Fontänen des Berliner Märchenbrunnens (Banner)

An den Wassern der Großstadt

Dieser Beitrag ist Teil 3 von 3 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nummer 19"

Gespannt steht er an dem Geländer, das ihn gerade noch überragt, und starrt in die Tiefe, die sich dahinter auftut. Die lauten Rufe seiner Mutter ignoriert der kleine Steppke geflissentlich. Wenn er könnte, würde er seinen Kopf wohl durch die Gitterstäbe stecken, um das Objekt seiner Erwartung noch eher sehen zu können, doch sie stehen zu dicht beieinander, als daß sie ihm das ermöglichen würden. Noch klingt die Stimme seiner Mutter, die ihn zu sich ruft, nicht ärgerlich genug, und so kann er es wohl wagen, noch einen Moment zu verharren – jetzt, wo doch das lang ersehnte dumpfe Brausen in der Tiefe unter ihm endlich einsetzt. Ganz sachte kommt es näher und schwillt mehr und mehr an. Noch ist nichts zu sehen, doch kann es nur noch einen kurzen Moment dauern. Jetzt ist es so laut, daß der erneute Ruf seiner Mutter seine Ohren nicht mehr erreicht. Und dann… und dann… ist sie da! Direkt unter seinen Füßen bricht sie aus dem Tunnel hervor – die lang ersehnte gelbe Schlange. „Mama, Mama!“, ruft der Knirps und zeigt mit ausgestrecktem Arm durch das Gitter, aufgeregt auf und ab hüpfend. „Siehst Du, Mama? Da ist sie! Da!“ Dabei strahlt er vor Glück über das ganze Gesicht, so daß es unmöglich ist, ihm auch nur eine Sekunde böse zu sein. Auch seiner Mutter gelingt es selbstverständlich nicht. Lachend gesellt sie sich zu ihm, und gemeinsam stehen sie an dem Geländer und schauen gebannt der U-Bahn zu, die unter ihnen aus der Tunnelöffnung herausschießt und schnurgerade die ansteigende Rampe auf das Viadukt hinauffährt.

Die U-Bahn in der Schönhauser Allee

Die U-Bahn in der Schönhauser Allee
Wo die Choriner Straße auf die Schönhauser Allee trifft, tritt die U-Bahn zutage und fährt auf ihr Viadukt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, daß wir einen der unzähligen, von Schienenfahrzeugen aller Art faszinierten Steppkes, die es in dieser Stadt geben mag, hier am Tunnelausgang der U-Bahnlinie 2 antreffen, wenn wir an der Ecke Schönhauser Allee und Choriner Straße die dritte Etappe unserer Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19, dem Tiergartenring, beginnen.

Die Wegstrecke
(ca. 6 Kilometer – inklusive Nebenstrecken ca. 7,9 Kilometer)

Wo man einst Bier braute…

Die Choriner Straße überquert hier die Schönhauser Allee und setzt sich auf deren anderer Seite fort, wobei sie allerdings ihren Namen wechselt und als Sredzkistraße weiterführt. Sie erinnert an den deutschen Kommunisten Siegmund Sredzki, der in den 1930er Jahren aktiv gegen den deutschen Faschismus kämpfte und diesem 1944 zum Opfer fiel.

Gleich an der linken Ecke zur Schönhauser Allee beginnt mit einem markanten Turm ein aus gelben Ziegeln errichteter Gebäudekomplex, der von hier aus die gesamte linke Straßenseite der Sredzkistraße einnimmt. Hier bildet er allerdings keine geschlossene Häuserfront, sondern gibt etwa in seiner Mitte einen kleinen Platz frei, über den er den Zugang zu seinem Inneren gewährt. Ein Blick hinein lohnt sich durchaus, denn wir haben hier eines der wenigen gut erhaltenen Industriearchitektur-Denkmäler Berlins vor uns – die ehemalige Schultheiss-Brauerei. Mitte des 19. Jahrhunderts aus einer kleinen Schankstube hervorgegangen, entwickelte sie sich innerhalb dreier Jahrzehnte zu einem bedeutenden Unternehmen, das Anfang der 1880er Jahre seine bis dahin mit Natureis betriebenen Kühlhäuser durch eine eigene Kältemaschine ablösen konnte – was zu jener Zeit in der deutschen Brauereitechnologie einmalig war – und schließlich den bekannten Berliner Architekten Franz Schwechten beauftragte, sein mittlerweile 25.000 Quadratmeter großes Areal großzügig um- und auszubauen. In der Folge entstand in der Form einer mittelalterlichen Burganlage mit verschiedenen Höfen das Areal, das wir heute vor uns haben. 1891 hatte sich das Unternehmen bereits zur größten Brauerei Deutschlands entwickelt. Als es dann 1920 mit der Patzenhofer Brauerei AG fusionierte, stieg es sogar zur weltgrößten Lagerbierbrauerei auf.

In der Kulturbrauerei
Ein Blick von der Sredzkistraße in die heutige Kulturbrauerei, die einst die alte Schultheißbrauerei an der Schönhauser Allee war.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte die Sowjetische Besatzungsmacht das Unternehmen und überführte es in eine Sowjetische Aktiengesellschaft, aus der schließlich ein Volkseigener Betrieb wurde. Nach zwanzig Jahren waren die Produktionsanlagen derart verschlissen, daß der Brauereibetrieb 1967 eingestellt werden mußte. Sieben Jahre später stellte man das ehemalige Brauereigelände unter Denkmalschutz. Doch es zogen noch mehr als zwanzig Jahre und eine politische Wende, die zum Ende eines der beiden deutschen Staaten führte, ins Land, bevor 1998 eine grundlegende Sanierung in Angriff genommen wurde. Unter dem Namen Kulturbrauerei gelang die Wiederbelebung der einstigen Produktionsstätte eines berühmten Berliner Bieres. Heute bietet sie Kunst, Kultur und Unterhaltung ein Zuhause. Hier finden sich Theater und Gastronomie, ein Billardsalon und ein Kino, werden Ausstellungen und Konzerte, Workshops und Lesungen abgehalten und – natürlich – Partys gefeiert. Jedes Jahr im Dezember wandeln sich die Höfe zum beliebten Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei. Doch auch wenn gerade kein Festival, Markt oder Konzert stattfindet – ein Bummel über das Gelände lohnt allemal. Auch nur mal so zum Gucken.

Die Kulturbrauerei an der Knaackstraße
Die heutige Kulturbrauerei an der Ecke Sredzki- und Knaackstraße. 
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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So wie am Anfang der Sredzkistraße ein Turm den markanten Anfang der Gebäudefront der Kulturbrauerei bildete, wird sie an der nächsten Straßenecke auch von einem abgeschlossen. Hier wechselt der Grüne Hauptweg Nummer 19 die Richtung. Es geht nach rechts in die Knaackstraße hinein. Benannt ist sie nach Ernst Knaack. Genau wie Siegmund Sredzki war er Kommunist und aktiver Widerstandskämpfer gegen die deutschen Faschisten, wofür er 1944 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Es sind nur wenige Meter, da erreichen wir auf der rechten Straßenseite die Grundschule am Kollwitzplatz, die sich uns als langgestreckter typischer DDR-Schulbau präsentiert, vor dem sich eine Art Vorgarten erstreckt, der zur Straße von einem mit einer Hecke maskierten Zaun begrenzt wird. Zu Zeiten der DDR trug die Lehranstalt den Namen Siegmund Sredzkis, den man jedoch aufgab, als man sie in eine Grundschule umwandelte. Bemerkenswert ist allerdings weniger die Schule selbst, sondern das Denkmal, das sich auf ihrem Vorplatz dort befindet, wo die Hecke endet. Die runde Stele mit umlaufendem Relief trägt den Namen „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ und wurde von ihrem Schöpfer Heinz Worner den beiden Antifaschisten gewidmet, die wir auf unserem Weg durch die nach ihnen benannten Straßen bereits kennengelernt haben. Leider steht sie jedoch auf dem von besagtem Zaun umschlossenen Schulgelände. Und weil sich das in diesem nahebei befindliche Tor meist jeglichen Versuchen, es zu öffnen, erfolgreich widersetzt, bleibt Interessierten der von der Straße abgewandte Teil des Reliefs in der Regel leider verborgen.

Denkmal
Das Denkmal „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ auf dem Gelände der Grundschule am Kollwitzplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Vom zerstörerischen Krieg zur schöpferischen Kunst

Wir gehen weiter die Knaackstraße entlang, an einer Kindertagesstätte vorüber, die sich an die Grundschule anschließt, und erreichen an der Kreuzung mit der Wörther Straße einen nahezu dreieckigen Platz. Puristen mögen darauf bestehen, ihn viereckig zu nennen, weil die ihn an seiner Nordseite begrenzende Wörther Straße einen kleinen Knick macht, doch da er von lediglich drei Straßen begrenzt wird, wollen wir großzügig sein und ihm die bei Plätzen nicht so häufig auftretende Dreiecksform zugestehen. Einst hieß er wie die Straße an seinem nördlichen Ende – Wörther Platz. Beide sollten an die Schlacht bei Wörth im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erinnern. In den 1880er Jahren gestaltete man das Dreieck zu einem typischen Schmuckplatz der Gründerzeit um, wofür der damalige Stadtgartendirektor Hermann Mächtig die Pläne lieferte. Der Zweite Weltkrieg verschonte den Platz zu großen Teilen, so daß an den ihn begrenzenden Straßen die Bauten aus den Gründerjahren weitestgehend erhalten sind. 1947 benannte man ihn nach der deutschen Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, die hier von 1891 bis 1943 lebte.

Kollwitz-Denkmal
Das Denkmal für Käthe Kollwitz auf dem Kollwitzplatz im Berliner Prenzlauer Berg.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Der Grüne Hauptweg Nummer 19 folgt der Knaackstraße an der südwestlichen Seite des Kollwitzplatzes. Gönnen wir uns jedoch ruhig einen kurzen Abstecher in den kleinen Park auf dem Platz. Er wird von einem niedrigen Metallgeländer eingefaßt, das kurz hinter der Kreuzung einen Zugang zum Park besitzt, an den sich ein Weg anschließt, der sich in einem weiten Bogen durch die Grünanlage zieht, um schließlich wieder zur Knaackstraße zurückzuführen. Er verläuft zunächst parallel zur Wörther Straße. Donnerstags ist deren Abschnitt entlang des Kollwitzplatzes für den Verkehr vollständig gesperrt, denn dann wird er von den bunten Buden und Verkaufsständen eines über die Grenzen des Prenzlauer Bergs hinaus bekannten und somit stets gut besuchten Ökomarktes vereinnahmt. Während links hohe Bäume unseren Weg säumen und ihn überschatten, dehnt sich rechts von uns eine Wiese. Dort, wo der Weg nahe der nordöstlichen Platzecke einen Spielplatz erreicht und sich nach rechts wendet, wird die Wiese durch ein paar Bäume abgelöst, hinter denen wir unvermittelt auf die Skulptur einer sitzenden Frau stoßen. In großen Lettern steht der Name der Dargestellten an der Vorderseite des massiven Sockels: Käthe Kollwitz. Geschaffen vom Bildhauer Gustav Seitz nach einem Selbstporträt der Malerin, wurde die Bronzeplastik 1961 hier aufgestellt. Die zahlreichen blank polierten Stellen der Skulptur künden von den Kletterversuchen vieler kleiner und manch größerer Kinder, die sich stets gerne bemühen, auf den Schoß der Sitzenden zu gelangen. Wir dürfen annehmen, daß die Malerin, würde sie heute noch leben, sicher nichts dagegen hätte, sondern dies mit Wohlwollen beobachtete und sich darüber freute.

Unser Weg durch den Park führt nun zwischen Spielplatz und Wiese zurück zur Knaackstraße, die wir nach dem erneuten Passieren des niedrigen Metallgeländers erreichen. Bevor wir uns jedoch nach links wenden, um dem Grünen Hauptweg Nummer 19 weiter zu folgen, gehen wir noch kurz auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo sich nur wenige Meter rechts von uns eine vergleichsweise schmale Lücke zwischen den den Platz einrahmenden Häusern auftut, die von einer roten, mit Laub überwucherten Ziegelmauer verschlossen wird, in der sich ein unscheinbares, meist über und über mit zahlreichen Graffitis bedecktes Metalltor befindet. Die es verunstaltenden Schmierereien lassen die etwa in Kopfhöhe eingelassenen Öffnungen in der Form von Davidsternen kaum auffallen. Schauen wir einmal hindurch!

Eingang des Jüdischen Friedhofs Schönhauser Allee am Kollwitzplatz
Dieser Eingang zum Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee befindet sich am Kollwitzplatz. Er führt auf den sogenannten Judengang.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Eingang des Jüdischen Friedhofs Schönhauser Allee am Kollwitzplatz
Eine der als Davidstern gestalteten Öffnungen im Zugangstor zum Judengang hinter dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Unser Blick fällt auf einen grasbewachsenen Weg, der zunächst zwischen Häuserwänden hindurchführt und dann auf der rechten Seite von einer Mauer begleitet wird, über die zahlreiche, teils hohe Bäume ihre Zweige strecken. Wir schauen in den sogenannten Judengang, der hinter dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee verläuft. Der Friedhof, von dem wir von hier aus lediglich die Bäume hinter der erwähnten Mauer sehen können, wurde 1827 eingeweiht. Er löste den Alten Jüdischen Friedhof, dessen Areal in der Großen Hamburger Straße in Berlins Mitte heute noch existiert, als Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde der Stadt ab. Auf diesem durften damals keine Beerdigungen mehr vorgenommen werden, da er sich wegen der stetigen Ausdehnung Berlins mittlerweile im Stadtgebiet befand und nach dem Preußischen Allgemeinen Landrecht vom Ende des 18. Jahrhunderts in Kirchen und bewohnten Gegenden keine Leichen mehr beerdigt werden sollten.

Der Judengang am Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee
Der Judengang am Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Auf dem Friedhof sind so bekannte Persönlichkeiten wie der Maler Max Liebermann, der Komponist Giacomo Meyerbeer und der Industrielle und Mäzen James Simon bestattet. Der Judengang, in den wir hineinblicken, verläuft auf etwa vierhundert Metern Länge hinter dem Friedhof von hier bis zum Senefelder Platz. Er diente als Begräbnisgang und besaß somit rituelle Funktion. Ob seine Entstehung allein auf religiöse Richtlinien des Judentums zurückgeht oder aber ein zusätzlicher Anlaß die Abneigung König Friedrich Wilhelms III. war, auf seinen Fahrten entlang der Schönhauser Allee, die ihn zu seinem Lustschloß Schönhausen führten, Leichenzügen zu begegnen, ist wohl nicht so genau zu klären. Tatsache ist jedoch, daß die schmale Passage heute eines der wenigen erhaltenen Beispiele eines jüdischen Begräbnisganges ist.

Der Judengang am Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee
Diese gläserne Tafel entdeckt man, wenn man durch die als Davidstern gestalteten Öffnungen im Tor des Judengangs am Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee schaut, das sich am Kollwitzplatz befindet. Die Tafel erläutert Wissenswertes zu dem Begräbnisgang.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Wir wandern nun weiter die Knaackstraße entlang und erreichen nach wenigen Metern deren Kreuzung mit der Kollwitzstraße, die den gleichnamigen Platz an seiner dritten Seite begrenzt. Einst trug sie den Namen Weißenburger Straße und war nach der Schlacht bei Weißenburg, einer weiteren Auseinandersetzung im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, benannt. An jedem Sonnabend bietet die Straße einem Wochenmarkt ein Domizil, der wenigstens ebenso beliebt ist wie der bereits erwähnte Ökomarkt. An der östlichen Ecke der Kreuzung finden wir einen unscheinbaren Neubau vor, der normalerweise nicht weiter auffallen dürfte, bietet er dem Auge doch nichts wirklich Bemerkenswertes. Doch der Schein trügt, denn an der Hausecke hängt ein Leuchtkasten, der auf den bedeutsamen Umstand hinweist, daß bis 1943 an dieser Stelle das Wohnhaus der Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz stand. Ein Bombentreffer zerstörte es im Zweiten Weltkrieg vollständig. Leuchtkasten, Straße und Platz erinnern gemeinsam an die Künstlerin, aber auch an ihren Ehemann Karl Kollwitz, der hier in der damaligen Weißenburger Straße als Arzt tätig war und damit einen prägenden Einfluß auf die Menschen, die in der Umgebung des Platzes lebten, ausübte.

Ehemaliges Wohnhaus von Käthe Kollwitz
Dort, wo sich heute an der Ecke Kollwitz- und Knaackstraße dieser Neubau befindet, stand früher das Wohnhaus von Käthe und Karl Kollwitz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Einige Meter links des Leuchtkastens stoßen wir auf eine unscheinbare Tür, die angesichts von Hausnummer, Klingeltableau und Briefkastenklappen unschwer als Hauseingang identifiziert werden kann. Ein kleines Vordach ist zwar nützlich, wenn es gerade regnet und man die richtige Klingel sucht, wir sollten aber trotzdem einige Schritte darunter hervor- beziehungsweise zurücktreten. Richten wir in gebührendem Abstand vom Haus unseren Blick nach oben über die Tür, so können wir über besagtem Vordach eine Gedenktafel entdecken, die ausführlicher als der Leuchtkasten an der Hausecke über die beiden bedeutenden Persönlichkeiten informiert, die einst den Vorgängerbau dieses Hauses bewohnten. Leider ist die Schriftgröße der Tafel der Höhe, in der sie angebracht wurde, völlig unangemessen. Wer sich nicht der Mühe unterziehen möchte, den Text dort oben zu entziffern, der schaue einfach auf das nachfolgende Foto.

Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus von Käthe Kollwitz
Die Gedenktafel am Nachfolgebau des früheren Wohnhauses von Käthe und Karl Kollwitz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Der Eingang zum ehemaligen Wohnhaus von Käthe Kollwitz
Der Eingang zum Nachfolgebau des ehemaligen Wohnhauses von Käthe und Karl Kollwitz mit der darüber befindlichen, nicht unbedingt leicht zu lesenden Gedenktafel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Das verborgene Gotteshaus

Der Grüne Hauptweg Nummer 19 verläßt nun den Kollwitzplatz und folgt noch ein kleines Stück der Knaackstraße, bis er an der nächsten Straßenecke nach rechts in die Diedenhofer Straße einbiegt. Auf dieser mit einem Kopfsteinpflaster versehenen Straße verläuft er bis zur nächsten Kreuzung, an der er links in die Belforter Straße einbiegt. Auf der linken Seite passiert er dabei eine langgezogene Grünanlage. Weil es um einiges interessanter und lohnenswerter ist, diese genauer in Augenschein zu nehmen, als dem Grünen Hauptweg Nummer 19 die Straßen entlang zu folgen, wollen wir hier eine kleine alternative Route einschlagen.

Dazu gehen wir die Knaackstraße zunächst noch ein kurzes Stück geradeaus, bis wir einen kleinen dreieckigen Platz erreichen, auf den von links die Rykestraße einmündet. An der uns am nächsten liegenden abgeschrägten Straßenecke hat sich das Restaurant „Pasternak“ einquartiert, das nach dem Autor des berühmten Romans „Doktor Schiwago“, Boris Leonidowitsch Pasternak, benannt ist und sich passenderweise der traditionellen russischen Küche widmet, womit es einen kleinen und doch wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung mit unseren europäischen Nachbarn im Osten leistet.

Gehen wir daran vorbei und ein Stück in die Rykestraße hinein, die ihren Namen bereits seit 1891 trägt und an die märkische Patrizierfamilie Ryke erinnert, die vom 14. bis zum 16. Jahrhundert mehrfach den Bürgermeister von Berlin stellte und deren Name in späteren Veröffentlichungen auch als Reiche erwähnt wird. Gleich hinter der Straßenecke gliedert sich ein schönes Backsteingebäude in die Häuserfront ein, das entfernt an romanische Bauten früherer Zeiten erinnert. Zwei breite Tordurchfahrten gewähren Zugang zum dahinterliegenden Innenhof – oder täten es, würde nicht eine beeindruckende Reihe von Pollern, die bis auf die kopfsteingepflasterte Fahrbahn der Rykestraße hinausreicht, im Zusammenwirken mit die Einfahrten verschließenden Metallgittern ebendies verhindern. An der Hauswand angebrachte Kameras beäugen argwöhnisch das Geschehen auf Gehweg und Straße, und stets vor dem Haus präsente Polizisten machen mehr als deutlich, daß es sich bei dem Gebäude in den Formen einer neoromanischen Basilika um einen außerordentlich wichtigen und schützenswerten Ort handelt.

Die Synagoge in der Rykestraße
In der Rykestraße bildet dieses markante Vorderhaus den Eingang zur Synagoge Rykestraße, die sich im Hinterhof befindet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Doch dieser ist gar nicht das Gebäude selbst, sondern befindet sich im dahinter gelegenen Hof. Wie es die auf den Spitzen der die Einfahrten verschließenden Tore angebrachten Davidsterne bereits vermuten lassen, handelt es sich dabei um eine jüdische Synagoge. Dieses in seiner ursprünglichen Gestalt erhaltene, vom damaligen Gemeindebaumeister Johann Hoeniger entworfene Gotteshaus war im Jahre 1904 eingeweiht worden und gilt heute als größte Synagoge nicht nur Deutschlands, sondern – neben der großen Synagoge in Budapest – Europas. Daß sie die Zeit des Faschismus in Deutschland überstand, ist ihrer Lage inmitten des dicht bebauten Häuserblocks und dem Eingreifen des Kommandanten des hiesigen Polizeireviers zu verdanken, der die in der Pogromnacht 1938 in Brand gesetzte Synagoge umgehend wieder löschen ließ, um ein Übergreifen des Feuers auf das gesamte Wohnviertel zu verhindern. Vor der Plünderung und Schändung seines Inneren durch Faschisten und geifernden Mob bewahrte dies das Gotteshaus jedoch nicht. Die Deportation der Rabbiner und Gemeindemitglieder in das Konzentrationslager Sachsenhausen und der Mißbrauch des Gebäudes als Lager für die Wehrmacht waren weitere tragische Ereignisse in jenen dunklen Zeiten der faschistischen Barbarei. 1953 restauriert, entwickelte sich die einzige erhaltene Synagoge im Osten Berlins zum Zentrum des Judentums der Deutschen Demokratischen Republik. Nach deren Ende und der Wiedervereinigung Deutschlands kam es im Jahr 2004 zu umfangreichen Umbaumaßnahmen mit dem Ziel, den originalen Zustand aus dem Jahre 1904 so weit wie möglich wiederherzustellen. Drei Jahre später konnte die Synagoge mit nunmehr 1.200 Plätzen feierlich wiedereröffnet werden.

Gedenktafel an der Synagoge Rykestraße
Diese Gedenktafel ist am Vorderhaus der Synagoge in der Rykestraße angebracht. Sie erinnert an die III. Volksschule des „Jüdischen Schulvereins e. V.“, die sich im Vorderhaus der Synagoge befand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Unsichtbares Wasser

An der Synagoge kehren wir um und gehen die Rykestraße zurück auf den dreieckigen Platz, zu dem sie sich an ihrer Einmündung in die Knaackstraße verbreitert. Gerade voraus liegt die grüne Wand der hohen Bäume der bereits erwähnten Grünanlage wie ein Riegel, der die Straße absperrt. Darüber erhebt sich ein rundes, in seiner wuchtigen Rundung recht behäbig wirkendes Gebäude, dessen Schrägdach in einem länglichen dünnen Stutzen ausläuft, so daß es aussieht, als habe man dem Bau einen Trichter verkehrt herum aufgesetzt. Viel mehr ist von dem Wasserturm Prenzlauer Berg, den wir hier vor uns haben, auf dieser Seite eigentlich nicht zu sehen, denn er wird von den hohen Bäumen nahezu vollständig verdeckt. Gehen wir also über den Platz und geradewegs unter jene Bäume, wo wir hinter einer niedrigen Ziegelmauer eine kleine Treppe hinaufsteigen. Oben angekommen, gehen wir links um den runden Bau herum, der ebenfalls aus Ziegeln errichtet wurde.

Der Wasserturm Prenzlauer Berg
Der Wasserturm Prenzlauer Berg, von dem sich an ihn anschließenden Park aus gesehen. In seinem Inneren befindet sich ein Hochbehälter, unter dem Wohnungen liegen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Hier auf der Rückseite – wenn man bei einem kreisrunden Gebäude von einer Rückseite überhaupt sprechen kann, aber da sie von der Straße abgewandt ist, bleiben wir ruhig einmal dabei – können wir den Wasserturm viel besser in Augenschein nehmen. An seiner runden Ziegelfassade sind über einem Sockelgeschoß in schönster Regelmäßigkeit fünf Fensterreihen positioniert. Jede Reihe bildet einen den Turm umspannenden Ring und entspricht einer Etage. Die Fenster sind dabei stets paarweise angeordnet, wobei fünf dieser übereinanderliegenden Fensterpaare durch entsprechende Vorsprünge im Mauerwerk jeweils zu einer Art senkrechtem Fensterband zusammengefaßt sind. Auf diese Weise erhält der runde Turm eine klar gegliederte Fassade, die ohne farbliche Dekorationen auskommt. Über den fünf Geschossen schließt sich ein sechstes, etwas zurückgesetztes mit größeren Fensterpaaren an, vor dem ein umlaufender Gang mit einem Geländer abgeschlossen wird.

Dieses markante Gebäude ist der älteste Wasserturm der Stadt – der erste mit Wasser verbundene städtische Ort, den wir auf dieser Wanderung erreichen. Dreißig Meter ist er hoch und gilt als heimliches Wahrzeichen des Prenzlauer Bergs. Und wie eigentlich für jedes einigermaßen besondere Gebäude wird von den einschlägigen Reiseführern auch für den Wasserturm ein Name kolportiert, den die Berliner ihm angeblich verliehen haben sollen: „Dicker Herrmann“.

Um die wachsende Stadt mit einer zeitgemäßen Wasserversorgung auszustatten, wurde bereits 1856 vor dem Stralauer Tor das erste Berliner Wasserwerk errichtet. Die Stadt hatte das englische Unternehmen Fox & Crampton mit dem Bau beauftragt, und so entwarf dessen Ingenieur Henry Gill die Pläne dafür. Auf dem Windmühlenberg vor dem Prenzlauer Tor entstand als Ergänzung dieses Werks ein offener Tiefbehälter für Reinwasser mit einem Steigrohrturm, der für den benötigten Druck in den Wasserleitungen zu sorgen hatte. Es war die Zeit der beginnenden Industrialisierung, die Menschen strömten in die Städte, in denen immer neue Häuser und Wohnviertel entstanden. Das erforderte auch den Ausbau der Wasserversorgung, und so baute man zwischen 1875 und 1877 einen neuen Wasserturm und zwei Maschinenhäuser, nur wenige Meter neben der alten Anlage, deren bisher offenen Wasserbehälter man nun in den Untergrund verlegte. Der neue Turm wurde von Wilhelm Vollhering als Mischung aus Industrie- und Wohnbau entworfen. In sechs Stockwerken brachte man Wohnungen unter, über denen ein Hochbehälter für 1.200 Kubikmeter Wasser angeordnet wurde. So sehen wir ihn heute noch vor uns.

Zu seinen Füßen stoßen wir auf einen kleinen Brunnen mit rechteckigem Wasserbecken. An dessen dem Wasserturm zugewandter Schmalseite strömt das Wasser in drei kräftigen Strahlen in das Bassin, dahinter hat es sich auf steinernem Sockel eine kleine Gruppe Löwen gemütlich gemacht. Der bronzene Löwe mit zwei verspielten Jungtieren wurde von Stefan Horota geschaffen und 2007 hier aufgestellt.

Löwenbrunnen am Wasserturm Prenzlauer Berg

Löwenbrunnen am Wasserturm Prenzlauer Berg
Der Löwenbrunnen zu Füßen des Wasserturms Prenzlauer Berg.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wir gehen an dem Brunnen vorüber und passieren rechterhand einen barackenartigen Bau – das ehemalige zweite Maschinenhaus -, hinter dem wir uns nach rechts wenden. Dem Weg folgend, erreichen wir die Diedenhofer Straße, die der Grüne Hauptweg Nummer 19 entlangführt und in die einen kurzen Blick zu werfen durchaus lohnt, kann sie doch mit einigen denkmalgeschützten Häusern aus der Gründerzeit aufwarten, die, aufwendig saniert, heute wieder in altem Glanz erstrahlen. Beispiele sind die Gebäude in den Nummern 4 bis 8, die in den Jahren 1884 bis 1888 errichtet wurden. Diedenhofen ist übrigens der deutsche Name der Stadt Thionville im heutigen Frankreich. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 von den preußischen Truppen belagert und stark in Mitleidenschaft gezogen, mußte die Stadt am Ende des Krieges an das neue Deutsche Kaiserreich abgetreten werden, wo sie Teil des Reichslandes Elsaß-Lothringen wurde. Als solcher ging sie durch den Versailler Vertrag am Ende des Ersten Weltkrieges wieder an Frankreich über.

Am Wasserturm in der Diedenhofer Straße
Eine für den Prenzlauer Berg typische Häuserzeile in der Diedenhofer Straße am Wasserturm.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Da wir jedoch noch etwas im Park am Wasserturm verweilen wollen, gehen wir den Weg, der uns hierher gebracht hat, wieder ein Stück zurück, bis wir rechter Hand den Hügel erreicht haben, der sich etwas hochtrabend Windmühlenberg nennt. In seinem Inneren ist heute noch der ehemalige Tiefbehälter vorhanden. Gemeinsam mit dem Wasserturm konnte er bis ins beginnende 20. Jahrhundert hinein das gesamte nördliche Stadtgebiet Berlins mit Wasser versorgen. 1914 legte man ihn jedoch still, ebenso wie die Maschinenanlagen und den Steigrohrturm. Lediglich der Wasserturm blieb in Betrieb. Doch um ihn herum gestaltete der städtische Gartendirektor Albert Broderson 1916 einen Schmuckplatz. Zu dem unterirdischen Tiefbehälter brach man Durchgänge in den Hügel, damit man ihn als Lagerraum nutzen konnte. An zweien dieser meist verschlossenen Durchgänge kommen wir auf unserem Weg vorüber.

Am Wasserturm Prenzlauer Berg
Der alte Steigrohrturm mit einem der Tore, die in den ehemaligen Tiefbehälter hineinführen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Dort, wo unser Weg auf einen Spielplatz stößt, befand sich linker Hand einst das erste Maschinenhaus. 1933, kurz nach ihrer Machtergreifung, nutzten es die Faschisten kurzzeitig als frühes Konzentrationslager, in dem die SA Kommunisten, Sozialisten, Juden und andere ihr verhaßte Personen internierte, folterte und umbrachte. Noch im selben Jahr wandelte sie die beiden Maschinenhäuser in ein SA-Heim um, das jedoch zwei Jahre später bereits wieder aufgelöst wurde. Das Maschinenhaus I riß man ab und gestaltete das Gelände erneut zu einer Grünanlage um. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den das Areal ohne nennenswerte Schäden überstand, richtete man in den 1950er Jahren den Park wieder her, wobei der Spielplatz entstand. Um an die Opfer des Konzentrationslagers zu erinnern, schuf man einen Gedenkstein, der 1981 an der Knaackstraße durch eine Wand aus Klinkersteinen ersetzt wurde, an der sich heute eine Gedenktafel befindet.

Am Wasserturm Prenzlauer Berg
Der Steigrohrturm des ehemaligen Tiefbehälters.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Am Wasserturm Prenzlauer Berg
Schwimmerhäuschen, Pavillon und Steigrohrturm auf dem Windmühlenberg. Im Hintergrund ist der Wasserturm Prenzlauer Berg zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wir folgen dem Weg um den Windmühlenberg herum und steigen schließlich rechts eine Treppe hinauf, die uns zum Fuße des alten Steigrohrturms bringt. An ihm vorüber erreichen wir den Platz auf dem Windmühlenberg, von dem wir einen schönen Blick über die Stadt und auf die umliegenden Häuser haben. Erhalten ist hier neben dem bereits erwähnten Steigrohrturm auch noch das alte Schwimmerhäuschen. Am rechten Ende des Platzes können wir noch einmal den behäbigen Wasserturm bewundern. Bis 1952 war er in Betrieb, dann legte man auch ihn still. Gemeinsam mit dem Rest der alten Anlagen zur Wasserversorgung wurde er 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Die Wohnungen im alten Wasserturm gehören heute zum Bestand eines kommunalen Wohnungsunternehmens. Durch die unterirdischen Anlagen, die sich nun unter unseren Füßen befinden, werden hin und wieder Führungen angeboten – beispielsweise an den Tagen des offenen Denkmals.

Am Wasserturm Prenzlauer Berg
An den Hängen des Windmühlenbergs befindet sich ein kleiner Weinberg, der links zu sehen ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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An der Seite des Platzes, an der wir ihn erreicht haben, führt ein weiterer Weg in einem Bogen vom Hügel hinab. Vorbei an Rebstöcken, Rosen und vielen anderen Blumen, die auf den Hängen des Windmühlenberges wachsen, gelangen wir wieder zurück zur Treppe. Hier setzen wir unseren Weg um den Berg herum fort und erreichen schließlich die Belforter Straße, in die hier die Straßburger Straße in einem ebensolchen dreieckigen Platz einmündet, wie wir ihn am gegenüberliegenden Ende des Parks an der Knaackstraße bereits vorgefunden hatten.

Blumen am Wasserturm Prenzlauer Berg

Am Wasserturm Prenzlauer Berg
Rund um den Windmühlenberg sind an den Hängen Blumen gepflanzt, auf denen sich im Sommer gern Schmetterlinge tummeln.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Am Ende des Kollwitzkiezes

An dieser Stelle kehren wir zurück auf den Grünen Hauptweg Nummer 19, dem wir nun nach links folgen. Er führt uns die Belforter Straße entlang. Genau wie die Diedenhofer Straße ist sie nach einem französischen Ort benannt, der im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 eine Rolle gespielt hat. Belfort, heute die Hauptstadt des Departements Territoire de Belfort, wurde damals von den preußischen Truppen belagert, aber nicht erobert. Nur auf ausdrücklichen Befehl der französischen Regierung übergab man Festung und Stadt schließlich an den deutschen Feind. Obwohl sie zum Oberelsaß gehörte, annektierte das Deutsche Kaiserreich die Stadt nach Kriegsende nicht, so daß sie bei Frankreich verblieb.

Zunächst überqueren wir die Kolmarer Straße, noch eine nach einer im Deutsch-Französischen Krieg vom Deutschen Reich annektierten und nach dem Ersten Weltkrieg wieder an Frankreich gegangenen elsässischen Stadt benannte Verkehrsader. Colmar ist die immerhin drittgrößte Stadt im Elsaß. Mit dieser Straße lassen wir nun den Park am Wasserturm, dessen vierte Seite sie bildet, endgültig hinter uns und wandern weiter die Belforter Straße entlang.

Haus Belforter Straße 24
Das Haus Belforter Straße 24 ist heute ein Hotel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Haus Nummer 24 auf der linken Straßenseite ist ein hübsch gestaltetes Haus, in dem heute ein Hotel untergebracht ist. Wenn man Glück hat und die Toreinfahrt gerade offensteht, sollte man sich nicht scheuen und einmal hindurchtreten. Man findet sich in einem schön gestalteten Hauseingang wieder. Ein Sofa lädt zum Verweilen ein, an den Wänden hängen kleine Kunstwerke, die Decke ist mit Stuck versehen und gibt vor, der auf sie aufgetragenen Farbe Lebewohl zu sagen. Ein Kronleuchter spendet Licht. Eine Tür öffnet sich zu einem schön gestalteten Innenhof mit einem Wasserbecken, in dem sich Fische tummeln. Ein Hort der Ruhe und Entspannung. Es bleibt allerdings zu hoffen, daß die riesigen rosafarbenen aufgeblasenen Kraniche, die ich bei meinem Besuch hier an zwischen den Hauswänden gespannten Schnüren aufgehängt bewundern durfte, keine dauerhafte Einrichtung sind, denn sie wirkten doch ziemlich fehl am Platze und übermäßig kitschig.

Haus Belforter Straße 24
Ein Fassadenmosaik am Hotel in der Belforter Straße 24.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist neben einer Kindertagesstätte, die eine durch Kriegszerstörungen entstandene Lücke in der Häuserzeile füllt, ein um einiges hinter die Straßenfront zurücktretender, unscheinbarer Bau zu entdecken, der mit seiner glatten, verputzten Fassade und seinem vergleichsweise flachen Satteldach wie ein etwas zu groß geratener Schuppen wirkt. Daß er sich etwas verschämt im Hintergrund hält, hat seinen Grund darin, daß zu Zeiten seiner Errichtung Ende der 1870er Jahre das Vorderhaus, das ihn zur Straße hin abschirmte, noch stand. Seine Karriere begann das kleine Gebäude als Tanzsaal im Hinterhof. Später bot es einem Kino namens Roxy eine Heimstatt.

Als Wolf Biermann und Brigitte Soubeyran 1961 das „b. a. t.“ als eines der Arbeiter- und Studententheater der DDR gründeten, bezogen sie dieses Gebäude. Doch kurz nach den ersten Aufführungen veranlaßten die Behörden, denen diese mißfallen hatten, 1963 die Schließung des Theaters, gestatteten jedoch der Staatlichen Schauspielschule, hier Theater zu spielen. 1974 zog das neu gegründete Regieinstitut ein, das sieben Jahre später, als man die Schauspielschule zur Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin umwandelte, dieser als „Abteilung Regie“ angegliedert wurde. Heute nutzt die Hochschule das Theater als Studiotheater. Den Namen „bat“ hat man behalten.

Das Berliner Arbeiter-Theater (bat)
Das „bat“ in der Belforter Straße im Prenzlauer Berg ist heute das Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wenige Meter weiter erreicht der Grüne Hauptweg Nummer 19 die Prenzlauer Allee. Links die Straße hinauf grüßt der Turm der Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Immanuelkirche herüber, blickt man nach rechts, tun der Fernsehturm und das Park-Inn-Hotel am Alexanderplatz es ihm nach.

Prenzlauer Allee mit Immanuelkirche
Blick die Prenzlauer Allee hinauf in Richtung Norden. Rechts ist der Turm der Immanuelkirche zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Prenzlauer Allee mit Fernsehturm
Blick die Prenzlauer Allee hinab zum Alexanderplatz. Im Hintergrund erheben sich der Fernsehturm und das Park-Inn-Hotel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Im Winsviertel

Wir überqueren die beiden Fahrbahnen mit dem sie trennenden Gleisbett der Straßenbahn und setzen unseren Weg auf der anderen Seite in der Heinrich-Roller-Straße fort, die uns in das Winsviertel hineinführt. Benannt ist sie nach Heinrich Roller, der 1875 eines der deutschen Stenografiesysteme begründet hatte. Ursprünglich trug sie den Namen Heinersdorfer Straße, wurde aber anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der Rollerschen Kurzschrift 1825 umbenannt. Zunächst wird die Straße auf beiden Seiten von Häuserzeilen eingefaßt, doch schon nach etwa fünfzig Metern hören rechts die Häuser auf und eine mannshohe Ziegelmauer schließt sich an. Pfeiler unterteilen die Mauer in einzelne Felder, von denen jeweils drei in unserer Laufrichtung immer einige Zentimeter tiefer ansetzen als die vorigen, was daran liegt, daß die kopfsteingepflasterte Straße leicht abschüssig verläuft, da sie uns von der Hochfläche des Barnim, auf der wir bisher unterwegs waren, sanft herunterführt.

Nach einigen Schritten wird die Ziegelmauer von einem doppelflügeligen Gittertor unterbrochen, das tagsüber offensteht und den Weg hindurch freigibt. Treten wir ruhig einmal hindurch. Wir finden uns in einer kleinen Parkanlage wieder, die – ein Schild rechts neben dem Tor hat es uns vor dem Passieren des Tores verraten – den Namen Leise-Park trägt. Ein breiter, von hohen Bäumen gesäumter und zur Allee geformter Hauptweg führt schnurgerade in ihn hinein. Links und rechts zweigen schmale, gewundene Wege von ihm ab, die uns tiefer in diese verträumte grüne Oase inmitten der Stadt bringen. Hier und da ragen halb ins Erdreich versunkene, regelmäßig behauene Steine auf, die von Ranken überwuchert werden. Wenn wir nähertreten, können wir auf manchen noch eingravierte Schriftzüge entdecken, wie man sie auf Grabsteinen in der Regel erwartet. Denn um nichts anderes handelt es sich bei diesen steinernen Zeugen früherer Zeiten und vergangener Leben. Daß manche von ihnen umgestürzt sind und niemand sich die Mühe macht, sie wieder aufzurichten, macht deutlich, daß wir uns auf einem ehemaligen Friedhof befinden.

Im Leise-Park

Im Leise-Park
Der kleine Leise-Park befindet sich auf dem Gelände des zweiten Friedhofs St. Marien-St. Nicolai in der Heinrich-Roller-Straße. Einst gehörte sein Areal zum Friedhof dazu.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Einst gehörte das Areal des kleinen Parks zum zweiten Friedhof St. Marien und St. Nicolai, doch wurde es schon seit 1970 nicht mehr für Bestattungen genutzt. Als die Evangelische Kirche 2007 das Gelände verkaufen wollte, brachte eine engagierte Bürgerinitiative den Senat der Stadt dazu, es zu erwerben und einen Park anzulegen. So entstand diese eigenwillige Grünanlage, in der eine Liegewiese, verschiedenste Spielmöglichkeiten, hängemattenartige Geräte und ein Lehrpfad in trauter Gemeinschaft mit alten Grabsteinen und ehrwürdigen Bäumen existieren. Über allem liegt ein Ruhe, wie man sie inmitten der Stadt gar nicht vermuten würde, denn dankenswerterweise halten sich die Besucher des kleinen Parks, der vom übrigen Friedhofsgelände durch einen Stahlgitterzaun und eine Mauer getrennt ist, in der Regel an die von seinem Namen ergehende Aufforderung – leise zu sein.

Im Leise-Park

Im Leise-Park
Vereinzelt finden sich im Leise-Park noch Grabsteine des ehemaligen Friedhofs. Sie verleihen dem kleinen Areal ein verwunschen-romantisches Flair, zu dem die Natur ihren Teil bereitwillig beiträgt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Verlassen wir die kleine Grünanlage wieder und setzen unseren Weg auf der Heinrich-Roller-Straße fort. Wieder begleitet uns rechterhand die alte Friedhofsmauer. Auf der linken Seite erreichen wir schließlich die Einmündung der Winsstraße, nach der das Viertel, das wir gerade durchwandern, benannt ist. Die Straße wiederum trägt ihren Namen zu Ehren des Berliner Ratsherrn und Bürgermeisters Thomas Wins, der im 15. Jahrhundert lebte. Gönnen wir uns an dieser Stelle ruhig einen kleinen Abstecher vom Grünen Hauptweg Nummer 19 und gehen ein Stück in die Winsstraße hinein. Nachdem wir zwei Querstraßen überquert haben, gelangen wir schließlich auf der linken Straßenseite zum Haus Nummer 63.

Haus Winsstraße 62 und 63
Das Doppelhaus Winsstraße 62 und 63 – ein durchaus beeindruckender Bau.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Genaugenommen ist das Gebäude ein Doppelhaus, denn es beherbergt auch die Nummer 62. Hier am Eingang zur Nummer 63 stoßen wir auf eine der typischen porzellanenen Berliner Gedenktafeln. Sie erinnert an den Rundfunk- und Fernsehmoderator Hans Rosenthal, der in diesem Haus seine Kindheit und Jugend verbrachte. Als Jude von den Faschisten verfolgt – seinen jüngeren Bruder Gert deportierten sie aus dem jüdischen Waisenhaus in der Schönhauser Allee und ermordeten ihn – und zur Zwangsarbeit verurteilt, überlebte er mit Glück und Hilfe den Holocaust.

Gedenktafel für Hans Rosenthal
Diese Berliner Gedenktafel für Hans Rosenthal hängt am Haus Winsstraße Nr. 63.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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In seinen Verstecken in Lichtenberger Lauben war ein Radioempfänger seine einzige Verbindung zur Außenwelt. Vielleicht war dies der Grund dafür, daß er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum Radio ging, um selbst Moderator zu werden – zunächst beim Berliner Rundfunk, dann beim Rundfunk im amerikanischen Sektor, dem RIAS. Richtig berühmt und einer der beliebtesten Showmaster Deutschlands wurde er jedoch mit seinem Wechsel zum Zweiten Deutschen Fernsehen. Seine Sendung „Dalli Dalli“ und sein Ausruf „Das war Spitze!“, verbunden mit dem legendären Hüpfer, gehören heute gewissermaßen zum Allgemeingut. Als Hans Rosenthal, der sich auch im „Zen­tralrat der Juden in Deutschland“ engagierte, 1987 starb, mußten noch mehr als zehn Jahre vergehen, bis die Gedenktafel, vor der wir jetzt stehen, im Jahre 2000 hier am Wohnhaus seiner Jugend enthüllt wurde.

Die Familie Rosenthal war jedoch nicht die einzige jüdische Familie im Haus mit der Nummer 63. Senken wir vor dem Eingang unseren Blick zu Boden, entdecken wir im Pflaster des Gehwegs zwei der bekannten Stolpersteine, die an Moses Max Zodykow und Bella Zodykow, geborene Bergmann, erinnern, die den deutschen Faschisten zum Opfer fielen. Moses Max Zodykow stammte aus Kowno in Rußland. Heute heißt die Stadt Kaunas und liegt in Litauen. Ob er ohne Augenlicht geboren wurde oder es im Kindesalter verlor, ist nicht genau bekannt. Daß seine Kindheit schwer war, weil die Gesellschaft jener Zeit mit Blinden wenig anzufangen wußte und sie als Last betrachtete, darf jedoch als sicher gelten. Als seine Eltern wie viele Juden vor Armut und Antisemitismus im zaristischen Rußland flohen, ließen sie, um sich in der Fremde nicht mit einem blinden Kind zu belasten, den gerade einmal fünf Jahre alten Jungen bei der Großmutter zurück. Als diese starb, schickte man ihn nach Berlin, wo seine Eltern inzwischen lebten. Doch das Wiedersehen währte nur kurz, denn diese zogen weiter nach Amerika und ließen ihn erneut zurück. Diese Erfahrungen des wegen seiner Blindheit Ausgeliefertseins und Verlassenwerdens prägten Moses Max Zodykow für sein ganzes Leben.

Stolpersteine in Winsstraße 63
Diese beiden Stolpersteine erinnern an Moses Max Zodykow und Bella Zodykow, die einst in der Winsstraße 63 lebten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Als er nach Besuch der Blindenanstalt, wo er lesen und die deutsche Sprache lernte, schließlich als Bürstenmacher arbeitete, begann er Gedichte und Geschichten, Romane, Dramen und Essays zu schreiben. Dabei widmete er sich besonders dem Leben und den Empfindungen der Menschen, die als Blinde in einer Welt ohne Licht zurechtkommen mußten. Obwohl er als Dichter durchaus produktiv war und einzelne seiner Gedichte und Prosastücke in Tageszeitungen erschienen, blieb ein schmaler Band mit Gedichten und Prosatexten die einzige Buchveröffentlichung, die ihm vergönnt war. Kein Geringerer als Stefan Zweig verfaßte dafür jedoch das Vorwort. Viele der Werke Zodykows sind heute verloren, so daß er als Dichter nahezu vergessen ist. Und auch über sein Leben ist nicht allzuviel Gesichertes bekannt. Hier in der Winsstraße lebten Moses Max Zodykow und seine Frau Bella im Jahr 1943 – als Illegale, verfolgt von den Faschisten. Diese verschleppten sie schließlich nach Auschwitz, wo sich die Spur der beiden verliert. Es ist anzunehmen, daß sie dort wie so viele andere Juden auch ermordet wurden. Zwei Stolpersteine im Gehwegpflaster vor der Winsstraße Nummer 63 sind eine kleine, doch würdige Erinnerung an diese beiden Menschen.

Kehren wir wieder zurück zur Heinrich-Roller-Straße und setzen wir unsere Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 fort. Auf der rechten Straßenseite begleitet uns immer noch die Ziegelmauer, die nach wenigen Schritten erneut von einem zweiflügeligen Gittertor unterbrochen wird. Dieses ist jedoch verschlossen. Ihm schräg gegenüber wird die Häuserfront durch einen leicht zurückgesetzten Bau unterbrochen, der sich mit seiner rostroten Farbe und der Ziegelfassade von den Wohnhäusern, die uns auf dieser Seite der Straße bisher begleitet haben, deutlich abhebt. Vier Stockwerke ist er hoch, die auf einem Souterrain aufsetzen. In der Mitte des Baus ragt ein Risalit hervor, der das Gebäude wieder in die Bauflucht der Straße einfügt. Er besitzt drei Fensterachsen, deren mittlere ein großes, Souterrain und erstes Geschoß umfassendes, bogenförmiges Hauptportal aufweist. Die gesamte Fassade ist schlicht und ohne jegliche Verzierungen gehalten, sieht man von einem schmalen, rechteckigen Rahmen ab, der sich am Mittelrisalit zwischen zweiter und dritter Etage befindet. Ganz offensichtlich war darin einmal eine Aufschrift angebracht. Die Spuren der nicht mehr vorhandenen Lettern, die dort einst befestigt waren, sind auf dem Untergrund noch zu sehen, und mit einiger Mühe ist es auch möglich zu entziffern, was dort einmal gestanden hat: „95. Gemeinde-Schule“.

Die Heinrich-Roller-Grundschule
Die Heinrich-Roller-Grundschule in der gleichnamigen Straße ist ein historischer Ziegelbau, in dem einst die 95. Gemeindeschule Berlins untergebracht war.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Daß diese verbliebenen Schatten der einstigen Aufschrift die Zeiten bis zum heutigen Tage überstanden haben, ist angesichts der Geschichte dieser Schule einigermaßen erstaunlich. 1873 wurde nach Plänen des Architekten und Stadtbaurats von Berlin, Hermann Blankenstein, hier eine Schule errichtet, die noch im selben Jahr unter der Bezeichnung „58. Gemeinde-Schule“ als Knabengymnasium ihre Pforten öffnete. Deren Gebäude ist auch heute noch vorhanden und auf dem Hof zu finden, der sich an den Schulbau, den wir vor uns sehen, anschließt. Jener wurde dann vier Jahre später als zweites Schulgebäude errichtet, wofür Blankenstein wieder die Pläne lieferte. 1877, also ebenfalls noch im Jahr des Baus, konnte er seiner Bestimmung als Mädchenschule zugeführt werden, die unter dem Namen „95. Gemeinde-Schule“ firmierte.

Die Heinrich-Roller-Grundschule
An der Fassade des Schulgebäudes ist noch die einstige Aufschrift „95. Gemeinde-Schule“ zu erahnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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1939 kam es zur ersten Umbenennung. Die beiden Lehranstalten wurden zu Volksschulen des Verwaltungsbezirkes Prenzlauer Berg umdeklariert und erhielten als solche die Bezeichnungen 1. und 2. Volksschule. Die Einteilung in Knaben- und Mädchenschule behielt man bei. Nachdem die Gebäude im Zweiten Weltkrieg Schäden davongetragen hatten, konnte ab 1945 nur dasjenige der 1. Volksschule noch benutzt werden. Das an der Straße gelegene Schulhaus war dann 1949 wiederhergestellt. Weil es in der Deutschen Demokratischen Republik keine Unterteilung in Knaben- und Mädchenschulen mehr gab, wurden die beiden Schulen zu einer zusammengefaßt, die anfangs einfach als 1. Grundschule Prenzlauer Berg bezeichnet wurde. Später basierte das einheitliche Schulsystem der DDR auf zehnklassigen Polytechnischen Oberschulen, so daß 1959 aus der Grundschule die 1. Polytechnische Oberschule Prenzlauer Berg wurde. Diese erhielt 1977 den Namen des Kommunisten und antifaschistischen Widerstandskämpfers Bruno Baum verliehen, der Mitglied der KPD und in der DDR des Zentralkomitees der SED gewesen und 1971 gestorben war. Nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Schule 1991 erneut umbenannt und ab 1991 als 2. Grundschule Prenzlauer Berg weitergeführt. Zum 125. Geburtstag des ersten Schulgebäudes erhielt sie 1998 – passend zu der Straße, an der sie liegt – den Namen Heinrich Rollers. Angesichts dieser vielen Umbenennungen darf es als kleines Wunder gelten, daß die ursprüngliche erste Bezeichnung des Schulgebäudes, vor dem wir stehen, bis zum heutigen Tag an seiner Fassade erkennbar geblieben ist.

Die Heinrich-Roller-Grundschule
Das Hauptportal der Heinrich-Roller-Grundschule in der gleichnamigen Straße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Nur einige Meter weiter auf derselben Straßenseite stoßen wir auf ein weiteres interessantes Gebäude. An dem Haus Heinrich-Roller-Straße Nummer 16/17 mag auf den ersten Blick nichts Besonderes sein, sieht man einmal von dem markanten Mittelerker ab, der über der Toreinfahrt drei Stockwerke umfaßt und sich farblich stark von der übrigen Fassade des Hauses absetzt. Schaut man diese nur flüchtig an, erscheint sie wie eine langweilig glatt verputzte Hauswand. Doch bei genauem Hinsehen bemerken wir links und rechts neben dem Erker feine Muster, die wie in den Putz hineingraviert erscheinen. Direkt über der Einfahrt ist im Schlußstein des Torbogens das kleine Relief einer Frauenfigur eingelassen. Hinter diesem Gebäude aus der Gründerzeit befand sich in den angeschlossenen beiden Höfen des Grundstücks einst die im Jahre 1880 gegründete Hutfabrik Scheier & Herz, ein jüdisches Unternehmen, das sich der Herstellung von Mützen und Hüten widmete und dort sein Fabrikgebäude hatte. Hier war der Hauptsitz der Firma. In der Zeit des deutschen Faschismus teilten die Besitzer das Schicksal so vieler Juden, die eigene Unternehmen betrieben. 1937 wurden sie enteignet, ein Jahr später liquidierten die Faschisten die Firma ganz. Mitte der 2010er Jahre wurde die gesamte Anlage saniert. Dabei baute man – ganz der im Prenzlauer Berg im Gange befindlichen Gentrifizierung verpflichtet – die Innenräume des ehemaligen Fabrikgebäudes zu teuren Luxuswohnungen um.

Heinrich-Roller-Straße 16/17
Die beeindruckende Toreinfahrt des Hauses Heinrich-Roller-Straße 16 und 17. Den Fassadenschmuck des Hauses, der einst farblich hervorgehoben war, kann man heute nur noch bei genauem Hinsehen erkennen. In den Höfen des Gebäudes befand sich einst die Hutfabrik Scheier & Herz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Einige Meter weiter – auf der rechten Straßenseite wurde die Ziegelmauer inzwischen wieder durch eine Häuserzeile abgelöst – erreichen wir mit dem Ende der Heinrich-Roller-Straße die Greifswalder Straße. Hier biegt der Grüne Hauptweg Nummer 19 rechts ab und folgt der großen Verkehrsader in Richtung Alexanderplatz. Es ist nur ein kurzes Stück Wegs, das wir hier neben dem stetig brausenden Verkehr entlangwandern müssen. Werfen wir dabei einen Blick auf die wegen der großen Straßenbreite sehr entfernt wirkende andere Seite, können wir dort kurz vor der Straßenbahnhaltestelle eine Toreinfahrt entdecken, über der vergleichsweise unauffällig die Aufschrift „Haus der Demokratie und Menschenrechte – Greifswalder Straße 4“ zu lesen ist. Das unscheinbare Gebäude beherbergt über siebzig humanistische, linksliberale und linke Organisationen wie Amnesty International, die Deutsche Umweltstiftung, die Grüne Liga, die Internationale Liga für Menschenrechte und viele mehr. Und natürlich ist auch die Stiftung „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ hier ansässig. Begründet wurde das „Haus der Demokratie“ im September 1989 in der Friedrichstraße 165 als Sitz der ostdeutschen Bürgerbewegungen. Wegen rechtlicher Streitereien aufgrund ungeklärter Eigentumsverhältnisse zog das „Haus der Demokratie“ schließlich hierher in die Greifswalder Straße. Weil dabei auch Amnesty International als Mieter hinzukam, wurde der heutige erweiterte Name eingeführt.

Haus für Demokratie und Menschenrechte
Das Haus für Demokratie und Menschenrechte in der Berliner Greifswalder Straße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Oase der letzten Ruhe

Auf unserer Straßenseite endet unvermittelt die Häuserzeile und wird von einem Metallgitterzaun abgelöst, der kurz darauf in eine Ziegelmauer übergeht. In dieser treffen wir erneut auf ein zweiflügeliges Gittertor. Ein Blick hindurch offenbart, was wir in der Heinrich-Roller-Straße bereits vermuten konnten: dahinter liegt ein großer Friedhof. Eine links neben dem Tor angebrachte weinumrankte, polierte schwarze Steintafel verkündet in goldenen Lettern den Namen des Begräbnisplatzes: Kirchhof I. der Evangelischen Georgen-Parochialgemeinde.

Auf dem Kirchhof I der evangelischen Georgen-Parochialgemeinde
Wein umrankt die Steintafel neben dem Haupteingang des Georgenfriedhofs in der Greifswalder Straße und stimmt auf den Besuch dieses Horts der letzten Ruhe ein.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Dieser Georgenfriedhof, wie er früher hieß, wurde im Jahr 1814 angelegt, um seinen viel älteren, 1693 begründeten Vorgänger abzulösen, der sich in der Langen Scheunengasse befand, die heute den Namen Kleine Alexanderstraße trägt und hinter dem ehemaligen Haus des Berliner Verlags gelegen ist. Dieser alte Kirchhof mußte geschlossen werden, nachdem das bereits erwähnte Preußische Allgemeine Landrecht verfügt hatte, daß Bestattungen von Leichen innerhalb des Stadtgebiets nicht mehr erlaubt seien. Mit dem Verschwinden dieses alten Begräbnisplatzes ging auch die letzte Ruhestätte des Schriftstellers Karl Philipp Moritz, eines bedeutenden Vertreters der Aufklärung und der Berliner Klassik, der in der nahegelegenen Münzstraße gewohnt hatte, verloren.

Auf dem Kirchhof I der evangelischen Georgen-Parochialgemeinde
Die Kapelle des Georgenfriedhofs in der Greifswalder Straße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Manchmal ist das Tor, vor dem wir gerade stehen, allerdings geschlossen, was jedoch kein Grund sein sollte, sich von einem Besuch dieses Friedhofs abhalten zu lassen, denn dieser lohnt sich durchaus. Einige Meter weiter befindet sich ein zweiter Zugang, gleich hinter einem kleinen Bauwerk, daß sich direkt an das Portal anschließt und der Straße seine Seitenfront mit zwei kleinen und drei großen Bogenfenstern zuwendet. Diese Friedhofskapelle stammt aus dem Jahr 1867 und wurde nach Plänen von Gustav Erdmann errichtet. Ein Rundgang über den Friedhof entführt den Besucher in eine parkartige, auf dem ansteigenden Gelände eines ehemaligen Weinbergs gelegene Oase der letzten Ruhe, die im hinteren Teil einen waldartigen Charakter annimmt. Hier sind die Grabstätten bedeutender Persönlichkeiten der Berliner Geschichte zu finden. Die vielleicht bedeutendste ist die des Pädagogen, Geographen und Germanisten Johann August Zeune, der die Berliner Blindenanstalt begründet hat. Seine letzte Ruhestätte ist ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Interessant sind auch die teils monumentalen Erbbegräbnisse bedeutender Berliner Unternehmerfamilien. Die Namen Pintsch, Bötzow und Zeitler seien hier genannt. Julius Pintsch hatte sich mit seinen Meßgeräten um die Berliner Stadtgasversorgung verdient gemacht, mit dem Namen Julius Bötzow ist die einst größte Berliner Privatbrauerei Bötzow an der Prenzlauer Allee verbunden und Carl Ludwig Zeitler war einer der Gründer und Förderer der Berliner Urania und rief einige Stiftungen ins Leben, die sich besonders der Förderung von Bildung und Ausbildung widmeten. Desweiteren sind der Schriftsteller Hans Skirecki, der Schauspieler Franz Wallner und der Musikwissenschaftler Werner Sellhorn hier bestattet.

Grabstätte der Familie Pintsch
Die recht monumentale Grabstätte der Berliner Unternehmerfamilie Pintsch.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Mausoleum der Familie Zeitler
Das Mausoleum der Berliner Unternehmerfamilie Zeitler.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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An seinem hinteren Ende grenzt der Georgenfriedhof an den zweiten St. Marien- und St. Nikolai-Friedhof, zu dem es auch einen Übergang gibt und von dem wir in Gestalt des Leise-Parks bereits einen Teil kennengelernt haben. Von diesem ist der Georgenfriedhof durch eine Mauer getrennt, an der sich mehrere Wandgräber aneinanderreihen. Hier sind sehr starke Anzeichen fortgeschrittenen Verfalls nicht zu übersehen, die daher rühren, daß der Georgenfriedhof im Jahre 1970 vom Berliner Magistrat geschlossen wurde, wonach hier hinsichtlich einer Erhaltung wohl nicht mehr viel geschah. 1991 öffnet man den Begräbnisplatz wieder für Bestattungen und setzte eine umfangreiche Sanierung in Gang, die jedoch diesen Teil des Friedhofs aussparte, weil man ihn nicht mehr als notwendig erachtete und zu Bauland umwidmen wollte. Der bereits erwähnten Initiative der Bürger aus dem Winsviertel ist es zu verdanken, daß diese Pläne vorerst gestoppt werden konnten.

An der Mauer, die den Georgenfriedhof von der Heinrich-Roller-Straße trennt, befindet sich gleich neben dem dortigen stets verschlossenen Gittertor ein weiteres Erbbegräbnis, das eine Erwähnung verdient. Es handelt sich dabei ebenfalls um ein Wandgrab, das in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach einem Entwurf von Johannes Länge für die Familie Riedel errichtet wurde. Bemerkenswert daran ist die Skulpturengruppe, die aus einem lebensgroßen Engel besteht, der die Platte eines steinernen Sarkophages hochhält, vor dem ein kleiner Genius mit einer gesenkten Fackel sitzt. Der Schöpfer dieses wunderschönen Kunstwerks ist Rudolf Schweinitz, der als bedeutender Vertreter der Berliner Bildhauerschule bekannt ist und zu den Künstlern gehört, die die Allegorien der Deutschen Ströme sowie die Kriegergruppen schufen, die einst die frühere Königsbrücke schmückten.

Grabstätte der Familie Riedel

Grabstätte der Familie Riedel
Dieses schöne Grabmal der Familie Riedel besitzt eine der umfangreichsten plastischen Darstellungen eines Auferstehungsmotivs, die es auf Berliner Friedhöfen gibt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Auf dem Georgenfriedhof gibt es seit 2014 auch einen Bereich, auf dem ausschließlich Lesben bestattet werden. Er war zur Zeit seiner Einrichtung, die auf eine Initiative der Sappho-Stiftung zurückgeht, der erste seiner Art in Deutschland. Etwa achtzig Grabflächen finden hier Platz.

Am unsichtbaren Platz

Wenn wir den alten Georgenfriedhof verlassen, wenden wir uns der großen Kreuzung zu, die direkt vor ihm liegt. Bis 1975 trug dieser Ort den Namen „Platz am Königstor“, denn hier hatte sich in der in den 1730er Jahren errichteten Akzisemauer eben jenes Stadttor befunden. Es war nicht das erste diesen Namens, denn bereits in der Festung Berlin hatte es ein Königstor gegeben, daß sich etwa dort befand, wo heute die Passage zwischen Alexander- und Berolinahaus am Alexanderplatz liegt. Genau wie jenes Festungstor nach der Rückkehr eines Königs benannt worden war – jener Friedrichs I. nach seiner Selbstkrönung in Königsberg zum ersten König in Preußen -, verdankte auch das Königstor in der Akzisemauer seinen Namen einem solchen Anlaß. Als 1809 der preußische König Friedrich Wilhelm III. und seine Frau Luise nach Berlin zurückkehrten – interessanterweise ebenfalls aus Königsberg, wohin sie vor Napoleon und seinen Truppen geflohen waren -, zogen sie durch die damals noch Bernauer Tor genannte Passage der Akzisemauer in die Stadt ein. Diesem Ereignis zu Ehren nahm der König höchstselbst die Umbenennung vor. Auch die Akzisemauer wurde schließlich überflüssig, und so riß man sie in den 1860er Jahren ab. So erinnerte nur noch der Name des Platzes, den er übrigens erst Anfang des 20. Jahrhunderts bekam, daran, daß sich hier einst ein Stadttor befunden hatte. Bis auch er, wie bereits erwähnt, 1975 das Zeitliche segnete. Doch weil Totgesagte bekanntlich länger leben, kann der Name „Platz am Königstor“ seit 1991 offiziell wieder als Bezeichnung für diesen Ort verwendet werden. Auf Stadtplänen und Straßenschildern sucht man ihn dennoch vergeblich, wohl damit niemand auf Idee kommt, ihn als postalische Anschrift zu verwenden. Über eigene, an ihm gelegene Grundstücke verfügt er nämlich nicht. So ist er gewissermaßen unsichtbar.

Am 20. Februar des Jahres 1813 wurde das Königstor zum Schauplatz eines kleinen Scharmützels zwischen einer Schar russischer Kosaken und französischen Soldaten, die Berlin zu jener Zeit noch besetzt hielten. Ihr Anführer, der in russischen Diensten stehenden Dichter und preußische Offizier Alexander von Blomberg war in die Stadt eingedrungen, um deren Bewohner zum Aufstand gegen das napoleonische Regime zu bewegen und so Berlin von der französischen Besetzung zu befreien. Weil dies scheiterte, kam es zum Gefecht mit den Franzosen, in dessen Verlauf von Blomberg tödlich verwundet wurde. Preußen, das erst am 17. März 1813 Frankreich den Krieg erklärte, ehrte ihn dennoch als erstes Opfer der Befreiungskriege. Am Königstor wurde ein Gedenkkreuz aufgestellt, das an ihn erinnern sollte. Aus Anlaß des 100. Todestages von Blombergs wurde dieses Kreuz durch ein von Otto Kuhlmann geschaffenes Denkmal ersetzt, das sich noch heute hier befindet.

Denkmal für Freiherrn Alexander von Blomberg
Dieses kleine Denkmal für den Freiherrn Alexander von Blomberg am Platz am Königstor.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Schaut man sich allerdings um, wird man es kaum auf den ersten Blick entdecken. Um es uns anzuschauen, überqueren wir vor dem Friedhof die Greifswalder Straße. Auf der anderen Straßenseite verlassen wir kurz den Grünen Hauptweg Nummer 19 und gehen nach rechts über die Straße Am Friedrichshain, hinüber zu einer kleinen Grünanlage, in die ein Weg hineinführt. Er bringt uns unter eine Gruppe hoher Bäume, zwischen denen wir das kleine Denkmal schließlich entdecken können. Auf einem steinernen Sockel aus Muschelkalk thront ein antiker Kriegerhelm. Darunter ist ein Bronzemedaillon zu sehen, das die Jahreszahl 1813 zeigt. Eine Tafel trägt die Inschrift:

Fiel als erstes Opfer in den
deutschen Freiheitskämpfen
FREIHERR
ALEXANDER v. BLOMBERG
* Iggenhausen (Lippe) am
31. Januar 1788
† hier vor dem Königstor
20. Februar 1813

Ein paar Meter rechts neben dem Denkmal, hinter dem das Gelände leicht ansteigt, bemerken wir eine Treppe. Sie führt zum Hauptportal einer Kirche hinauf, die hier auf einer Erhebung steht. Diese Erhebung, wenn sie auch nur fünf Meter über das Straßenniveau hinauskommt, war früher ein Weinberg. Auf diesem wurde in den Jahren 1854 bis 1858 die Kirche errichtet, die man Sankt Bartholomäus nannte. Notwendig geworden war sie, weil durch das Anwachsen der Königstadt und die damit verbundene Bevölkerungszunahme die Gemeinde der nahe dem Alexanderplatz gelegenen Sankt-Georgen-Kirche zu groß wurde, was die Abtrennung einer Parochie erforderlich machte, aus der sich die spätere Bartholomäusgemeinde entwickelte. Dem dreischiffigen Gotteshaus aus Backstein, in seinen Formen an die Gotik angelehnt, legte man einen Typenentwurf von Friedrich August Stüler zugrunde, den der Baumeister Friedrich Adler überarbeitet hatte. Das Patronat zum Bau der Kirche übernahm König Friedrich Wilhelm IV. persönlich. Auch stiftete er eine ansehnliche Geldsumme. Die Einweihung erlebte er dann jedoch nicht mehr, so daß diese 1858 im Beisein des späteren Kaisers Wilhelm I. stattfand. Der Zweite Weltkrieg hinterließ den Kirchenbau schwer zerstört. Zwar baute man ihn in den 1950er Jahren wieder auf, doch beschränkte man sich dabei auf eine vereinfachte Form, in der wir das Gotteshaus heute vor uns sehen.

Die St.-Bartholomäus-Kirche

An der Bartholomäuskirche
Die Sankt-Bartholomäus-Kirche an der Otto-Braun-Straße. Die Kirche stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Vor dem Hauptportal der Kirche stehend, entdecken wir links davon eine große Glocke. Es ist dies eine Stahlglocke aus dem Jahr 1907, die von der Bochumer Glockengießerei hergestellt wurde. Im Zuge der Wiederherstellung der Kirche in den 1950er Jahren wurde sie außer Dienst gestellt und ziert nun die linke der beiden großen Vorhallen, die das Kirchenportal flankieren.

An der Bartholomäuskirche
Neben dem Hauptportal der Sankt-Bartholomäus-Kirche liegt diese große Glocke von 1907.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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An der Bartholomäuskirche
Das Hauptportal der Sankt-Bartholomäus-Kirche an der Otto-Braun-Straße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Kehren wir nun auf den Grünen Hauptweg Nummer 19 zurück. Dazu gehen wir vor der Kirche links die Auffahrt hinunter, zurück zur Straße Am Friedrichshain, die übrigens eine Stadtbezirksgrenze ist, so daß wir uns bereits im Friedrichshainer Teil des Bezirkes Friedrichshain-Kreuzberg befinden. Dort angekommen, wenden wir uns nach rechts und überqueren an der nächsten Ampel die Friedenstraße. Sie, die ihren an das Ende des Deutsch-Französischen Krieges erinnernden Namen seit 1872 trägt, verläuft hier auf einer Strecke, die früher die sogenannte Äußere Communication darstellte. Dabei handelte es sich um eine Verbindung zwischen den Zolltoren, die außerhalb der Akzisemauer lag.

Am Märchenbrunnen
Der Hauptzugang zum Märchenbrunnen an der Straße Am Friedrichshain.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Märchenhafte Wasserspiele

Auf der anderen Straßenseite treffen wir wieder auf den Grünen Hauptweg Nummer 19, der vom Platz am Königstor die Straße Am Friedrichshain entlang direkt hierher geführt hat und nun geradewegs durch ein Portal hindurchgeht, dessen Pfeiler von zwei Putten flankiert werden, die auf Tierfiguren reiten, und dessen Torflügel mit schmiedeeisernem Blätterwerk aufwendig verziert sind. Dahinter strebt ein Weg direkt auf eine große, terrassenförmig angelegte Brunnenanlage zu, die an ihrem hinteren Ende durch Arkaden in einem eleganten Halbkreis abgeschlossen wird. Es ist der zweite mit dem nassen Element verbundene städtische Ort dieser Etappe unserer Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19.

Der Märchenbrunnen
Der Märchenbrunnen im Berliner Friedrichshain mit seinen zahlreichen Skulpturen, die bekannte Figuren aus den Volksmärchen darstellen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Rings um die kaskadierenden Wasserbecken sind zehn Skulpturen angeordnet, die neun der bekannten Hausmärchen der Brüder Grimm darstellen. Ihnen verdankt die Anlage, die aus dem Brunnen und dem sie umgebenden Garten besteht, ihren Namen: Märchenbrunnen. Wer gut mit den Märchen vertraut ist – und wer ist das nicht? -, dem sei empfohlen, bei einem Rundgang um den Brunnen diese schön gestalteten Skulpturen zu betrachten und die jeweiligen Märchen, die sie repräsentieren, zu erraten. Wer sich diese schöne Beschäftigung etwas erleichtern möchte, dem seien sie hier jedoch genannt: „Dornröschen“, „Brüderchen und Schwesterchen“, „Hänsel und Gretel“, „Aschenputtel“, „Die sieben Raben“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Dornröschen“, „Hans im Glück“, „Der gestiefelte Kater“ und schließlich „Rotkäppchen“. Herauszufinden, welche Skulptur zu welchem Märchen gehört und welches Märchen doppelt vertreten ist, überlassen wir allerdings dann doch dem sehenden Auge des geneigten Stadtwanderers. Der „Froschkönig“ allerdings, soviel sei gesagt, ist nicht dabei, denn der sitzt mit seinem Gefolge als Wasserspeier inmitten der Wasserbecken. Eigentlich ganz passend, oder nicht?



Märchenfigur am Märchenbrunnen
Einige der Märchenfiguren, die rings um die Wasserbecken des Berliner Märchenbrunnens angeordnet sind. Die jeweiligen Märchen zu erraten überlassen wir dem geneigten Stadtwanderer.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017, 2020)
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Beim Betrachten der Brunnenanlage empfiehlt es sich, den Blick auch einmal auf die Arkaden zu richten. Auf der sie bekrönenden Balustrade sind vierzehn Marmorskulpturen zu sehen, die liegende jagdbare Tiere darstellen. Zu beiden Seiten des Brunnenbeckens verlaufen von Hecken gesäumte Wege, an denen vier Herme aufgestellt sind, die ebenfalls jeweils eine Märchenfigur repräsentieren. Hier finden wir einen Menschenfresser, eine  Riesentochter sowie Rübezahl und Frau Holle.

Entworfen wurde die wunderschöne Brunnenanlage samt Garten von dem Architekten Ludwig Hoffmann, der Berlin lange Jahre als Stadtbaurat diente. Er schuf unter anderem auch das Märkische Museum, die Heilanstalten in Berlin-Buch und das Alte Stadthaus. Um den figürlichen ebenso wie den rein dekorativen Schmuck des Märchenbrunnens gestalten zu lassen, arbeitete Hoffmann mit den drei Bildhauern Ignatius Taschner, Georg Wrba und Josef Rauch zusammen, die insgesamt sagenhafte 106 Steinskulpturen schufen.  1913 konnte die Anlage eröffnet werden.

Der Märchenbrunnen
Der Märchenbrunnen mit seiner großen Fontäne, von den rückwärtigen Arkaden aus gesehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wie so vielem in Berlin erging es auch dem Märchenbrunnen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs schlecht. Infolge von Kampfhandlungen kam es zu schweren Zerstörungen. Als der Krieg schließlich vorbei war, waren die meisten der Skulpturen nicht mehr vorhanden. Es dauerte fünf Jahre, bis sie 1950 in einem Gemüsegarten im Bezirk Friedrichshain wiederaufgefunden wurden. Von einer erneuten Aufstellung am Märchenbrunnen konnte jedoch angesichts ihrer starken Beschädigung keine Rede sein. Weil es an den notwendigen Mitteln fehlte, setzte man den Märchenbrunnen Anfang der 1950er Jahre zwar technisch wieder instand, vereinfachte aber die von frühbarocken Vorbildern inspirierten Gartenanlagen und stellte nur gröbere Kopien der Skulpturen wieder auf. Erst bei einer umfassenden Restaurierung in den Jahren 2006 und 2007 gelang es, anhand im Ignatius-Taschner-Gymnasium in Dachau erhaltener Bronzekopien die originalen Figuren nachzubilden, so daß heute wieder die detailgetreuen Skulpturen am Märchenbrunnen bewundert werden können.

Der Grüne Hauptweg Nummer 19 führt uns am großen Brunnenbecken vorbei und durch die Arkaden hindurch, in deren bogenförmigen Öffnungen neun steinerne Schalen stehen, die mit je zwei Hundeköpfen verziert sind. Dahinter folgen wir einem breiten Weg, der uns nach nur wenigen Schritten zu einem weiteren Brunnen bringt. Der sogenannte Rundbrunnen, der manchmal auch als Delphinbrunnen bezeichnet wird, ist in die Gesamtanlage des Märchenbrunnens einbezogen. In Heckennischen entlang des Weges, der uns zu ihm führt, und rings um den Brunnen entdecken wir Skulpturen von Kindern, die ihre Ergänzung in den vier steinernen Figurengruppen am Brunnenrand finden. Diese stellen auf dem Bauch liegende, wasserspeiende Fische dar, die von jeweils einem Paar Kinder umgeben sind.

Der Rundbrunnen am Märchenbrunnen
Das wegen seiner Form Rundbrunnen genannte Wasserspiel hinter dem Märchenbrunnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Ein Park für das Volk

Hinter dem Rundbrunnen leitet uns der Weg zu einem Gittertor. Wir treten hindurch und verlassen damit den Märchenbrunnen und den ihn umgebenden Garten. Hinter dem Tor finden wir uns jedoch genauso im Grünen wieder wie davor, denn es hat uns direkt in den Volkspark Friedrichshain hineingeführt.

Die Entstehung dieses Parks geht auf einen Beschluß der Stadtverordneten Berlins im Jahre 1840 zurück, der vorsah, aus Anlaß des 100. Jahrestages der Thronbesteigung Friedrichs des Großen im Osten der Stadt eine große Grünfläche anzulegen. Benannt werden sollte sie nach eben jenem Monarchen. Die Idee ging allerdings auf Peter Joseph Lenné zurück, der diese Grünfläche zwischen Königs- und Landsberger Tor als Gegenstück zum Tiergarten vorgeschlagen hatte. Dem Beschluß folgten schließlich Taten, wenn auch erst sechs Jahre später. 1846 kam es zum ersten Spatenstich. Zwei Jahre später war der Park fertig. Er ist damit der erste kommunale Park der Stadt, dessen Anlage nicht Adel oder Krone veranlaßten und der ausschließlich für die Bevölkerung geschaffen wurde. Gleichzeitig ist er heute aber auch Berlins ältester Park.

Die Gestaltung des Friedrichshains wurde in einem Wettbewerb entschieden – ein Novum für die Stadt Berlin, denn es war das erste Mal, daß der Magistrat diese Maßnahme ergriff. Gewonnen hatte ihn Gustav Meyer, der damals ein junger, in Sanssouci tätiger Mitarbeiter Lennés war. Über die Zeit unterlag der Park vielen Veränderungen, so daß sein heutiges Erscheinungsbild nur noch wenig mit demjenigen zu tun hat, das nach Meyers Entwürfen entstanden war. Damals reichte der Park noch nicht bis zur Danziger Straße. Diese Ausdehnung bekam er erst in den 1870er Jahren, womit man einen Ausgleich schaffen wollte für das dem Park entwendete Gelände, auf dem man das erste städtische Krankenhaus errichtet hatte – das heutige Krankenhaus Friedrichshain. Die Entwürfe für die Erweiterung stammten wiederum von Gustav Meyer, der inzwischen Gartendirektor von Berlin geworden war.

Im Friedrichshain
Ein Blick in den Volkspark Friedrichshain nahe dem Märchenbrunnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Die größte Veränderung verursachte jedoch der Zweite Weltkrieg. Zunächst entstanden 1941 zwei gigantische Bunker mit Flaktürmen auf dem Parkgelände – zum Schutz der Bevölkerung, wie es hieß. Daß ein nicht begonnener Krieg die Bevölkerung viel besser geschützt hätte, spielte keine Rolle. Nachdem der von Deutschland ausgehende Krieg dann Millionen Menschen das Leben gekostet hatte und schließlich auf die Deutschen selbst zurückgefallen war, lag in Berlin die Innenstadt weitgehend in Trümmern und auch der Park war arg ramponiert. Nahezu der gesamte Baumbestand war vernichtet. Also nutzte man den Park als Abladeplatz für den Schutt der ungezählten abgetragenen Ruinen zerstörter Häuser der Stadt. Meter um Meter wuchsen so rund um die beiden inzwischen gesprengten Bunker zwei hohe Schuttberge empor, die die beiden ehemaligen Schutzanlagen schließlich unter sich begruben. Mont Klamott war alsbald der neue Beiname für den alten Park, in dem nun ein kleiner und ein großer Bunkerberg entstanden waren. Weil diese Schuttanhäufungen inmitten der Stadt doch recht unansehnlich waren, bedeckte man sie alsbald mit Erde und pflanzte verschiedenste Gehölze auf ihnen an. In der Folge entwickelte sich eine neue, völlig veränderte Parkanlage, die man in den fünfziger bis siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Plänen des Stadtgartendirektors Reinhold Lingner gestaltete. Unter anderem entstanden Sport- und Freizeitanlagen, eine Freilichtbühne, eine Rodelbahn auf dem Kleinen Bunkerberg, eine Gaststätte und ein Staudengarten. Anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkriegs erhielt die Deutsche Demokratische Republik eine Weltfriedensglocke der japanischen World Peace Bell Association, die im Volkspark Friedrichshain aufgestellt und am 1. September 1989 eingeweiht wurde.

Unser Weg biegt direkt hinter dem Tor, das wir gerade durchschritten haben, nach rechts ab und folgt dem Zaun, der die Anlage des Märchenbrunnens umgibt, noch einige Meter, bis dieser sich schließlich von unserem Weg abwendet und zurück zur Straße strebt. Wir passieren eine kleine Plansche, die von vier steinernen Tierfiguren umgeben ist – zwei Elefanten, einem Pinguin und einer Robbe. Hinter der daran anschließenden Wegkreuzung – wir gehen weiter geradeaus – begleitet uns ein Spielplatz, an dessen Ende der Weg plötzlich erneut rechts abbiegt und kurz darauf die Friedenstraße erreicht. Hier geht es nun weiter nach links.

Wir folgen dem von Linden gesäumten Gehweg. Wieder haben wir nur wenige Meter zu gehen, da öffnet sich links die Parkanlage zu einer weiten Freifläche, die einer großen Denkmalsanlage Raum gibt. Mehrere flache Stufen, die über die nahezu gesamte Breite des Areals reichen, führen zu einer großen Terrasse hinauf, auf der die bronzene, überlebensgroße Figur eines in einen Mantel gehüllten Mannes in entschlossener, vorwärts stürmender Pose mit hoch über dem Kopf erhobenem Schwert auf zwei steinernen Sockeln steht. Links davon ist eine doppelseitige, ebenfalls aus Bronze geschaffene Relieftafel angeordnet, auf der Szenen aus dem Spanischen Bürgerkrieg dargestellt sind. Eine riesige, auf den Stufen liegende Bronzetafel identifiziert die Anlage als „Gedenkstätte der deutschen Interbrigadisten, Spanien 1936-1939“. Sie erinnert an die tapferen Kämpfer, die den Freiheitskampf des spanischen Volkes gegen General Franco unterstützten und von denen viele dabei ihr Leben verloren. Zwei Bildhauer waren an der Gestaltung des Denkmals beteiligt: Fritz Cremer schuf die Figur des Spanienkämpfers, während Siegfried Krepp die Relieftafel ausführte.

Gedenkstätte der Deutschen Interbrigadisten
Die Gedenkstätte der deutschen Interbrigadisten im spanischen Freiheitskampf gegen Franco von 1936 bis 1939.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Gedenkstätte der Deutschen Interbrigadisten
Die Vorderseite der von Siegfried Krepp geschaffenen Relieftafel in der Gedenkstätte der deutschen Interbrigadisten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Gedenkstätte der Deutschen Interbrigadisten
Die Figur des Spanienkämpfers, geschaffen von Fritz Cremer, in der Gedenkstätte der deutschen Interbrigadisten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Der UNO einen Platz

Wir verlassen die Gedenkstätte, überqueren eine Zufahrtsstraße in den Park und folgen weiter dem Gehsteig an seinem Rand, bis wir einen Weg erreichen, der links leicht ansteigend in den Park hineinführt. Hier wenden wir uns allerdings nach rechts, steigen, den Park im Rücken, zur Straße hinunter, die sich dem Gehweg gegenüber inzwischen etwas abgesenkt hat, und überqueren sie. Auf der anderen Seite erreichen wir die Vorbauten eines Hochhauses, das wir links stehen lassen, während wir einen kleinen Platz überqueren und auf eine Baumreihe zugehen, die uns von einer Straße trennt. Wir treten zwischen den Bäumen hindurch, bis wir den Gehweg an der besagten Straße erreichen. Hier geht es nach links auf den großen Platz der Vereinten Nationen.

Bevor wir jedoch weitergehen, können wir dort, wo wir am Rande eines Gebüschs unter den Bäumen auf den Gehweg hinausgetreten sind, das Exemplar einer Edelkastanie finden – ein Baum, den man im städtischen Raum Berlins nicht allzu häufig sieht.

Edelkastanie am Platz der Vereinten Nationen

Edelkastanie am Platz der Vereinten Nationen
Ein Baum, den man in der Stadt nicht alle Tage sieht, ist diese Edelkastanie am Platz der Vereinten Nationen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Gehen wir auf dem Gehweg weiter, können wir, sobald wir an dem Gebüsch links von uns vorüber sind, den Platz der Vereinten Nationen vollständig überblicken. Diese große Freifläche sah, man kann es sich angesichts der sie umgebenden modernen Wohnbauten vermutlich bereits denken, nicht immer so aus. Ihre Geschichte beginnt mit dem Landsberger Platz, der entstand, nachdem in den 1860er Jahren mit der überflüssig gewordenen Akzisemauer auch das hier befindliche Landsberger Tor abgerissen wurde. Die den Platz umgebende Bebauung wurde im Zweiten Weltkrieg außerordentlich stark zerstört. Viele Häuser waren nicht mehr bewohnbar. So trug man die Ruinen ab und räumte den Platz frei. Den Schutt karrte man auf die Trümmerberge im Friedrichshain. Nachdem diese Arbeiten 1950 abgeschlossen waren, benannte man den Platz um. Zu Ehren des Führers der Russischen Revolution von 1917 trug er nun den Namen Leninplatz.

Ab den 1960er Jahren riß man von hier bis zum Alexanderplatz noch bestehende Bauten ab und begann mit der Errichtung eines komplett neuen Stadtquartiers, das in den 1970er Jahren fertiggestellt wurde und in dem der neugestaltete Leninplatz ein wichtiges Zentrum darstellte. Anläßlich des 100. Geburtstages Wladimir Iljitsch Lenins gab die Regierung der DDR ein Denkmal in Auftrag, das der sowjetische Bildhauer Nikolai Wassiljewitsch Tomski entwarf und das am 19. April 1970 eingeweiht wurde. Dieses monumentale Werk aus poliertem, rotem Granit prägte das Erscheinungsbild des Platzes über viele Jahre.

Platz der Vereinten Nationen
Der Platz der Vereinten Nationen mit dem großen markanten Wohnhochhaus vor dem Volkspark Friedrichshain.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Rings um den weitläufigen Platz umgeben uns mehrere Wohnhäuser, die man bei oberflächlicher Betrachtung einfach als Plattenbauten abtun könnte. Tatsächlich sind sie in der charakteristischen Fertigteil-Bauweise errichtet worden. Und dennoch handelt es sich bei diesen Bauten um etwas Besonderes, und zwar in einer so bedeutenden Weise, daß der gesamte Komplex, sieht man einmal von der südwestlichen Seite ab, als Ensemble heute unter Denkmalschutz steht und in der Berliner Landesdenkmalliste eingetragen ist, denn er gilt als herausragendes Beispiel für den sozialistischen Städtebau der DDR. Trotz der Bauweise mit Fertigteilen besitzen die Gebäude rings um den Platz eine jeweils eigenständige individuelle Gestaltung. So haben wir rechts neben uns auf der anderen Straßenseite die Schlange, ein dreihundert Meter langes Wohnhaus in S-Form. Ihm schräg gegenüber steht auf der anderen Seite der großen Kreuzung der Bumerang, ein Wohnhaus in der Form eben jenes Wurfholzes der australischen Ureinwohner. Diese Assoziation war allerdings nicht beabsichtigt. Tatsächlich sollte die Form dieses Blockes an ein U erinnern. Die Wahl der beiden Buchstaben S und U fiel bei der Gestaltung der Wohnblöcke nicht zufällig aus, denn das Kürzel SU stand für Sowjetunion. Das auffälligste Gebäude am Platz ist allerdings der von Heinz Mehlan entworfene dreistufige Hochhausturm, der es in seinem höchsten Teil auf 25 Stockwerke bringt.

Nach dem Ende der DDR war das Lenin-Denkmal nicht mehr opportun. Die Bezirksverordnetenversammlung des damaligen Bezirkes Friedrichshain beschloß 1991 seinen Abriß. Um diesen zu ermöglichen, strich man es nach diesem Beschluß von der Denkmalliste. Man hatte jedoch die Rechnung ohne die Anwohner gemacht. Diese wandten sich gegen den Abriß, weil sie das Denkmal als dem Platzensemble zugehörig betrachteten. Sie gründeten eine Bürgerinitiative, organisierten Demonstrationen und wurden dabei von Künstlern und Politikern unterstützt. Sogar eine Klage gegen den Abriß, an der sich die Enkel des Schöpfers des Denkmals beteiligten, reichten sie ein. Doch es nützte nichts. Das Denkmal wurde beseitigt, wobei es allerdings an Verhinderungs- und Blockadeversuchen nicht mangelte, was die Arbeiten sehr verzögerte. Als man das Denkmal schließlich erfolgreich zerlegt hatte, vergrub man die 129 Teile in der Nähe von Müggelheim. Heute kann man zumindest den Kopf des Denkmals wieder besichtigen, denn er wurde 2015 geborgen und ist nun in der Zitadelle Spandau zu sehen.

Am Platz der Vereinten Nationen
Der Sprudelbrunnen auf dem Platz der Vereinten Nationen befindet sich an der Stelle, an der sich früher das große Lenindenkmal erhob.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Mit der Beseitigung des Denkmals sollte nun aber auch der Name Lenin endgültig getilgt werden, und so benannte man den Platz 1992 um. Von nun an trug er den Namen Platz der Vereinten Nationen. Um diesem gerecht zu werden und auch, um die nach der Entfernung des Denkmals verbliebene offensichtliche Leerstelle mitten auf dem Platz zu füllen, setzte man im Jahre 1994 einen Sprudelbrunnen dorthin, wo einst die Statue gestanden hatte. Nach dem Entwurf von Adalbert Maria Klees plazierte man vierzehn große Findlinge, von denen die fünf mittleren die größten sind und über Wassersprudler verfügen. Sie stellen die fünf bewohnten Erdteile dar. Ein jeder trägt den Namen des Kontinents, auf dem er gefunden wurde. Kleine Schilder im Boden geben Aufschluß, welcher Stein zu welchem Erdteil gehört.

Der Brunnen auf dem Platz der Vereinten Nationen
Der Europa repräsentierende große Findling im Sprudelbrunnen auf dem Platz der Vereinten Nationen. Ein steinernes Schild im Boden liefert Informationen über ihn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Von diesem dritten dem Wasser gewidmeten Ort auf unserer Wanderung gehen wir direkt weiter zum vierten. Dazu überqueren wir die große Kreuzung in der Richtung, in der wir bisher unterwegs waren. Aufmerksamen Beobachtern können dabei einige Nadelgehölze auffallen, die am Rande der hier aufeinandertreffenden Straßen stehen – ebenfalls Gewächse, die im Berliner Stadtinneren, sieht man einmal von Parks ab, eher seltener zu finden sind.

Am Platz der Vereinten Nationen
Was man in der Berliner Innenstadt auch nicht überall findet, sind Nadelbäume. Hier am Platz der Vereinten Nationen hat man einige angepflanzt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Ein Platz als Gesamtkunstwerk

Die Straße, der wir nun auf deren linker Seite folgen, ist die Lichtenberger Straße. Mit zwei durch einen Grünstreifen voneinander getrennten Fahrbahnen mit jeweils zwei Fahrspuren, einem Fahrradweg und einem Standstreifen hat sie die Breite einer Autobahn – ein Ergebnis der Entwicklung der autogerechten Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen wie im Osten Berlins einsetzte. Gemildert wird der Charakter einer überdimensionierten Schneise inmitten der Stadt durch die Doppelreihe Lindenbäume auf dem mittleren Grünstreifen und durch die großzügigen Grünanlagen links und rechts der Straße, die sie in einen fast ein wenig parkartig anmutenden Stadtraum integrieren. Zu ihren beiden Seiten liegen in den 1960er und 1970er Jahren entstandene Wohngebiete, zwischen deren in Fertigteilbauweise errichteten Wohnblöcken sich weitere üppige Grünanlagen einfügen, durch die es sich schön spazieren läßt.

Wir überqueren die Palisadenstraße und die Neue Weberstraße, hinter der die Neubauten unvermittelt aufhören und durch Wohnhäuser abgelöst werden, deren charakteristischstes Merkmal die vollständig fliesenverkleidete Fassade ist. Links und rechts der Straße bilden zwei gleichartige Hochhäuser eine Passage, durch das die Lichtenberger Straße auf einen ovalen Platz und in einen Kreisverkehr hineinführt. Wir haben den Strausberger Platz erreicht.

Am Strausberger Platz
Ein Wohnhaus an der Einmündung der Lichtenberger Straße in den Strausberger Platz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Als wir diesen betreten haben, können wir feststellen, daß die beiden Hochhäuser keine Türme sind, wie es vielleicht auf den ersten Blick ausgesehen haben mag, sondern lediglich die Bestandteile einer elegant gebogenen, den Platz einrahmenden Bebauung, die sich an vier Stellen öffnet, um die sich auf dem Platz kreuzenden Straßen einzulassen: die Karl-Marx-Allee und eben jene Lichtenberger Straße, auf der wir unterwegs sind. Als bedeutende Magistrale besitzt die Karl-Marx-Allee Passagen zum Platz, die durch turmartige Hochhäuser als Tore gestaltet sind.

Der Strausberger Platz
Ein Blick über den Strausberger Platz zum Haus Berlin, einem der „Torhäuser“ am Eingang der Karl-Marx-Allee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Für Berlin bedeutsam war diese Gegend bereits im Mittelalter. Zu jener Zeit gab es zwar den Platz noch nicht, doch lag ganz in der Nähe der Richtplatz der Stadt. Unter anderem fand hier im Jahre 1540 die Hinrichtung eines gewissen Hans Kohlhase statt, an den der Dichter Heinrich von Kleist mit seiner Erzählung „Michael Kohlhaas“ erinnerte.

Wir wandern auf der linken Seite um den Platz herum zur gegenüberliegenden Seite. Dabei können wir seine Bebauung eingehend in Augenschein nehmen. Wie wir feststellen können, setzt sie sich in gleichem Baustil in der Karl-Marx-Allee in Richtung Osten, also links von uns, fort. Dieser Stil wird als Sozialistischer Klassizismus bezeichnet. Manchmal hört man dafür auch den etwas despektierlich gemeinten Begriff „Zuckerbäckerstil“. Er war zunächst die prägende Gestaltungsform für repräsentative Bauten in der Sowjetunion während der Regierungszeit Josef Stalins, verbreitete sich aber nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der DDR und in Polen. Die Karl-Marx-Allee stellt dabei das bedeutendste, weil in seiner Ausdehnung monumentalste Beispiel für die Errichtung von Bauten in diesem Stile dar. Allerdings sollten diese repräsentativen Bauten nicht Macht und Herrschaft symbolisieren. Vielmehr wurden hier Wohnungen für werktätige Menschen errichtet, die allerhöchsten Standards genügen sollten. Hier wollte man eine Architektur für das Volk, die Arbeiterklasse inbesondere, schaffen. Gleichzeitig wollte man damit natürlich auch die Leistungsfähigkeit des neuen sozialistischen Gesellschaftssystems beweisen.

Die Karl-Marx-Allee
Die Karl-Marx-Allee mit Blick zum Frankfurter Tor – vom Strausberger Platz aus gesehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Möglich war dies, weil die Gegend um diese Straße und inbesondere um den Strausberger Platz im Krieg praktisch total zerstört worden war. Zur Zeit der Errichtung der Wohnbauten, die wir heute entlang dieser Straße bewundern können, trug diese noch den Namen Stalinallee, den sie 1949 erhalten hatte. 1961 benannte man sie schließlich in Karl-Marx-Allee um. Hier am Strausberger Platz stellte man 1983 eine Büste des Namensgebers auf, die vom Bildhauer Will Lammert geschaffen wurde. Da Marx nach der Wende mehr Glück hatte als Lenin, ist seine Büste auch heute noch vorhanden. Wir passieren sie, nachdem wir die Karl-Marx-Allee überquert haben.

Karl-Marx-Denkmal
Die Karl-Marx-Büste am Strausberger Platz an der Karl-Marx-Allee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Schauen wir uns auf dem Platz um. Seine Umbauung bildet ein geschlossenes Ensemble aus überwiegend achtstöckigen Wohnhäusern, deren Fassaden durchgängig mit Fliesen verkleidet sind. Im Erdgeschoß befinden sich rings um den Platz Läden. Diese gestalterisch durchkonzipierte Bebauung wurde von einem Architektenkollektiv um Hermann Henselmann entworfen und in den Jahren 1952–1955 errichtet. Von Henselmann stammt auch die Idee für die Gestaltung des Berliner Fernsehturms. Von der damaligen Baustelle am Strausberger Platz ging gemeinsam mit einigen anderen Bauorten am 16. Juni 1953 der Streik gegen die erhöhten Arbeitsnormen in der DDR aus, der einen Tag später zu großen Unruhen führte.

Am Strausberger Platz
Eine der großen Platanen, die rings um den Platz stehen und eine beeindruckende Größe erreicht haben.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Von den herausgehobenen Hochhäusern an den Seiten, an denen die Karl-Marx-Allee den Platz verläßt, stechen die beiden an der Westseite besonders hervor. Sie sind nicht nur vier Stockwerke höher als ihre östlichen Pendants, sondern architektonisch auch viel aufwendiger gestaltet. Der Grund liegt darin, daß sie nicht nur das Eingangstor zum Platz, sondern gleichzeitig auch den Anfang der neu gestalteten Karl-Marx-Allee bilden sollten. Blicken wir von unserem Standort an der Karl-Marx-Büste aus auf diese beiden Bauten, so steht links der Straße das Haus des Kindes und rechts das Haus Berlin.

Das Haus des Kindes machte seinem Namen alle Ehre. Es beherbergte nämlich nicht nur Wohnungen, sondern bot nach seiner Errichtung auch einem Puppentheater und einem Kindergarten ein Domizil. Der stand allen Kindern offen, die sich bei Spiel und Spaß die Zeit vertreiben wollten, während ihre Eltern in dem ebenfalls im Haus untergebrachten Kinderkaufhaus einkauften. Dieses Kinderkaufhaus war berühmt: von Kinderbekleidung und -schuhen für Alltag, Sport und Wandern über Spielzeug, Bücher und Schallplatten deckte es bis zum Schulbedarf alles ab, was Kinder so brauchen, um unbeschwert aufwachsen zu können. Und zu guter Letzt gab es im obersten Geschoß ein Kindercafé, das Wert darauf legte, daß Erwachsene nur in Begleitung ihrer Kinder Zutritt hatten. Die Treppe, die im Haus von Etage zu Etage führte, war mit einem schmiedeeisernen Geländer mit Märchenmotiven versehen, das die Kunstschmiede Berlin geschaffen hatte. Nach dem Ende der DDR betrachtete man ein Kinderkaufhaus wohl als entbehrlich, denn 1990 wurde es geschlossen. Stattdessen brachte man ein Möbelgeschäft darin unter. Die Miniaturtiere im Treppengeländer, die die Kinder einst begeisterten, sind mit dem Kinderkaufhaus verschwunden. Niemand weiß, wo sie geblieben sind.

Das Haus Berlin ist zwar das architektonische Gegenstück zum Haus des Kindes, diente allerdings gänzlich anderen Zwecken. Hier gab es Restaurants, Cafés und eine Bar. Diese waren offenbar bedeutsamer, denn daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Der Strausberger Platz
Der Strausberger Platz mit seinem Brunnen und den beiden „Torhäusern“ am Eingang der Karl-Marx-Allee. Links ist das Haus des Kindes, rechts das Haus Berlin zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Als Eingangstor zur Karl-Marx-Allee gab man beiden Gebäuden eine Widmung mit, die man an der jeweiligen Westseite anbrachte. Sie sind heute noch vorhanden. Am Haus des Kindes prangt als Inschrift ein Zitat aus dem zweiten Teil des „Faust“ von Johann Wolfgang Goethe:

Solch ein Gewimmel möchte ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.

Am Haus Berlin brachte man hingegen ein Zitat aus einem Poem von Bertolt Brecht an:

Als wir aber dann beschlossen, endlich unsrer Kraft zu trauen und ein schönres Leben aufzubauen, haben Kampf und Müh uns nicht verdrossen.

An diesem Gebäude ist seit 1998 auch eine Tafel zu finden, die daran erinnert, daß hier in der Großen Frankfurter Straße, wie die Karl-Marx-Allee damals hieß, während der Märzrevolution von 1848 eine Barrikade stand und von den Aufständischen verteidigt wurde.

Der Strausberger Platz
Der markante Brunnen mit der großen Fontäne und dem „schwebenden Ring“, für den der Strausberger Platz berühmt ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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In der Mitte des Platzes fällt uns natürlich sein markantes Wahrzeichen ins Auge – ein wahrer Tempel des Wassers. Der große Springbrunnen mit der achtzehn Meter hohen Mittelfontäne, die von einem Kranz weiterer Fontänen umgeben ist, steht seit 1966 hier. Der Architekt Heinz Graffunder und der Kunstschmied Fritz Kühn entwarfen und gestalteten ein kreisrundes Wasserbecken, in dem ein Ring aus sechzehn plastisch getriebenen, rechteckigen Kupferplatten die Hauptfontänen einfaßt. Ein genialer Einfall der beiden Schöpfer war es, diesen Ring wiederum mit kleineren Wasserfontänen zu umgeben, denn diese erzeugen durch den entstehenden Dunstschleier die Illusion eines schwebenden Metallreifs. Ein Jahr nach der Aufstellung gestaltete man den Platz um den Brunnen neu und legte 36 quadratische Rosenbeete an. Heute sind diese Beete aus unerfindlichen Gründen nicht mehr vorhanden. Stattdessen umgibt den Brunnen lediglich noch eine vergleichsweise langweilige Rasenfläche. Trotzdem ist dieses Wasserkunstwerk ein schöner Anblick.

Am Rand der Mitte

Wir verlassen den Strausberger Platz durch eine ebensolche Passage wie die, durch die wir ihn betreten haben, und wandern weiter die Lichtenberger Straße entlang, immer noch auf deren linker Seite. Der Straßenzug ist ebenso breit und ebenso grün wie zuvor und auch die Wohngebiete links und rechts ähneln denen, die wir vor dem Strausberger Platz zu sehen bekommen hatten. Und auch wenn es so nicht zu bemerken ist – wir bewegen uns entlang der Lichtenberger Straße entlang einer Grenze. Die linke Straßenseite gehört ebenso wie die Straße selbst zum Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, die rechte Seite liegt jedoch schon im Bezirk Mitte. Diese Grenzgängerei am Rande der Mitte Berlins behalten wir nun ein Weilchen bei.

Wir überqueren zuerst die Neue Blumenstraße und dann die Singerstraße, die nach Paul Singer benannt ist, der Mitbegründer und Vorsitzender der SPD war sowie Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis, in dem die damals noch Grüner Weg genannte Singerstraße lag. In ihr wurde übrigens im Jahre 1973 zu einem großen Teil der DEFA-Film „Die Legende von Paul und Paula“ gedreht. Der Plattenbau in der Singerstraße 51 ist im Film das Wohnhaus von Paul.

Hinter der Singerstraße kommen wir an einigen sehr schönen, hohen Pappeln vorüber, unter denen jemand mit viel Sorgfalt eine dicht mit Efeu bewachsene grüne Insel geschaffen hat. Überhaupt ist auch auf dieser Seite des Strausberger Platzes über die Jahre ein Wohngebiet entstanden, das durch seine mit vielem Grün gefüllte Weitläufigkeit ein schöner, idyllischer Ort zum Wohnen inmitten der Großstadt ist. Es ist durchaus lohnend, sich die Zeit zu nehmen und einmal links oder rechts des Weges durch die Wohnanlagen zu pilgern.

Efeu in der Lichtenberger Straße
Ein Efeubett am Rande der Lichtenberger Straße. Dicht umrankt sind die Stämme der Pappeln.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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In der Lichtenberger Straße
Dieselbe Stelle drei Jahre später. Um die Bäume zu schützen, hat man – sicher mit viel Mühe – den sich an ihnen hinaufwindenden Efeu beseitigt, der nun nur noch den Boden bedeckt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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An ihrem Ende erreicht die Lichtenberger Straße die Holzmarktstraße, deren Name auf einen städtischen Holzplatz zurückgeht, der sich einst hier befand. Der Grüne Hauptweg Nummer 19 führt darüber hinweg und folgt der Straße An der Michaelbrücke. Auf dieser passieren wir rechts der Straße zunächst ein modernes Gebäude mit einer Glasfassade, die an sonnigen Tagen nahezu vollständig von außen angebrachten Jalousien verhängt ist. Der Bau, der aus drei mit einem Querriegel verbundenen, dreieckigen Trakten mit geschwungenen Außenseiten besteht, ist der Sitz der Berliner Verkehrsbetriebe, deren Kürzel BVG von dem früheren Namen Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft abgeleitet ist. Hinter ihm verläuft das Viadukt der Stadtbahn, das wir durchqueren, was uns gleich auf die nächste Brücke bringt.

Die Straße – ihr Name ließ es schon erahnen – führt auf die Michaelbrücke. Indem wir sie überqueren, haben wir auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 erneut die Spree erreicht. Nach drei Brunnen und einer städtischen Wasseranlage sind wir nun an dem für Berlin prägenden Gewässer angelangt, dem die Stadt ihren Beinamen verdankt: Spree-Athen.

Auf der Schillingbrücke
Von der Michaelbrücke geht der Blick die Spree flußabwärts zur Jannowitzbrücke. Die markanten Bauwerke der Berliner Innenstadt – Altes Stadthaus, Rotes Rathaus und Fernsehturm – beherrschen die Silhouette. Rechts ist das Stadtbahnviadukt mit dem Bahnhof Jannowitzbrücke zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Schauen wir von der Michaelbrücke nach rechts, reicht der Blick flußabwärts über die Jannowitzbrücke bis zu den markanten Bauten der Berliner Innenstadt. Die Türme des Alten Stadthauses, des Roten Rathauses und der Parochialkirche ragen vor uns auf, werden jedoch maßlos übertroffen von dem einen, alle übertrumpfenden Bauwerk: dem Berliner Fernsehturm.

Auf der Michaelbrücke
Der Blick von der Michaelbrücke die Spree entlang flußauf. Links ist der Holzmarkt 25 zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Nach links ist der Blick etwas weniger spektakulär. Im Hintergrund ist die Schillingbrücke zu erkennen, davor sehen wir dort, wo das Stadtbahnviadukt hinter einer Biegung das Ufer freigibt, ein buntes Gelände mit farbenprächtig bemalten Häusern. Es zu beschreiben, wäre etwas müßig, weil es sein Gesicht immer wieder einmal ändert. Hier residiert der Holzmarkt 25, den die einen als urbanes Dorf beschreiben, während andere ihn einen Kreativort nennen. Hier gibt es Veranstaltungsräume, Restaurants, Studios und Ateliers sowie eine Kindertagesstätte.

Die heutige Michaelbrücke ist die zweite Brücke an dieser Stelle. Die erste errichtete man 1876. Sie war mit Figuren der Berolina und der Borussia, die jeweils auf steinernen Pfeilern mit roten Klinkern standen, geschmückt. Die Berolina symbolisierte die Stadt Berlin, die Borussia den Staat Preußen. Nachdem ein Teil der Brücke im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht gesprengt worden war, um die in die Stadt einrückende Rote Armee zu behindern, kam es danach nur zu einer provisorischen Reparatur mittels eines hölzernen Übergangs für Fußgänger. Zwar stellte man die Straßenbrücke in den 1970er Jahren wieder her, grundlegendere Instandsetzungsarbeiten unterblieben jedoch wegen der Teilung der Stadt, in deren Folge das hinter der Brücke liegende Stadtviertel in eine Randlage geraten war. Nach dem Fall der Berliner Mauer errichtete man ab 1991 schließlich eine neue Brücke, die 1995 vollendet wurde und über die wir jetzt gehen, wobei wir nun doch vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hinüber in den Bezirk Mitte wechseln. Wir bleiben in diesem jedoch weiterhin nah am Rand, denn die Bezirksgrenze ist linkerhand nie sehr weit weg von uns.

Sehenswertes auf den zweiten Blick

Gleichzeitig mit dem Bezirk Mitte betreten wir jedoch noch ein weiteres, älteres Stadtviertel Berlins – die Luisenstadt. Benannt wurde sie nach der preußischen Königin Luise, der Ehefrau König Friedrich Wilhelms III. von Preußen. Entstanden als Köpenicker Vorstadt im 16. Jahrhundert infolge des einsetzenden Wachstums Berlins, wurde das Gebiet mehr und mehr besiedelt, bis es im Dreißigjährigen Krieg niedergebrannt wurde. Dennoch setzte wieder eine Besiedlung ein, die bereits 1701 dazu führte, daß alle Bewohner der Köpenicker Vorstadt die vollen Berliner Bürgerrechte erhielten. 1802 beantragten dann die Bürger die Umbenennung des Viertels, das inzwischen innerhalb der Akzisemauer und damit Berlins lag, in Luisenstadt, die König Friedrich Wilhelm III. schließlich vornahm. Zu dieser Zeit waren natürlich noch nicht alle Teile der Luisenstadt so bebaut wie zu späteren Zeiten ihrer größten Ausdehnung von der Spree und dem Berliner Festungsgraben im Norden bis zum Landwehrkanal im Süden, von der Friedrichstadt an der Lindenstraße im Westen bis ebenfalls zum Landwehrkanal im Osten.

Bereits von der Michaelbrücke ist auf der rechten Seite eine beeindruckende Industrieanlage zu sehen, die von hohen Schornsteinen dominiert wird. Die Geschichte dieses Heizkraftwerks Berlin-Mitte beginnt im Jahr 1961. Als Kraftwerk Ostberlins an der Köpenicker Straße errichtet, war die erste Anlage bis 1997 in Betrieb. Was wir heute vor uns sehen, ist der nördliche Erweiterungsbau, der 1996 in Betrieb ging, worauf man den älteren südlichen Teil ein Jahr später schloß. In der alten Turbinenhalle, die saniert und umgestaltet wurde, eröffnete 2010 das Kraftwerk Mitte, ein Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Das Heizkraftwerk, das zum schwedischen Vattenfall-Konzern gehört, liefert Fernwärme und Strom für die Berliner Innenstadt vom Potsdamer Platz bis nach Stralau.

Das Heizkraftwerk Mitte
Direkt am Ufer der Spree, gleich neben der Michaelbrücke, befindet sich das Heizkraftwerk Mitte.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Hinter der Brücke führt die Straße unter dem neuen Namen Michaelkirchstraße weiter. Der Wegabschnitt, auf dem wir uns nun bewegen, bietet auf den ersten Blick wenig für’s Auge. Auf der rechten Straßenseite ein Zaun, hinter dem das Heizkraftwerk seine Anlagen sortiert hat, links vergleichsweise langweilige Geschäftshäuser – das ist alles. So scheint es. Doch wer sehen will, entdeckt selbst in diesem Umfeld so einiges von Interesse.

Nicht weit hinter dem Fluß beginnt rechterhand der auf einem Ziegelsockel aufsetzende Metallzaun, der das Kraftwerksgelände und die auf ihm angeordneten Bauten umgibt. Gleich am ersten, dem Werkstattgebäude, können wir eine langgestreckte weiße Wandtafel bemerken, auf der graue Strukturen zu erkennen sind, die flüchtig betrachtet wie Textpassagen und Fotos, angeordnet in Zeitungsspalten wirken. Einige formen sich alsbald zu Buchstaben. Bei ausreichender Distanz können wir sie schließlich als ein Zitat aus dem Alten Testament identifizieren:

Nun trat Abraham näher und sprach: Willst du wirklich den Gerechten mit dem Frevler verderben?
Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt.

Wandzeitung am Heizkraftwerk Mitte

Wandzeitung am Heizkraftwerk Mitte
Das Kunstwerk „Wandzeitung“ von Thomas Bayrle befindet sich am Heizkraftwerk Mitte in der Michaelkirchstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Ein kleiner Sockel auf dem Rasen hinter dem Zaun trägt eine kleine Plakette, die diese vierzig Meter breite und sechs Meter hohe Wandtafel aus 12.000 einzelnen gebrannten Kacheln als ein Werk des Künstlers Thomas Bayrle ausweist, das dieser im Jahre 1999 unter dem Titel „Wandzeitung“ schuf. Es gehört zu dem „Kunstprojekt Heizkraftwerk Mitte“, dem insgesamt sechs Kunstwerke angehören, die auf dem Gelände des Kraftwerks und um dieses herum verteilt sind. Auf der kleinen Plakette prangt oben rechts noch das Logo der Bewag, der das Kraftwerk früher gehörte. Die Bewag – der Name stand für „Berliner Städtische Elektrizitätswerke Aktien-Gesellschaft“ – war das städtische Energieversorgungsunternehmen Berlins. Von den 1990er Jahren an wurde es schrittweise an private Eigner verscherbelt, bis es schließlich 2003 endgültig an Vattenfall überging.

Hinter der „Wandzeitung“ passieren wir ein in den Zaun eingefügtes Tor. In der Regel ist es geschlossen. Einige Meter weiter – für die Liebhaber des Zählens von Dingen sind es genau zwölf Zaunfelder hinter dem Tor – können wir im Boden direkt vor dem Mauersockel drei Stolpersteine entdecken. Sie erinnern an Hans und Käthe Cohn sowie ihre Tochter Ilse, die einst in dem Haus wohnten, das vor dem Zweiten Weltkrieg an dieser Stelle stand. Das Heizkraftwerk gibt es ja erst seit den 1960er Jahren. Zuvor war auch diese Straßenseite der Michaelkirchstraße mit Häusern bebaut. Dasjenige, in dem die Cohns wohnten, trug die Hausnummer 27. Die Familie, zu der noch ein Sohn namens Gerhard gehörte, erlitt das tragische Schicksal, das der verbrecherische deutsche Faschismus so vielen Juden in Europa bereitete. Am 24. Januar 1942 wurden Hans, Käthe und Ilse abgeholt und nach Riga deportiert. Dort verliert sich ihre Spur, doch es muß davon ausgegangen werden, daß sie im Rigaer Ghetto ermordet wurden. Gerhard entging der Deportation und tauchte unter. Jedoch überlebte auch er den Zweiten Weltkrieg nicht, sondern starb 1944 in der Illegalität.

Stolpersteine in der Michaelkirchstraße
Stolpersteine, die an die jüdische Familie Cohn erinnern, in der Michaelkirchstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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An vielen dieser kleinen Mahnmale sorgen der immerwährende Straßenverkehr und andere Verursacher von Staub und Schmutz dafür, daß die Inschriften mit der Zeit kaum noch zu erkennen sind. Straßendreck deckt sie nahezu völlig zu. Hat man also ein kleines Feuchttuch in der Tasche, so ist es eine schöne Geste, wenn man sich ein paar Minuten Zeit und die kleine Mühe in Kauf nimmt und es einsetzt, um die Schmutzschicht zu beseitigen, so daß die Steine kurze Zeit später ihre Botschaft der Mahnung wieder weitergeben können.

Stolpersteine in der Michaelkirchstraße
Die Stolpersteine für die jüdische Familie Cohn in der Michaelkirchstraße befinden sich direkt vor dem Zaun, der das Heizkraftwerk Mitte von der Straße trennt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Eine solche Mahnung vermittelt auch ein weiterer Stolperstein, der vor der Hausnummer 17, gegenüber auf der anderen Straßenseite, zu der wir jetzt wieder zurückkehren, verlegt ist. Er erinnert an Emil Wölk, der hier als Motorenschlosser gearbeitet hatte. Wölk, 1903 geboren und ab 1918 Mitglied des Spartakusbundes und später der Kommunistischen Partei Deutschlands, hatte sich bereits in der Weimarer Republik aktiv gegen den aufkommenden deutschen Faschismus eingesetzt. Als die NSDAP 1933 die Macht an sich riß und umgehend die KPD verbot, setzte er den Kampf in der Illegalität fort. Dabei stand er in engem Kontakt zu der bedeutenden Widerstandsorganisation um Anton Saefkow, Bernhard Bästlein und Franz Jacob. 1944 wurde er schließlich verhaftet, zum Tode verurteilt und noch im gleichen Jahr im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Etwas ungewöhnlich ist der Ort dieses Stolpersteins, der doch eigentlich am einstigen Wohnort Wölks in der Spandauer Straße Am Heimhort 5b liegen sollte. Weil aber diese Straße heute eine Privatstraße ist und die dortige Wohnungsbaugenossenschaft die Verlegung dieses Mahnmals für einen von den Faschisten ermordeten deutschen Widerstandskämpfer verweigerte, wurde diese Ehre der Adresse seines Arbeitsortes hier in der Michaelkirchstraße zuteil.

Stolperstein für Emil Wölk
Der Stolperstein für Emil Wölk im Gehwegpflaster der Michaelkirchstraße vor der Hausnummer 17.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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An der nächsten Kreuzung erreichen wir die Köpenicker Straße, die hier die Michaelkirchstraße quert. Wir sind nun bereits weit genug auf dieser vorangekommen, um den Ursprung ihres Namens recht gut erkennen zu können, denn an ihrem vor uns liegenden Ende ist der Kuppelturm einer großen Kirche zu sehen, die – wir ahnen es längst – den Namen Sankt Michael trägt. Doch bevor wir uns dorthin begeben, wollen wir auch der unseren Weg hier kreuzenden Köpenicker Straße etwas Aufmerksamkeit schenken.

In der Michaelkirchstraße
Am Ende der Michaelkirchstraße ist die namensgebende Sankt-Michael-Kirche gut zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Angelegt wurde sie, wenn auch noch nicht unter diesem Namen, bereits 1589. Den Befehl dazu gab Kurfürst Johann Georg, der den bereits zuvor bestehenden Heerweg von Berlin nach Köpenick auszubauen wünschte, nicht zuletzt, um ihn besser als Verbindung zu seinem dortigen Jagdschloß, dem Schloß Köpenick, nutzen zu können. Um 1700 siedelten sich hier die in Frankreich wegen ihrer Religion verfolgten und daher nach Preußen auswandernden Hugenotten an. Als im 19. Jahrhundert die Industrialisierung einsetzte und man große Teile der Berliner Innenstadt verkehrstechnisch immer besser erschloß, wurde die Köpenicker Straße als Standort für Handelsunternehmen und Fabriken interessant, die sich hier ansiedelten – unter ihnen die Norddeutschen Eiswerke, die Berliner Hafenanlagen BEHALA und die Nähmaschinenfabrik Singer. In der Gründerzeit entstanden zusätzlich zahlreiche Wohngebäude an der Köpenicker Straße, von denen im Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg an deren einem Ende, aber auch im Stadtbezirk Mitte am anderen noch einige vorhanden sind. Die Teilung Berlins unterbrach auch die Köpenicker Straße, in der die Berliner Mauer allerdings keinen Grenzübergang besaß. Heute verläuft die Köpenicker Straße wieder ungeteilt vom Schulze-Delitzsch-Platz, wo sie aus der Inselstraße hervorgeht, bis zum Schlesischen Tor, immer parallel zur Spree.

Unweit der Kreuzung, an der wir stehen, nicht einmal hundert Meter in Richtung Westen, können wir auf einem Rasenstreifen an der rechten Straßenseite eine Metallstele entdecken, die auf den ersten flüchtigen Blick den Eindruck einer Hinweistafel vermittelt, die auf ortsansässige Firmen verweist. Nichts könnte jedoch weiter von der Realität entfernt sein als diese Annahme, denn tatsächlich handelt es sich bei dieser Stele um ein Erinnerungsmal. Unter der Darstellung eines altertümlichen Fluggeräts ist folgende Aufschrift zu lesen:

Hier
in der Köpenicker Str. 113
befand sich die Maschinenfabrik
von
Otto Lilienthal
in der seine Gleitflugzeuge
bis 1896 in Serie gebaut wurden.
1891 verwirklichte er
als Erster
den freien Menschenflug.

Denkmal für Otto Lilienthal
Dieses Denkmal erinnert an Otto Lilienthal und seine Maschinenfabrik, die einst an dieser Stelle in der Köpenicker Straße 113 stand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Darunter sind alle an der Errichtung dieses Denkzeichens beteiligten Unternehmen aufgeführt – viele von ihnen mit ihrem Firmenlogo, was den zuvor erwähnten Eindruck hervorruft. Hier in der Dampfkessel- und Maschinenfabrik Lilienthals, die in der Nummer 110 ihren Anfang nahm und erst später um die Räumlichkeiten in der Köpenicker Straße 113 erweitert wurde, produzierte er die weltweit ersten Fluggeräte, die in Serie hergestellt wurden. Nicht weit von hier, in der Köpenicker Straße 126, hatte der Flugpionier seine Wohnung. Nachdem er 1896 bei einem seiner Flugversuche abgestürzt und verstorben war, bestand seine Fabrik noch bis 1918 weiter. Indem die am 8. Mai 2006 aufgestellte Stele daran erinnert, ist sie mehr als nur eine Ehrung für einen bedeutenden Flugpionier. Sie verweist auf den oft vergessenen Umstand, daß hier in der Köpenicker Straße die erste Flugzeugfabrik der Welt stand und daß somit – man darf es mit Fug und Recht sagen – Berlin die Stadt ist, aus der das Flugzeug kommt.

Schauen wir uns rings um die Stele um, so müssen wir feststellen, daß heute von Lilienthals Fabrik keine Spuren mehr vorhanden sind. Wir sehen langgestreckte Neubau-Wohnblöcke und Parkplätze mit zwischengelagerten baumbestandenen Rasenstreifen wie dem, auf dem sich die Stele befindet. Weil das hiesige Stadtviertel im Zweiten Weltkrieg schwerste Zerstörung erlitten hatte, konnte man in der Nachkriegszeit nichts weiter tun, als Schritt für Schritt die Ruinen abzutragen. Im Anschluß daran baute man zwischen 1959 und 1961 ein neues Wohngebiet, in dessen westlichem Teil man vorwiegend viergeschossige Wohnhäuser errichtete. Entlang der westlich von unserem Standort parallel zur Michaelkirchstraße verlaufenden Heinrich-Heine-Straße baute man größere Blöcke mit zehn Etagen, die man dann in der Folgezeit auch im nordöstlichen Teil des neuen Viertels bevorzugte, an dessen Ende wir jetzt stehen. Die nach dem großen deutschen Dichter benannte Heinrich-Heine-Straße wurde zum Namensgeber des neuen Stadtteils, den man Heinrich-Heine-Viertel taufte. Beide Teile dieses Stadtquartiers zeichnen sich durch großzügige Freiflächen zwischen den Wohnbauten aus, die mit ihren üppigen Grünanlagen eine idyllische Oase der Ruhe inmitten der Großstadt schaffen.

Wir wandern weiter auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19, der uns auf der linken Seite der Michaelkirchstraße entlangführt, und nähern uns immer mehr der Kirche, die vor uns das Ende der Straße dominiert. Links begleitet uns nun einer der langgestreckten Neubaublöcke, die man in den Nachwendejahren saniert hatte. An insgesamt sechs Hauseingängen müssen wir vorüber, um ihn vollständig zu passieren. Jedem von ihnen ist eine kleine Treppe vorgelagert. Vor der dritten entdecken wir im Pflaster des Gehwegs weitere Stolpersteine. Diesmal sind es vier, die zu einem Quadrat angeordnet sind. Sie erinnern an Angehörige der jüdischen Familie Gelbstein, die einst in dem an dieser Stelle befindlichen Vorgängerbau des heutigen Wohnblocks lebte, der damals die Hausnummer 7 trug. Jenny Gelbstein, die eigentlich Jeanette hieß, stammte aus Czempin in Posen und hatte drei Kinder. Nachdem ihr Mann 1938 verstorben war und ihre Kinder das Haus verlassen hatten, lebte sie hier mit weiteren Familienangehörigen. 1943 deportierten die Faschisten die mittlerweile 78-Jährige mit dem „Vierten großen Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt, wo sie ein Jahr später verstarb. Über das Leben der anderen drei Familienmitglieder, an die die übrigen Stolpersteine erinnern, ist leider, abgesehen von den Daten auf den Steinen, nichts bekannt.

Stolpersteine für Familie Gelbstein
Diese vier Stolpersteine erinnern an die jüdische Familie Gelbstein. Sie befinden sich im Gehwegpflaster der Michaelkirchstraße 5.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Eine Kirche für die Garnison

An ihrem Ende teilt sich die Michaelkirchstraße in zwei Teile auf, die jeweils in einer Biegung auf eine quer verlaufende Straße treffen. Direkt dahinter liegt ein grüner, baumbestandener Platz mit Rasenflächen und Büschen, in dessen Mitte sich der große Kirchenbau befindet, den wir auf unserem Weg durch die Michaelkirchstraße stets vor Augen hatten. Die Sankt-Michael-Kirche, die in den Jahren von 1851 bis 1856 erbaut wurde, war vom protestantischen König Friedrich Wilhelm IV. als zweite repräsentative katholische Kirche in Berlin – die erste war die Sankt-Hedwigs-Kathedrale am Bebelplatz in Mitte – nach der Reformation genehmigt worden, da er sie als Garnisonkirche für die Soldaten katholischen Glaubens in seiner Armee nutzen wollte. Mit den Entwürfen für die Kirche wurde der Schinkel-Schüler August Soller beauftragt, der damit bereits im Jahr 1845 begann. Nicht zuletzt wegen der Unruhen der bürgerlichen Revolution verzögerte sich der Baubeginn jedoch erheblich. Erst fünf Jahre später konnte man mit der Errichtung des neuen Gotteshauses anfangen. Soller, der 1853 verstorben war, wurde drei Jahre später in der von ihm entworfenen Kirche bestattet. Deren Fertigstellung verzögerte sich jedoch weiter, und so dauerte es noch fünf Jahre, bis 1861 schließlich die feierliche Weihe der Kirche vorgenommen werden konnte.

Als man den Bau begonnen hatte, war die Umgebung der Kirche noch weitgehend Heideland. Mit der zunehmenden Besiedlung und der Bildung der Luisenstadt nahm jedoch die örtliche Gemeinde, die sich neben der Soldatengemeinschaft entwickelt hatte, zahlenmäßig immer mehr zu, bis sie schließlich 1877 die Kirche übernahm und elf Jahre später eine eigene Pfarrei wurde. Zur Jahrhundertwende um 1900 war sie auf die stattliche Anzahl von 20.000 Michaeliten angewachsen, wie sich die katholischen Gemeindemitglieder selbst nannten.

Die Sankt-Michael-Kirche
Die Sankt-Michael-Kirche auf dem Michaelkirchplatz – von der Michaelkirchstraße aus gesehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wir überqueren die Querstraße, mit der wir den Michaelkirchplatz betreten, und gehen geradewegs in den die Kirche umgebenden kleinen Park hinein. Dieser wurde 1866 als rechteckige Anlage gestaltet, auf der zwei Grünflächen symmetrisch angeordnet sind. Der Entwurf dafür stammt von keinem Geringeren als Peter Joseph Lenné. Die Längsseiten des Parks werden von zwei Lindenalleen eingefaßt, die wiederum von Kieswegen und Schmuckstreifen mit Blumen und Gehölzen begleitet werden.

Unser Grüner Hauptweg Nummer 19 führt auf einem dieser Wege links an der Kirche vorbei durch den Park. Diese wurde von Soller als dreischiffige Backsteinkirche entworfen. Mittels eines Querschiffs erhielt die Kirche im Grundriß die Form eines Kreuzes. Hinter diesem Querschiff mündeten die drei Schiffe des Langhauses in drei halbrunde Altarnischen, die wir am hinteren Ende der Kirche, an dem wir unseren Weg um sie herum beginnen, von außen bemerken können. Über der Vierung, also dort, wo sich Haupt- und Querschiff kreuzen, hatte Soller einen sogenannten Tambour aufsetzen lassen, einen zylindrischen Turm, der am oberen Ende durch eine Kuppel abgeschlossen wird. Auch diese ist am hinteren Ende der Kirche sehr schön zu sehen. Sie verleiht der Kirche eine Höhe von 56 Metern.

Als wir weiter um die Kirche herumkommen, rückt die Seitenwand des Querschiffs in unser Blickfeld. Dort sehen wir ein großes rundes, segmentiertes Fenster und daneben links und rechts, als Bekrönung der Strebepfeiler an den Ecken, jeweils eine Heiligenstatue und darunter ein rundes Bildnis. Figuren wie diese verzieren gemeinsam mit Friesen an allen Seiten die Außenwände des Kirchenbaus.

Die Sankt-Michael-Kirche
Ein Blick auf die Außenwand des Querschiffs der Sankt-Michael-Kirche auf dem Michaelkirchplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Die Sankt-Michael-Kirche
Heiligenbilder verzieren die Strebepfeiler an den Ecken des Querschiffs. Hier sind der Heilige Petrus und Maria Magdalena zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Als wir schließlich an der Seite der Kirche angekommen sind und sie der Länge nach in Augenschein nehmen können, müssen wir – vielleicht auch mit ein wenig Enttäuschung, auf jeden Fall aber mit einer gewissen Betroffenheit – feststellen, daß die drei Hauptschiffe gar nicht mehr vorhanden sind. Die Kirche ist eine Ruine. Zu verdanken hat sie dies dem US-amerikanischen Bombenangriff vom 3. Februar 1945, durch den die Luisenstadt nahezu völlig zerstört wurde. 950 Flugzeuge warfen damals ihre Brand- und Sprengbomben auf das Stadtviertel, dessen grünes Herz der Michaelkirchplatz mit seinem Gotteshaus ist, und lösten einen Feuersturm aus. Die Kirche wurde schwerstens beschädigt, die Orgel in ihrem Inneren, die als eine der schönsten und größten Kirchenorgeln Berlins galt, völlig zerstört, genauso wie die gesamte Inneneinrichtung. Lediglich die Außenmauern und die Kuppel blieben erhalten. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß eine Kirche, die für das Militär errichtet wurde, den Aktivitäten desselben letztlich zum Opfer fiel.

Die Sankt-Michael-Kirche
Von der Seite sind die Zerstörungen an den Langschiffen der Sankt-Michael-Kirche nicht zu übersehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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So bietet sich uns heute an der Seite des Kirchenbaus ein trauriger Anblick. Eine nur wenige Meter hohe, umrankte Außenwand gibt den Blick ins ehemalige Kircheninnere frei, denn ein Dach ist natürlich auch nicht mehr vorhanden. Nach dem Krieg hat man die Kirche niemals wieder vollständig aufgebaut. Anfang der 1950er Jahre begannen entsprechende Arbeiten zwar mit der Wiedererrichtung der Apsis, der Sakristei und des Querschiffs, so daß 1953 erstmals wieder Gottesdienste im Kirchengebäude abgehalten werden konnten. Auch weihte man 1957 drei neue Glocken ein, denen drei Jahre später, nachdem man eine neue Orgelempore im Querschiff errichtet hatte, die neue Sauer-Orgel folgte. Doch dann war Schluß. Der Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 teilte die Stadt und in der Folge auch die Gemeinde der Kirche. Der nun kirchen- und damit heimatlos gewordene westliche Teil der Gemeinde fand sich zu einer neuen Sankt-Michael-Gemeinde zusammen und erhielt eine eigene Sankt-Michael-Kirche, die sich ganz in der Nähe am Alfred-Döblin-Platz befindet. In späteren Jahren kam es lediglich zu dringend notwendigen Ausbesserungsarbeiten an der alten Kirche. Die Kuppel deckte man neu mit Kupfer ein, das Mauerwerk besserte man aus. Und auch das Kreuz gelangte neu vergoldet wieder auf die Kuppel. Spätestens, als man in den 1980er Jahren mitten in die Kirchenruine einen Flachbau setzte, der nach seiner Fertigstellung als Pfarrhaus diente, war klar, daß eine Wiedererrichtung der Kirche auf keiner Tagesordnung stand.

Nachdem 1989 die Mauer fiel, mußte man feststellen, daß sich die beiden Gemeinden, deren Wiedervereinigung immer als Möglichkeit betrachtet worden war, derart weit auseinanderentwickelt hatten, daß die Zusammenführung nicht mehr in Frage kam. Und so existiert heute keine eigenständige Sankt-Michael-Gemeinde mehr. Der östliche Teil gehört heute zur Domgemeinde Sankt Hedwig, während der westliche der Gemeinde Sankt-Marien-Liebfrauen angeschlossen ist.

Die Sankt-Michael-Kirche
Die Frontseite der Sankt-Michael-Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Was wir von der Seite schon feststellen konnten, wird richtig sichtbar, wenn wir die Kirche passiert haben und deren Vorplatz erreichen: ihre Frontseite ist von den Kriegszerstörungen weitestgehend verschont geblieben. Gehen wir ruhig einmal vor das Hauptportal, das heute zwar keinen Zugang zum Kircheninneren mehr bietet, aber dennoch einen eingehenderen Blick wert ist. Um einen vollständigen Eindruck von ihm zu gewinnen, empfiehlt es sich, den auf die Hauptfront der Kirche zulaufenden, ebenfalls von Linden gesäumten Weg einige Schritte vorzugehen, um diese aus einiger Entfernung zu betrachten. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchenbauten besaß die Sankt-Michael-Kirche nie einen Turm an ihrer Vorderseite. Dennoch sind hier die Kirchenglocken zu finden, die in einem Glockengeschoß mit drei Rundbogenfenstern über dem großen Torbogen untergebracht sind. In der Mitte des nach oben spitz zulaufenden Giebels ist eine große Statue zu sehen, die den Erzengel Michael zeigt, der einen mit einem Kreuz verzierten Helm trägt und mit einem Speer, der als Kreuzstab endet, einen am Boden liegenden Drachen bezwingt.

Die Sankt-Michael-Kirche
Die Figur des Erzengels Michael, geschaffen von August Kiß, auf der Ruine der Sankt-Michael-Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Diese Skulptur schuf der Bildhauer August Kiß, entgegen weitverbreiteter Annahmen jedoch nicht für die Kirche. Bereits im Jahr 1852 stellte er das Modell der Figur fertig, deren erster Guß in Zink wie von König Friedrich Wilhelm IV. vorgesehen als Bekrönung des im gleichen Jahr eingeweihten Preußen-Denkmals in Karlsruhe diente. Ein zweiter Guß, diesmal in Bronze, ging als Geschenk des Königs an seinen Bruder Wilhelm, der die Figur im Park des Schlosses Babelsberg aufstellen ließ. Dort ist sie heute noch zu finden. Für die Kirche, die man dem Erzengel als Namens- und Schutzpatron gewidmet hatte, wählte man vermutlich aus Kostengründen die von Kiß geschaffene Plastik aus, von der nun ein dritter Abguß hergestellt wurde – diesmal wieder in Zink. Hatte man sie zunächst mit einer Patina überzogen, die wohl Marmor imitieren sollte, entschied man sich später für eine Vergoldung. Heute präsentiert sich die Figur wieder in der ursprünglichen Fassung.

In dem großen Torbogen ist eine kreisrunde Öffnung zu sehen, unter der die Reste eines Glasmosaiks auszumachen sind. Es zeigt die Verkündigung an Maria und wurde, obwohl ursprünglich gar nicht geplant, noch vor der Weihe der Kirche angebracht. Durch die Öffnung, die einst ein Fenster barg, kann man heute aufgrund des fehlenden Kirchendaches an einem bestimmten Punkt stehend die Kuppel sehen.

Die Sankt-Michael-Kirche
Das Glasmosaik der Verkündigung an Maria an der Ruine der Sankt-Michael-Kirche. Darüber der Blick durch die Fensteröffnung auf die Kuppel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Am Vorplatz der Kirche

Von der Kirche führt uns der Grüne Hauptweg Nummer 19 nun ein kleines Stück nach links zu einer Straßenkreuzung, an der Engel- und Leuschnerdamm aufeinandertreffen und in den Michaelkirchplatz übergehen. Bevor wir weitergehen, werfen wir noch einmal einen Blick zurück auf die Sankt-Michael-Kirche und den sie umgebenden Park.

Die Sankt-Michael-Kirche
Die Ruine der Sankt-Michael-Kirche inmitten des Parks auf dem Michaelkirchplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Schauen wir die Straße entlang, die den Michaelkirchplatz entlang in die Richtung zurückführt, aus der wir gerade gekommen sind, so können wir inmitten der sie auf der rechten Seite flankierenden Bauten, die aus neuerer Zeit stammen, ein Backsteingebäude ausmachen, das deutlich älter ist. Heute sind darin eine Wohneinrichtung für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung sowie ein Kinder- und Jugendhaus untergebracht, die beide von der Caritas betrieben werden. Ursprünglich war das 1909 errichtete Gebäude, das vom Architekten Karl Eckhardt entworfen wurde, die Heimstatt des Marienstifts, das 1893 von Marienschwestern gegründet worden war, die fünf Jahre zuvor aus Breslau in die Sankt-Michael-Gemeinde gekommen waren. Zum Stift gehörten verschiedene soziale Einrichtungen, unter anderem eine ambulante Krankenpflege, ein Kindergarten und ein Heim für Dienstmädchen. Das Stift bestand bis 1995.

Marienstift am Michaelkirchplatz
Das ehemalige katholische Marienstift am Michaelkirchplatz 3 in Berlin-Mitte. Heute ist hier unter anderem ein Caritas-Wohnheim untergebracht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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An das Stiftshaus schließt sich direkt ein modernerer Bau an, der die Ecke des Michaelkirchplatzes zum Engeldamm ausfüllt. Auch wenn heute darin nur sündhaft teure Wohnungen und im Erdgeschoß Gewerbeflächen untergebracht sind, ist dieses Gebäude einen besonderen Blick wert. Es handelt sich um das Haus des Deutschen Verkehrsbunds, das in den Jahren von 1929 bis 1932 für die Gewerkschaft der Transportarbeiter, eben jenen Deutschen Verkehrsbund, errichtet wurde. Den ersten Entwurf dafür lieferte 1927 Bruno Taut, den sein Bruder Max Taut zwei Jahre später überarbeitete. Das Gebäude, ein Stahlbeton-Skelettbau, ist mit seiner Fassade ein schönes Beispiel für den Stil der Neuen Sachlichkeit, dessen Vertreter die Taut-Brüder waren.

Nachdem die deutschen Faschisten die Gewerkschaften enteignet und schließlich zerschlagen hatten, überließen sie das Gebäude der Deutschen Arbeitsfront zur Nutzung. Diese brachte hier die Gauverwaltung Berlin der Organisation „Kraft durch Freude“ unter. Der von den Faschisten angezettelte Zweite Weltkrieg endete für die Luisenstadt in dem bereits erwähnten Feuersturm, in dem auch das Gewerkschaftshaus völlig ausbrannte. Nur das Stahlbetonskelett blieb übrig. Ende der 1940er Jahre wurde es für den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, den Dachverband der Gewerkschaften in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, wiederaufgebaut, der es von 1950 bis 1990 nutzte. Nach seiner Auflösung im Zuge des Endes der DDR zogen zunächst Einzelgewerkschaften ein, später ging es an die Großgewerkschaft ver.di. 1998 nahm man zwar eine denkmalgerechte Grundsanierung vor, doch weil nur wenige Jahre darauf Baumängel zutagetraten, gab ver.di das Gebäude 2002 auf und zog aus. Acht Jahre stand es leer und rottete vor sich hin, bis es schließlich von 2011 bis 2013 instandgesetzt und in das Wohnhaus verwandelt wurde, das es heute ist.

Ehemaliges Gewerkschaftshaus am Engeldamm
Das ehemalige Gewerkschaftshaus am Engeldamm, Ecke Michaelkirchplatz. Entworfen wurde es von Bruno und Max Taut.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Das Bassin des Engels

Von der Ecke des Michaelkirchplatzes, an der wir jetzt stehen, überqueren wir die Straße, die ihn von einem großen, nahezu quadratischen Wasserbecken trennt, das sich hinter einer etwa hüfthohen roten Ziegelmauer befindet. Dessen Wasserspiegel liegt ein paar Meter unterhalb des Straßenniveaus. Dieses ebenfalls nach dem Erzengel Michael benannte Engelbecken ist das letzte Überbleibsel einer weiteren städtischen Wasseranlage, die wir auf dieser Etappe unserer Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 erreichen: des Luisenstädtischen Kanals.

Einst verband dieser künstlich angelegte Kanal, der 1852 eröffnet wurde, den Landwehrkanal mit der Spree. Fragen wir nach dem Urheber der Idee für die Anlage dieser Wasserstraße, stoßen wir zunächst wieder auf den berühmten und umtriebigen Landschaftsarchitekten und Stadtplaner Peter Joseph Lenné. Dieser hatte, nachdem er von Friedrich Wilhelm IV. mit der städtebaulichen Planung Berlins beauftragt worden war, die Idee für einen Kanal durch die Luisenstadt vom Oberbaurat Johann Carl Ludwig Schmid und dessen 1825 entwickelten, jedoch nie realisierten Bebauungsplan für den Südteil der Luisenstadt – das sogenannte Köpenicker Feld – übernommen. Es ist kein Zufall, daß der Name Lenné, auf den wir bereits im Zusammenhang mit dem Michaelkirchplatz gestoßen waren, hier wieder auftaucht, denn sowohl der Platz als auch der Kanal sind Bestandteil des von Lenné entworfenen „Bebauungs-Plans des Cöpenicker Feldes zu Berlin“, in dem der Platz bereits für die später errichtete Kirche vorgesehen ist.

Weil Lenné Grünflächen, die der Naherholung dienen, sowie Straßen und Plätzen, die einen hohen Aufenthaltswert besitzen, eine große Bedeutung für das Funktionieren von Stadtquartieren beimaß, sah er in dem Kanal mehr als nur eine Wasserstraße und Schiffsverbindung. Vielmehr entwarf er einen als Schmuckstreifen gestalteten Straßenzug mit dem Kanal in der Mitte, der gestalterisch die Mitte des neuen Stadtviertels bilden sollte. Der Bau des 2,3 Kilometer langen Kanals begann 1848. Vier Jahre später war er fertig. Die geplante Bedeutung für die Schiffahrt hat er jedoch nie erreicht. Zwar diente er anfangs noch als Transportweg für die Baumaterialien, die zum Ausbau der Luisenstadt benötigt wurden, doch nachdem dieser abgeschlossen war, gab es auf dem Kanal kaum noch Verkehr. Weil er überdies nur ein geringes Gefälle besaß, stand das Wasser meist anstatt zu fließen. Das hatte Algenbildung, Mückenplagen und starke Geruchsbelästigungen zur Folge, unter denen die am Kanal lebende Bevölkerung litt. Dies bewog den Magistrat im Jahr 1926, auf den Kanal zu verzichten und ihn verfüllen zu lassen. Unter der Leitung des Stadtgartendirektors Erwin Barth und des örtlichen Gartenamtsleiters Hans Martin gestaltete man den zugeschütteten Kanal zu einer Grünfläche um. Man füllte ihn dafür bis knapp über die ursprüngliche Wasserlinie auf, behielt die backsteinernen Ufermauern bei und versah sie mit Brüstungen, schuf Sitzecken, Brunnen, Spielplätze und schmale Wasserrinnen – kurz, man ließ eine langgestreckte, abwechslungsreiche Grünanlage in der Breite des vormaligen Kanals entstehen. Lediglich das Engelbecken, zu dem die von Süden vom Landwehrkanal kommende und hier im rechten Winkel nach Osten abknickende ehemalige Wasserstraße sich an dieser Stelle verbreiterte, blieb als Wasserfläche erhalten. An seinen Ufern errichtete man Laubengänge, die im Sommer Schatten spendeten.

Am Engelbecken
Ein Blick über das Engelbecken. Einst war es Teil des längst zugeschütteten Luisenstädtischen Kanals.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Auf der anderen Straßenseite angekommen, führt uns der Weg zu einer Treppe, die wir zum Engelbecken hinabsteigen. Unten angekommen, entdecken wir rechts an seinem Ufer ein kleines Café mit einer Terrasse, die bis an die Wasserfläche heranreicht. Eine kleine Rast in diesem „Café am Engelbecken“ ist eine angenehme Bereicherung unserer Wanderung. Wer möchte, kann sich auch in den wie ein hübsches Wohnzimmer mit Spiegeln, Sesseln und Sofas gestalteten Innenraum des Cafés setzen, der in den Sockel der Aussichtsplattform hineingebaut ist, die mittig in die Umfassungsmauer des Engelbeckens eingefügt wurde.

Café am Engelbecken
Ein Blick in das gemütliche Café am Engelbecken.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Zurück an der Treppe, die uns zur Wasserfläche heruntergebracht hat, setzen wir unseren Weg am linken Ufer fort. Der Weg führt an der Ufermauer einen der Laubengänge entlang, die jedoch nicht vollständig bewachsen sind, so daß wir einen ungehinderten Ausblick auf das Engelbecken haben. Sechzehn Fontänen beleben die Wasserfläche, auf der sich immer wieder – mal mehr, mal weniger zahlreich – Wasservögel sehen lassen. Hier ist auch ein Schwanenpaar zu Hause, daß jedes Jahr eine Schar Junge aufzieht. Für Anwohner, regelmäßige Besucher und – wenn wir mit etwas Glück zur rechten Zeit hier vorüberkommen – auch uns ist es ein herzerwärmender Anblick, wenn die schneeweißen Schwaneneltern mit ihren noch grau gefiederten Jungen im Schlepptau über den Teich ziehen oder gar neugierig ans Ufer kommen in der Hoffnung, von den Menschen etwas Futter zu ergattern.

Schwäne am Engelbecken
Am Engelbecken lebt ein Schwanenpaar, das jedes Jahr Junge aufzieht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Ob es zu Zeiten des Luisenstädtischen Kanals ebenfalls Schwäne auf dem Engelbecken gegeben hat, wissen wir nicht. Unwahrscheinlich ist es nicht. Als repräsentativer „Vorplatz“ für die Sankt-Michael-Kirche war das Engelbecken zu jener Zeit sicher bei den Stadtbewohnern beliebt. Dazu trug ebenfalls bei, daß die Hafenbecken des als Transportweg dienenden Kanals auch von den Obst- und Gemüsebauern aus dem Spreewald als schwimmende Marktplätze genutzt wurden. Als der Kanal dann zugeschüttet und in eine Grünanlage umgestaltet wurde, plante Erwin Barth zunächst, das Engelbecken in einen Indischen Teich umzuwandeln, stilecht mit Palmen, exotischen Pflanzen und Elefantenstatuen. Gespeist werden sollte er von den warmen Abwassern der nahegelegenen Eisfabrik der Norddeutschen Eiswerke. Auch ein Volksbad sollte entstehen. Doch gegen diese Vorstellungen erhob die katholische Öffentlichkeit starke Einwände. Soviel Exotik in der Nähe ihrer Kirche war für sie nicht akzeptabel. So wurden daraus lediglich die Schmuckanlage um das Engelbecken und ein Planschbecken für Kinder, das man auf den Namen „Wasserschloß“ taufte.

Der Zweite Weltkrieg verschonte zwar den Grünzug des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals, doch man mußte den Trümmerschutt der Luisenstadt irgendwo loswerden. Man verfiel auf die Idee, ihn in die tieferliegende Grünanlage zu schütten, was auch geschah. Immerhin behielt man die Grünanlage bei, gestaltete sie allerdings völlig neu. Der Bau der Mauer nicht einmal zwanzig Jahre später war dann jedoch für lange Zeit ihr Ende. Der in Ostberlin liegende Teil wurde komplett verfüllt, denn er diente nun als Grenzstreifen zwischen den beiden Mauern. Sämtliche Bäume wurden gefällt. Das Engelbecken wurde zum Störfaktor und kurzerhand zugeschüttet.

So blieb es lange Jahre. Nach dem Fall der Berliner Mauer entschied die Berliner Gartendenkmalpflege, den Grünzug des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals wiederherzustellen. Bereits 1991 begann man, die von Lenné einst vorgesehenen Lindenreihen wieder zu pflanzen. Zwei Jahre später stellte man den im Bezirk Mitte liegenden Kanalteil unter Denkmalschutz und restaurierte nach und nach die einzelnen Gartenabschnitte, wobei man auch die Verfüllung rückgängig machte. Um die Jahrtausendwende erstand schließlich auch das Engelbecken wieder neu, doch vergingen noch einige Jahre, bis die gesamte Anlage einschließlich der wiedererrichteten sechzehn Fontänen 2007 feierlich in Betrieb genommen werden konnte. Auch das ehemalige Wasserschloß ist auferstanden – allerdings ohne Planschbecken. Wir kennen es bereits – das Café am Engelbecken ist heute dort zuhause.

Am Engelbecken
Ein Blick über das Engelbecken hinüber zur Sankt-Michael-Kirche, aufgenommen vom Rosengarten im Frühjahr 2020. Zu dieser Zeit ist das Café am Engelbecken noch geschlossen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Am anderen Ende des Engelbeckens folgt der Weg dem Ufer nach rechts und erreicht dort, wo es in den ehemaligen Kanal übergeht, einen kleinen Rosengarten. Er ist der zweite an dieser Stelle. Der erste entstand bei der Gestaltung der Grünanlage auf dem gerade zugeschütteten Luisenstädtischen Kanal und existierte bis zum Jahr 1961, als er gemeinsam mit dem Engelbecken verfüllt und eingeebnet wurde, damit darauf die Grenzsicherungsanlagen der Berliner Mauer errichtet werden konnten. Nach deren Fall grub man 1993 das Gelände des ehemaligen Rosengartens zunächst aus und stellte die ihn einfassenden Kanalwände wieder her. Anschließend wurde der Rosengarten neu angelegt.

Von Gründern und Besetzern

Blickt man über den Garten und die ihn südöstlich begrenzende ehemalige Kanalmauer, so fällt der Blick auf ein markantes Gebäude mit dreieckigem Giebel, der die Häuserzeile, in der es sich befindet, deutlich überragt. Ganz in der Nähe führt eine Treppe zum davor entlangführenden Leuschnerdamm hinauf. Steigen wir ruhig einmal hinauf und gehen die wenigen Schritte hinüber.

Über der großen Toreinfahrt auf der rechten Seite des Gebäudes ist in großen Lettern der Name „Engelbecken-Hof“ zu lesen. Darüber ist an einem hohen Erker das Relief einer Dampflokomotive zu erkennen. Am benachbarten zweiten Erker links daneben können wir ein zweites Relief sehen, das ein Schiff zeigt. Treten wir durch die Einfahrt, gelangen wir in einen Hof, der von sechsgeschossigen Bauten mit großen Fenstern und glasierten Klinkerfassaden umschlossen ist, die ihren Charakter von Industrie- und Gewerbebauten nicht verleugnen können. Eine weitere Durchfahrt führt in den nächsten Hof, von denen es insgesamt sechs gibt. Dieser Engelbecken-Hof ist ein typischer Gewerbehof, wie sie in der Zeit nach 1900, als sich der hiesige Stadtteil von einer Vorstadt mit vorwiegend Wohnbauten in ein gemischtes Wohn- und Gewerbegebiet wandelte, häufiger hier entstanden sind. Errichtet wurde die Hofanlage in den Jahren 1903 und 1904 für den Marmorfabrikanten Röhl. Der Architekt Richard Schäfer entwarf eine vielseitig nutzbare Etagenfabrik, die bis zum heutigen Tage ein Standort für vielfältige Gewerbe ist. Mit seiner Lage direkt am Engelbecken hatte der Hof zum Zeitpunkt seiner Errichtung einen bedeutenden Standortvorteil, da der Kanal als Lieferant für notwendiges Brauchwasser dienen konnte und überdies auch als Transportweg zur Verfügung stand, auch wenn er für diesen Zweck seine Bedeutung zu jener Zeit bereits stark eingebüßt hatte. Das Vorderhaus, das mit seinen Reliefs bereits auf den Zweck der Hofanlage als Standort für Industrie und Gewerbe hinweist, erinnert mit seinem hohen Giebel stark an die mittelalterlichen Bürger- oder Lagerhäuser, wie sie in den großen Hansestädten, zu denen Berlin auch zeitweise gehörte, häufiger anzutreffen waren.

Rosengarten im Luisenstädtischen Kanal
Der Engelbecken-Hof am Leuschnerdamm, vom Rosengarten am Engelbecken aus gesehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Links neben dem Engelbecken-Hof geht der Leuschnerdamm in eine Biegung um das Engelbecken, die von der Häuserzeile nachvollzogen wird. In der so entstehenden Ecke stoßen zwei Häuser aneinander, die die Hausnummern 7 und 9 tragen. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre waren beide Gebäude, die damals direkt hinter der Berliner Mauer im Bezirk Kreuzberg lagen, von jugendlichen Hausbesetzern in Beschlag genommen worden. Das Haus Nummer 9 war dabei eines der ersten und unter der Bezeichnung „Turm“ bekanntesten besetzten Häuser. Dieser Name leitete sich aus dem nach außen gewölbten Treppenaufgang an der Fassade der Hofseite ab. Seine Geschichte als in Beschlag genommenes Gebäude begann 1979. Zwei Jahre später hatte die Hausbesetzerszene eine solche Bedeutung erreicht, daß sich die ARD veranlaßt sah, über das Phänomen eine Dokumentation zu drehen, die unter dem Titel „Unter deutschen Dächern: Im Turm – Hausbesetzer in Kreuzberg“ ausgestrahlt wurde. 1981 war auch das Jahr der Besetzung des benachbarten Hauses Nummer 7, das in der Szene den Namen „Leuschi 7“ erhielt. Die Auseinandersetzungen der Hausbesetzer mit Senat und Polizei dauerten schließlich bis zum 28. Juni 1983. An diesem Tag ließ die Stadt beide Gebäude räumen, doch wurden mit einzelnen Bewohnern danach Mietverträge abgeschlossen.

Am Leuschnerdamm
Die beiden Eckgebäude am Leuschnerdamm nahe dem Engelbecken waren Anfang der 1980er Jahre besetzte Häuser, was man ihnen heute nicht mehr ansieht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Auf dem verschwundenen Kanal

Wir kehren zur Treppe, die wir hinaufgestiegen waren, zurück. Von der Ziegelmauer, die die Straße vom ehemaligen Kanal trennt, können wir den Rosengarten und das Engelbecken überschauen. Der Blick schweift hinüber zur Sankt-Michael-Kirche und offenbart uns den Charakter des repräsentativen Vorplatzes, den Lenné für das Bassin in Bezug auf die Kirche im Sinn hatte.

Am Engelbecken
Ein Blick über das Engelbecken auf die Sankt-Michael-Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Nachdem wir die Treppe wieder hinabgestiegen sind, spazieren wir zwischen den von Laubengängen gesäumten Ufermauern den ehemaligen Kanal entlang. Zwei parallel verlaufende, durch eine Rasenfläche voneinander getrennte Wege führen uns auf eine Brücke zu, vor der auf halbem Wege inmitten eines langgestreckten Wasserbeckens ein Brunnen steht. Zahlreiche wasserspeiende Löwenköpfe und meditierende Figuren bilden fünf übereinander angeordnete, nach oben immer kleiner werdende Ringe, auf denen die Figur einer Göttin der Weisheit sitzt. Dieser von Erwin Barth und Professor Schott entworfene Indische Brunnen wurde als einziges fernöstliches beziehungsweise exotisches Element in den Grünanlagen des zugeschütteten Luisenstädtischen Kanals aufgestellt. Als diese im Zuge des Mauerbaus vernichtet wurden, war der bronzene Brunnen schon nicht mehr vorhanden. Diesen hatten 1942 bereits die deutschen Faschisten zum Zwecke der Waffenproduktion abbauen und einschmelzen lassen. Als man 1993 mit den Ausgrabungen am Rosengarten begann, stieß man kurz darauf auf das längliche Brunnenbecken und fand auch den Sockel mit dem Goldmosaik wieder, auf dem die Bronzeplastik des Brunnens einst gestanden hatte. Der Künstler Gerald Matzner wurde beauftragt, in Anlehnung an das ursprüngliche Kunstwerk eine neue Brunnenfigur zu schaffen, die bereits Mitte der 1990er Jahre aufgestellt werden konnte und der wiedererstandenen Grünanlage im ehemaligen Luisenstädtischen Kanal neuen Glanz verleiht.

Parkanlage im ehemaligen Luisenstädtischen Kanal
Die Grünanlage im ehemaligen Luisenstädtischen Kanal mit dem Indischen Brunnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Der Indische Brunnen
Der Indische Brunnen in der Grünanlage im einstigen Luisenstädtischen Kanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Nicht weit hinter dem Indischen Brunnen führt der Weg durch den Bogen einer Brücke, die hier das frühere Kanalbett überquert. Die Waldemar-Brücke, deren Name sich von der sie überquerenden Waldemarstraße ableitet, ist die einzige erhaltene historische Brücke des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals.

Die Waldemar-Brücke
Der Name der Waldemar-Brücke an einem ihrer Brückensockel. Die Brücke ist die letzte noch existierende des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Kurz vor der Brücke überqueren wir die Linie, auf der zwischen 1961 und 1990 die Berliner Mauer den verfüllten Kanal überquerte. Weil durch das Grenzbauwerk der freie Blick, den man früher von der Brücke auf die Sankt-Michael-Kirche hatte, blockiert wurde, schuf der in Berlin lebende Künstler Yadegar Asisi im Jahre 1986 auf Initiative des Berliner Architekten Bernhard Strecker den sogenannten „Mauerdurchblick“. Dazu bemalte er die Mauer an der Waldemar-Brücke mit einer Darstellung der nicht sichtbaren unteren Hälfte der Kirche, so daß die Illusion des ungehinderten Blickes auf das Gotteshaus entstand. Heute stehen die betreffenden Mauersegmente in den Vatikanischen Gärten, wohin sie 1994 als Schenkung des Italieners Marco Piccininni gelangten, der sie nach dem Fall der Mauer auf einer Auktion ersteigerte, die 1990 in Monte Carlo stattfand.

Die Waldemar-Brücke
Blick von der Waldemar-Brücke zum Engelbecken und zur Sankt-Michael-Kirche. Wenige Meter entfernt stand einst die Berliner Mauer, auf die Yadegar Asisi seinen „Mauerdurchblick“ malte.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Nachdem wir die Waldemar-Bbrücke durchquert haben, sind die früheren Kanalwände, die uns bisher links und rechts begleitet haben, plötzlich verschwunden. Sie werden nun von Böschungen abgelöst, die, wie wir bei einem Blick voraus feststellen können, sehr schnell flacher und flacher werden, bis der Weg schon nach wenigen Metern das Niveau der zu seinen beiden Seiten verlaufenden Straßen erreicht. Hier, im Kreuzberger Teil des Kanals, den wir nun erreicht haben, hatte man die Grünanlagen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem mit Trümmerschutt verfüllten Kanal entstanden waren, in den 1980er Jahren erneut umgestaltet, wobei man allerdings die historische Gestaltung weitgehend ignorierte. Insbesondere stellte man die tiefergelegte Grünanlage, die Erwin Barth einst geschaffen hatte, nicht wieder her. Dies unterblieb auch bei der Restaurierung des Kanals nach dem Fall der Mauer, die sich ausschließlich auf dessen Ostberliner Teil konzentrierte.

Die Waldemar-Brücke
Hinter der Waldemar-Brücke – der Blick geht hier zurück zur Sankt-Michael-Kirche – ist der Luisenstädtische Kanal nicht mehr als solcher erkennbar. Die Ufermauern sind verschwunden und die Grünanlage steigt auf das Straßenniveau an.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Gewerkschafter-Erinnerungen

Als wir daher hinter einer Ansammlung größerer Steine einen kreuzenden Querweg erreichen, benötigt dieser nur noch wenige Stufen, um links und rechts die beiden flankierenden Straßen zu erreichen. Hinter ihm gehen die Böschungen in einen Grünstreifen mit Rasen und Büschen über. Links von uns entdecken wir darin eine kleine Büste auf einem hohen Betonsockel, die jedoch von uns abgewandt ist. Wir müssen daher zur Straße hinüber und auf den dortigen Gehweg wechseln, um ihr Angesicht betrachten und die am Sockel angebrachte, schon recht verblaßte Tafel lesen zu können. Diese verrät uns, daß wir eine Büste des Namensgebers der Straße vor uns haben, die den ehemaligen Luisenstädtischen Kanal auf dieser Seite schon eine ganze Weile begleitet. Der 1890 geborene Wilhelm Leuschner war ein deutscher Gewerkschaftsführer und Sozialdemokrat, der 1928 nach der von der SPD gewonnenen Reichstagswahl Innenminister im Volksstaat Hessen wurde. Als entschiedener Gegner des deutschen Faschismus mußte er 1933 von diesem Amt zurücktreten. Da er sich als Gewerkschaftsführer standhaft weigerte, mit den Faschisten zusammenzuarbeiten, wurde er von ihnen inhaftiert und ein Jahr lang in Gefängnissen und Konzentrationslagern gefangen gehalten. Nach seiner Entlassung baute er ein Widerstandsnetzwerk auf. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Leuschner, der mit der Gruppe um Graf von Stauffenberg in Verbindung gestanden hatte, denunziert und verhaftet. Der sogenannte Volksgerichtshof verurteilte ihn zum Tode. Die Faschisten vollstreckten dieses verbrecherische Urteil am 29. September 1944 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee. Zwei Jahre nach dem Ende des Krieges erhielt die bis dahin Elisabethufer genannte Straße am ehemaligen Luisenstädtischen Kanal ihm zu Ehren den Namen Leuschnerdamm. Die später aufgestellte Bronze-Büste wurde von Herbert Kühn geschaffen. Das Exemplar, vor dem wir jetzt stehen, ist allerdings eine Kopie aus Kunststein.

Büste für Wilhelm Leuschner
Die Büste für Wilhelm Leuschner am nach ihm benannten Leuschnerdamm.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Gegenüber der Büste Wilhelm Leuschners im Grünstreifen rechts des Mittelweges können wir eine weitere Büste entdecken. Auch sie ist zunächst von uns abgewandt, so daß wir zum dortigen Legiendamm hinübergehen müssen, um sie genauer zu betrachten. Sie steht auf einem hohen roten Marmorsockel, dessen eingravierte Inschrift den Namen des Dargestellten preisgibt: Carl Legien. Wie auf der gegenüberliegenden Seite auch, wird mit dieser Büste der Namensgeber der vor ihr verlaufenden Straße geehrt. Der 1861 geborene Legien, der lange Jahre als Abgeordneter der SPD im Reichstag saß, war ebenfalls Gewerkschaftsfunktionär und Präsident des Internationalen Gewerkschaftsbundes sowie des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er organisierte 1920 den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch. Im selben Jahr bot ihm Friedrich Ebert die Regierungsbildung an, doch er lehnte ab. Kurz vor Ende desselben Jahres verstarb er. 1947 erhielt der Kösterdamm, der bis 1937 Luisenufer geheißen hatte, den Namen Legiens. 1962 wurde dann die von Karl Trumpf geschaffene Bronze-Büste aufgestellt. 1978 entfernte man sie, doch elf Jahre später kehrte sie schließlich an ihren Platz zurück. Seit 2013 steht hier eine von der Bildhauerin Ute Hoffritz  geschaffene Kopie aus Kunststein.

Büste für Carl Legien
Die Büste für Carl Legien am nach ihm benannten Legiendamm.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Es war einmal ein Markt

Schauen wir uns an der Stelle, an der wir gerade stehen, um, bemerken wir direkt hinter uns ein kleines, einstöckiges Gebäude mit einer roten Ziegelfassade und einem kleinen Vorgarten, der von einem schwarzen, schmiedeeisernen Geländer eingefaßt wird, dem sich eine Hecke anschließt. Ein über dem doppelflügeligen Eingangstor im Zaun angebrachtes, großes Schild verkündet uns, daß wir vor der Gaststätte „Zur  kleinen Markthalle“ stehen. Betrachten wir das Haus und seine Umgebung genauer, so erscheint dieser Name ein wenig merkwürdig, denn von einer Markthalle, und sei es auch nur eine kleine, ist weit und breit nichts zu sehen. Nun, früher war das einmal anders. Um die als unhygienisch geltenden offenen Märkte, die es überall in der Stadt zu dieser Zeit gab, abzulösen, beschloß der Berliner Magistrat im Jahre 1881, vierzehn überdachte Markthallen an verschiedenen Standorten errichten zu lassen. Die größte war die sogenannte Zentralmarkthalle am Alexanderplatz. Doch auch hier, im Stadtteil Kreuzberg, entstand mit der Markthalle VII ein solcher Markt. Die Pläne dafür lieferte der Architekt und Stadtbaurat Hermann Blankenstein, auf dessen Spuren wir bereits an dem Gebäude der ehemaligen „95. Gemeinde-Schule“ in der Heinrich-Roller-Straße gestoßen waren.

Zur kleinen Markthalle

Zur kleinen Markthalle
Die Gaststätte „Zur kleinen Markthalle“ am Legiendamm 32. Ein letzter Rest der ehemaligen Markthalle VII.
Fotograf: Alexander Glintschert (2018)
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Eröffnet am 23. Mai 1888, befand sich die Markthalle zwischen der Dresdener Straße und dem Luisenufer, das heute Legiendamm heißt, sowie der Buckower Straße – der heutigen Waldemarstraße. Da der Zweite Weltkrieg und die US-amerikanischen, den Feuersturm in der Luisenstadt auslösenden Bombenangriffe auch die Markthalle zerstörten, sind heute nur noch zwei ihrer ehemaligen Gebäude zu finden, die beide unter Denkmalschutz stehen: das Portal an der Dresdener Straße und eben jenes kleine Gebäude am Legiendamm, vor dem wir jetzt stehen. Die kleinen runden Reliefs an seiner Fassade, die verschiedene Nahrungsmittel von Obst und Gemüse bis Fisch und Geflügel zeigen, erzählen noch von der früheren Rolle als Zugang zur Markthalle, die es einst besaß. Von Beginn an war in dem einstöckigen Gebäude eine Gaststätte untergebracht. In der ersten Etage wohnten der Wirt und die Angestellten, darunter befand sich im Erdgeschoß der Schankraum. Im Hof hinter dem Gebäude gab es eine zur Gaststätte gehörende Schlachterei. Wenn das Lokal gerade geöffnet hat, sollte man sich die Zeit nehmen, einmal einzutreten und einen kleinen Imbiß zu sich zu nehmen. Im Gastraum können immer noch Teile des ursprünglichen Inventars bewundert werden. Original erhalten sind das Tresen-Büffet und das Holzpaneel an den Wänden, das bis in eine Höhe von eineinhalb Metern hinaufreicht.

Zur kleinen Markthalle
An der Fassade der Gaststätte „Zur kleinen Markthalle“ künden noch heute kleine runde Relief vom ehemaligen Zweck des Gebäudes.
Fotograf: Alexander Glintschert (2018)
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Im Zentrum der Luisenstadt

Kehren wir zum grünen Park auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal zurück. Ein Stück weiter hören die Bäume auf und der doppelte Straßenzug, der uns seit dem Engelbecken begleitet, weitet sich zu beiden Seiten auf einen großen Platz. Unser Weg führt direkt auf eine große Brunnenanlage zu, die den Namen Drachenbrunnen trägt. Zugegeben, es ist nicht ganz einfach, in den um das runde Bassin angeordneten Granitblöcken des 1986 aufgestellten Schmuckbrunnens, den der Künstler Wigand Witting entworfen hat, einen Drachen zu erkennen, doch mit etwas gutem Willen wird es vielleicht gelingen.

Dieser große Platz, den wir nun erreicht haben, ist der Oranienplatz. Angelegt wurde er in den 1840er Jahren basierend auf den Entwürfen von Peter Joseph Lenné. Als der Luisenstädtische Kanal entstand, schnitt er den Platz in zwei Teile, die über die Oranienbrücke miteinander verbunden wurden. Diese wurde schnell zum Nadelöhr, denn immerhin überquerte nicht nur die Oranienstraße hier den Kanal. Über den Oranienplatz führte damals auch schon die Dresdener Straße, durch die die Kutschen Berlin in Richtung Mittenwalde und Dresden verließen, und auch die Straßen links und rechts des Kanals führten dem Platz den Verkehr zu. Der Oranienplatz war unbestritten innerhalb kürzester Zeit das schlagende Herz der Luisenstadt, ganz wie Lenné es vorgesehen hatte.

Oranienplatz
Der Oranienplatz. Im Hintergrund ist der Drachenbrunnen zu sehen. Der den Platz einst durchschneidende Luisenstädtische Kanal ist durch den breiten Sandstreifen in seiner Mitte angedeutet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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In der Dresdener Straße
Ein Blick vom Oranienplatz in die Dresdener Straße in Richtung der Berliner Mitte.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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1906 gestaltete man den Platz nach Plänen des Gartenarchitekten Hermann Mächtig um, dessen Wirken uns bereits vom Kollwitzplatz bekannt ist. Die den Kanal überspannende Brücke wurde nicht zuletzt für die sie überquerenden Straßenbahnlinien verbreitert und mit vier großen Lampen in der Form von großen Laternen versehen. Diesen entsprachen zu beiden Seiten des Kanals jeweils zwei gigantische steinerne Bogenlampen-Kandelaber im Jugendstil, die auf dem Platz nach Entwürfen des Architekten Bruno Schmitz errichtet wurden. Mit dem Kanal verschwand dann in den 1920er Jahren allerdings auch die Brücke.

Von den einstigen Bauten rings um den Platz sind heute noch einige vorhanden. Gleich links, wenn wir den Platz betreten, entdecken wir ein großes Café, das auf den Namen „Kuchen-Kaiser“ hört. Von dem einstigen Unternehmen ist allerdings nur der Name geblieben. 1865 hatte der Inhaber eine imposante Konditorei eröffnet, für die er eigens ein vierstöckiges Gebäude errichten ließ. Zwei Öfen im Keller und Wohnungen für rund einhundert Angestellte und die Familie des Besitzers waren im Haupt- und in den Nebengebäuden untergebracht. Elfentorten, Mokka-Parfaits und Prinzess-Baumkuchen waren regelrechte Attraktionen, Paul Lincke soll hier das süße Leben genossen haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich das Unternehmen noch bis 1957, dann war Schluß. Insolvenz. Die Nachfolger behielten immerhin den Namen des einst so bekannten und erfolgreichen Etablissements.

Oranienplatz
Der Oranienplatz mit dem ehemaligen Kaufhaus Brenninkmeyer im Hintergrund.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden rings um den Platz Mietshäuser errichtet, von denen viele heute noch vorhanden sind. Einige sind als Baudenkmale deklariert. Doch es entstanden auch einige recht monumentale Gebäude. Eines davon ist auf der linken Seite zu sehen. Es steht direkt an der Ecke zur Oranienstraße. Große Fenster lassen reichlich Licht ins Innere und sind in der vierten Etage bogenförmig gestaltet. Das fünfte Geschoß täuscht eine Balustrade vor, auf deren Sockeln riesige Obstkörbe zu stehen scheinen. Diesem Bau mit insgesamt fünf Etagen meint man das ehemalige Warenhaus förmlich anzusehen. Doch als solches wurde es zunächst gar nicht errichtet. Zunächst zog das Café Oranienpalast ein, dann der Ahlbecker Hof. Erst danach wurde das Gebäude zum Warenhaus umfunktioniert, als es 1936 die Firma „Allgemeine Textil-Fabrikations und Handels AG Clemens & August Brenninkmeyer übernahm und hier ihre vierte Filiale in Berlin eröffnete. Auch wenn in diesem Haus, in dem heute das Hotel Orania Berlin residiert, keine Waren mehr feilgeboten werden – die aus den Niederlanden stammende Firma, die es einst besaß, gibt es noch. Den umständlich langen Namen trägt sie allerdings nicht mehr. Den verkürzte man alsbald zu dem heute allbekannten C & A – C für Clemens und A für August.

Das ehemalige Kaufhaus Brenninkmeyer am Oranienplatz
Das ehemalige Kaufhaus Brenninkmeyer am Oranienplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Das ehemalige Kaufhaus Brenninkmeyer am Oranienplatz
Ein Detail über dem Haupteingang des ehemaligen Kaufhauses Brenninkmeyer in der Oranienstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Das ehemalige Kaufhaus Brenninkmeyer am Oranienplatz
Das oberste Geschoß des ehemaligen Kaufhauses Brenninkmeyer an der Seite der Oranienstraße. Interessant sind die Korbdekorationen auf der scheinbaren Balustrade.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Ebenfalls auf der linken Platzseite, doch auf der anderen Seite der Oranienstraße gelegen, die wir nun überqueren, hat sich an der Ecke des Erkelenzdammes ein Geschäft erhalten, das aus der Gründungszeit des Platzes stammt. Acht Jahre nach dessen feierlicher Einweihung im Jahre 1852 gründete der Apotheker Rudolph Ernst Emil Kade, nachdem er die entsprechende Konzession erhalten hatte, hier eine Apotheke. Mit dem pharmazeutischen „Fabrications- und Exportgeschäft“, das er hier ebenfalls betrieb, stieg er in den 1890er Jahren sogar zum königlich-kaiserlichen Hoflieferanten für die deutschen Kolonialgebiete und Schutztruppen auf. Das Haus, das bei der Eröffnung der Apotheke gerade neu gebaut worden war, überstand den Zweiten Weltkrieg, und so gehörte die Oranien-Apotheke lange Zeit zu den ältesten erhaltenen Apotheken Berlins. 2015 kam jedoch auch für sie das Ende. Sie mußte schließen. Heute ist an ihrer Stelle ein Restaurant eingezogen. Die Betreiber des Cafés Ora haben jedoch erfreulicherweise die über die Jahrhunderte erhaltene Einrichtung, die aus umfangreichem Holzmobiliar, kleinteiligen Apothekerschränkchen und einer hohen Stuckdecke besteht, beibehalten, so daß man sie heute noch bewundern kann. Auch der Namenszug „Oranien-Apotheke“prangt noch außen an der Fassade über den Fenstern des Lokals.

Die Oranien-Apotheke
Die Oranien-Apotheke gibt es nicht mehr. Heute firmiert unter diesem Namen ein Restaurant, das in der ehemaligen Apotheke residiert. Die historischen Apothekenschränke und -regale hat man behalten und als Innendekoration genutzt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Daß der Oranienplatz einst ein bedeutendes städtisches Zentrum war, läßt sich auch daran ablesen, daß es hier zu jener Zeit neben dem Kaufhaus Brenninkmeyer noch ein zweites Warenhaus gab, das eigentlich sogar das erste war, denn das Konfektionshaus des Reinhardt Moritz Maassen hatte es bereits 1903 errichten lassen. Entstanden war auf der Platzseite rechts von uns ein imposanter Kaufhaustempel aus Granit und mit gewaltig großen Fenstern. Fast dreißig Jahre lang bestimmte das Damenkonfektionshaus Maassen das Leben auf und um den Oranienplatz maßgeblich mit, bis Ende der 1920er Jahre nebenan ein neues Gebäude errichtet wurde. Max Taut, dessen Haus des Deutschen Verkehrsbunds wir am Engelbecken bereits kennengelernt haben, hatte gemeinsam mit Franz Hoffmann für die Berliner Konsumgenossenschaft ein großes Kaufhausgebäude entworfen, in das er das Kaufhaus Maassen mit einbezog, da dieses 1927 von der Genossenschaft erworben worden war. Ein langes Leben war diesem Warenhaus der Konsumgenossenschaft jedoch nicht beschieden. Nur wenige Jahre später begannen die an die Macht gelangten Faschisten, die die Konsumgenossenschaften als „Reste marxistischer Wirtschaftsformen“ verfolgten, mit Propaganda, Übergriffen und zu Gesetzen erhobenen Maßnahmen den Genossenschaften das Leben zunächst schwer und schließlich unmöglich zu machen. Nachdem die Berliner Konsumgenossenschaft 1935 liquidiert worden war, zog die sogenannte Deutsche Arbeitsfront in das Gebäude ein und nutzte es fürderhin als Bürohaus.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das ehemalige Kaufhaus Maassen nur erheblich beschädigt. Zwar baute man es Anfang der 1950er Jahre wieder auf, doch wurde es dabei an das Fassadenbild des ehemaligen Warenhauses der Konsumgenossenschaft angeglichen, will heißen: vereinfacht. So steht es noch heute an der Ecke zur Oranienstraße. Der von Max Taut errichtete andere Teil des großen Konsumwarenhauskomplexes ist ein recht sachlich wirkender Bau mit sieben Etagen in der Form eines Ls, an den sich ein um zwei Etagen höheres turmartiges Gebäude anschließt. Platten aus Muschelkalk verkleiden die Fassade, an der über den Eingängen der Name „Max Taut Haus“ prangt. Ein Kaufhaus wurde der Komplex nach dem Ende des deutschen Faschismus und des Zweiten Weltkriegs nicht wieder. Einige Jahrzehnte hatten Künstler ihre Ateliers in dem Gebäude, der Regisseur Wim Wenders war zeitweilig eingemietet und der Fotograf Jim Rakete hat hier gearbeitet. Damit war dann 2017 Schluß. Heute residieren hier eine Werbeagentur, eine Marketingfirma, ein Architekt und ein Supermarkt. Nun ja…

Das Max-Taut-Haus
Das Max-Taut-Haus am Oranienplatz ist das ehemalige Kaufhaus der Konsumgenossenschaft und wurde von Max Taut und Franz Hoffmann entworfen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Wieder auf dem Kanal

Wir sind nun am anderen Ende des Oranienplatzes, der seit den 1990er Jahren als Gartendenkmal geführt wird, angekommen. Hier setzt sich der auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal angelegte Park fort und der Grüne Hauptweg Nummer 19 führt uns direkt in diesen hinein. Wieder begleiten uns links und rechts je eine Straße. Einst setzten sich hier Luisen- und Elisabethufer fort, doch ebenso wie ihre Abschnitte vor dem Oranienplatz erhielten auch diese 1947 andere Namen. Der links von uns verlaufende Teil des ehemaligen Elisabethufers wurde in Erkelenzdamm umbenannt und trägt damit den Namen von Anton Erkelenz, einem deutschen Gewerkschaftsführer und Politiker zunächst der Deutschen Demokratischen Partei, später der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Das rechterhand liegende ehemalige Luisenufer benannte man in Segitzdamm um und erinnerte so an Martin Segitz, der ebenfalls deutscher Gewerkschaftsführer und SPD-Politiker war.

Der Weg durch den Park auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal wirkt nun etwas ungepflegter, ist oft sandig und kann, wenn es tags zuvor geregnet haben sollte, durchaus auch matschig sein. Nach reichlich einhundert Metern lohnt es sich, einen kurzen Abstecher nach links, hinüber zum Erkelenzdamm zu unternehmen. Dort haben wir, versehen mit den Hausnummern 11 und 13, ein beeindruckendes Gebäude vor uns, das durchaus einen herrschaftlichen Habitus verströmt. Die aufwendig gestaltete Fassade ist strikt symmetrisch und wird von zwei hohen, mehrere Stockwerke überspannenden Vorsprüngen, sogenannten Altanen, beherrscht. Diese werden durch langgestreckte Balkone optisch miteinander verbunden. An den Altanen finden sich mit Ornamenten versehene steinerne Kacheln. Auffällig sind die vielfältigen Formen der Fenster, von denen einige durch Rundbögen hervorgehoben werden, während die obersten Fenster der äußeren vier Achsen dreieckige Aufsätze erhalten haben, so daß sie wie der obere Abschluß von Türmen wirken. Darüber erheben sich an den Seiten hohe Zeltdächer, zwischen denen eine Dachterrasse liegt.

Der Wikinghof am Erkelenzdamm
Der Wikinghof am Erkelenzdamm ist ein Ensemble aus einem Mietshaus von 1912 an der Straße und einem älteren, dahinterliegenden Gewerbehof.
Fotograf: Alexander Glintschert (2020)
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Dieses beeindruckende Gebäude ist das 1912 entstandene Vorderhaus des dreizehn Jahre älteren Wikinghofs, eines weiteren Beispiels für einen Gewerbehof, wie sie nach der Wende zum 20. Jahrhundert in der Luisenstadt und insbesondere am Luisenstädtischen Kanal häufiger entstanden. 1899 begann man mit der Errichtung einer Etagenfabrik mit teils vier, teils fünf Geschossen, die noch heute existiert und zwei Innenhöfe umschließt. Die Pläne lieferte der Architekt Kurt Berndt. Zwei Quergebäude sind dabei über schmalere Seitenflügel miteinander verbunden. Die Fassaden dieser Bauten verblenden weiße Glasurklinker, in denen rote Klinkerbänder für einen gefälligen Anblick sorgen. Leider ist es nicht immer möglich, sich einen Eindruck von dieser Hofanlage zu verschaffen, da das Eingangstor meist verschlossen ist.

Zurück in der Mitte des Parks auf dem ehemaligen Kanal überqueren wir kurz darauf die Ritterstraße, die hier endet und links in die Reichenberger Straße übergeht. Sie bildet das Zentrum des im Volksmund einst als „Rollkutscherviertel“ bezeichneten Kiezes. Da dieser nach dem Siegeszug der Eisenbahn, der auch Berlin erfaßte, sehr verkehrsgünstig zwischen dem Anhalter und dem Görlitzer Bahnhof zu liegen kam, siedelten sich hier zahlreichen Gewerbeunternehmen an. Weil dies den Verkehr auf den Straßen des Kiezes, der zu jener Zeit noch mit Pferdefuhrwerken und -kutschen bewerkstelligt werden mußte, stark erhöhte, kam das Viertel, das unser Weg hier streift, zu seinem Namen.

Hin und wieder können wir jetzt bereits ein merkwürdiges Schleifen und Rumpeln hören, das uns stark an den Ausgangspunkt dieser Etappe unserer Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 erinnert. Doch noch ist nichts zu sehen, was diese Geräusche verursacht. Unser Weg verläuft zwischen hohen Bäumen, die den Blick voraus stark begrenzen. Wir passieren eine Art Spielplatz und finden uns kurz darauf vor einem Zaun wieder, in dem sich ein Tor befindet. Vielleicht steht es sogar offen, doch ein Blick hindurch zeigt uns nur einen Verkehrsgarten. Es ist wenig wahrscheinlich, daß der Wanderweg dort hineinführt. Blicken wir nach links und rechts den Zaun entlang, können wir feststellen, daß sich zu beiden Seiten des Parks die ihn begleitenden Straßen von uns abwenden, um auf einen weiteren größeren Platz zu führen, den wir von unserem jetzigen Standort allerdings noch nicht so recht wahrnehmen können.

Wenden wir uns also nach links und wandern um den eingezäunten Verkehrsgarten herum. Kurz darauf treten wir unter den Bäumen hervor und stehen unvermittelt an einer großen Straße. In der Mitte ihrer beiden Fahrbahnen verläuft ein Hochbahn-Viadukt – die Quelle der zuvor schon immer wieder vernommenen seltsamen Geräusche. Wir stehen vor Berlins ältester U-Bahnstrecke, der bereits 1902 eröffneten Linie vom Stralauer Tor zum Bahnhof Zoologischer Garten, die hier entlang der Skalitzer Straße verläuft.

Nun können wir auch den Platz erkennen, auf den die den ehemaligen Kanal begleitenden Straßen jeweils in einem Bogen geführt haben und der den Namen Wassertorplatz trägt. Mit dem Königstor und dem Landsberger Tor haben wir im Verlaufe unserer Wanderung bereits zwei der – heute allerdings nicht mehr existenten – Tore der ehemaligen Zoll- und Akzisemauer Berlins passiert. Mit dem ebenfalls nicht mehr vorhandenen Wassertor erreichen wir nun das dritte. Während die übrigen Tore der Mauer bereits mit deren Errichtung gebaut wurden, entstand das Wassertor erst mit dem Luisenstädtischen Kanal. Und so war es auch keines für Landfahrzeuge und Fußgänger, sondern für Schiffe, die auf dem Kanal in das Stadtgebiet einfahren oder dieses verlassen wollten. Hier wurden sie kontrolliert und mußten gegebenenfalls ihre Waren verzollen. Direkt hinter dem mit einem Eisengitter verschließbaren Tor erweiterte sich der Kanal zum sogenannten Wassertorbecken, das jedoch kleiner als das weiter nördlich gelegene Engelbecken war. Mit dem Abriß der Zollmauer Ende der 1860er Jahre verschwand zunächst das Tor, und als man schließlich den Kanal beseitigte, ging dem Wassertorplatz auch das Wasser verloren. So erinnert heute nur noch sein Name an die nicht mehr vorhandenen Anlagen des Handels und des Verkehrs.

Skalitzer Straße am Wassertorplatz
Die Skalitzer Straße am Wassertorplatz mit dem Viadukt der Hochbahn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017)
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Hier am Wassertorplatz endet unsere dritte Etappe auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 und mit ihr eine Wanderung, die uns zu den Wassern der Großstadt führte, die, ganz gleich, ob natürlichen, technischen oder künstlerischen Ursprungs, ob noch vorhanden oder bereits der Geschichte anheimgefallen, die Stadt, ihre Strukturen und das Leben in ihr prägten – und dies auch heute noch tun.

Bei der Bezeichnung “20 Grüne Hauptwege” handelt es sich um eine Wortmarke der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, von der auch die Streckenführung der Wege entwickelt wurde. Wegbeschreibungen und Etappeneinteilung unterliegen sowohl Urheberschaft als auch Copyright von Anderes.Berlin. Sie entsprechen dem Stand der Wegführung vom August 2020. Änderungen, die zwischenzeitlich von der Senatsverwaltung vorgenommen wurden, sind möglicherweise (noch) nicht berücksichtigt. Die angezeigten Karten wurden von uns selbst mittels Google Maps erstellt.

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