehr an Liesen- und Gartenstraße überquerte und weiter zum Gesundbrunnen führte.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Oben angekommen stehen wir direkt am Kopf der östlichen Liesenbrücke. Ein Bauzaun hindert am Betreten der Brücke. Vor deren mächtigen, nietenbesetzten Stahlstreben und -trägern wirkt er zerbrechlich, als bestünde er nur aus dünnem Draht und könne niemanden wirklich fernhalten. Doch auf die Brücke zu gehen ist wahrlich nicht ratsam, denn zwischen den quadratische Felder bildenden Streben ihres Bodens herrscht Leere. Wer dahin tritt, fällt zur darunter entlangführenden Straße durch. So mächtig und stark die Brücke aus der Ferne auch wirkt – sie ist ein Ruine. Ein trauriger Rest einst lebendigen Eisenbahnverkehrs. Ein Relikt der Geschichte.

Im Park am Nordbahnhof

Im Park am Nordbahnhof
Heckenrosen im Park am Nordbahnhof.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Direkt vor der alten Brücke beginnt das ehemalige Bahnhofsgelände. Statt eines weitläufigen Gewirrs von Gleisen ist es jedoch ein Areal voller grünender Büsche und Bäume. Sofern man nicht gerade im Winter hier vorbeikommt. Ein Weg führt geradewegs hinein, dem wir gerne folgen. Ist man zur rechten Zeit hier, zaubert der Frühling bunte Blüten in das üppige Grün ringsum.

Im Park am Nordbahnhof

Im Park am Nordbahnhof
Im Park am Nordbahnhof wurden an einigen Stellen noch alte Gleise belassen. Geschichte taucht unvermittelt aus dem Boden auf.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nach wenigen Schritten in diese stille Oase inmitten der Stadt, die auf einmal verschwunden scheint, tauchen aus der Erde alte Gleise auf. Mal kreuzen sie den Weg, mal begleiten sie ihn ein Stück, um dann wieder irgendwo in der Vegetation zu verschwinden. Eine weitere ferne Erinnerung an die Hochzeit der Eisenbahn in Berlin.

An dieser hatte der Stettiner Bahnhof als einer der elf großen Kopfbahnhöfe Berlins erheblichen Anteil. Die ersten Züge verkehrten hier am 1. August 1842 und fuhren nach Eberswalde. Das war noch vor der Fertigstellung der Stettiner Bahn, denn die Strecke bis Stettin wurde erst im Jahre 1843 fertig. Durch die Berliner Verbindungsbahn ab 1851 mit anderen Kopfbahnhöfen verbunden, gewann der Stettiner Bahnhof als Ausfalltor nach Norden und Verbindung nach Pommern schnell an Bedeutung. Der Verkehr nahm zu, immer mehr Menschen nutzten das Verkehrsmittel Eisenbahn, so daß der Bahnhof schnell nicht mehr ausreichte. So wurde er bereits 30 Jahre nach seiner Eröffnung um- und ausgebaut und erhielt ein neues Bahnhofsgebäude, dessen Entwürfe der Architekt Theodor August Stein besorgte. Als dann 1877 die Berliner Nordbahn in Betrieb ging, die die Stadt zunächst mit Neubrandenburg und ab 1878 auch mit Stralsund verband, wurde der Bahnhof auch zu ihrem Startpunkt. 1893 kam dann die Kremmener Bahn als dritte Bahnlinie hinzu. Das sorgte für einen weiteren Anstieg des Verkehrs, so daß der Bahnhof folgerichtig um drei kleinere Hallen erweitert wurde. Das war 1903. Der Zweite Weltkrieg hinterließ erhebliche Schäden an den Bahnhofsanlagen. Danach gelangte der Bahnhof nie wieder zu seiner früheren Bedeutung. 1950 erhielt er einen neuen Namen, denn die Hafenstadt Stettin hieß nun Szczecin und lag in Polen, die DDR erkannte die Oder-Neiße-Grenze an und wollte den Bezug auf die ehemalige Hauptstadt Pommerns vermeiden. Doch bereits zwei Jahre später kam das Ende des nunmehrigen Nordbahnhofs. Die DDR untersagte 1952 allen Westberlinern den freien Zugang zu ihrem Territorium, und weil die Eisenbahnstrecke vom Bahnhof zunächst zum in Westberlin gelegenen Bahnhof Gesundbrunnen führte, bevor sie danach wieder Ostberliner Stadtgebiet erreichte, stellte man den Betrieb kurzerhand ein. Drei Jahre stand das Bahnhofsgebäude noch, dann riß man es ab. Ein weiteres Stück Berliner Eisenbahngeschichte war zu Ende.

Als dann 1961 die Mauer gebaut wurde, lag das Gelände des ehemaligen Stettiner Bahnhofs im Mauerstreifen. Grenzanlagen bestimmten nun das Bild und prägten das Areal. Das blieb auch noch einige Zeit nach dem Fall der Mauer so. Niemand nutzte das Gelände, und so entwickelte sich ein kleines Biotop. Birken und hohe Gräser siedelten sich an, das Gebiet wurde Lebensraum für viele Vögel und Kleintiere. Als man in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre schließlich mit der Anlage des Parks am Nordbahnhof begann, durch den uns der Grüne Hauptweg Nummer 19 nun führt, wollte man „die große Wiese am Nordbahnhof“ erhalten. Eine wahrhaft glückliche Entscheidung, denn so entstand ein Park mit einem ganz eigenen Charakter, den zu entdecken sich mehr als lohnt. Dazu trägt seine Lage drei Meter über dem Straßenniveau ebenso bei wie die Reste der alten Bahnanlagen, die hier und da noch vorhanden sind. Vereinzelt zweigen Metallstege vom Weg ab und führen zu kleinen Inseln in der großen Wiese, in denen Spiel- und Sportanlagen zur aktiven Erholung einladen. Am südlichen Ende des Parks rückt dann ein Gerüst mit vielen Stangen, Plattformen und Seilen ins Blickfeld: ein Hochseilgarten. Gleich daneben liegen Beachvolleyballfelder. Daß ihnen der namensgebende Strand hier fehlt, hält die vielen Besucher nicht davon ab, ausgiebig zu spielen.

Am Nordbahnhof
Ein Blick auf das Gelände, das einst der Bahnhofsvorplatz des Stettiner Bahnhofs war. An seiner Stelle steht heute ein Bürogebäude der Bahn (rechts) und es hält die Straßenbahn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Am Ende des Parks führt eine breite Freitreppe auf den ehemaligen Bahnhofsvorplatz hinunter. Nun, dieser ist nicht mehr auf den ersten Blick als solcher zu erkennen. Am Fuß der Treppe führt eine breite Straße vorbei. In diese biegt direkt voraus eine Straßenbahnstrecke, von der Invalidenstraße herkommend, nach links ab, während rechter Hand ein großes, mehrflügeliges Gebäude steht, dessen hervorstechendstes Merkmal seine langweilig regelmäßig angeordneten Fenster sind, die kaum Platz für eine Fassade lassen. Ein typisches Berliner Bürogebäude der Neuzeit eben. Auf dem Platz links neben und von uns aus hinter ihm sind jedoch einige Erinnerungen an den einstigen Bahnhof ins Pflaster eingearbeitet worden. Alte Bahngleise erinnern an die ehemaligen Bahnsteige des Stettiner Bahnhofs, dessen Hauptgebäude sich rechts von uns befand. Die stilisierten Gleise auf dem Platz nehmen also nicht ihre originalen Positionen ein. Zwischen ihnen lassen sich die Namen der Städte entdecken, die einst mit der Stettiner Bahn erreicht werden konnten – Städte in Pommern und an der Ostsee. Eine schöne Erinnerung an den nicht mehr vorhandenen Bahnhof.

Am Nordbahnhof
Der Nordbahnhof ist heute nur noch eine S-Bahn-Station. Deren Eingänge stehen ein wenig verloren in der Gegend herum.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Das Gebiet um den Bahnhofsvorplatz wirkt irgendwie verloren – auch heute noch. Häuser ragen hier und da auf, brechen dann unvermittelt ab, eine kahle Seitenwand zur Ansicht darbietend. Davor liegt braches Gelände, auf dem Büsche wild wachsen, von einem plakatverzierten Bauzaun eingefaßt. Halb rechts voraus führen einige Stufen zu einem mit S-Bahn-Logos bekrönten Ziegelpavillon hinauf, der sich schüchtern zwischen Straßenbahn und Bürobau kauert. Weiter links ist ein Stück Ziegelmauer zu sehen, wieder mit einem grün-weißen S-Bahn-Logo versehen, das wie ein kleiner aufgereckter Zeigefinger in die Luft piekt. Ohne es würde wohl niemand darauf kommen, daß sich in diesem Mauerrest – ebenso wie in dem kleinen Pavillon – ein Eingang zum einzigen Überbleibsel des alten Stettiner Bahnhofs befindet, das auch heute noch in Betrieb ist: der S-Bahnhof. Sehen kann man ihn nicht, denn die S-Bahn zieht es hier vor, sich unter der Erde aufzuhalten. Ihre Geschichte am Stettiner Bahnhof beginnt jedoch oberirdisch. 1897 fuhr hier die erste sogenannte Vorortbahn ab. Sie verkehrte über Gesundbrunnen nach Pankow. Man hatte ihr extra neben dem Bahnhof – von uns aus noch weiter rechts hinter dem ehemaligen Hauptbau des Bahnhofs – ein eigenes Empfangsgebäude spendiert – den Stettiner Vorortbahnhof. Bald schon nannten ihn die Berliner liebevoll Kleiner Stettiner. Die Strecke führte später weiter bis Bernau, wohin 1924 dann auch der erste elektrisch betriebene S-Bahn-Zug unterwegs war. Als man in den 1930er Jahren die nördlichen und südlichen Vorortstrecken durch die Berliner Innenstadt hindurch miteinander verbinden wollte, ging das nur unterirdisch. Es entstand der Nord-Süd-Tunnel, durch den 1936 die erste S-Bahn fuhr. Allerdings nur bis zur Straße Unter den Linden. Die endgültige Fertigstellung zog sich bis 1939 hin. Am Stettiner Bahnhof zog die S-Bahn unter die Erde um und erhielt hier einen eigenen, viergleisigen Untergrundbahnhof. Den Kleinen Stettiner brauchte man nicht mehr, und so wurde er 1936 geschlossen. Als kleine Ironie der Geschichte überlebte er seinen großen Bruder jedoch, und so steht sein Empfangsgebäude auch heute noch an seinem Platz. Frisch saniert beherbergt es heute ein Restaurant.

An der Gedenkstätte Berliner Mauer
Direkt am Nordbahnhof beginnt mit diesem Gebäude die Gedenkstätte Berliner Mauer, die entlang der Bernauer Straße verläuft.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Spazieren wir weiter. Am Fuß der Treppe, über die wir den Park am Nordbahnhof verlassen haben, überqueren wir nach links die Gartenstraße. Sie hat uns von den Liesenbrücken, ohne daß wir es recht wußten, die ganze Zeit begleitet. Auf der anderen Straßenseite empfängt uns ein rostroter, zweistöckiger und schmuckloser Flachbau, an dem in weißen Lettern „Gedenkstätte Berliner Mauer“ steht. Als Besucherzentrum bildet er den Anfang des nach eigenem Bekunden „zentralen Erinnerungsortes an die deutsche Teilung“. Die Gedenkstätte zieht sich die gesamte Bernauer Straße entlang, der nun auch der Grüne Hauptweg Nummer 19 folgt.

Ihren Namen trägt die Bernauer Straße bereits seit 1862. Als man 1920 Groß-Berlin bildete, wurde die Straße zur Grenze zwischen den Stadtbezirken Mitte auf der südlichen und Wedding auf der nördlichen Seite. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief hier zunächst auch die Grenze zwischen französischem und sowjetischem Sektor Berlins, später dann zwischen Westberlin und der DDR. Daß die Straße selbst von Beginn an zum Wedding gehörte, war der Grund, warum die Berliner Mauer auf der Südseite der Straße entlangführte. Mit deren Errichtung wurden hier wie anderswo auch der Stadtraum zerstört und enge Verbindungen zwischen Stadtgebieten getrennt – sowohl in städtischer als auch und insbesondere in menschlicher Hinsicht. Auf der Südseite der Straße wurden Eingänge und Fenster der Häuser zugemauert und diese noch 1961 zwangsgeräumt. Zwei Jahre später begann man dann, diese Häuser abzutragen, um den Mauerstreifen schaffen zu können, der die Südseite der Straße säumte und heute noch deutlich zu erkennen ist. Zu seiner Begrenzung wurde schließlich an der Straße die Betonmauer errichtet.

An der Gedenkstätte Berliner Mauer
Die Gedenkstätte Berliner Mauer verläuft entlang der Bernauer Straße. Hier stehen auch noch ein paar Reste des Bauwerks, die allerdings nicht mehr ganz so original sind, wie man annehmen könnte.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nach dem Fall der Mauer wurden die Grenzanlagen sehr schnell beseitigt. Im Juni 1990 begannen die Arbeiten dazu hier an der Bernauer Straße. Als man 1998 die Gedenkstätte Berliner Mauer eröffnete und dafür ein Teilstück der Mauer zeigen wollte, mußte man es daher wiedererrichten. So besteht der heute an der Bernauer Straße stehende Mauerabschnitt zwar aus originalen Bauteilen der Grenzanlagen, ist selbst aber kein Original mehr, stammen einige der Teile doch von anderen Abschnitten des ehemaligen Grenzbauwerks.

An der Gedenkstätte Berliner Mauer
Wo die Reste der Berliner Mauer fehlen, markieren diese rostigen Stahlstangen ihren Verlauf. Das freie Gelände gehörte einst zum Sophienfriedhof II. Dieser Teil des Friedhofs wurde beim Mauerbau planiert.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Hier am Beginn der Bernauer Straße wechselt der Weg auf die südliche Straßenseite, auf der er dann weiterführt. Rostige Stahlstangen markieren den ehemaligen Verlauf der Grenzmauer, die Rasenfläche dahinter den früheren Mauerstreifen. Die sich daran anschließenden Bäume wachsen auf dem Areal des Friedhofs II der Sophiengemeinde Berlin, das bis hinüber zur Invalidenstraße reicht. Dieser zweite Friedhof der Gemeinde – der erste befindet sich unmittelbar an der Sophienkirche in der Berliner Mitte – reichte einst bis an die Bernauer Straße heran. Doch auch hier forderte die Berliner Mauer ihren Tribut. In den 1960er Jahren trennte man einen etwa fünfzig Meter breiten Streifen vom Friedhof ab und legte den Mauerstreifen an. Und wieder wurden Gräber beseitigt und eingeebnet. Unter denen, die dadurch verlorengingen, waren die Ruhestätten so bekannter Berliner wie des Bildhauers Ferdinand August Fischer und des Stadtbaurats James Hobrecht, Schöpfer des nach ihm benannten, 1862 in Kraft getretenen Bebauungsplans der Umgebungen Berlins. Andere Grabstellen blieben erhalten und sind heute noch hier zu finden, so beispielsweise die des Komponisten Wilhelm Friedrich Ernst Bach, letzter Enkel Johann Sebastian Bachs, des Klavierbauers Carl Bechstein, der Komponisten Albert Lortzing und Walter Kollo sowie des Architekten des Roten Rathauses, Hermann Friedrich Waesemann.

An der Gedenkstätte Berliner Mauer
Dieses Tor an der Bernauer Straße, das heute zur Gedenkstätte Berliner Mauer zu gehören scheint, ist eine letzte Erinnerung daran, daß der Friedhof II der Sophiengemeinde einst bis an die Bernauer Straße heranreichte und hier einen Zugang besaß.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Unmittelbar an der Bernauer Straße findet sich noch ein kleiner Hinweis auf den Friedhof. Ein zweiflügeliges Tor mit Ziegelpfeilern und der Rest einer kleinen Mauer mit vier Feldern aus demselben Baumaterial erinnern daran, daß hier einst ein Zugang zum Friedhof bestand, bis er den Grenzanlagen weichen mußte. Dieser Eingang führt jedoch gewissermaßen ins Nirgendwo, denn mit der Beibehaltung des Mauerstreifens und seiner Integration in die Gedenkstätte verzichtete man darauf, den Begräbnisplatz wieder mit der Bernauer Straße zu verbinden.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite führt der Weg derweil am Lazarus-Haus vorbei. Sein Begründer war der aus Mülheim am Rhein stammende, 1857 nach Berlin gekommene Pfarrer Wilhelm Boegehold, der zunächst im Moabiter Gefängnis tätig war, 1863 dann jedoch ins Gemeindepfarramt der Elisabeth-Gemeinde in Berlins Mitte kam. Von dieser Gemeinde wird noch zu reden sein. Das unmittelbare Erleben des im Norden der Stadt allgegenwärtigen sozialen Elends ließ in ihm den Plan reifen, ein Krankenhaus und eine Kapelle zu errichten. Intensiv bemühte er sich um Spenden und konnte 1865 die Kapelle und ein Jahr später den ersten Krankensaal einweihen. Er sollte allen offenstehen, unabhängig von sozialem Stand und Vermögen. Die Freundschaft mit dem Maschinen-Fabrikaten Louis Schwarzkopff sicherte ihm dessen Unterstützung, und so konnte der Krankensaal 1870 zum Lazarus-Krankenhaus erweitert werden. Als Boegehold 1873 starb, kümmerte sich Schwarzkopff um das Hilfswerk und sicherte dessen Überleben. Ein Jahr später wurde aus Lazarus eine Anstaltskirchengemeinde. Sie überlebte bis in unsere heutige Zeit und gehört als Diakoniestiftung Lazarus seit 2012 zur Hoffnungstaler Stiftung Lobetal.

Zurück auf der rechten Straßenseite, rückt nun direkt hinter dem Fragment der alten Friedhofsmauer eine recht häßliche, rostrote Metallwand ins Blickfeld, die quer über den Rasenstreifen führt und diesen gnadenlos unterbricht. Sie reicht bis zur Bernauer Straße vor und wird einige Meter weiter von einer zweiten, ebensolchen Wand ergänzt. Zwischen beiden trennt ein weiterer Rest der alten Berliner Mauer das Areal, das die beiden Wände einschließen, von der Straße ab. Betreten darf es niemand. Wer sehen will, was es enthält, muß auf die andere Straßenseite ins Dokumentationszentrum der Gedenkstätte gehen und auf den angegliederten Beobachtungsturm steigen. Von dort oben überblickt man das Gelände und gewinnt einen kleinen Eindruck von der Beschaffenheit des ehemaligen, sogenannten Todesstreifens, der zur Westberliner Seite von der Mauer mit aufgesetztem Betonrohr und zur Ostberliner Seite von der sogenannten Hinterlandmauer begrenzt war. Eine Dauerausstellung mit dem Anspruch, die Geschichte der Berliner Mauer und ihre historischen Hintergründe zu präsentieren, ist im Dokumentationszentrum untergebracht.

Gleich auf der anderen Seite der Ackerstraße, die er nun quert, führt der Weg wenige Meter von der Bernauer Straße weg und biegt auf den ehemaligen Fahrweg des Mauerstreifens ein, der parallel zur Bernauer Straße verläuft. Hier erreicht er einen weiteren historischen Ort, der ganz im Zeichen doppelten Verlustes steht. 1844 wurde auf diesem Areal der Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde am Weinberg eingeweiht. Er gehörte der Anfang der 1830er Jahre entstandenen St.-Elisabeth-Gemeinde, deren Elisabethkirche an der Berliner Invalidenstraße von Karl Friedrich Schinkel geschaffen worden war. Der Begräbnisplatz trug folgerichtig den Namen St.-Elisabeth-Friedhof. Hier an der Ecke von Acker- und Bernauer Straße ist heute kaum ein Hinweis auf diesen Ort der letzten Ruhe zu finden, der doch einst bis zur Bernauer Straße reichte. Man muß schon einige Schritte in die Ackerstraße hineingehen, um ihn zu finden. Seine erste Verkleinerung erfuhr der Friedhof im Jahre 1892, als man begann, nach Plänen von Gotthilf Ludwig Möckel die der Kaiserin Auguste Viktoria gewidmete Versöhnungskirche zu errichten, die das Gotteshaus der Gemeinde gleichen Namens wurde. Der Zweite Weltkrieg hinterließ sie stark beschädigt. Trotz ihrer Lage an der Sektorengrenze stellte man sie 1950 wieder her, und noch bis 1961 fanden hier auch Gottesdienste statt. Mit dem Mauerbau verwehrte man zunächst den Westberliner Gemeindemitgliedern den Zugang, indem man das Hauptportal der Kirchenmauer kurzerhand zumauerte. Kurz darauf schlossen die DDR-Behörden die Kirche ganz, denn mit dem weiteren Ausbau der Mauer kam sie genau im Mauerstreifen zu stehen. Der Kirchturm wurde von den Grenztruppen als Wachturm genutzt. Das blieb so bis ins Jahre 1985. Dann veranlaßte die Regierung der DDR die Sprengung. Ein weiteres Stück Berliner Kirchengeschichte war unwiederbringlich verloren. Doch auch der St.-Elisabeth-Friedhof wurde von der Mauer in Mitleidenschaft gezogen, als er ein weiteres Stück seines Geländes verlor. Die darauf befindlichen Gräber wurden eingeebnet, die sterblichen Überreste immerhin umgebettet.

Nach dem Fall der Mauer gab man der Versöhnungsgemeinde das Grundstück ihrer verlorenen Kirche zurück. Bis zum Jahr 2000 ließ sie auf den noch vorhandenen Fundamenten die Kapelle der Versöhnung errichten, einen ovalen Kirchenbau aus Lehm und wiederverwendeten Materialien der Versöhnungskirche, der mit Holzstäben aus Douglasien verkleidet wurde. Darin finden nun wieder Gottesdienste statt. Ein Gerüst vor der Kapelle beherbergt die geretteten Glocken der Versöhnungskirche.

An der Gedenkstätte Berliner Mauer
Freigelegte Fundamente der für die Berliner Mauer abgerissenen ehemaligen Wohnhäuser an der Bernauer Straße. Im Hintergrund ist die Kapelle der Versöhnung zu sehen, die auf den Fundamenten der Versöhnungskirche steht, welche sich seit 1961 im Mauerstreifen befand und 1985 gesprengt wurde.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wandern wir weiter auf dem ehemaligen Fahrweg entlang. Er führt uns durch das Areal der Berliner Mauergedenkstätte, die nach umfänglichem und kontinuierlichem Ausbau heute die gesamte Bernauer Straße entlangführt. Sogenannte architektonische Fenster zeigen freigelegte Fundamente von Wohnhäusern, die für den Bau der Mauer weichen mußten. Informationstafeln präsentieren Details aus der Geschichte der Mauer und berichten über die Opfer auf beiden Seiten der Grenze. In den Gehweg der Bernauer Straße sind kleine Plaketten mit den Namen von Menschen eingelassen, die Fluchtversuche unternahmen; an mehreren Stellen lassen in den Boden eingelassene Steine den Verlauf von gegrabenen Fluchttunneln nachvollziehbar werden, von denen es hier an der Bernauer Straße besonders viele gegeben hat.

Mit der Brunnenstraße quert unser Weg schließlich eine weitere historische Straße Berlins. Ihre Entstehung verdankt sie Friedrich dem Großen, auf dessen Befehl sie 1752 angelegt wurde. Damals nannte man sie „Straße von Rosenthal“, denn sie verband diesen Ort mit Berlin. Bedeutung erlangte sie kurz danach als Zugang zu einer mineralhaltigen Heilquelle, die man vermutlich kurze Zeit zuvor entdeckt hatte. Sie wurde jedenfalls 1748 erstmals erwähnt. Weil der König sie alsbald finanziell förderte und so eine Heil- und Badeanstalt entstehen konnte, nannte man sie Friedrichsgesundbrunnen. Nun, der Friedrich kam ihr bald wieder abhanden, dafür wurde sie immer beliebter. Gastwirte öffneten hier Ausflugswirtschaften, später setzte rege Bautätigkeit ein. Ein ganzes Stadtviertel entstand, das 1861 Berlin zugeschlagen wurde. Wer hier lebte, wohnte am, im oder auf dem Gesundbrunnen. Als man in den 1880ern eine Kanalisation baute, verschüttete man die Quelle versehentlich. Sie wurde nie wieder gefunden.

Die Brunnenstraße, die ihren Namen 1801 auf Wunsch ihrer Anwohner erhielt, war die Verbindungslinie zwischen Berliner Innenstadt und dem Gesundbrunnen beziehungsweise dem Berliner Stadtteil Wedding, zu dem er gehörte. Der Verkehr nahm zu. Erst kam die Straßenbahn, später die U-Bahn. Erstere verließ die Straße wieder, wenn auch erst nach dem Zweiten Weltkrieg, sieht man einmal von dem Abschnitt zwischen Invalidenstraße und Rosenthaler Platz ab. Mit dem Bau der Mauer wurde die Brunnenstraße an der Bernauer Straße in zwei Teile geteilt. Der U-Bahnhof Bernauer Straße kam genau in den Grenzstreifen zu liegen und wurde geschlossen. Auch wenn die U-Bahn weiterhin verkehrte, hier und an den anderen auf Ostberliner Territorium gelegenen Bahnhöfen hielt sie nicht mehr. Die abgedunkelten und von Grenztruppen der DDR bewachten Haltepunkte wurden zu Geisterbahnhöfen. In den Folgejahren wurde das Areal nördlich der Bernauer Straße, links und rechts der Brunnenstraße, zum damals größten Sanierungsgebiet Deutschlands. Was im Krieg nicht zerstört wurde, wurde großenteils abgerissen und durch Neubauten ersetzt. So kommt es, daß wir heute, wenn wir die Bernauer Straße entlangwandern, auf beiden Straßenseiten auf völlig unterschiedlich anmutende Stadtquartiere blicken. Der Fall der Mauer brachte beide wieder zusammen und vereinte auch die beiden Hälften der Brunnenstraße wieder. Die an ihr liegenden U-Bahnhöfe Bernauer Straße und Rosenthaler Platz waren unter den ersten Geisterbahnhöfen, die wiedereröffnet wurden.

Hinter der Brunnenstraße führt der Weg weiter den ehemaligen Fahrweg des Mauerstreifens entlang. Auch hier setzt sich die Mauergedenkstätte fort. Der ehemalige Mauerstreifen wird hier an einigen Stellen bereits wieder bebaut, so daß ab und zu einzelne Häuser zwischen unseren Weg und die Bernauer Straße treten. Wir kreuzen schließlich die Swinemünder Straße, die von rechts vom Zionskirchplatz kommt und, nachdem sie den Arkonaplatz gekreuzt hat, die Bernauer Straße quert. Von hier aus führt sie links weiter bis zum Bahnhof Gesundbrunnen, wo sie in die Swinemünder Brücke übergeht. Sie durchquert damit fast das gesamte, Rosenthaler Vorstadt genannte Stadtviertel. Einst wurde sie auf ihrer gesamten Länge von einer Straßenbahnlinie befahren, die es jedoch seit den 1960er Jahren nicht mehr gibt. Nur die Straßenpflasterung und ein paar alte Schienen erinnern hier und da noch daran.

Hinter der Wolliner Straße stehen auf der linken Seite der Bernauer Straße keine Häuser mehr. Ein Zaun mit Ziegelsockel und -pfeilern führt bis zu einer Toreinfahrt, dann schließen sich flache Baracken an. Nichts wirklich Sehenswertes eigentlich. Zumindest werktags. Aber sonntags wird dieses Gelände zum Besuchermagneten, wenn es zum Domizil des Flohmarkts am Mauerpark wird. Kaum ein Reiseführer über Berlin weist nicht darauf hin. Dementsprechend viele Touristen tummeln sich hier. Wer die Enge in großen Menschenmengen liebt, ist hier also genau richtig, besonders im Sommer. Vielfach liest man, das Gelände hätte zu Zeiten der Mauer im Grenzgebiet zwischen Wedding und Prenzlauer Berg gelegen. Eine Fehlinformation. Richtig ist, daß die Mauer hier am Mauerpark die Bernauer Straße verließ und nach Norden abbog. Das war dort, wo die Bernauer Straße das Ende der Baracken erreicht und sich eine über ein paar flache Stufen erreichbare, vergleichsweise triste Grünanlage anschließt. Das Flohmarktareal lag somit bereits hinter der Mauer, im Wedding.

Die Grünanlage ist die Hinterlassenschaft der Mauer; oder genauer: des Mauerstreifens. Ein sich nach Norden ziehender, vergleichsweise schmaler Rasenstreifen, bestanden von vereinzelten Bäumen. Ein breiter Fahrweg, der geradewegs hineinführt. Hinter ihm steigt das Gelände leicht an. Doch kein Berg verleiht hier dem Park etwas Abwechslung. Es ist nur der Abhang des Stadionkessels im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Viel zu sehen gibt es hier also eigentlich nicht im Mauerpark. Und schönere Grünanlagen als diese hat Berlin allemal. Und doch ist der Mauerpark bei Berlinern und Touristen gleichermaßen beliebt. Das mag sicher daran liegen, daß der dicht bebaute Prenzlauer Berg einen bemerkenswerten Mangel an Grünflächen aufweist. Vielmehr jedoch trägt dazu bei, daß sich hier insbesondere an Wochenenden ein reges kulturelles Leben entwickelt. Musiker finden sich ein, Freizeitsportler tummeln sich beim Boulespiel, Basketball und Fußball, Jongleure zeigen ihre Kunst. Jedes Jahr am 30. April feiert man hier die Walpurgisnacht; Lagerfeuer und künstlerische Darbietungen ziehen dann reihenweise Menschen an. Gleiches gelingt der mittlerweile schon berühmten Karaokeshow, die hier sonntags unter freiem Himmel stattfindet und jedermann offensteht.

Doch dieser Ort ist noch aus anderem Grund interessant. Denn hier wurde im Jahre 1877 der Nordbahnhof eröffnet. Moment, der Nordbahnhof? Waren wir da nicht schon? Lag der nicht am anderen Ende der Bernauer Straße? Richtig. Dort ist er heute. Doch wie wir uns erinnern, erst seit 1950. 1877, als der hiesige Bahnhof in Betrieb ging, hieß der dort gelegene Haltepunkt noch Stettiner Bahnhof. Und weil die an diesem Ende der Bernauer Straße gelegene Station der Anfangspunkt der Berliner Nordbahn war, erhielt sie folgerichtig den Namen Nordbahnhof. Allerdings übernahm sie nur den Güterverkehr der Nordbahn. Der Personenverkehr wurde über den Stettiner Bahnhof abgewickelt, der auch viel besser an das öffentliche Transportwesen der Stadt angeschlossen war. Lediglich in den Jahren von 1892 bis 1898 gab es hier am Nordbahnhof auch einen kleinen Haltepunkt für den Personenverkehr. Der war jedoch nur ein Provisorium zur Entlastung des Stettiner Bahnhofs und dementsprechend kurzlebig. Als der Name „Nordbahnhof“ 1950 an den Stettiner Bahnhof überging, benannte man den hiesigen Endpunkt in „Berlin – Eberswalder Straße“ um. Mit dem Mauerbau verlor er an Bedeutung, lag er doch auf Westberliner Gebiet direkt am Grenzstreifen. Trotzdem wurde er noch bis in die 1970er Jahre als Güterumschlagplatz genutzt. 1985 legte die Reichsbahn ihn endgültig still. Das kleine Empfangsgebäude riß man ab. Heute ist nur noch wenig von diesem alten Nordbahnhof erhalten. Einzelne Abschnitte der Umfassungsmauer und ein Stück der alten Bahntrasse sind alles, was noch an ihn erinnert. Letztere gehört nun zum Mauerpark. Ihr bekanntester Abschnitt dürfte der alte Gleimtunnel sein, durch den die Gleimstraße vom Prenzlauer Berg in den Wedding hinüberführt und der unter Denkmalschutz steht.

In der Oderberger Straße
Am Mauerpark, wo die Bernauer in die Eberswalder Straße übergeht, beginnt die Oderberger Straße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wir stehen nun gegenüber dem Eingang zum Mauerpark. Hier verläßt der Grüne Hauptweg Nummer 19 die Bernauer Straße und mit ihr den ehemaligen Mauerstreifen und wendet sich mitten hinein in den Prenzlauer Berg. Es ist eine interessante kleine Zusammenkunft von Straßen, die sich hier ein Stelldichein geben. Im sauberen rechten Winkel, wie sich das gehört, trifft die Schwedter Straße auf die Bernauer. Glatt halbiert wird der durch die unorthodox von links kommende Oderberger Straße. Und weil die Unorthodoxen immer interessanter sind als diejenigen, die sich an die Regeln halten, folgen wir nun letzterer und stürzen uns mitten hinein ins trubelbunte Leben des Prenzlauer Bergs. Hier folgen trendige Cafés auf stylische Restaurants, zwischen die sich dem modernen Lifestyle verpflichtete Boutiquen mischen. Und weil wir damit die wichtigsten der aktuellen Modeworte in einem Satz untergebracht haben, können wir nun entspannt einen Blick auf die weniger grellen, doch wesentlich interessanteren Eigenheiten der Oderberger Straße werfen.

Gleich an ihrem Anfang auf der linken Straßenseite präsentiert und verkauft der „VEB Orange“ alles außer Obst. So zumindest charakterisiert sich der kleine Laden selbst. Vielfältiges wird hier geboten, doch der Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf der Zeit der 1960er und 1970er Jahre und dem Alltag der untergegangenen DDR. Ein Besuch lohnt auf jeden Fall, denn das kleine Geschäft ist damit irgendwie auch ein Museum. Und selbst wenn es geschlossen ist, kann man hier, mit der Nase an den Schaufenstern klebend, vieles entdecken und den zahlreichen Ahs und Ohs der anderen Besucher zuhören – oder eigene ausstoßen.

Ein Stück weiter kommen wir an einem Ziegelbau vorbei, der mit seinen drei Stockwerken erheblich niedriger ist als die benachbarten Häuser. Unmittelbar ins Auge fallen die fünf großen roten Tore, die recht deutlich auf den Zweck des Gebäudes verweisen. Es ist die älteste noch in Betrieb befindliche Wache der Berufsfeuerwehr in Deutschland. Sie ist seit 1883 in Betrieb. Bis zum heutigen Tage öffnen die Feuerwehrleute hier die Tore per Hand.

In der Oderberger Straße
Bunte Fassaden säumen die Oderberger Straße mit ihren zahlreichen Boutiquen, Cafés und Restaurants.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die Feuerwache ist fast so alt wie die Straße selbst. Die wurde in den 1870ern angelegt. Die rasante Entwicklung der Stadt förderte die Bebauung der gesamten Rosenthaler Vorstadt und natürlich auch der Oderberger Straße. Als 1961 die Mauer gebaut wurde, lag die Straße, die sich eben noch mitten in der Stadt befunden hatte, plötzlich in einem Randgebiet. Die Grenze schloß sie zur Bernauer Straße hin hermetisch ab und machte aus ihr eine Sackgasse. Die nächsten knapp dreißig Jahre passierte nicht mehr viel. Die Fassaden verfielen, außer den Anwohnern verirrte sich kaum jemand hierher. Tristess und Verfall kennzeichneten das Erscheinungsbild der Straße. Doch ebenso plötzlich, wie der Bau der Mauer die Straße dem städtischen Leben entzogen hatte, katapultierte deren Fall sie wieder mitten hinein. An der Bernauer Straße entstand ein Grenzübergang, und als die Mauer abgerissen wurde, war die Straße endgültig wieder in der Stadt angekommen. Die Wohnhäuser wurden aufwendig saniert, die Fassaden restauriert, Bäume gepflanzt. Heute wirkt die Straße grün und lebendig und hat sich mit ihren Cafés und Restaurants zu einem Touristenmagnet entwickelt.

Stadtbad Oderberger Straße
Dieses historische Stadtbad ist heute Schwimmbad, Hotel und Veranstaltungsort.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Ein solcher ist auch die Kastanienallee, die die Oderberger Straße als nächstes kreuzt. Den nur ein Stück entfernt gelegenen Prater – den ältesten Biergarten Berlins, denn einen Bierausschank gibt es an dieser Stelle seit den 1830er Jahren – lassen wir im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und folgen weiter der Oderberger Straße. Auf deren rechter Straßenseite erhebt sich nun ein imposanter Bau, der sich durch seine markanten Staffelgiebel von seinen Nachbargebäuden abhebt. Auch schließt er nicht direkt an diese an, sondern setzt sich durch schmale, gassenartige Passagen von ihnen ab. Wir stehen vor dem alten Stadtbad Oderberger Straße. Eröffnet wurde es im Jahr 1902 als Volksbadeanstalt. Die Pläne dafür hatte der Stadtbaurat Ludwig Hoffmann geliefert, dem Berlin auch das Alte Stadthaus und das Märkische Museum zu verdanken hat. Ebenfalls am Bau beteiligt war der Bildhauer Otto Lessing, der sämtliche Verzierungen und Skulpturen entwarf. Das Bad blieb im Zweiten Weltkrieg von größeren Schäden verschont und war bis ins Jahr 1986 in Betrieb, als es geschlossen werden mußte, weil ein Schornsteinanbau Risse im Boden des Schwimmbeckens und in den Deckengewölben verursacht hatte. Es dauerte genau zwanzig Jahre, bis das alte Bad wiedereröffnet werden konnte. Es ist nun Badeanstalt, Hotel und Veranstaltungsort in einem.

Von hier aus ist es nur noch ein kleines Stück Wegs, dann trifft die Oderberger Straße auf die Choriner Straße, kurz bevor diese in die Schönhauser Allee mündet. Und hier, am südlichen Ende der Kulturbrauerei, endet unsere zweite Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19, ein Spaziergang, der gleichermaßen durch ein Stück Berliner Eisenbahngeschichte, durch bedeutende grüne Oasen der letzten Ruhe inmitten der Stadt und auf den Spuren der Berliner Mauer entlangführte, eines Bauwerks, das so gravierenden Einfluß auf die Stadt, ihre Strukturen und nicht zuletzt ihre Menschen genommen hat wie kaum ein anderes in der Geschichte Berlins.

Bei der Bezeichnung “20 Grüne Hauptwege” handelt es sich um eine Wortmarke der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, von der auch die Streckenführung der Wege entwickelt wurde. Wegbeschreibungen und Etappeneinteilung unterliegen sowohl Urheberschaft als auch Copyright von Anderes.Berlin. Sie entsprechen dem Stand der Wegführung vom August 2017. Änderungen, die zwischenzeitlich von der Senatsverwaltung vorgenommen wurden, sind möglicherweise (noch) nicht berücksichtigt. Die angezeigten Karten wurden von uns selbst mittels Google Maps erstellt.

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  1. siehe Etappe 1 – Durch Tiergarten und Hansaviertel

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