Die Garnisonkirche von der Neuen Promenade angesehen, 1822.

Die zweite Garnisonkirche: Neuanfang und Wiederaufstieg

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 6 der Beitragsserie "Die Berliner Garnisonkirche"

„Ach Anton, ich bin ja so froh, daß Du wieder da bist.“
Der junge Mann, dem dieser Stoßseufzer gilt, wendet erstaunt den Kopf und blickt seine neben ihm gehende junge Frau an.
„Aber Emma“, fragt er. „Was ist denn los?“
Sie antwortet nicht sofort. Vom Alexanderplatz kommend, waren die beiden auf ihrem Weg zur Spandauer Straße in die Neue Friedrichstraße eingebogen, die sie nun schon eine Weile entlanggingen. Emma hatte sich, Antons Nähe suchend, bei ihm untergehakt. Hatte sie zu Beginn ihres Spaziergangs noch recht munter auf ihn eingeredet, so war sie, wie ihm, der eigenen Gedanken nachhing, jetzt auffällt, schon seit einiger Zeit recht schweigsam neben ihm hergegangen. Und nun plötzlich dieser Stoßseufzer. Anton kann sich keinen rechten Reim darauf machen. Er sieht, wie sie sich eine Strähne ihres haselnußbraunen Haars hinter ihr Ohr streicht und dann zu ihm, der sie um etwa einen halben Kopf überragt, aufschaut.
„Ach, nichts.“ antwortet sie schließlich.
„Ach, nichts?“ Anton ist verdutzt. „Wie, ach nichts?“
„Ach, naja… Ich dachte nur gerade…“ Emma bricht ab.
„Was denn? Was dachtest Du gerade?“
„Ich dachte nur gerade daran, was für ein Glück ich habe.“ Sie macht eine Pause. „Und ob es anhält“, fügt sie dann leiser hinzu.
Während Anton noch überlegt, was er darauf antworten soll, fährt sie auch schon fort: „Ich bin einfach so froh, daß Du gesund wiedergekommen bist. Andere hatten nicht so viel Glück. Die Rieke zum Beispiel – ihr Max, der ja in Deinem Bataillon war, ist aus den letzten Kämpfen mit den Franzosen nicht wieder nach Hause gekommen. Und auch die Elli heult sich nur noch die Augen aus, seit sie die Nachricht bekommen hat, daß ihr Heiner tot ist. Von einer Kanonenkugel sei er zerfetzt worden, heißt es. Und ich kann hier mit Dir langspazieren, als wär da gar nichts gewesen. Ich komme mir irgendwie richtig schuldig vor…“
Bei ihren letzten Worten ist sie immer leiser geworden. Schließlich bricht sie erneut ab.
Doch auch Anton schweigt zunächst, weiß er doch nicht, was er ihr darauf antworten soll. Daß er, der gerade erst aus dem Felde zurückgekehrt ist, nur noch lebt, weil Max ihm das Leben gerettet hatte, indem er ihn aus der Schußlinie gezerrt und sich dabei selbst den Salven der Franzosen ausgesetzt hatte, sagt er ihr lieber nicht. Auch, daß die Verletzungen, die Max dabei erlitten hatte, ihn letztlich das Leben kosteten, verschweigt Anton seiner Emma lieber. Das würde ihre Schuldgefühle nur vergrößern.
„Aber das Schlimme ist“, fährt sie plötzlich fort, „daß Du ja mit den Truppen jederzeit wieder ausrücken mußt, wenn sie beschließen, in den nächsten Krieg zu ziehen. Und wer weiß, ob wir dann wieder soviel Glück haben. Ob Du dann auch wieder unversehrt nach Hause kommst.“
„Ach, Emma“, nun ist es an Anton, einen Seufzer auszustoßen. „Ich würde ja sofort den Dienst quittieren, wenn ich könnte. Aber wovon sollen wir denn dann leben? Es liegt ja alles brach.“
Und weil er auch keinen rechten Ausweg sieht, tut Anton das, was er immer tut, wenn er nicht weiter weiß. Er flüchtet sich in seinen Zweckoptimismus, der ihn noch nie verlassen hat, und sagt bedeutend fröhlicher, als er sich fühlt:
„Aber weißt Du, es bringt doch nichts, wenn wir uns jetzt das Leben schwer machen. Sieh mal, wir haben eben Glück gehabt. Und dafür sollten wir von Herzen dankbar sein. Dann wird’s uns auch so schnell nicht verlassen. Es ist doch immer alles irgendwie gut gegangen. Und das wird es auch weiterhin tun. Vertrau mir!“
Und um sie von ihren trübsinnigen Gedanken abzulenken und etwas aufzumuntern, schaut sich Anton suchend um, ob er nicht irgendetwas finden könne, worauf sich ihre Aufmerksamkeit richten ließe. Und tatsächlich wird er fündig. Einige Meter vor ihnen hat sich auf dem Gehsteig eine kleine Menschentraube gebildet. Aus ihrer Mitte dringen einige recht schrille Töne herüber, die er nicht recht deuten kann. Dann ertönt lautes Gelächter.
„Sieh mal, Emma!“ Anton zeigt nach vorn auf die sich zusammendrängenden Leute. „Da ist was im Gange!“
Emmas Blick folgt seiner Geste. Als sie die Menschen gewahr wird, drängt die Neugier ihre trübsinnigen Gedanken zurück.
„Was ist da denn los? Was machen die da?“ Sie reckt ihren Hals, um mehr zu erkennen, was ihr jedoch nicht gelingt, da sie noch ein gutes Stück entfernt von dem Treiben sind.
„Ich weiß es nicht!“ Anton ist froh, daß es ihm gelungen ist, sie aus ihren Gedanken zu reißen.
„Laß uns nachsehen!“ ruft er und zieht sie, die ihm bereitwillig folgt, hinter sich her.
Als sie die Menge Schaulustiger erreichen, stehen diese so dicht gedrängt, daß sie lediglich auf eng nebeneinander stehende Rücken blicken können. Was dahinter vor sich geht, ist für sie jedoch immer noch verborgen. Gerade ist wieder ein durchdringender Ton zu vernehmen, der wie der klagende Schrei irgendeines Vogels klingt. Anton hat allerdings keinerlei Vorstellung, was für ein Vogel das sein könnte. Unvermittelt bricht der Ton ab und aus dem inneren Kreis der Menschentraube ist erneut herzhaftes Gelächter zu vernehmen.
‚Was machen die da nur?‘ denkt Anton.
Emma ist nun ganz und gar von ihrer Neugier erfaßt. Schnellen Schrittes eilt sie um die zusammenstehenden Leute herum und zieht Anton hinter sich her. Resolut, wie sie immer ist, wenn sie etwas erreichen möchte, scheut sie nicht davor zurück, sich einfach zwischen die Menschen zu drängen. Und auch, wenn einige ihr nur widerwillig Platz machen – Emma in ihrem Bestreben aufzuhalten, gelingt ihnen nicht. Anton ist froh, daß sie seine Hand mit festem Griff erfaßt hat, denn nur so gelingt es ihm, seiner Frau, die er ob ihres Durchsetzungsvermögens wieder einmal bewundert, zu folgen.
Als sie sich beide kurz darauf soweit durch die Menschenmenge hindurchgearbeitet haben, daß sie endlich erkennen können, was los ist, bietet sich ihnen ein interessantes Bild. Vor den Schaulustigen umringen einige junge Leute einen kleinen Tisch, den sie vor einer Hauswand auf dem Gehweg aufgestellt haben. Auf dem Tisch liegen einige längliche Gegenstände verschiedener Größe, die wie metallene Röhren aussehen, doch können Emma und Anton nicht genau erkennen, um was es sich dabei handelt.
Während sie noch rätseln, legt ein junger Mann eine der Röhren, die er gerade in der Hand gehalten hat, wieder auf den Tisch, während der neben ihm Stehende ihm auf die Schulter klopft und ruft:
„Na, das war doch schon sehr gut! Immerhin haben wir etwas gehört!“
Lautes Gelächter der Umstehenden quittiert die Bemerkung.
„Doch da geht bestimmt noch mehr!“ fährt der Rufer fort. Und wie ein professioneller Marktschreier feuert er die Menge an:
„Wer kann es besser? Wer will es auch einmal versuchen?“
„Ich!“ – „Hier, ich!“ – „Nein, ich!“
Ein paar der dem Tisch am nächsten stehenden jungen Männer können es offenbar kaum erwarten, der Nächste zu sein, der was auch immer versuchen darf.
„Was machen die da?“ fragt Emma, an Anton gewandt.
„Ich habe keine Ahnung!“ gibt dieser zurück.
„Die testen, wer die stärkste Lunge hat!“ sagt eine rauhe Stimme neben ihnen.
Anton wendet sich zur Seite und erblickt einen hageren jungen Mann mit lichtem Haar, der trotz seiner Antwort das Treiben vor ihnen für keine Sekunde aus den Augen läßt.
„Wer die stärkste Lunge hat?“ fragt Anton verwirrt. „Ist das ein medizinischer Test?“
„I wo“, antwortet der Hagere. „Das ist nur Volksbelustigung.“
Bevor er mehr erklären kann, ertönt wieder ein schräger Ton. Einer der jungen Kerle am Tisch hatte sich die größte der darauf liegenden Röhren gegriffen und bläst nun aus voller Lunge hinein. Doch heraus kommt nur ein kläglich jammerndes Jaulen.
„Tja, das war wohl pure Selbstüberschätzung!“ In der Stimme des Hageren schwingt eine Spur Schadenfreude mit.
„Aber das sind ja Orgelpfeifen!“ platzt es aus Anton heraus, der bei dem Versuch des jungen Mannes, der Röhre einen Ton zu entlocken, einen genaueren Blick auf diese hatte werfen können.
„Natürlich sind das Orgelpfeifen!“ gibt der Hagere grinsend zurück. „Und zwar alle! Sowohl die Röhren als auch die Bläser!“
Über den Witz muß Anton unwillkürlich lachen, was der Hagere offensichtlich wohlwollend zur Kenntnis nimmt.
„Aber die sind doch viel zu klein für Orgelpfeifen!“ Emma ist nicht überzeugt.
„Wer?“ fragt der Hagere feixend. „Die Kerle oder die Röhren?“
„Die Röhren natürlich!“ Emma ist ein bißchen beleidigt, daß er sie nicht ernstzunehmen scheint.
„Aber Emma“, schaltet sich Anton ein. „Es gibt doch an einer Orgel auch ganz kleine Pfeifen. Die machen doch die hohen Töne.“
„Ach so. Das wußte ich nicht.“ Emma denkt einen Augenblick darüber nach. Dann hat sie eine weitere Frage: „Wo haben die die Pfeifen eigentlich her?“
„Das sagen sie nicht“, erklärt der Hagere. „Und so genau will das auch keiner wissen, solange es nur lustig ist. Die machen das hier schon einige Wochen. Und inzwischen geht das Gerücht, die Pfeifen stammen aus der Kirche dahinten.“
Er nickt mit dem Kopf in die Richtung, in der die Spandauer Straße liegt. Anton blickt hinüber.
„Aus der Garnisonkirche?“ fragt er erstaunt.
„Ja, aus der.“
„Aber…“
Anton hat etwas Zeit, seine Fassung, die er für einen Moment verloren hatte, wiederzuerlangen, denn gerade hat der junge Kerl am Tisch einen zweiten Versuch gestartet, der Orgelpfeife in seinen Händen einen Ton zu entlocken. Doch wie beim ersten Mal kommt nur ein jämmerliches Klagen dabei heraus, was die Menge dazu bringt, ihn johlend zu verspotten.
„Die haben die Pfeifen aus der Garnisonkirche geklaut?“ Anton hat seine Sprache wiedergefunden.
„Pst!“ macht der Hagere. „Sei mal besser vorsichtig mit solch harten Worten! Genaues weiß hier keiner. Aber wenn’s stimmt, ist es auch egal. Die Kirche braucht die Pfeifen eh nicht mehr. Die ist ziemlich hinüber.“
„Hinüber?“ fragt Anton entgeistert. „Wieso hinüber?“
„Mann, wo lebst Du denn?“ fragt der Hagere zurück. „Seit die Franzosen in der Stadt waren, ist die Kirche nicht mehr zu gebrauchen. Die haben sie übel zugerichtet. Jetzt ist da nix mehr los.“
Anton kann kaum glauben, was er da hört. Die Garnisonkirche geschlossen? Übel zugerichtet gar? Unheimlich weit weg erscheint ihm plötzlich die Zeit vor den Kämpfen, als er als Soldat der Berliner Garnison dort Gottesdienste besucht hatte. Daß das nun nicht mehr möglich sein könnte, war ihm bisher gar nicht in den Sinn gekommen. Er war einfach davon ausgegangen, daß er wieder wie ehedem des Sonntags mit seinen Kameraden in die ehrwürdige Militärkirche einziehen würde, um dem Pfarrer mal mehr, mal weniger interessiert bei seiner Predigt zu lauschen. Und nun das.
Während er kurz zuvor noch überlegt hatte, ob er nicht auch einmal den Versuch wagen solle, einer solchen Pfeife einen Ton zu entringen, kommt es ihm nun wie eine Entweihung vor, wenn er es täte. Plötzlich bereitet ihm das Treiben vor ihnen gar kein Vergnügen mehr. Und so hat er auch keine Einwände, als Emma kurz darauf vorschlägt, ihren Weg fortzusetzen. Sie verabschieden sich von dem Hageren und drängen sich wieder durch die Umstehenden hindurch. Während Emma ihre trüben Gedanken von vorhin völlig vergessen zu haben scheint und munter drauflosplaudert, ist es nun Anton, der noch eine Weile schweigend neben ihr hergeht.

Französisch besetzt

Der Alptraum, von dessen Folgen Emma und Anton an dem kleinen Tisch auf dem Gehsteig der Neuen Friedrichstraße einen kleinen ersten Eindruck hatten gewinnen können, beginnt zwei Jahre zuvor am 27. Oktober 1806 mit dem Einzug Napoleons und seiner französischen Armee in die Hauptstadt des geschlagenen Königreichs Preußen[1]Georg Goens: Geschichte der Königlichen Berlinischen Garnisonkirche, Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Königliche Hofbuchhandlung, Berlin, 1897, Seiten 54 f.. Sollte sich die Garnisongemeinde die Frage gestellt haben, welche Auswirkungen dieses schwerwiegende Ereignis wohl auf sie haben würde, muß sie nicht lange auf eine Antwort warten. Noch in den letzten Oktobertagen treffen französische Soldaten an der Garnisonkirche ein, verschaffen sich Zutritt und stellen das Gotteshaus auf der Suche nach Trophäen förmlich auf den Kopf. Vergeblich, wie sich schnell herausstellt. Offenbar vorgewarnt durch die Ereignisse in der Potsdamer Garnisonkirche, deren Fahnen aus dem Siebenjährigen Krieg Napoleon hatte entfernen und nach Paris bringen lassen, war der Küster Jakob zu dem Schluß gelangt, daß es besser sei, die Trophäen aus den Schlesischen Kriegen, die sich in der Kirche befanden, zu verstecken[2]Herman Granier: Die Franzosen in Berlin 1806-1808, In: Paul Seidel (Hrsg.): Hohenzollern-Jahrbuch – Forschungen und Abbildungen zur Geschichte der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen, Jahrgang 9, Verlag von Giesecke & Devrient, Berlin & Leipzig, 1905, Seite 13.[3]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 55.
Goens gibt eine, wie er sagt, „alte Überlieferung“ wieder, nach der der Küster die Trophäen im Holzstall der Garnisonkirche versteckt haben soll. Glaubhaft erscheint das nicht. Einerseits stellt sich die Frage, wozu es an der Kirche zu jener Zeit noch einen Holzstall gegeben haben soll, andererseits darf auch bezweifelt werden, daß die französischen Soldaten die Trophäen dort nicht gefunden hätten.
. Mit dieser Maßnahme verschwinden die Fahnen und Standarten aus dem Gotteshaus – und gelangen nie mehr dorthin zurück. Ob der Küster sie so gründlich versteckt und das Geheimnis ihres Aufbewahrungsortes für sich behält – so konsequent, daß er es, als er am 25. Januar 1807 das Zeitliche segnet, mit ins Grab nimmt -, oder ob man sie später wieder hervorholt, aber nicht wieder in die Kirche, sondern möglicherweise ins Zeughaus bringt – das weiß heute niemand mehr[4]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 55 f.. Sollte letzteres geschehen sein, so hat es niemand dokumentiert. Bis zum heutigen Tag ist es ein ungelöstes Geheimnis, wo die Trophäen der Schlesischen Kriege eigentlich geblieben sind. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte vermutet man sie an vielen Orten. Während die einen sie – wie bereits erwähnt – bei den Trophäen im Zeughaus wähnen, meinen andere, sie seien verlorengegangen. Wieder andere wollen sie auf dem Garnisonfriedhof suchen, wissen aber nicht, wo sie graben sollen[5]Heinz Berg: Zur Geschichte der evangelischen Garnisongemeinde diesseits vom Spandauer Tor, In: Der Alte Berliner Garnisonfriedhof im Spannungsfeld zwischen Scheunenviertel und Monbijou, herausgegeben vom Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof, 1. Auflage, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin, 1995, ISBN 3-7759-0399-2.. Sicher ist letztlich nur, daß die französischen Soldaten sie auch nicht gefunden haben[6]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 56..

Einzug in Berlin durch seine Majestät den Kaiser Napoleon am 27. Oktober 1806
Einzug in Berlin durch seine Majestät den Kaiser Napoleon am 27. Oktober 1806. Gewidmet der Großen Armee.
Quelle: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) via Deutsche Fotothek
Urheber: Jacques Francois Joseph Swebach (Zeichner) & Edme Bovinet (Stecher)
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Die Fahnen und Standarten sind jedoch nicht das Einzige, was man vorsorglich aus der Kirche entfernt. Auch die das Gotteshaus schmückenden Bilder werden von der Gemeinde versteckt. Die von Christian Bernhard Rode geschaffenen Epitaphgemälde bringt man auf Veranlassung der Witwe des Malers in einer Kammer der Garnisonschule unter, wo sie den französischen Soldaten, die an der Schule kein Interesse haben, entgehen[7]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 55. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Goens hier nur von vier Bildern spricht, dann aber alle fünf Dargestellten aufzählt. Es kann also davon ausgegangen werden, daß alle fünf Bilder gemeinsam versteckt werden. Auch spricht er davon, daß die Bilder in „einer Kammer des hiesigen Garnisonkirchenhauses (Pfarrhauses)“ verborgen werden. Hier ist er etwas ungenau in seiner Darstellung. Das Garnisonkirchenhaus seiner Zeit beherbergt im Jahre 1806 noch die Garnisonschule.. So gelingt es diesen letztlich nicht, in der Garnisonkirche, der sie als Militärkirche der von ihnen besiegten preußischen Armee große Bedeutung beimessen, irgendetwas von größerem Wert zu erbeuten. Ob aus Wut über die erfolglose Suche oder aber wegen der Abneigung gegen den Protestantismus und das preußische Militär, vielleicht auch beides – die französischen Soldaten hausen in der Kirche auf das Schlimmste. Sie zertrümmern das Bildwerk der Kanzel und das Gestühl, reißen das Ziegelsteinpflaster heraus und zerstören das Inventar. Auf der Suche nach Beute dringen sie in die Gruft ein, brechen die Särge auf und fleddern die Toten, denen sie Ringe und andere Goldsachen sowie Schwerter und andere Beigaben entwenden. Und um das Gotteshaus vollends zu entweihen, widmen sie es schließlich zu einem Magazin um. Während im Saal nun Heu gelagert wird, vermieten sie den Altarraum an einen Kaufmann, der darin ein Branntweinmagazin einrichtet[8]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 55 f.[9]Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 13..

Glücklicherweise wird jedoch nicht in ganz Berlin derart respektlos und gewalttätig verfahren. Im Gegenteil, die französischen Besatzer dringen auf eine ordentliche Verwaltung der Stadt. Am 30. Oktober, nur drei Tage nach seinem Einzug in Berlin, verfügt der Kaiser die Einsetzung einer städtischen Verwaltung in Form einer sechzig Personen umfassenden Generalverwaltungsbehörde, die aus wohlhabenden Bürgern der Stadt zusammengesetzt ist und ein siebenköpfiges Komitee zu bestimmen hat – das sogenannte Comité administratif -, das den bisherigen Magistrat ersetzt[10]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 56.[11]Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 12. und dem unter anderem auch der Maurermeister sowie Gründer und Leiter der Berliner Singakademie, Carl Friedrich Zelter, angehört[12]Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 17..

Die Garnisonkirche ist für den in der Stadt verbliebenen Teil der Gemeinde – die Truppen sind ja im Felde – in der Zeit der französischen Besatzung nicht mehr nutzbar. Dennoch findet ein Gemeindeleben nach wie vor statt. So verzeichnet das Kirchenregister jener Zeit beispielsweise eine Reihe von Taufen, die jedoch nun in der Garnisonschule stattfinden müssen. Das Führen dieses Registers – eigentlich eine Aufgabe für den amtierenden Kadettenhauspfarrer Scheffer – obliegt in jener Zeit allerdings dem Organisten Johann Daniel Schmalz und dem Kantor Ferdinand Friedrich Wilhelm Bauer[13]Beatrice Falk & Bärbel Holtz: Das Schicksal der Alten Berliner Garnisonkirche, In: Der Alte Berliner Garnisonfriedhof im Spannungsfeld zwischen Scheunenviertel und Monbijou, herausgegeben vom Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof, 1. Auflage, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin, 1995, ISBN 3-7759-0399-2.. Letzterer hatte seine Stelle an der Garnisonkirche nur wenige Monate vor der französischen Besetzung angetreten[14]Carl Freiherr von Ledebur: Tonkünstler-Lexicon Berlin’s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Verlag von Ludwig Rauh, Berlin, 1861, Seite 32..

Ein reichliches Jahr hält die Besatzung der Stadt durch die französische kaiserliche Armee an. Zwar wird der sogenannte Tilsiter Frieden, der das Ende des Vierten Koalitionskrieges zwischen dem Russischen Kaiserreich und dem mit ihm verbündeten Preußen auf der einen Seite und dem Französischen Kaiserreich auf der anderen besiegelt, bereits am 9. Juli 1807 geschlossen, doch führt das zunächst nicht dazu, daß sich die französische Armee aus der preußischen Hauptstadt zurückzieht. Berlin bleibt noch fast fünf weitere Monate besetzt – fünf Monate, die für die Bürger der Stadt schlimmer werden als die Zeit vor dem Friedensschluß, denn Napoleon knüpft die Räumung des Landes an die Erfüllung der im Vertrag festgeschriebenen Kontributionsforderung, die jedoch so unklar formuliert ist, daß die Franzosen jede Menge Spielraum haben, sie nach Belieben auszulegen[15]Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 24.. So wird die Not der Bevölkerung in der Stadt stetig größer, ein Umstand, den Carl Friedrich Zelter im November 1808 in einem Brief an seinen Freund Johann Wolfgang von Goethe mit den Worten charakterisiert:

Die ersten 8 Monate (bis zum Tilsiter Frieden) würden sich haben vergessen lassen; seit diesem Frieden aber hat unsere Stadt den Krieg gefühlt.[16]Zitiert nach Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 24.

Bildnis des Carl Friedrich Zelter um 1830
Bildnis des Carl Friedrich Zelter um 1830.
Quelle: Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung via Digitaler Portraitindex
Urheber: Franz Friedrich Adolph Krätzschmer
Bearbeitung: Alexander Glintschert (2021)
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Am 3. Dezember 1807 ist es dann schließlich soweit: die Franzosen ziehen ab und verlassen Berlin. Weil nun aber die abgebauten preußischen Verwaltungsstrukturen nicht sofort wieder neu erstehen können, setzt die von Napoleon eingesetzte städtische Verwaltung ihre Arbeit noch einige Zeit fort – geführt vom Comité administratif, mit dem die Gemeinde, die so bald wie möglich ihr Gotteshaus wiederhaben will, daher die ersten Verhandlungen über dessen Räumung führen muß. Bereits am 7. Dezember erhält sie von ihm die Benachrichtigung, das die Garnisonkirche nicht länger als Lager benötigt werde, weil der darin lagernde Branntwein nun vollständig ausverkauft sei; verbunden mit der Aufforderung, einen Vertreter zu bestellen, der mit dem Komitee die Übernahme der Kirche verhandeln soll. Von seiten der Verwaltung wird ein Referendarius Neuhaus abgeordnet, die Angelegenheit zu betreuen.

Drei Tage später ziehen die preußischen Truppen wieder in Berlin ein, was aber weiterhin nichts an der bestehenden Verwaltung ändert. Nach mehreren mehr oder weniger ergebnislosen Verhandlungen setzt der Referendarius Neuhaus schließlich den 30. Dezember als den Tag fest, an dem der Gemeinde ihr Gotteshaus übergeben werden soll. Als deren Vertreter sich dann aber am Kirchenportal einfinden, müssen sie feststellen, daß man wohl vergessen hat, ihnen eine schriftliche Anweisung für den französischen Wachposten zukommen zu lassen, der noch immer die Kirche bewacht und sich nun standhaft weigert, sie ohne eine solche Order einzulassen. So müssen sie unverrichteterdinge wieder abziehen.

Es dauert noch fast eineinhalb Monate, bis die städtische Verwaltung von Kaisers Gnaden es schließlich schafft, die Garnisonkirche endlich freizugeben und der Gemeinde zu überantworten. Am 10. Februar 1808 ist es schließlich soweit. Doch ach! Als die Gemeindevertreter, zu denen auch der Kadettenhauspfarrer Scheffer gehört, ihr ihnen fünfzehn Monate vorenthaltenes Gotteshaus betreten, könnte ihr Entsetzen kaum größer sein, denn sein Zustand läßt sich nur als völlig ruiniert beschreiben. Für Gottesdienste ist das komplett marode Bauwerk schlicht nicht mehr nutzbar. Und das liegt nicht nur an den von den französischen Soldaten hinterlassenen Zerstörungen. Mittlerweile droht sogar die Decke einzustürzen! Wie sich herausstellt, hatte der Kirchendiener die Wasserbehälter, die zur Vorbeugung im Falle eines Feuers auf dem Dachboden deponiert worden waren, regelmäßig auslaufen lassen – ob absichtlich oder infolge völliger Inkompetenz, ist heute nicht mehr zu klären. Das Wasser hatte mit der Zeit die Decke völlig durchtränkt, so daß es schon fast ein Wunder ist, daß sie noch standhält[17]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 56 f..

Um hier baldmöglichst Abhilfe zu schaffen, wendet man sich umgehend erneut an das Comité administratif – mit dem Zweck, Unterstützung bei der Wiederherstellung der Kirche zu erhalten. Am 29. April bekommt die Gemeinde Antwort:

Wir halten uns nicht für berechtigt, diese Kosten aus der Stadtkasse zu bewilligen, da der Grundsatz feststeht, daß die Kirchenkassen die Herstellung der durch Bequartirung der Kirchen verursachten Beschädigung übernehmen müssen. Wenn die Garnison-Kirchen-Kasse jetzt nicht im Stande ist, die Reparatur zu bestreiten, so muß solche, da diese ohnedieß nicht dringend nothwendig ist, bis dahin, daß die erforderlichen Kosten, wenn die Kirchenkasse dazu im Stande sein wird, ausgesetzt bleiben![18]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 57.

Georg Goens kommentiert diese Antwort des Comités administratif in seiner „Geschichte der Garnisonkirche“ mit der lapidaren Bemerkung:

Die Gesinnung dieser Verfügung ist so schlecht wie das Deutsch, in dem sie zum Ausdruck gebracht wird.[19]Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 57.

Die Garnisongemeinde steht damit wieder einmal ohne benutzbare Kirche da. Ganz auf sich allein gestellt, kann sie daran auch nichts ändern[20]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 57.. So bleibt ihr in den nächsten zwei Jahren nichts weiter übrig, als auch weiterhin die Veranstaltungen des Gemeindelebens „bei der Garnisonkirche“ anstatt in ihr durchzuführen, wie beispielsweise den Taufregistern der Jahre 1808 bis 1810 zu entnehmen ist[21]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.. Eigene Gottesdienste werden hingegen gar nicht abgehalten. Die Regimenter nehmen stattdessen an denen der umliegenden Stadtkirchen teil[22]Barbara Kündiger: Umbauten, Zerstörungen und Abriß, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 106..

Zaghafter Neuanfang

Mehr als ein Jahr vergeht. Es ist der 14. September 1809, als eine Königliche Kabinettsordre das Schicksal der Garnisongemeinde gewaltig verändert: Friedrich Wilhelm III. ernennt einen neuen Garnisonpfarrer – den ersten seit fast sechzig Jahren! Er beruft den am 8. März 1760 in Detmold geborenen Friedrich Wilhelm Schliepstein in das Amt, einen der ältesten Prediger in der Armee. Von 1786 bis 1792 hatte er als Feldprediger beim Regiment Dallwig in Ratibor gedient und war dann zum Regiment von Kalckreuth[23]Das Regiment von Kalckreuth war das Infanterieregiment Nummer 4 in der Königlich-Preußischen Armee, das in der Garnisonstadt Elbing stationiert war und seit 1797 unter dem Kommando von Oberst Wilhelm Heinrich Adolf von Kalckreuth stand, der später zum Generalfeldmarschall befördert wurde. Im Jahre 1806 hatte es unter General von Blücher bei Lübeck ehrenvoll kapituliert.
Siehe Die altpreußischen Regimenter Nr. 1 bis Nr. 20, Übersichten auf der Website preussenweb.de, abgerufen am 14. September 2021.
gewechselt. Der König hatte Schliepstein die Wahl zwischen drei möglichen Stellen gelassen, unter denen sich dieser für Berlin entschied. Er bekommt rückwirkend ab Juli 1809 ein Gehalt von 33 Talern und 8 Groschen monatlich. Seine Abreise aus Elbing, wo er mit seinem bisherigen Regiment stationiert ist, verzögert sich allerdings noch bis zum Jahresende. „Des schlechten Wetters wegen“, wie es heißt[24]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.[25] Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 59..

1807 - Friedrich Wilhelm Schliepstein - Anleitung zu einem untadelhaften Verhalten gegen die zeitliche Obrigkeit, als eine Anordnung Gottes (Titelblatt)
Titelblatt der Veröffentlichung einer Predigt von Friedrich Wilhelm Schliepstein aus dem Jahre 1807.
Quelle: Friedrich Wilhelm Schliepstein: Anleitung zu einem untadelhaften Verhalten gegen die zeitliche Obrigkeit, als eine Anordnung Gottes, Friedrich Traugott Hartmann, Elbing, 1807 via Digitale Bibliothek Elbing (Elbląska Biblioteka Cyfrowa).
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Georg Goens würdigt die vom König getroffene Maßnahme mit den Worten:

Friedrich Wilhelm III., dem der klägliche Zustand der Kirche nicht unbekannt geblieben, erkannte mit richtigem Blick, was zunächst zu thun sei. Bevor er einen Groschen bewilligte, gab er der Garnisonkirche einen ordentlichen Garnisonpfarrer wieder, und damit dem ganzen Kirchenwesen ein lebendig pulsirendes Herz, das ungetheilt sich der Sache widmen könnte und in allen Wechselfällen des Krieges als Hüter und Verwalter des kirchlichen Besitzthums am Platze bliebe.[26]Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 58 f.

Doch noch ist dieses „pulsirende Herz“ nicht vor Ort. Und auch wenn nur wenige Monate bis zu seinem Eintreffen vergehen, bieten diese doch ausreichend Gelegenheit für einschneidende Ereignisse, die fast zur Folge haben, daß es nicht mehr viel an „kirchlichem Besitzthum“ gibt, daß zu hüten und zu verwalten wäre. Denn nur sechs Tage nach der Königlichen Kabinettsordre kommt es am 20. September 1809 zu einem katastrophalen Ereignis in Berlin: die Petrikirche brennt bis auf die Grundmauern nieder[27]Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 77 vom 23. September 1809, Seite 368.. Deren Gemeinde muß, da sie nun kein eigenes Gotteshaus mehr besitzt, auf die Kirche des Grauen Klosters ausweichen, empfindet diese aber als zu eng, zu finster und wegen ihres Alters auch zu unsicher. Mit der Gemeinde der Hof- und Domkirche wird daher im Oktober eine Vereinbarung über deren Mitnutzung getroffen. In einem Gesuch an den König bittet die Petrigemeinde um drei Dinge: die Genehmigung dieser Vereinbarung, den Wiederaufbau ihres Gotteshauses und für dieses um die Überlassung der Orgel der Garnisonkirche. In einem Antwortschreiben vom 2. Oktober genehmigt der König die Mitnutzung der Domkirche, lehnt die Überlassung der Garnisonorgel jedoch ab. Bezüglich des baldigen Wiederaufbaus teilt er lapidar mit, daß die Zeitumstände dafür sehr ungünstig seien. Er habe aber verfügt, daß jener „durch die Erörterung der Bedürfnisse und Mittel“ vorbereitet und bewilligt werde[28]Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 85 vom 21. Oktober 1809, Seite 409.[29]Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 89 vom 4. November 1809, Seite 429..

Doch auch in der Hof- und Domkirche stößt die große Petrigemeinde auf Platzprobleme. Sie richtet daher eine erneute Bitte an den König, ihr für die Zeit, bis die Petrikirche wiedererrichtet ist, die Garnisonkirche zu überlassen, der dies, da die Petrigemeinde recht wohlhabend ist, auch zugutekommen würde, da die immer noch erforderlichen Instandsetzungsarbeiten, für die der Garnisongemeinde das Geld fehlt, dann in Gang kommen könnten. Eine Voraussage bezüglich der Dauer dieses Arrangements kann allerdings niemand treffen, denn über den Wiederaufbau der abgebrannten Petrikirche ist, wie der vorangegangenen königlichen Antwort zu entnehmen ist, noch gar nicht entschieden worden[30]Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 89 vom 4. November 1809, Seite 429..

Diese Bitte findet nicht nur in der Petrigemeinde Anklang. Auch im Militär gibt es einige Befürworter. Nach wie vor nehmen die Regimenter wegen des schlechten Zustandes der Garnisonkirche an den Gottesdiensten der umliegenden Stadtkirchen teil. Wohl um die Kosten für die Wiederherstellung des Gotteshauses zu vermeiden, unterbreitet der Generalleutnant Graf von Tauentzien den Vorschlag, diese temporäre Gottesdienstordnung für die Regimenter einfach zu verewigen und die dann nicht mehr benötigte Garnisonkirche der wohlhabenden Petrigemeinde kurzerhand zu schenken. Und tatsächlich wird dieser Plan eine Zeitlang ernsthaft erwogen, bis sich der General Anton Wilhelm von L’Estocq, der als amtierender Gouverneur von Berlin auch Vizepatron der Kirche ist, gegen ihn stellt[31]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 57 f.[32]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 106.. Offenbar kann er auch den König überzeugen, denn dieser lehnt am 18. Oktober diese zweite Bitte der Petrigemeinde mit der Begründung ab, die Wiederherstellung der Garnisonkirche könne nicht so bald geschehen. Es müsse daher bei der Mitnutzung der Hof- und Domkirche bleiben[33]Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 89 vom 4. November 1809, Seite 429.. Damit ist die Angelegenheit endgültig vom Tisch.

Inzwischen sorgt sich die Witwe des Malers Christian Bernhard Rode mehr und mehr um die Epitaphbilder ihres Mannes, die einst in der Garnisonkirche aufgehängt waren. In einem am 18. Oktober verfaßten Brief an das Gouvernement der Residenzstadt Berlin klagt sie über den schlechten Zustand des Gotteshauses, der ein Wiederaufhängen der Bilder ihres verstorbenen Mannes verhindere und schlägt vor, die Gemälde für die Zeit bis zur Wiederherstellung der Garnisonkirche in der Marienkirche auszustellen. Offenbar kommt es jedoch nicht dazu[34]Barbara Kündiger: Bildwelten und Klangbilder, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 141.
Eine Information bezüglich der Entscheidung über diese Bitte ist der Quelle leider nicht zu entnehmen. Da sich in anderen einschlägigen Quellen jedoch auch nichts darüber finden läßt, daß diese Bilder eine Zeitlang in der Marienkirche ausgestellt worden wären, kann wohl davon ausgegangen werden, daß der Vorschlag der Witwe Rodes nicht aufgegriffen wurde.
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Am 4. Januar 1810 kommt Schliepstein schließlich mit seiner Familie in Berlin an. Die Neubesetzung der Stelle des Garnisonpfarrers macht eine Änderung in der Verwaltung des Garnisonkirchenwesens erforderlich. Mit der Entscheidung, Schliepstein als Garnisonpfarrer persönlich für das kirchliche Eigentum verantwortlich zu machen, wird eine Regelung wiedereingeführt, die einst schon für seine Vorgänger galt. Die dienstliche Aufsicht über das Garnisonkirchenwesen führt das Gouvernement der Stadt, dem Schliepstein untersteht. Die 1783 – in einer Zeit also, als es keinen Garnisonprediger mehr gab – etablierte „Garnisonkirchen- und Schulkommission“ besteht weiterhin, wird aber von fünf auf drei Mitglieder verkleinert. Ihren Vorsitz übernimmt der Platzmajor der Residenz, Friedrich Carl Ludwig von Gontard, dessen Vater der Baumeister Carl Philipp Christian von Gontard war, der unter anderem die Spittel- und die Königskolonnaden sowie die Kuppeltürme des Deutschen und Französischen Doms am Berliner Gendarmenmarkt entwarf[35]Friedrich Carl Ludwig von Gontard war der erste Militär, der die 1806 eingeführte Stelle des Platzmajors des Obersten Militärbefehlshabers der Residenzstadt Berlin bekleidete. Zu seinen Aufgaben gehörte die Regelung und Beaufsichtigung des täglichen Dienstes der Truppen, die Oberaufsicht über die Staatsgefangenen und arretierten Soldaten sowie die Leitung des Büros der Kommandantur.
Siehe Helmut Eikermann: Platzmajor von Berlin – Ehrenbürger Friedrich Carl Ludwig von Gontard (1764-1839), Berlinische Monatsschrift Heft 7/1997, Edition Luisenstadt, Berlin, 1997, Seiten 54 f.
. Der Garnisonpfarrer und der Gouvernementsauditeur Wimmer bilden die Beisitzer in der Kommission[36]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 59..

Die dringlichste Aufgabe ist natürlich die Wiederherstellung der Garnisonkirche. Weil es aber an nennenswerten Einkünften fehlt, können dazu vorerst nur die allernötigsten Maßnahmen ergriffen werden[37]Werner Schwipps: Die Garnisonkirchen von Berlin und Potsdam, Berlinische Reminiszenzen 6, 1. Auflage 1964, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.. So stopft man die kaputten Fenster nur notdürftig zu und bringt insgesamt achtzehn neue Schlösser an, um das Gotteshaus gegen unbefugtes Eindringen schützen zu können. Auch die Decke sichert man weitestgehend ab, so daß sie nicht mehr einsturzgefährdet ist[38]In den einschlägigen Quellen findet sich zwar kein expliziter Hinweis darauf, doch hätten all die anderen Reparaturen ohne eine sichere Kirchendecke keinerlei praktischen Wert gehabt, so daß davon ausgegangen werden kann, daß entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgenommen wurden.. Um wenigstens zu ebener Erde die erforderlichen Sitzgelegenheiten zu schaffen, holt man die Bänke von den Emporen herunter und stellt sie im Innenraum der Kirche auf. Auch die Orgel macht man wieder funktionstüchtig, was sich als gar nicht so einfach erweist, da mittlerweile eine Reihe von Orgelpfeifen fehlen. Einige waren in der Neuen Friedrichstraße[39]Der Hinweis auf die Neue Friedrichstraße findet sich bei Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 59.
Barbara Kündiger schreibt hingegen, es wurden „[…] entwendete Orgelpfeifen wieder eingesammelt, die in der Friedrichstraße zum Gaudi geblasen wurden.“ Siehe Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 117, Fußnote 2.
Die Neue Friedrichstraße ist wohl der wahrscheinlichere Ort, verlief sie doch direkt an der Garnisonkirche. Warum hätte man die Pfeifen erst bis zur viel weiter entfernten Friedrichstraße tragen sollen?
aufgetaucht, wo sie zur allgemeinen Belustigung geblasen wurden – ein Unterhaltungsspektakel, das Emma und Anton selbst miterleben konnten. Teils ließ man sogar Kinder damit spielen. Diese entwendeten Pfeifen sammelt man wieder ein, wobei man sich von der Polizei tatkräftig helfen lassen muß, während man die, die am Ende vermißt bleiben, durch neue ersetzt. Auch die Epitaphgemälde des Malers Christian Bernhard Rode werden wieder an ihren alten Platz über der Empore an der Nordwand der Kirche gehängt[40]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 59.[41]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 161.. Bei all diesen Aktivitäten legt Schliepstein selbst mit Hand an. Auch bringt er wieder Ordnung in die Kirchenbücher und überarbeitet das Personenregister, in dem er die Einteilung in die Kategorien Artillerie, Militär, Invaliden und Eximierte[42]Als Eximierte bezeichnete man im preußischen Recht Personen, die von der Gerichtsbarkeit der Untergerichte ausgenommen waren, beispielsweise Adlige, Angehörige des Hofstaats, Geistliche und höhere Beamte. Für sie waren die Oberlandesgerichte erstinstanzlich zuständig. einführt[43]Schwipps, Garnisonkirchen Berlin und Potsdam, 1964..

Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom Stein & Karl August von Hardenberg
Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom Stein (links) & Karl August von Hardenberg (rechts).
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
Detaillierte Quellenangaben zu den beiden verwendeten Abbildungen finden Sie auf der Bildbeschreibungsseite, die Sie per Klick auf das Bild erreichen.
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In der Folge der preußischen Niederlage gegen Napoleon im Jahre 1806 und des damit verbundenen Zusammenbruchs Preußens kommt König Friedrich Wilhelm III. um weitreichende Reformen nicht herum. Deren Einleitung ist maßgeblich den Ministern Karl Freiherr vom und zum Stein und Karl August von Hardenberg zu verdanken[44]Heinz Duchhardt: Stein, Karl Freiherr vom und zum, In: Neue Deutsche Biographie, Band 25, 2013, Seiten 152-154 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.[45]Hans Haussherr & Walter Bußmann: Hardenberg, Carl August Fürst von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 7, 1966, Seiten 658-663 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.. Dazu gehört auch eine umfassende Heeresreform, die von einer eigens dafür eingerichteten Reorganisationskommission geplant und durchgeführt wird. Dieser Kommission unter der Leitung des Generals Gerhard von Scharnhorst gehören unter anderem auch der spätere Generalfeldmarschall August Neidhardt von Gneisenau und Hermann von Boyen an, der später preußischer Kriegsminister wird. Diese Heeresreform schafft die drakonischen Strafen für die Soldaten – insbesondere die Prügelstrafe – ab, führt die Wehrpflicht ein und etabliert einen nicht nur für Offiziere geltenden Ehrenkodex[46]Johannes Kunisch: Scharnhorst, Gerhard von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 22, 2005, Seiten 574-575 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.[47]Hermann Teske: Gneisenau, August Graf Neidhardt von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 6, 1964, Seiten 484-487 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.[48]Franz Schnabel: Boyen, Hermann von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 2, 1955, Seiten 495-498 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.. Und auch im Militärkirchenwesen kommt es zu weitreichenden Änderungen. Die erste Maßnahme geht sogar noch darüber hinaus und betrifft die lutherische und die reformierte Kirche in Preußen als Ganzes. Am 20. März 1811 verfügt König Friedrich Wilhelm III. mit einer Kabinettsordre, daß die Geistlichen beider Kirchen nunmehr gleichartige Tracht zu tragen haben: den Talar[49]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 66.. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß er mit dieser Anordnung bereits einen größeren Plan, die beiden Kirchen betreffend, verfolgt, berücksichtigt man die Ereignisse, zu denen es einige Jahre später kommen wird. Doch noch geht es zuvorderst um die Militärkirche. Acht Tage später, am 28. März, ersetzt der König das bisher geltende „Militair-Consistorial-Reglement“ mit einem neuen Militär-Kirchen-Reglement. Mit diesem wird die Militärkirche, die bis zu diesem Zeitpunkt staatlich organisiert war, aufgelöst. Die Militärseelsorge untersteht nun zivilkirchlichen Aufsichtsorganen – eine weitreichende Änderung, die einen vollständigen Gegensatz zur bisherigen strikten Trennung von preußischer Militärkirche und den zivilen Kirchen des Landes darstellt, wie sie mit dem „Militair-Consistorial-Reglement“ ein Jahrhundert zuvor eingeführt worden war. Nunmehr bilden Militär- und Landeskirche eine vollständige Einheit. Allerdings werden die beiden Garnisonkirchen von Berlin und Potsdam, die direkt unter königlichem Patronat stehen, in diesem neuen Militär-Kirchen-Reglement nicht erwähnt. Es ist daher anzunehmen, daß sie von diesem nicht betroffen sind[50]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.. Und doch hat es auf die Garnisonkirche und ihre Gemeinde eine wesentliche Auswirkung: die Eximierten, also unter anderem die Angehörigen des königlichen Hofstaats und die aus dem Militäretat bezahlten Beamten und Offizianten, die bisher zur Gemeinde gehörten, werden nun den zivilen Glaubensgemeinschaften zugewiesen. Damit verliert die Garnisongemeinde einen nicht unerheblichen Teil ihrer Mitglieder[51]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 71 f..

In den nächsten zwei Jahren läßt der neue Garnisonpfarrer nichts unversucht, Abhilfe für den äußerlich erbärmlichen Zustand der Garnisonkirche zu schaffen. Allein – es gelingt ihm nicht. Wohin er sich auch wendet, um Geld, Materialien oder Personal für die weitere Wiederherstellung des Gotteshauses zu beschaffen, überall stößt er auf Gleichgültigkeit. Man habe nicht die Mittel, heißt es hier. Man würde ja gerne helfen, doch es fehle die Zeit dafür, hört er dort. So ist es wohl kein Wunder, daß Schliepstein letztlich den Mut verliert und die Konsequenzen zieht. Im Jahre 1813 bittet er um anderweitige Anstellung. Doch anstatt dies zum Anlaß für weitere Unterstützung zu nehmen, wird seinem Wunsch entsprochen. So übergibt er am 23. November 1813 die Kirchenkasse an seine Vorgesetzten. Weil er gewissenhaft für das Besitztum der Kirche gesorgt und dieses trotz der allgemein schlechten Zeiten sogar noch von 18.000 auf 20.000 Taler vermehrt hat, spricht ihm der amtierende Gouverneur ein Lob aus. Es bleibt allerdings ein Geheimnis, warum man darauf verzichtet hat, dieses nicht ganz unbeträchtliche Vermögen wenigstens zum Teil für die Wiederherstellung der Kirche einzusetzen[52]In der Tat ist dieser Umstand einigermaßen verwunderlich, wie auch Georg Goens in Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61 feststellt. Goens behauptet überdies, der Gouverneur, der Schliepstein das Lob ausgesprochen habe, sei der Generalfeldmarschall Graf von Kalckreuth gewesen. Das ist der Quellenlage zufolge jedoch nicht korrekt. Friedrich Adolf von Kalckreuth wurde im Jahre 1809 Gouverneur von Berlin, verließ diesen Posten jedoch 1812, als man ihn zum Gouverneur von Breslau ernannte. Er kehrte erst nach dem Pariser Frieden im Jahre 1814 als Gouverneur nach Berlin zurück.
Siehe Richard von Meerheimb: Kalkreuth, Friedrich Adolf Graf von, In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 15, 1882, Seiten 34-38 Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
. Am 6. Dezember übergibt Schliepstein das Inventar und die Geschäfte der Gemeinde an Karl Helm, den Pfarrer der St.-Petri-Gemeinde, der zum zwischenzeitlichen Verwalter bestimmt worden ist, bis ein neuer Garnisonpfarrer eingesetzt wird. Bereits am folgenden Tag reist Schliepstein nach Osterwieck in der Nähe von Halberstadt ab, wo er eine Stelle als Superintendent und Oberprediger angenommen hat[53]Dort wird Schliepstein im Jahre 1845 emeritiert werden und vier Jahre später, am 2. Januar 1849, im Alter von fast 89 Jahren, zwei erwachsene Töchter hinterlassend, versterben.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61.
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Die Veränderungen im Zuge der Reformen erfassen nach 1813 auch das System der Militärschulen. Die Regimentsschulen, die es insbesondere in Berlin neben der Garnisonschule stets gegeben hatte, werden nun kurzerhand aufgelöst. Die Soldatenkinder, die diese Schulen bisher besucht hatten, weist man nun eben dieser Garnisonschule zu. In der Folge entwickelt sich diese dadurch zunächst zu einer Mittelschule und schließlich zu einer höheren Bürgerschule. Weil nach der Heeresreform nun auch Bürgerliche die Möglichkeit haben, Offiziere der preußischen Armee zu werden, wird die Garnisonschule schließlich als Vorschule für den aus dem Bürgerstand stammenden Offiziersnachwuchs anerkannt. Allerdings ist es rein organisatorisch gar nicht möglich, daß alle Schüler diese Lehranstalt besuchen. Die Garnisonen vieler Regimenter liegen mittlerweile derart weit vom Zentrum der Stadt entfernt, daß es insbesondere den kleinen Kindern nicht zuzumuten ist, den teils recht weiten Weg auf sich zu nehmen. So läßt man die Jüngsten einfach die für sie nächstgelegene Zivilschule besuchen, wofür man den Eltern vom Staat das Schulgeld zahlt. Dafür erhalten die älteren Kinder in der Garnisonschule nun eine gute Bürgerschulbildung[54]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 74.[55]Dieter Weigert: Garnisongemeinde und Garnisonschule, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 86..

Ein neuer Pfarrer

Nach dem Weggang von Friedrich Wilhelm Schliepstein vergehen fast zwei Jahre, in denen die Gemeinde erneut ohne einen eigenen Pfarrer auskommen muß. Dennoch ist die immer noch nicht wieder völlig hergerichtete Garnisonkirche Schauplatz des Gemeindelebens. Und dieses birgt Höhen und Tiefen. Gleich zu Beginn des Jahres 1815 segnet der General Anton Wilhelm von L’Estocq, der 1809 als amtierender Gouverneur von Berlin und Vizepatron der Kirche maßgeblich zum Fortbestand der Garnisonkirche als Gotteshaus der Garnisongemeinde beigetragen hatte, am 1. Januar das Zeitliche. Er wird in deren Gruft beigesetzt[56]Dieter Weigert: 1792-1794 – „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 104.[57]Bernhard von Poten: L’Estocq, Anton Wilhelm von,  In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 18, 1883, Seiten 455-456 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021..

Anton Wilhelm von L’Estocq
Porträt des Anton Wilhelm von L’Estocq.
Quelle: Österreichische Nationalbibliothek – Austrian National Library
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Fünf Monate später findet am 7. Mai des Jahres eine Hochzeit statt, in der der Major Karl Friedrich von dem Knesebeck, ein aktives Mitglied der Gemeinde, die geschiedene Literatin Adolphine von Werdeck ehelicht, eine geborene von Klitzing und Jugendfreundin Heinrich von Kleists. Von dem Knesebeck hatte – ebenso wie von L’Estocq – an den Feldzügen Preußens gegen das nachrevolutionäre Frankreich in den Jahren 1792 bis 1794 teilgenommen, die er zum Schluß mehr als kritisch sah und als „politischen Rechnungs-Fehler“ bezeichnete. Von 1802 bis 1805 Mitglied der „Militärischen Gesellschaft zu Berlin“ unter der Leitung des späteren Reformers Gerhard von Scharnhorst, erarbeitete von dem Knesebeck 1803 die Idee einer Volksmiliz beziehungsweise Landwehr, die „auf den Fall der Not“ zum Einsatz kommen könnte. Er veröffentlichte sie in einer Studie, scheiterte mit seiner Idee jedoch an der konservativen Militärführung Preußens[58]Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seiten 102 ff.
Weigert gibt an, daß die Trauung des Paares von Pfarrer Gottlieb Friedrich Ziehe vorgenommen worden sei. Das paßt jedoch nicht zu den detaillierten Angaben, die Georg Goens in Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 61 ff. über die Berufung Ziehes als Garnisonpfarrer und dessen Amtsantritt macht, der Goens zufolge erst Anfang 1816 erfolgte – eine Angabe, die auch Barbara Kündiger in Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 106 bestätigt.
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Dieses Jahr 1815 bringt der Gemeinde auch die Erlösung von einem Quell steten Ärgernisses, das sie ganze 65 Jahre lang hatte ertragen müssen. König Friedrich Wilhelm III. verfügt die Auflösung der unseligen Montierungskammern im Dachboden der Garnisonkirche, die nach der nur hinreichenden Wiederherrichtung der Kirche erneut in Betrieb genommen worden waren[59]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 47..

Die Jahre, in denen kein Pfarrer der Gemeinde vorsteht und sich einige Gemeindemitglieder vermutlich fragen, ob man sie erneut vergessen hat, sind gerade die Zeit der Befreiungskriege, in deren Ergebnis es den Völkern Europas gelingt, die Vorherrschaft Frankreichs unter Napoleon Bonaparte zu beenden, und an denen auch Preußen maßgeblich beteiligt ist. Nach ihrem endgültigen Ende durch die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 weilt der preußische König im September in Paris, um dort die sogenannte „Heilige Allianz“ zu schließen – ein Bündnis zwischen Preußen, Rußland und Österreich[60]Allianzvertrag zwischen dem Kaiser von Rußland Alexander I., dem Kaiser von Österreich Franz II. und dem König von Preußen Friedrich Wilhelm III. (26. 09. 1815), Website documentArchiv.de [Hrsg.], abgerufen am 18. September 2021.. Und von der französischen Hauptstadt aus erinnert er sich schließlich am 18. September 1815 seiner Berliner Garnisongemeinde und beruft per Kabinettsordre Gottlieb Friedrich Ziehe zu deren neuem Garnisonpfarrer[61]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61..

Der am 12. Januar 1782 in Berlin geborene und vier Tage später in der Sankt-Georgenkirche getaufte Ziehe hatte, nachdem er am 3. Juni 1811 in der Nikolaikirche zu Berlin ordiniert worden und als Brigadeprediger nach Frankfurt an der Oder gegangen war, in dieser Funktion das Yorkische Korps nach Rußland begleitet und anschließend alle Züge seiner Truppe bis zum Ende der Befreiungskriege mitgemacht[62]Als er 1814 bei der von Ludwig von Borstell befehligten Division im III. Armeekorps unter General Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz war, begann er ein Tagebuch zu führen, in dem er die Erlebnisse seiner Regimenter in Brabant, Nordfrankreich und in den Rheinlanden in diesem Jahr schildert.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 61 f. und Schwipps, Garnisonkirchen Berlin und Potsdam, 1964.
. Als er am 28. Oktober 1815 die königliche Ordre mit seiner Berufung erhält, ist er gerade 33 Jahre alt[63]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61..

Gottlieb Friedrich Ziehe
Porträt des Gottlieb Friedrich Ziehe.
Quelle: Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 58a.
Bearbeitung: Alexander Glintschert (2021)
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Ziehe, der sich zu jener Zeit bei seiner Truppe in Frankreich befindet, reist am Jahresanfang 1816 von Beaumont-sur-Oise[64]Georg Goens gibt den Ort als „Beaumont a. d. Oise“ an. Der ebenfalls von ihm hinzugefügte Zusatz „(oberhalb Mons)“ ist allerdings etwas verwirrend, da sich Beaumont-sur-Oise in der Nähe von Paris befindet, Mons dagegen in Belgien. Es könnte sein, daß Goens hier in irgendeiner Weise die Herkunft des Ortsnamens, dessen zweiter Bestandteil auf das französische Wort mons für Berg zurückgeht (Beaumont bedeutet soviel wie „schöner Berg“), mit einem realen Ort verwechselt. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß es sich um eine geografische Verwechslung mit dem Ort Mours handelt. Dieser existiert tatsächlich, und Beaumont-sur-Oise befindet sich nicht allzuweit nordöstlich davon. Beide Orte sind an der Oise gelegen, einem Fluß, der unweit von ihnen in die Seine mündet.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61.
nach Berlin. Diese Reise plant er genau, wie er selbst erzählt:

Mit Vorbedacht ging ich über Osterwieck, um mich von meinem Amtsvorgänger über die Lage und Stellung des Garnisonpredigers näher unterrichten zu lassen, aber ich traf ihn noch nicht daselbst, sondern begegnete mich mit ihm auf der Straße von Zisar nach Brandenburg, wo wir uns nun begrüßen konnten und ich aus seinem Ton wohl vernahm, daß er froh war, die Stelle verlassen zu haben, mich aber bedauerte mit den Worten: „Sie werden es nur einige Jahre aushalten“. Wie Gott will, dachte ich und faßte guten Muth.[65]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 63.
Ob das Treffen mit Schliepstein nach dem Fehlschlag in Osterwieck ein Zufall oder aber in irgendeiner Weise doch verabredet war, bleibt offen.

Schließlich trifft Gottlieb Friedrich Ziehe in den ersten Januartagen des Jahres 1816 in Berlin ein – gemeinsam mit seiner jungen Frau Johanna Caroline Philippine, die er am 5. Mai 1813 unter ihrem damaligen Namen Müller, verwitwete von Wolframsdorf geheiratet hatte[66]Georg Goens berichtet, daß das Paar später fünf Kinder haben wird – vier Töchter und einen Sohn. Zwei der Töchter werden bereits im Kindesalter sterben. Die älteste Tochter Martha wird den ehemaligen Kadettenpfarrer Carl Hecker ehelichen, ihre jüngere Schwester Magdalene den Hauptmann a. D. und Stadtrat Hempel. Deren Zwillingsbruder und einziger Sohn der Ziehes, Martin, wird im Alter von dreißig Jahren das Zeitliche segnen müssen.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 63.
. Unmittelbar nach seiner Ankunft tritt er seine Stelle als Garnisonpfarrer an der Berliner Garnisonkirche an und wird sofort aktiv. Georg Goens schreibt:

Der liebe Gott hatte ihm nicht nur einen hünenhaften Körperbau gegeben – er galt als der größte Mann in Berlin – sondern auch einen eisernen Willen und eine manchmal bis zur Rücksichtslosigkeit sich steigernde Thatkraft. Dabei stand er in der Blüthe des Mannesalters […], kannte Soldaten, ihre Stärken und Schwächen und wurde als Mitgenosse ihrer Leiden und Freuden bedingungslos von ihnen voll anerkannt.[67]Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 63.

Zunächst kümmert er sich darum, das Gemeindeleben zu reaktivieren – beziehungsweise ihm zu größerer Blüte zu verhelfen, als es sie in den vergangenen zwei Jahren besessen hatte. Auch setzt er das Werk seines Vorgängers fort, Ordnung in die Kirchenbücher zu bringen und die infolge der Wirren der napoleonischen Besatzung entstandenen Lücken zu schließen. Auch die ordentliche Pflege der Friedhofsregister liegt ihm am Herzen[68]Dieter Weigert: Pfarrer und Bürger, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 118.[69]Berg, Geschichte der evangelischen Garnisongemeinde, 1995..

Während Ziehe noch damit beschäftigt ist, seine neue Gemeinde kennenzulernen, befaßt sich der König mit weitreichenden Ideen. Sein Ziel ist es, die lutherische und die reformierte Kirche in Preußen zu vereinen, also eine sogenannte unierte Kirche einzuführen. Keine ganz einfache Sache, gibt es doch eine Reihe kritischer Geister, von denen einige diese Idee gänzlich ablehnen, während andere diese Einheit über die Reform der Kirchenverfassung herbeizuführen gedenken, wovon jedoch der König nicht allzuviel hält. Seine Vorstellung besteht vielmehr darin, die Union über eine liturgische Reform zu erreichen. Diese Überlegungen tragen im Februar des Jahres 1816 erste Früchte, als König Friedrich Wilhelm III. eigenhändig eine Liturgie für den sonntäglichen Gottesdienst entwirft, die er alsbald einführen will. Kennzeichen seines Entwurfs ist die Trennung von Predigt und Liturgie. Erstere soll dabei in ihrer Bedeutung für den Gottesdienst maßgeblich reduziert werden. Folgerichtig soll der Altar die Kanzel als Zentrum des Gottesdienstes ablösen[70]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 107.[71]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 142.. Doch noch ist es nicht soweit.

Wiederauferstehung

Der neue Garnisonpfarrer Ziehe hat indes mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Noch immer sind die Fenster der Garnisonkirche unverschlossen und werden nur unzureichend verstopft, um die gröbsten Wetter draußen zu halten. So gelangen wieder und wieder Sperlinge ins Innere der Kirche, wo sie ihren Schabernack treiben und Ziehe bei seinen Predigten auf der Kanzel stören. Nachdem er sich das noch einige Male hat gefallen lassen, entschließt er sich in der Mitte des Jahres, zur Tat zu schreiten. Weil Generalfeldmarschall Friedrich Adolf von Kalckreuth, seit 1814 ein zweites Mal Gouverneur von Berlin[72]Das erste Mal hatte er 1809 dieses Amt übertragen bekommen, es dann aber 1812 verlassen, als man ihn zum Gouverneur von Breslau ernannte.
Siehe von Meerheimb, Kalkreuth, Friedrich Adolf Graf von, 1882, Seiten 34-38.
, schon recht alt ist und nicht mehr viel Initiative aufbringt, wendet sich Ziehe direkt an den König mit der Bitte, die nur notdürftig geflickten Fenster ersetzen zu lassen. Nachdem er sich dessen Zustimmung sicher ist, schart der Garnisonpfarrer all die Handwerker, die in der jüngeren Vergangenheit immer wieder einmal an der Kirche gearbeitet hatten, um sich und läßt sie die notwendigsten Reparaturen – insbesondere die der Fenster – durchführen. Die Verantwortung dafür übernimmt er – ganz Mann der Tat – selbst. Erst als die Arbeiten abgeschlossen sind, wendet er sich an das Kriegsministerium, um die Kosten bewilligen zu lassen[73]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 63 ff.. Und er hat sich in seinem Vertrauen auf den König nicht verrechnet: am 23. Juli des Jahres bewilligt dieser in einem Schreiben an die Ministerien der Finanzen, des Inneren und des Krieges die bereits ausgeführten Reparaturen an den Fenstern, dem Pflaster, den beschädigten Kirchenbänken sowie dem Bretterboden unter ihnen[74]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 106..

So sind die größten Widrigkeiten nun zwar beseitigt, doch noch ist die Garnisonkirche weit von ihrem einstigen Glanz, ihrer vormaligen Bedeutung für die Residenzstadt Berlin entfernt. Einen Hinweis auf den Stellenwert, den sie zu jener Zeit dort nur noch genießt, gibt ein von Valentin Heinrich Schmidt verfaßtes Buch über die Städte Berlin und Potsdam, in dessen 1816 erschienener vierter Auflage nur folgendes über sie vermerkt ist:

Die Garnisonkirche. Sie ist 177 Fuß lang und 90 Fuß breit, und hat keinen Thurm. Hier sind schöne Gemälde von Rode.[75]Zitiert aus Valentin Heinrich Schmidt: Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam und die umliegende Gegend, enthaltend eine kurze Nachricht von allen daselbst befindlichen Merkwürdigkeiten: in einem bis jetzt fortgesetzten Auszuge der grossen Beschreibung von Berlin und Potsdam, 4. vermehrte und gänzlich umgearbeitete Auflage, Friedrich Nicolaische Buchhandlung, Berlin, 1816, Seite 6.

Und doch spielt die Garnisonkirche für das preußische Militär in der Residenzstadt wieder eine größere Rolle. Und so findet ein Jahr nach dem Sieg über Napoleon in dem Gotteshaus eine ganz besondere Trauung statt. Es ist die Hochzeit von Friederike Krüger, Unteroffizierin der preußischen Armee und Trägerin des Eisernen Kreuzes. Ihr Geschlecht eine Zeitlang erfolgreich verheimlichend, war sie zu Beginn der Befreiungskriege in die Armee eingetreten und hatte an insgesamt fünfzehn Schlachten dieser Kämpfe von 1813 bis 1815 teilgenommen. Bei Dennewitz schwer verwundet, legte sie nach ihrer Genesung außerordentliche Tapferkeit an den Tag, die ihr die Hochachtung der Soldaten und Offiziere eintrug. Die Hochzeit, die General Ludwig von Borstell höchstpersönlich ausrichtet, findet in Anwesenheit des Königs statt – eine hohe Ehre für einen Unteroffizier jener Zeit[76]Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seite 118..

Auch wenn sich der neue Garnisonpfarrer bereits im ersten Jahr seiner Amtszeit in die Arbeit stürzt und bei den Soldaten anerkannt ist, gibt es doch auch Mitglieder der Gemeinde, die mit ihm so ihre Schwierigkeiten haben. Nicht nur ist Ziehe ein Mann von ausgeprägter Gründlichkeit, gepaart mit großem Pflichtbewußtsein, er nimmt, wenn es darauf ankommt, auch kein Blatt vor den Mund. Es ist kein Wunder, daß er damit nicht bei jedem gut ankommt. Als er daher im September 1816 eine Predigt hält, in der er mit Kritik an seiner Gemeinde nicht spart und insbesondere die Disziplin und Haltung von gewissen Gemeindemitgliedern anprangert, stößt das bei jenen, die sich angesprochen fühlen, auf Mißfallen. Die Folge ist eine gegen Ziehe gerichtete Anzeige beim Ministerium des Innern. Ein Informant, dessen Name nicht genannt wird, bezeichnet darin die Predigt des Garnisonpfarrers als „Strafpredigt“ und beschwert sich über eine Reihe darin enthaltener Passagen, die er alle im Wortlaut zitiert, weil er sie als „vorzüglich beleidigend empfunden“ habe[77]Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seite 118..

Nun, viel ist daraus nicht geworden. Ziehe bleibt Garnisonpfarrer und erlebt in diesem Amt im Januar des Folgejahres hautnah mit, wie des Königs Bestrebungen zur Einführung der unierten Kirche erste Früchte tragen. Am 15. Januar 1817 nutzt der Monarch die Immediatstellung[78]Das bedeutet, daß die beiden Kirchen direkt unter königlichem Patronat stehen und somit der Herrscher direkten Zugriff auf sie hat. der beiden Garnisonkirchen in Berlin und Potsdam, um seine neue Liturgie auszuprobieren. Als „Nähere Anweisung zur äußeren Anordnung des Gottesdienstes bei der Armee, wie solche nach den Aeußerungen Sr. Königlichen Majestät entworfen worden ist“ erscheint eine neue Militäragende, die in handschriftlicher Form an beide Garnisonkirchen übermittelt wird. Sie geht maßgeblich auf den Entwurf des Königs zurück, wurde jedoch unter Mitwirkung einer Kommission überarbeitet, der neben dem Hofprediger des Königs, Bischof Rulemann Friedrich Eylert, auch der Feldpropst Friedrich Wilhelm Offelsmeyer angehörte. Die Agende schreibt eine gemeinsame Liturgie für Reformierte und Lutheraner vor, die unverzüglich eingeführt wird[79]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 66.[80]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 107.. Daß das in der Gemeinde auf keinerlei Widerstand stößt, mag auf den ersten Blick überraschen, erklärt sich jedoch aus dem Umstand, daß die Garnisongemeinde schon von jeher eine gewisse Art von unierter Kirche praktiziert hatte, was sich beispielsweise darin ausdrückte, daß lutherische und reformierte Soldaten in der Vergangenheit stets gemeinsam die Abendmahlsfeier begangen hatten. Das wiederum hatte seine Ursache in der Geschichte der Gemeinde. Seit ihrer Gründung in der Mitte des 17. Jahrhunderts war die Berliner Garnison stetig angewachsen, was nur möglich war, weil zuerst die Kurfürsten und später die Könige bei der Anwerbung von Soldaten das Recht auf freie Religionsausübung zugestanden hatten – aus rein praktischen Erwägungen, versteht sich. Schließlich brauchte man militärisches Personal, um eine Armee zu unterhalten. Das ging sogar soweit, daß nicht nur Lutheraner und Reformierte in den Genuß dieser Toleranz kamen, sondern auch Katholiken, die ihre Seelsorge allerdings nicht in der Garnisonkirche erfuhren, sondern dafür seit 1701 die Kapelle der kaiserlich-österreichischen Gesandtschaft in Berlin nutzten[81]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.
Falk und Holtz weisen darauf hin, daß diese Großzügigkeit, die Katholiken betreffend, darauf zurückzuführen war, daß die preußischen Könige das Recht auf freie Religionsausübung als Zugeständnis an das katholische Kaiserhaus in Wien gewährten, wofür dieses bereit war, eine protestantische preußische Königskrone zu dulden.
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Kirchenfenster der evangelischen Stadtkirche Wiesloch
Darstellung von Martin Luther (links) und Johannes Calvin (rechts), den Begründern der lutherischen beziehungsweise reformierten Kirche, in einem Kirchenfenster der evangelischen Stadtkirche in Wiesloch in Baden-Württemberg.
Quelle: 4028mdk09, via Wikimedia Commons
Jahr: 2011
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Der Garnisonpfarrer Ziehe ist mit dem Zustand der Kirche weiterhin unzufrieden. Auch wenn die schwerwiegendsten Schäden nun repariert sind, kann der Kirchenbau die Schäden, die er infolge der napoleonischen Besatzung erlitten hatte, nach wie vor nicht verleugnen. Und so wendet sich Ziehe erneut an den König und bittet ihn, eine gründliche Renovierung der Garnisonkirche zu befehlen. „Dem Muthigen gehört die Welt“, resümiert Georg Goens das überaus erfreuliche Ergebnis, daß der König am 8. Mai 1817 der Bitte nicht nur entspricht und das Gouvernement anweist, die Kirche für einen notwendigen Innenausbau zu räumen, sondern obendrein auch noch die Anweisung von 25.000 Talern für die Renovierung verfügt. Doch dürfte die glückliche Wendung nicht allein auf den Mut des Garnisonpfarrers zurückzuführen sein, auch wenn ihm sein großer Einsatz für seine Kirche keineswegs abgesprochen werden soll. Vielmehr kann wohl davon ausgegangen werden, daß der König seine eigenen Beweggründe hat, der Bitte zu entsprechen. Zum einen steht das dreihundertjährige Jubiläum der Reformation unmittelbar vor der Tür, was allein schon ein hinreichender Anlaß wäre, die ramponierte Garnisonkirche endlich wiederherrichten zu lassen. Zudem aber kommt die Bitte des Garnisonpfarrers genau zur rechten Zeit, um bestens in die Pläne des Monarchen für die Vereinigung der reformierten und der lutherischen Kirche und die damit verbundene Einführung der von ihm verfaßten Liturgie zu passen. Eine Renovierung des Gotteshauses ist die perfekte Gelegenheit, dessen Innenraum so umgestalten zu lassen, daß er auf die Anforderungen der neuen Gottesdienstordnung bestens zugeschnitten ist[82]Georg Goens nennt in Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65 als Tag der Räumung des Gotteshauses den 1. März 1817. Das paßt nicht mit der Angabe zusammen, die bei Barbara Kündiger in Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seiten 106 f. zu finden ist und sich auf ein entsprechendes, erhalten gebliebenes Dokument mit der Anweisung des Königs stützt. Die Quelle für Goens‘ Angabe geht aus seiner „Geschichte der Garnisonkirche“ leider nicht hervor, so daß wir uns in unserer Darstellung auf Barbara Kündigers Beschreibung stützen..

So beginnt also im Mai des Jahres 1817 die erste umfangreiche Renovierung der Garnisonkirche. Die Leitung der Arbeiten wird dem Baumeister Professor Martin Friedrich Rabe übertragen, der damit keine leichte Aufgabe übernimmt, denn König Friedrich Wilhelm III. befiehlt, weil bis zum 300. Jubiläum der Reformation am 31. Oktober 1817[83]Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht, was als der Beginn der Reformation gilt. Daher ist der 31. Oktober bis in heutige Zeiten der Reformationstag. nur noch wenige Monate Zeit bleiben, die Beschleunigung der Arbeiten. Diese konzentrieren sich im wesentlichen auf den Innenbereich des Kirchenbaus und sind außerordentlich umfangreich. War der Kirchenraum bisher im Stile einer vergleichsweise einfachen Saalkirche gehalten, so überführt man ihn im Zuge einer völligen Neugestaltung in den eines griechischen Tempelbaus. Der Garnisonkirche wird damit gewissermaßen der Stil des Schinkelschen Klassizismus aufgedrängt, der zu dieser Zeit zwar gerade erst aufkommt und auch noch nicht so sehr von seinem Namensgeber Karl Friedrich Schinkel beeinflußt ist, doch weil dieser später eben diese neue „altgriechische Architektur“ zur Meisterschaft führen wird, ist sie heute mit seinem Namen untrennbar verbunden[84]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65.[85]Dr. C. Brecht: Die Garnison-Kirche in Berlin. Zur Erinnerung an die 150jährige Einweihungs-Feier derselben am 2. Juni 1872, A. W. Hayn’s Erben, Berlin, 1872, Seite 14..

Natürlich kann man diesen griechischen Tempelbau, den die Garnisonkirche nun abgeben soll, nicht größer machen, als er bereits ist. Weil man aber auf die Sitzplätze für die vergleichsweise große Gemeinde nicht verzichten kann, müssen die Emporen erhalten bleiben. Das Resultat ist ein von Emporen umzogener griechischer Tempelbau[86]Zum Brande der Garnisonkirche, In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen – Vossische Zeitung, Ausgabe 178 (Abendausgabe) vom 14. April 1908, Seite 11.. Weil ein solcher unbedingt Säulen erfordert, umgießt man acht der hohen, gemauerten Pfeiler der Kirche dick mit Gips und verwandelt sie auf diese Weise in 42 Fuß[87]Das sind etwa 13,18 Meter. hohe dorische Säulen, versehen mit viereckigen Sockeln, die so hoch sind wie die Kirchensitze[88]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65 und Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14.
Auf die Anzahl der Säulen geht Goens nicht weiter ein. Brecht spricht hingegen explizit von „zwei Reihen Dorischer Säulen […], und jede Säulenreihe aus 4 Säulen hergestellt.“ Bei ihrer Erbauung besaß die Kirche in jeder der beiden Reihen allerdings fünf Pfeiler. Leider trifft Brecht keine Aussage darüber, was mit den anderen beiden Pfeilern geschieht. So muß vermutet werden, daß man sie nicht in dorische Säulen umwandelt. Möglicherweise werden sie dem Chor zugeschlagen und sind so nicht mehr als freistehende Pfeiler erkennbar.
. Auf diesen Säulen liegt ein hohes Gebälk auf, das – einem griechischen Tempel gemäß – aus Architrav[89]Das ist der waagerechte Hauptbalken über den Säulen., Fries und einigen darüber liegenden Gliedern besteht. Im von den Pfeilern gebildeten Mittelschiff ist der Fries mit Triglyphen[90]Bei einem Triglyph handelt es sich um eine Platte am Fries, die vier Längsrillen aufweist – zwei volle innere und zwei halbe äußere. verziert. Über den drei Schiffen der Kirche ist die Decke in große Füllungen unterteilt. Den Chor tragen nun kleinere Pilaster[91]Ein Pilaster ist ein flacher, senkrechter, in die Wand integrierter Pfeiler, der deswegen auch Wandpfeiler genannt wird. Er kann auch vorgetäuscht sein und wird dann im Deutschen als Reliefpfeiler bezeichnet., die sich in ihrer Gestaltung an die größeren Säulen anlehnen und durch dorische Säulen unterstützt werden[92]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14..

Doch nicht nur im Hinblick auf architektonische Aspekte wird der Innenraum der Garnisonkirche, der nun den Charakter eines Hallenbaus besitzt, neu gestaltet. Auch seine Einrichtung verändert man vollständig. Und das hat seine Gründe weitestgehend in der neuen, vom König entworfenen Gottesdienstordnung, die der Raum möglichst optimal unterstützen soll. Zu diesem Zweck wird er neu ausgerichtet, indem man den Altar, der sich bisher in der Mitte des Saals befand, altchristlichem Brauch gemäß an dessen östlichem Ende aufstellt. Besaß der Saal bisher eine quer verlaufende Liturgieachse, die in der Mitte von der Kanzel über den davor aufgestellten Altartisch und den Taufstein zur Königsloge gegenüber verlief, weist er nun ganz klar eine liturgische Längsachse auf, die direkt auf den Altar im Osten des Mittelschiffes zuläuft. Dadurch erhält der Altar, der in den reformierten und lutherischen Kirchen Berlins und Brandenburgs schon seit längerem keine zentrale Stellung mehr innehatte, diese zurück und löst so die Kanzel – den Ort der Predigt – als Mittelpunkt nicht nur des Raumes, sondern auch des Geschehens im Gottesdienst ab – ganz, wie es der König mit seiner neuen Liturgie beabsichtigt. Um die neue Rolle des Altars als zentralen Ort noch zu unterstreichen, wird der Bereich, in dem er sich befindet, zwei Stufen über das allgemeine Bodenniveau erhöht. Was allerdings die Gestaltung angeht, können die Vorstellungen des Königs, der sich einen möglichst prächtigen Altar wünscht, nicht umgesetzt werden. Der Grund ist so profan wie unbefriedigend: das liebe Geld reicht nicht aus. So muß man sich damit begnügen, den Altar mit einem rotseidenen Behang zu versehen, auf dem vorn das Eiserne Kreuz prangt. Und weil man das dann wohl doch als ein wenig zu schlicht empfindet, plaziert man den prächtigen Schlüterschen Taufstein vor den Stufen des Altarraums, um diesem so zu ein wenig mehr Glanz zu verhelfen[93]Heinrich Lange: „…zum andächtigen Besuch…“ – Am 1. Januar 1703 wurde die erste Berliner Garnisonkirche eingeweiht, In: Preußische Allgemeine Zeitung – Das Ostpreußenplatt, Ausgabe vom 21. Dezember 2002, Seite 9.[94]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 107.
Barbara Kündiger weist darauf hin, daß den einschlägigen Quellen keine gesicherte Aussage darüber zu entnehmen ist, ob die nicht ausreichenden Geldmittel dazu führen, daß der bisherige Tischaltar aus Eichenholz weiterverwendet werden muß, oder ob es wenigstens möglich ist, einen neuen Altartisch zu beschaffen.
. Immerhin gelingt es, den Altar mit einem Altarbild auszustatten, das man an der hinter ihm befindlichen Wand aufhängt. Dieses Bild, das den Titel „Christus am Kreuz“ trägt, wurde von dem Maler Karl Wilhelm Wach zwischen 1815 und 1817 in Paris geschaffen[95]Das Bild „Christus am Kreuz“ existiert heute nicht mehr. Unglücklicherweise ist bisher auch keine Beschreibung oder gar bildliche Überlieferung des Gemäldes aufgefunden worden, so daß man heute nur weiß, daß es existiert, aber nicht, wie es ausgesehen hat. Es zählt zu den bedeutendsten Werken Karl Wilhelm Wachs. Einschlägige Abhandlungen zur Berliner Kunstgeschichte erwähnen das Bild ebenso wie biographische Lexika und bezeichnen es teils sogar als Hauptwerk Wachs.
Siehe Hermann Arthur Lier: Wach, Karl Wilhelm, In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 41, 1896, Seiten 774-776 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 25. September 2021, und Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 142.
, wo es der König während eines Aufenthaltes erwirbt und anschließend der Garnisonkirche zum Geschenk macht. Da er mit seiner neugestalteten Liturgie den Altar wieder zum wichtigsten Teil des Gottesdienstes werden lassen will, erscheint es wahrscheinlich, daß der König es von vornherein zu dem Zweck gekauft hat, den Altar damit zu schmücken[96]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 142.
Barbara Kündiger schreibt darin allerdings: „Ob dieses Gemälde tatsächlich in der Kirche platziert wurde, ist jedoch heute ungewiss, da es […] in keiner einschlägigen Beschreibung der Garnisonkirche vermerkt ist.“ Das ist insoweit richtig, als es die Werke betrifft, die sich explizit mit der Geschichte der Garnisonkirche befassen – wie beispielsweise Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897 und Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872. Allerdings liefert Valentin Heinrich Schmidt in seinem 1820 in fünfter Auflage erschienenen „Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam“ eine Beschreibung des gerade neugestalteten Gotteshauses, in der er das Gemälde und seine Verwendung als Altarbild erwähnt.
Siehe Valentin Heinrich Schmidt: Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam und die umliegende Gegend, enthaltend eine kurze Nachricht von allen daselbst befindlichen Merkwürdigkeiten: in einem bis jetzt fortgesetzten Auszuge der grossen Beschreibung von Berlin und Potsdam, 5. gänzlich umgearbeitete und verbesserte Auflage, Friedrich Nicolaische Buchhandlung, Berlin, 1820, Seite 9.
. Allerdings betrachtet der Monarch dies, wie es scheint, lediglich als eine Zwischenlösung. Denn noch während desselben Aufenthaltes in Paris beauftragt er den zu dieser Zeit ebenfalls dort weilenden Maler Karl Begas d. Ä. mit der Schaffung eines Altarbildes für die Garnisonkirche[97]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 142 f.. Offenbar legt er Wert auf ein explizit für das Gotteshaus geschaffenes Werk.

Karl Wilhelm Wach
Porträt des Malers Karl Wilhelm Wach, gezeichnet von August Ferdinand Hopfgarten.
Quelle: „Sammlung von Bildnissen Deutscher Künstler in Rom (Erstes Künstleralbum), gestiftet im Jahre 1832“, Seite 77A via Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom – Fotothek
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Natürlich entgeht auch die Kanzel der Umgestaltung nicht. Und diese fällt in ihrem Fall besonders radikal aus: sie wird kurzerhand ausgemustert. Ersetzt wird sie, die einst von Philipp Gerlach d. J., dem Baumeister der Garnisonkirche, entworfen worden und sehr schlicht gehalten war, durch eine in barocker Üppigkeit gestaltete Kanzel. Diese ist jedoch kein neues Werk, sondern befand sich bisher in der auch gerade einem Umbau unterzogenen königlichen Hof- und Domkirche[98]Der Umbau des Doms dauert von 1816 bis 1821., wo sie einer neuen, von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Kanzel hatte weichen müssen. Dem Garnisonpfarrer Ziehe gefällt sein neuer Wirkungsort überhaupt nicht, und so übt er sich in Protest. Nicht nur, daß er die nicht ganz so neue Kanzel wenig respektvoll als „gebackenen Tafelaufsatz“ bezeichnet – er geht sogar soweit, das ihm viel mehr zusagende Gerlachsche Meisterwerk im Kirchenraum zu belassen[99]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65.[100]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 117, Fußnote 19.. Mit einem gewissen Trotz läßt er es hinter dem Altar aufstellen und drückt seinen Protest mit den Worten aus:

Aber ich habe die alte Kanzel hinter dem Altare stehen lassen, zur Beschämung für die neue Kunst.[101]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65.

Auch an der Orgel nimmt man eine Veränderung vor, die allerdings den Beifall des Garnisonpfarrers finden dürfte: die Balgkammer, die sich bisher neben der Orgel befunden hatte und so für jedermann sichtbar gewesen war, wird nun unter der Orgel plaziert und so den Blicken des Kirchenpublikums entzogen[102]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14..

Weil nun aber der in den Zeiten der napoleonischen Besatzung verlorengegangene Fahnenschmuck nicht mehr auffindbar ist, werden neue erbeutete Fahnen in der Kirche aufgehängt. Diese stehen jedoch bei weitem nicht in der früheren Anzahl zu Verfügung. Um also die Kirche mit weiteren militärischen Ruhmeszeichen ausstatten zu können, verfällt man auf die Idee, anstelle der Fahnen nun Gedenktafeln aufzuhängen, die an die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 erinnern sollen[103]Klaus Duntze: Ob auch Kriegsleute seligen Standes sein können (Martin Luther), In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 13.. Sie künden von darin errungenen preußischen Siegen und erinnern an die Gefallenen der Berliner Garde-Regimenter, deren Namen sie auflisten[104]A. Heinze: Die Ruhestätten der Berliner Garnisonkirche, In: Illustrirte Berliner Wochenschrift Der Bär – Eine Chronik für’s Haus, Jahrgang 12, Ausgabe 19 vom 6. Februar 1886, Seite 234.[105]Bericht über den Vortrag von Divisionspfarrer Schildt aus Torgau „Die Garnisonkirche, ein Denkmal preußischer Geschichte“ vom 5. Mai 1893 in der Berliner Garnisonkirche, In: Mittheilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Jahrgang 1893, Heft 5, Seiten 47 f.. Diese Tafeln, die ihren Platz im Seitenschiff an der Nordwand der Kirche finden[106]Richard Borrmann: Garnisonkirche, In: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Verlag von Julius Springer, Berlin, 1893, Seite 176., sind, was ihre Gestaltung angeht, allerdings keine Besonderheit der Berliner Garnisonkirche. Man stattet auch andere Kirchen im ganzen Land mit derartigen Erinnerungszeichen aus. Der König höchstselbst hatte bereits 1816 einen ersten Entwurf dafür angefertigt, den er von Karl Friedrich Schinkel begutachten läßt. Dieser schlägt einige Ergänzungen vor und steuert auch eigene Entwürfe bei, welche vom König jedoch verworfen werden, da er lieber seine eigene Kreation bevorzugt, in die er allerdings zumindest Schinkels Ergänzungen einbezieht. Daraus resultiert ein Grundmodell für solche Erinnerungstafeln, auf dessen Basis man etwa 7.000 von ihnen für Kirchen in ganz Preußen anfertigen läßt[107]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 108..

Bei dem im Gange befindlichen Umbau ist es selbstverständlich nicht möglich, in der Kirche Gottesdienste abzuhalten. So muß die Gemeinde notgedrungen auf andere Kirchen ausweichen. Doch das ist mit Schwierigkeiten verbunden, denn wie sich herausstellt, hat sich an der Reserviertheit der Berliner gegenüber der Garnisongemeinde, die diese bereits in ihren Anfangstagen erfahren mußte, wenig geändert. Weil sie sich an den Manieren der Soldaten und insbesondere an deren Schnarchen während des Gottesdienstes stören, verweigern die Berliner Bürger dem Garnisonpfarrer Ziehe die Erlaubnis, die Soldaten in ihre Kirchen zur Andacht zu führen – und sei es auch nur vorübergehend[108]Berg, Geschichte der evangelischen Garnisongemeinde, 1995.. Es braucht erst eine am 8. Mai 1817 in einer Königlichen Ordre erteilte Anweisung des Königs an das Gouvernement, für die einstweilige Unterbringung der Gemeinde in einer anderen Kirche zu sorgen, daß sich die Situation klärt[109]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.. Im Ergebnis weicht die Gemeinde für die Zeit der Renovierung der Garnisonkirche auf die Neue Kirche auf dem Gendarmenmarkt aus[110]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65..

Während der Umbau voranschreitet und das dreihundertjährige Jubiläum der Reformation immer näher rückt, hat auch der König viel zu tun, um seine Unionsbestrebungen voranzutreiben, ist doch ebendieses Jubiläum die perfekte Gelegenheit, um die von ihm angestrebte Vereinigung der reformierten und der lutherischen Kirche zu vollziehen. Und so folgen in diesem Jahr 1817 eine Reihe entsprechender Unionsverfügungen unmittelbar aufeinander. Angeregt oder gar verfaßt werden sie meist von Friedrich Schleiermacher. Den Anfang macht am 30. Juni eine vom Minister des Innern, Kaspar Friedrich von Schuckmann[111]Karl Wippermann: Schuckmann, Friedrich Freiherr von, In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 32, 1891, Seiten 647-650 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 25. September 2021., herausgegebene Verfügung, die die neue, gemeinsame Liturgie für die lutherische und die reformierte Kirche für den 31. Oktober, den Jubiläumstag der Reformation, bekanntgibt. Dabei wird der neue, gemeinsame Name „Evangelisch“ feierlich proklamiert. Am 27. September veröffentlicht König Friedrich Wilhelm III. seinerseits eine offizielle Aufforderung zum Zusammenschluß der beiden Kirchen. Der 16. Oktober bringt dann schließlich die Ankündigung der neuen Form des Abendmahls, das unter dem Ritus des Brotbrechens stattfinden soll[112]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 66 f.
Bei diesem Ritus wird oft eine sogenannte Spendeformel gesprochen, die sich jedoch in den beiden Kirchen unterschied. Um bei Lutheranern und Reformierten gleichermaßen Akzeptanz zu erreichen, führt die neue Agende die sogenannte „referierende Formel“ ein, die lediglich den biblischen Bericht über das Brechen des Brotes beim letzten Abendmahl zitiert.
Siehe Walter Wendland: Die Religiosität und die kirchenpolitischen Grundsätze Friedrich Wilhelms des Dritten – In ihrer Bedeutung für die Geschichte der kirchlichen Restauration, Verlag von Alfred Töpelmann, Gießen, 1909, Reprint bei Walter de Gruyter GmbH & Co KG, Berlin, 2020, Seite 182.
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Friedrich Schleiermacher: Über die neue Liturgie für die Hof- und Garnison-Gemeinde zu Potsdam und für die Garnisonkirche in Berlin (Titelblatt)
Titelblatt einer 1816 von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher veröffentlichten Schrift über die neue Liturgie für die Garnisonkirchen in Berlin und Potsdam, in der er sich mit der ersten Version der Agende auseinandersetzt. Nachdem er sich anschließend an deren Weiterentwicklung beteiligt, wird er später zunehmend kritischer hinsichtlich der Bestrebungen, die der König mit der neuen Agende verfolgt.
Quelle: Friedrich Schleiermacher: Über die neue Liturgie für die Hof- und Garnison-Gemeinde zu Potsdam und für die Garnisonkirche in Berlin, Realschulbuchhandlung, Berlin, 1816 via Österreichische Nationalbibliothek – Austrian National Library
Urheber: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher
NoC-NC 1.0.

Am 29. Oktober, zwei Tage vor dem Reformationstag, ist es dann schließlich soweit: die frisch renovierte Garnisonkirche wird feierlich eingeweiht. An dem von Garnisonpfarrer Ziehe geleiteten Festakt nimmt nicht nur der König, sondern das ganze königliche Haus teil[113]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 67.[114]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 15.. In Anwesenheit der ganzen Garnison ehren Prinzen und Prinzessinnen das in den Befreiungskriegen siegreiche Heer, indem sie an den Stufen des Altars Lorbeerkränze niederlegen[115]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 15.[116]Die alte Garnisonkirche niedergebrannt, In: Berliner Tageblatt, Jahrgang 37, Ausgabe 192 (Morgenausgabe) vom 14. April 1908, Seiten 5 f.. Die Einweihung gibt der Gemeinde ihre Kirche zurück und präsentiert der Öffentlichkeit die mit erbeuteten Fahnen sowie Gedenktafeln für Sieger und Gefallene erneut zum Sanktuarium des Krieges gestaltete Garnisonkirche, in der man von nun an jährlich am sogenannten „Totentag“ mit einem Requiem der Gefallenen gedenkt[117]Duntze, Kriegsleute, 2004, Seite 13..

Einen Tag später, am 30. Oktober, strömt viel Volk in die Berliner Nikolaikirche, um einer besonderen Feierlichkeit beizuwohnen: 63 Berliner Geistliche sowohl lutherischen als auch reformierten Bekenntnisses, unter denen sich auch der Garnisonpfarrer Gottlieb Friedrich Ziehe befindet, zelebrieren eine gemeinsame Abendmahlsfeier und manifestieren so die an diesem Tag feierlich proklamierte evangelische Landeskirche in Preußen, in der Lutheraner und Reformierte nun unter dem gemeinsamen Namen „Evangelisch“ vereinigt sind[118]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 67.[119]Schwipps, Garnisonkirchen Berlin und Potsdam, 1964..

Die rundum erneuerte Garnisonkirche wird in der Öffentlichkeit durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen. Als Beispiel dafür darf die Erweiterung gelten, die Valentin Heinrich Schmidt seiner bereits zitierten lapidaren Erwähnung des Gotteshauses in seinem Buch über die Städte Berlin und Potsdam für dessen 1820 erscheinende fünfte Ausgabe angedeihen läßt. Dort ist nun folgende, im Vergleich mit der früheren Fassung fast schon enthusiastische Beschreibung zu finden:

Die Garnisonkirche. Sie ist 175 Fuß lang, 90 Fuß breit, und hat keinen Thurm. Sie wurde auf Königliche Kosten 1817 im Innern sehr verschönert. Der Baumeister, Herr Hofbauinspektor Rabe übernahm die glücklich gelungene Ausführung. Die vormaligen viereckigen Pfeiler wurden in dorische Säulen umgeschaffen. Sie sind kannelirt, stehen auf einem viereckigen Socle, und haben die Höhe von 42 Fuß. Ein und fünfzig Fuß über dem Fußboden ist die scheitrechte Decke. Das sonst hervorspringende Chor ist bis zur Mittellinie der Säulen eingezogen: Die Kanzel ist neu, die Balgkammer der Orgel aber, die sonst seitwärts in dem Anblick jedes Beschauers war, ist unter der Orgel angebracht. Der Altar steht am andern Ende vor dem Musikchor. Dieser Theil des Mittelschiffs ist drei Stufen erhaben, und durch eine Wand von dem hintern Raum abgesondert. An derselben hängt ein Gemälde von Wach, Christus am Kreuze, ein Geschenk des Königs. Vor diesem ist der auf zwei Stufen erhöhete Altartisch, den ein roth seidener Umhang mit dem eisernen Kreuze schmückt. Säulen, Wände und Decken sind von sanft röthlicher Farbe, der zum Chor führende Eingang ist grünlich grau gefärbt. An den Fensterpfeilern hängen fünf Gemälde von Bernhard Rode, so wie in einem der Nebenschiffe die Gedächtnißtafeln auf die im Kriege gebliebenen tapfern Streiter. Diese erneuerte Kirche ist am 29. Oct. 1817 in Gegenwart des Königl. Hauses eingeweihet worden.[120]Zitiert aus Schmidt, Wegweiser durch Berlin und Potsdam, 1820, Seiten 8 f.
Ein interessantes Detail ist die Längenangabe. In der in der vierten Auflage enthaltenen, aus einem Satz bestehenden Beschreibung der Kirche beträgt sie noch 177 Fuß. Wie es zu der Änderung gekommen ist, ist unbekannt. Ob Schmidt hier noch einmal nachgemessen hat? Daß es sich hierbei einfach um eine Korrektur handelt, ist nicht unwahrscheinlich. Zur Zeit der Erbauung der zweiten Garnisonkirche war ihre Länge mit 185 Fuß angegeben worden – siehe Johann Friedrich Walther: Die gute Hand Gottes über die Garnison-Kirch- und Schul-Anstallten, in der Königlichen Preußischen Residentz Berlin, oder Historische Nachricht, Wenn und wie die Garnison-Kirche und Schule zuerst gestifftet und Deroselben Anstallten unter Göttlichem Segen bis auf gegenwärtige Zeit erhalten worden. Wobey derer Merckwürdigsten Fälle und Veränderungen so diese Anstallten von Ao. 1663 bis itzo betroffen, und insonderheit der, Ao. 1720 geschehenen Zerspringung eines alten Pulver-Thurns, umständlich gedacht wird. Als auch von denen Gebäuden, Patronen und andern Bedienten bey der Kirche und Schule, Meldung geschiehet. Endlich aber Eine genaue Verzeichniß aller, bis hieher in der Garnison-Kirche ordinirten Feld- und Garnison-Prediger bey der gantzen Königl. Armeé, auch wohin, und wozu dieselben befordert worden, mit eingeführet ist, So wol aus gewissen Uhrkunden als eigner Erfahrung aufgesetzet, auch mit Neun Kupffern erläutert von Johann Friedrich Walther, Organist und Collega Ordin. der Garnison-Kirche und Schule., Samuel König, Berlin, 1743, Seite 72.
Diese Angabe folgte aller Wahrscheinlichkeit nach dem bis 1721 verwendeten Herzoglichen Neu-Kulmischen Maß und entspricht damit 54,13 Metern. Als allerdings Valentin Heinrich Schmidt seinen Wegweiser veröffentlichte, wurde in Preußen das Magdeburger Maß, das man auch als Brandenburger oder Rheinländisches Maß bezeichnete, verwendet. Ab 1816 nannte man es preußisches Maß. Darin entsprach ein Fuß 31,385348 Zentimetern. Somit würde nach Schmidts Angaben die Garnisonkirche eine Länge von 55,55 Metern (177 Fuß) beziehungsweise 54,92 Metern (175 Fuß) gehabt haben. Letztere Angabe liegt vergleichsweise nah an der von Walther und ist damit wahrscheinlich als Korrektur zu sehen.
Siehe auch Das Königliche Magdeburger Maß von 1755 – 1816, Artikel auf der Website preussische-masse.de, abgerufen am 25. September 2021 und Das Preußische Maß in Preußen von 1816 bis 1869, Artikel auf der Website preussische-masse.de, abgerufen am 25. September 2021.

Grundriß des Erdgeschosses und halber Emporengrundriß der Berliner Garnisonkirche
Der Grundriß des Erdgeschosses und ein halber Emporengrundriß der neugestalteten Berliner Garnisonkirche. Klar erkennbar sind die nun als Säulen gestalteten Pfeiler. Rechts, an der Ostseite des Kirchenraumes, befindet sich der Altar.
Quelle: Kirchen, In: Berlin und seine Bauten – II. und III.: Der Hochbau, herausgegeben vom Architekten-Verein zu Berlin und der Vereinigung Berliner Architekten, Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin, 1896, Seite 159.
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
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Endlich fertig … oder?

Am 30. November 1817 ist die Garnisonkirche Schauplatz einer weiteren Feierlichkeit, die der Erweiterung des Sanktuariums des Krieges, zu dem das Gotteshaus geworden ist, um neue Gegenstände der Verehrung dient. Der Reihe der Gedenktafeln fügt man weitere hinzu, die die Namen der Ritter des Eisernen Kreuzes tragen. Das sind zuvorderst natürlich die Ritter des Großkreuzes: Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, General Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz, General Bogislav Friedrich Emanuel von Tauentzien und General Ludwig Yorck von Wartenburg[121]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 66.
Eigentlich gab es fünf Träger des Großkreuzes. Der fünfte war der Franzose Jean Baptist Julius Bernadotte, der 1810 vom schwedischen König Karl XIII. adoptiert worden und als Karl Johann Kronprinz von Schweden geworden war. Da Goens ihn in seiner Aufzählung ausläßt, ist zu vermuten, daß Karl Johann auf den Gedenktafeln tatsächlich nicht aufgeführt war. Das wäre dadurch zu erklären, daß er nie als Offizier der preußischen Armee diente. Ursprünglich französischer Revolutionsgeneral, der gemeinsam mit Napoleon kämpfte, stellte er sich erst spät gegen diesen, als die französische Armee auch gegen Schweden vorging. Dann jedoch trug er als Oberbefehlshaber der sogenannten Nordarmee, die aus Preußen, Russen und Schweden bestand, zum Sieg über den französischen Kaiser bei.
Siehe Karl XIV., In: Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2, Leipzig, 1838, Seiten 560-562 – Online-Version auf zeno.org, abgerufen am 27. September 2021.
. Aber auch die Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse werden auf den neuen Tafeln geehrt, unter ihnen auch Wilhelm, Prinz von Preußen, der als Premierleutnant in der preußischen Armee diente und heute unter dem Titel bekannter ist, den er später tragen wird: erster Deutscher Kaiser. An der Feier nehmen selbstverständlich alle in Berlin anwesenden Ritter teil und können so miterleben, wie die Prinzessinnen des königlichen Hauses die am Altar aufgestellten Gedächtnistafeln bekränzen, während im Lustgarten aufgestellte Kanonen Salutschüsse feuern[122]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 15.[123]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 66..

Doch so ideal, wie man es angesichts solcher nun wieder möglicher Feiern und nach einer so grundlegenden Neugestaltung und Renovierung, wie sie die Garnisonkirche gerade erfahren hatte, annehmen könnte, sind die Zustände durchaus nicht. Um die Dreihundertjahrfeier der Reformation in dem Gotteshaus begehen zu können, hatte der König darauf gedrungen, die dafür recht spät begonnene Renovierung so schnell wie nur irgend möglich vorzunehmen[124]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14.. Und einem König widerspricht man nun einmal nicht. Doch wie sich recht bald herausstellt, hatte man die Arbeiten übereilt abgeschlossen. Nach und nach offenbaren sich diverse Mängel:

[…] schön war es gewiß nicht, wenn nach der offenbar übereilig vollendeten Restaurierung „ganze Wolken, im eigentlichen und buchstäblichen Sinne in dem weiten Raume umherzogen“ und die Leute so erschreckten, daß man einmal sogar nach der Feuerwehr rufen wollte […] und der arme Prediger in diesen „widrig blauen Giftdünsten“ Rheumatismus und Lungenstiche bekam.[125]Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 65 f.

Doch müssen Pfarrer und Gemeinde zunächst einmal eine Weile mit diesem Zustand zurechtkommen, denn Geld für weitere Arbeiten an dem Gotteshaus ist vorerst keines mehr da. Immerhin kann die Garnisongemeinde nun aber wieder zu einem normalen Leben zurückkehren. Ausdruck dessen ist vielleicht, daß aus dem folgenden Jahr 1818 nur von zwei Ereignissen zu berichten ist. Zunächst verstirbt im Alter von 81 Jahren der Generalfeldmarschall und Gouverneur der Residenzstadt Berlin, Friedrich Adolf Graf von Kalckreuth, der an den Feldzügen Preußens gegen das nachrevolutionäre Frankreich in den Jahren 1792 bis 1794 teilgenommen und 1807 den Tilsiter Frieden zwischen Preußen und Frankreich ausgehandelt hatte, der für Preußen allerdings wegen der nicht genau festgelegten Höhe der Besatzungskosten sehr nachteilig gewesen war[126]Günter Richter: Kalckreuth, Friedrich Adolf Graf von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 11, 1977, Seiten 50-51 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 27. September 2021.. Der Verstorbene wird in der Gruft der Garnisonkirche beigesetzt[127]Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seite 104.. Ebenfalls in diesem Jahr tritt der langjährige Organist der Gemeinde, Johann Daniel Schmalz, der diese Stelle seit 1772 innehatte, in den wohlverdienten Ruhestand[128]von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seite 508..

Porträt des Karl Begas d. Ä. von Adalbert Begas
Porträt des Karl Begas d. Ä. von Adalbert Begas (Stecher).
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Kupferstichkabinett
Fotograf: Volker-H. Schneider
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
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Ende Januar 1819, eineinhalb Jahre nach der Erteilung des Auftrags durch König Friedrich Wilhelm III., stellt Karl Begas d. Ä. das Altarbild für die Garnisonkirche fertig. Das Gemälde, das den Titel „Christus am Ölberg“ trägt, wird der Gemeinde als Geschenk des Monarchen übergeben. Leider verfügt die Kirche aber noch immer nur über einen Altartisch. Zwar wünscht der König im Zusammenhang mit seiner veränderten Liturgie und der zentralen Rolle, die dem Altar dabei zugedacht ist, eine prächtigere Ausgestaltung desselben, dennoch unterbleibt diese zunächst. So fehlt für die Präsentation des Gemäldes ein Retabel, also ein Aufsatz, in den es als Altarbild eingesetzt werden könnte. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln. Möglicherweise fehlt einfach das Geld. Daher ziert das Wachsche Gemälde noch im Folgejahr 1820 die Wand hinter dem Altartisch, wie der in diesem Jahr erscheinenden neuen Ausgabe von Valentin Heinrich Schmidts „Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam“[129]Schmidt, Wegweiser durch Berlin und Potsdam, 1820, Seite 9. zu entnehmen ist. Ab wann es dann von Begas‘ Werk abgelöst und wie dieses genau präsentiert wird, ist ebensowenig bekannt wie die genauen Gründe für die zunächst ausbleibende Erweiterung des Altars[130]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14.
Brecht gibt den Namen des Bildes von Begas d. Ä. nicht an, sondern beschreibt es als „Jesus in Gethsemane am Oelberge vorstellend“. So mag es kommen, daß man in späteren Beschreibungen der Kirche, deren Autoren möglicherweise Brechts Werk als Quelle nutzten, das Werk mit dem Titel „Jesus in Gethsemane“ bezeichnet findet.
[131]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 142 f..

Das Jahr 1819 ist auch für die Bestrebungen des Königs, der unierten Kirche eine neue Gottesdienstordnung zu geben, von einiger Bedeutung, denn die neue Agende, die seit ihrem Erscheinen 1817 immer noch den Status eines Entwurfs hat, wird in diesem Jahr in überarbeiteter Form veröffentlicht. Kritik an dem früheren Entwurf hatte zu Korrekturen geführt, historische Agenden aus anderen Ländern waren konsultiert worden und man hatte ältere lutherische und auch altchristliche Rituale aufgenommen. Dennoch sorgt auch diese Fassung für einige Kritik, der sich der König nicht einfach entziehen kann. So setzt sich die Diskussion um die Gottesdienstreform in der Folge weiter fort[132]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 67 f.[133]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 107..

Für den König ist der Altar der Garnisonkirche immer noch ein leidiges Thema. Und so entschließt er sich, für dessen Ausgestaltung selbst etwas zu tun. Die von ihm vorangetriebene Agende bietet ihm dafür eine willkommene Gelegenheit, denn eine der durch sie vorgenommenen Änderungen an der Gottesdienstordnung führt auch den Altarschmuck wieder ein. Hatte noch 1722 der damals regierende und dem reformierten Glauben anhängende König Friedrich Wilhelm I. verfügt, daß „niemahlen Leuchter auf dem Altar stehen“ sollen[134]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 26., so kehren nun Kruzifix und zwei Kerzenleuchter als äußere Zeichen der Union wieder dorthin zurück[135]Lange, „…zum andächtigen Besuch…“, 2002, Seite 9.. Um dies in der Garnisonkirche jedoch auch verwirklicht zu sehen, schenkt Friedrich Wilhelm III. dieser am 30. Dezember 1820 anläßlich des bevorstehenden Neujahrs zwei gußeiserne Leuchter und ein Kruzifix für den Altar sowie zwei diesen flankierende gußeiserne Kandelaber. Alle diese Stücke waren auf der Kunstausstellung desselben Jahres als Kunstprodukte präsentiert worden, wo sie der König gesehen und für das Gotteshaus erworben hatte[136]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 67.. Und auch für die Ausgestaltung der in der Garnisonkirche gesungenen Liturgie soll sich der Monarch über seine Agende hinaus persönlich engagiert haben, wie eine Legende erzählt, die auf eine mündliche Erzählung des Chordirektors Johann Heinrich Leidel zurückgeht und derzufolge der König einen musikalischen Satz eben dieser Liturgie selbst komponiert haben soll[137]von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seite 172 und Seite 320..

Damit und mit einigen weiteren Reparaturen, die in diesem Jahr noch der Orgel zuteil werden, ist die Überholung und Neugestaltung des Gotteshauses abgeschlossen[138]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 161.. Im Jahr darauf erscheint dann mit der „Kirchen-Agende für die Königlich Preußische Armee, Weihnachten 1821“ die vorerst letzte Fassung der gottesdienstlichen Reform Friedrich Wilhelms III., die nun im Militärkirchenwesen als eingeführt gilt. Weil ihre Bestimmungen aber auch in den zivilen Gemeinden der nunmehr unierten evangelischen Kirche Einzug halten sollen, setzen sich die Kritik und die Diskussion darüber auch weiterhin fort. Besonders die Aufwertung der Liturgie sorgt für Unmut, geht sie doch angesichts der zusätzlichen Forderung, daß beide Teile des Gottesdienstes nicht mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen sollten, deutlich zu Lasten der Predigt, womit viele, insbesondere lutherische Pfarrer nicht einverstanden sind[139]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 68.. Auch in der Garnisongemeinde kommt es darüber durchaus zu Kontroversen. So berichtet Georg Goens von einem Regimentskommandeur, der dem Garnisonpfarrer Ziehe ausrichten läßt, „er brauche nicht zu predigen, nach beendigter Liturgie werde er mit seinen Truppen abziehen“. Andere Kommandeure hingegen sollen Goens zufolge die Predigt regelrecht eingefordert haben. Und auch von anderen Militärpredigern seien solche Ereignisse berichtet worden. In den Militärkirchen ist es allerdings ein Leichtes, diese Kontroversen in den Griff zu bekommen. Ziehe richtet gemeinsam mit seinen Pfarrerskollegen eine Immediatbeschwerde an den König, welcher die Kommandeure umgehend in die Pflicht nimmt, für Ruhe und Ordnung im Gottesdienst zu sorgen[140]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 69 f.. Doch in den zivilen Gemeinden halten die Kontroversen an und führen wenige Jahre später in den sogenannten Agendenstreit, der Preußen noch für einige Zeit in Atem halten wird. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Die Garnisonkirche von der neuen Promenade angesehen, 1822.
Die Garnisonkirche von der Neuen Promenade angesehen, unter Regierung König Friedrich Wilhelms des IIIten, 1822.
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Kupferstichkabinett
Urheber: unbekannter Künstler, vor 1839
Fotograf: Dietmar Katz
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Verlorenes zurückgewinnen

Am 20. Februar 1822 verläßt der ehemalige Organist Johann Daniel Schmalz, der bereits 1818 pensioniert worden war, diese Welt für immer. Nicht nur für die Garnisongemeinde ist der Tod des 89jährigen ein Verlust, sondern auch für die Berliner überhaupt, die den einstigen Organisten der Garnisonkirche stets liebevoll mit dem Beinamen „der alte Schmalz“ bezeichnet hatten, so daß er unter diesem regelrecht stadtbekannt gewesen war[141]von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seite 508..

Nur wenige Wochen später, am 31. Mai 1822, begeht die Gemeinde mit einem feierlichen Festgottesdienst das hundertjährige Bestehen ihrer zweiten Kirche[142]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 71.. Aus Anlaß dieses Ereignisses verfaßt der Garnisonpfarrer Ziehe einen Bericht an das Gouvernement, in dem er unter anderem die Entwicklung von Gemeinde und Gotteshaus seit Errichtung der zweiten Garnisonkirche darstellt und bewertet. Er weist darauf hin, daß die Kirche einst als eine Hauptkirche der Stadt gegründet worden sei, die neben dem soldatischen Anteil der Gemeinde mit den Eximierten auch einen großen Teil ziviler Personen aufgenommen habe. Der Verlust ebendieses Teils der Gemeinde infolge des geänderten Militärkirchenreglements von 1811 wird von Ziehe ausdrücklich beklagt. Auch habe man diesen Zivilisten in früheren Zeiten die Stühle im Kirchenschiff komplett vermieten können, während sie nun reihenweise von Kadetten belegt würden, so daß oft nicht einmal Platz für die Frauen der Soldaten bliebe[143]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 71 f.. Auch andere Gemeindemitglieder bedauern den Bedeutungsverlust, den ihre Kirche in der Stadt hat hinnehmen müssen. Und so beginnen sie zu überlegen, wie der große, doch vergleichsweise anspruchslose Bau der Garnisonkirche aufgewertet werden könne. Als eine der prominentesten Ideen kristallisiert sich schon bald der Bau eines Turmes heraus[144]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 108..

Doch der König, der der Idee einer Aufwertung des Gotteshauses durchaus aufgeschlossen gegenübersteht, wünscht keine hohen Ausgaben. So verfügt er Ende Oktober 1822 – er hält sich zu dieser Zeit in Verona auf, wo er einem Kongreß beiwohnt -, daß jede Giebelseite der Garnisonkirche auf der Spitze des Giebels mit einem vergoldeten Kreuz aus Eisen zu verschönern sei, damit sich das Gotteshaus von anderen öffentlichen Gebäuden unterscheide. Diese Anordnung ergeht, ergänzt um eine eigenhändige Skizze des Königs, die als Vorbild dienen soll, über das Kriegsministerium an Karl Friedrich Schinkel. Als der Garnisonpfarrer von dieser Entscheidung erfährt, befürchtet er einerseits, daß die Kreuze zu klein ausfallen könnten, um einen hinreichenden Unterschied zu anderen Gebäuden zu bewirken, während er andererseits in Sorge darüber gerät, das Aussehen der Kirche könnte sich zu sehr dem eines Magazins angleichen. So richtet er an den Baumeister die Bitte, die Kreuze mit Sockeln zu versehen und ihre Größe in ein angemessenes Verhältnis zum Kirchengebäude zu setzen. Um es jedoch nicht bei einer Bitte allein zu belassen, unterbreitet er selbst einige Vorschläge[145]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seiten 108 f..

Porträt von Karl Friedrich Schinkel von Friedrich Jentzen nach Carl Joseph Begas, 1827
Porträt des Karl Friedrich Schinkel von Friedrich Jentzen nach Carl Joseph Begas.
Quelle: Österreichische Nationalbibliothek – Austrian National Library
Urheber: Carl Joseph Begas (Maler) & Friedrich Jentzen (Lithograph)
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Schinkel geht auf die Bedenken des Pfarrers ein, indem er am 12. November zunächst ein hölzernes Probekreuz auf dem Dach der Garnisonkirche aufstellen läßt, das er auf einen Sockel stellt und mit einem Knopf[146]Als Knopf bezeichnet man die verschlossene, oftmals runde, gelegentlich auch vergoldete Metallkapsel, die man häufig auf der Spitze eines Kirchturms unterhalb des krönenden Kreuzes findet. Andere Bezeichnungen sind Turmknopf oder auch Turmkugel. versieht. Mit diesem Modell prüft er sowohl die Nah- als auch die Fernwirkung der aufzustellenden späteren Kreuze. Zufrieden mit dem Ergebnis, zeichnet er danach deren endgültige Form, legt ihre Abmessungen fest und gibt sie in Auftrag. Gleichzeitig mahnt er in einem Schreiben an den Kriegsminister, das er zwei Tage später aufsetzt, an, daß die Kirche wegen der exponierten Position der metallenen Kreuze nun mit einem Blitzableiter versehen werden sollte. Dafür schlägt er vor, die Kreuze durch diesen verbinden zu lassen und ihn an jeweils einer Seite der Kirche in die Erde abzuleiten. Einen reichlichen Monat später, am 17. und 18. Dezember, werden die Kreuze auf dem Dach der Kirche aufgestellt. Die Errichtung eines Blitzableiters, wie von Schinkel vorgeschlagen, unterbleibt allerdings[147]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 109..

Doch mit einer solchen rein äußerlichen Verbesserung will sich Garnisonpfarrer Ziehe nicht zufrieden geben. Vielmehr möchte er die von ihm beklagte verringerte Bedeutung seiner Kirche und ihrer Gemeinde in der Stadt wieder erhöhen. Doch auch ihm ist klar, daß dies allein mit guten Wünschen und Absichten nicht zu bewerkstelligen ist. Dafür werden vielmehr handfeste Taler benötigt. Und so schlägt er vor, ein Sparkassenbuch anzulegen und mit der initialen Summe von einhundert Talern auszustatten. Diese Einlage und das daraus resultierende, vermehrte Kapital soll einst, so plant es der Garnisonpfarrer, für den Ankauf eines Garnisonpredigerhauses verwendet werden[148]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 71..

Im Februar 1823 erinnert Karl Friedrich Schinkel noch einmal an seine Empfehlung, Blitzableiter an der Garnisonkirche zu installieren. Dies gerät allerdings in Vergessenheit, als zwei Monate später die Rechnung für das Aufstellen der Kreuze gestellt wird: sie beläuft sich auf 2.100 Taler! Weil das den für die Finanzen Verantwortlichen deutlich zu hoch erscheint, verlangen sie von Schinkel eine Rechtfertigung, die dieser liefert, indem er darauf verweist, daß im Dezember, als die Kreuze aufgestellt worden waren, überraschenderweise eine große Kälte aufgekommen war. Diese habe es, um die Bautätigkeit rechtzeitig abschließen zu können, erforderlich gemacht, die Arbeiter nicht nur besonders gut zu bezahlen, sondern auch ihre regelmäßig schnelle Ablösung sicherzustellen und sie mit heißen Getränken zu versorgen[149]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 109..

Der Garnisonpfarrer ist derweil immer noch damit befaßt, seinen Traum von der Wiederbeschaffung des einst Verlorenen zu verfolgen. Schon bald muß er einsehen, daß das auf seinen Vorschlag hin eingerichtete Sparkassenbuch nicht so schnell den notwendigen Betrag für ein eigenes Garnisonpredigerhaus einbringen würde, wie er es wohl erhofft hatte. Auf diese Weise würde die Errichtung eines solchen Gebäudes noch sehr lange auf sich warten lassen. So setzt er weiterhin alles daran, mit Schriften, Bitten und Reden, ja manchmal auch mit Drängen an sein Ziel zu kommen. Und tatsächlich erreicht er es bereits zwei Jahre später. 1825 genehmigen König und Gouvernement dem Pfarrer eine eigene Garnisonpredigerwohnung. Allerdings muß Ziehe Abstriche machen: eine Wohnung wird ihm zwar bewilligt, nicht aber ein eigenes Haus. Stattdessen ist man auf die Idee verfallen, dem Gebäude der Garnisonschule ein weiteres Stockwerk hinzuzufügen. Bereits im Juni des Jahres beginnen die Arbeiten für die Errichtung der neuen dritten Etage, in der man für den Garnisonpfarrer eine geräumige Wohnung einrichtet. Finanziert wird der Bau aus den Ersparnissen der Gemeinde, wofür der Pfarrer höchstpersönlich die Verpflichtung übernimmt, das Kapital zu verzinsen[150]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 71.. Als die Bauarbeiten abgeschlossen sind, ist aus dem alten von Glasenappschen Haus ein Gebäude geworden, das mit seiner plastisch ausgestalteten Fassade und der stark hervorgehobenen Mitte an die Bautraditionen des 18. Jahrhunderts anschließt, die bis zu Andreas Schlüter zurückreichen. Diese werden jedoch in der Ausformung der einzelnen Fassadenelemente bewußt mit dem bürgerlich-klassizistischen Stil verbunden[151]Aus der Berliner Bautradition, In: Neues Deutschland, Jahrgang 6, Ausgabe 286 vom 9. Dezember 1951, Seite 4.. So gibt es keinerlei ornamentalen Schmuck. Der aus gepaarten ionischen Halbsäulen und mit einem Gebälk gekrönte Mittelrisalit sowie die Vordachungen und mit Konsolen versehenen Brüstungen an den ladenlosen Fenstern sind die einzigen Kunstformen, die an der Fassade zu finden sind. Im Kellergeschoß sorgen Stichbogenfenster mit einfachen hölzernen Verschlüssen für den Einfall von etwas Tageslicht[152]Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, Verlag von Max Spielmeyer, Berlin, Jahrgang 19, Ausgabe 9 vom September 1906.. Auch wenn es Ziehe nicht gelungen ist, dem Gemeindewesen wieder ein Garnisonpredigerhaus wie einst hinzuzufügen, kann er nun immerhin eine standesgemäße Garnisonpredigerwohnung beziehen, für deren Einrichtung ihm noch seine Nachfolger stets zu Dank verpflichtet sein werden.

Das Garnisonpredigerhaus der Berliner Garnisonkirche im Jahre 1906
Das Garnisonpredigerhaus der Berliner Garnisonkirche mit nun drei Stockwerken. Aufgenommen im Jahre 1906.
Quelle: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, 1906, Tafel 84 via Digitale Landesbibliothek Berlin.
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
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Der Musik ein Zuhause

Wie bereits am Ende des 18. Jahrhunderts wird die Garnisonkirche nicht nur für Gottesdienste und die Akte des Gemeindelebens genutzt, sondern nun auch wieder für Konzerte. Die berühmte Wagner-Orgel, mit der das Gotteshaus aufwarten kann, entwickelt sich zu einem Anziehungspunkt für Publikum und Künstler gleichermaßen. So spielt der junge Felix Mendelssohn Bartholdy während seiner Studienjahre mehrfach auf diesem Instrument[153]Mendelssohn Bartholdy nutzt in jener Zeit allerdings nicht nur die Orgel der Garnisonkirche, sondern auch das Instrument der Marienkirche, das ebenfalls von Joachim Wagner gebaut wurde. Siehe Bachs „Orgelbüchlein“ steht im Mittelpunkt, Neue Zeit, Jahrgang 44, Ausgabe 208 vom 2. September 1988, Seite 4.. Doch nicht nur wegen ihrer berühmten Orgel, sondern auch aufgrund ihrer ausgezeichneten Akustik entwickelt sich die Kirche in den 1820er Jahren zu einem bevorzugten Aufführungsort geistlicher Musik. So sind hier in jenen Jahren mehrfach Oratorien wie „Die Sintflut“, dessen Text vom Dichter Ludwig Rellstab stammt, oder „Messiah“ von Georg Friedrich Händel zu hören. Auch das Konzert-Oratorium „Luther in Worms“ von Ludwig Meinardus kommt zur Aufführung. Diese Veranstaltungen werden vom Kirchenpatron König Friedrich Wilhelm III. ausdrücklich gebilligt, allerdings muß der Garnisonpfarrer dieses Einverständnis für jede einzelne von ihnen schriftlich einholen[154]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995..

Auch die Kantate „Der Tod Jesu“, komponiert von Karl Heinrich Graun, bringt man in der Garnisonkirche zu Gehör. So kündigt eine Zeitungsmeldung vom 7. April 1827 eine zwei Tage später anstehende Veranstaltung an:

Künftigen Montag wird in der Garnisonkirche, unter Leitung des Herrn Organisten Hansmann, „Der Tod Jesu“ zum Besten des Bürger-Rettungs-Instituts u. s. w. aufgeführt. Demoiselle Sontag und Herr Jäger werden die Soloparthien ausführen. Der edle Sinn der an Wohlthaten unerschöpflichen Berliner wird hier neue Gelegenheit finden, Blumen in den Nesselkranz der Menschheit zu winden.[155]Zitiert aus Der Berliner Courier, ein Morgenblatt für Theater, Mode, Eleganz, Stadtleben und Localität, Ausgabe 58 vom 7. April 1827, Seite 3.

Otto Friedrich Gustav Hansmann, Organist der Petrikirche, hatte im Jahre 1804 einen Gesangsverein begründet, mit dem er 1816 erstmals öffentlich aufgetreten war und seitdem immer wieder verschiedenste Oratorien und Kantaten aufgeführt hatte. Bei der erwähnten „Demoiselle Sontag“ dürfte es sich um niemand anderen als die berühmte Sopranistin Henriette Sontag handeln, die zu jener Zeit noch am Anfang ihrer Karriere steht. Hansmann führt die Kantate „Der Tod Jesu“ im Laufe der Jahre, in denen er seinem Gesangsverein vorsteht, siebzehn Mal auf. Einige dieser Vorstellungen, wenn nicht gar alle, finden in der Garnisonkirche statt[156]von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seiten 223 f..

Doch auch internationale Berühmtheiten statten der Berliner Garnisonkirche einen Besuch ab. Als das Gotteshaus am 27. April des gleichen Jahres Veranstaltungsort für ein Konzert ist, bei dem die italienische Opernsängerin Angelica Catalani auftritt, ist im Berliner Courier anderntags die folgende begeisterte Rezension zu lesen:

Concert-spirituel,
gegeben in der Garnisonkirche von Madame Catalani,
zum Besten mehrerer Wohltätigkeits-Anstalten.
„Das Wirken erhabener Geister bezweckt nur das Edle!“

Die hochgepriesene Sängerin pflanzte sich in jedes menschenfreundlich fühlende Herz die unverwelklichsten Blumen dankbaren Andenkens und inniger Hochachtung, indem sie ihr schönes Kunstvermögen so edlem Zwecke weihte. Tief ergreifend drangen die Glockentöne ihrer Stimme in die andächtigen Gemüther; mit wahrhafter Erhebung sang Mad. Catalani die Arie: „Tröstet mein Volk“ von Händel, so wie das „Domine“ von Guglielmi, begleitet mit obligater Violine von Hrn. Möser, mit der gewohnten Zartheit und Virtuosität; und mit hinreißender Begeisterung die Hymne von Martin Luther, mit Chor. Alles bestrebte sich, dieß [sic!] Concert spirituel zum wirklich geistigen Genusse zu erheben, und Dank sey dem thätigen Musik-Direktor Herrn Möser, der mit solcher Umsicht das Ganze so vortrefflich geleitet, so wie den mitwirkenden Königl. Sängern Hrn. Stümer und Devrient, und den Künstlern der Kapelle. Die Wohlthätigkeitsliebe des kunstsinnigen Publikums bewies sich auch hier wieder durch dessen zahlreiches Versammeln.[157]Zitiert aus Der Berliner Courier, ein Morgenblatt für Theater, Mode, Eleganz, Stadtleben und Localität, Ausgabe 74 vom 28. April 1827, Seiten 2 f.
Bei dem erwähnten Sänger Devrient dürfte es sich um Philipp Eduard Devrient handeln.

Veränderungen allenthalben

Drei Jahre später tritt ein Umstand ein, der für die Gemeinde eine gravierende Änderung mit sich bringt. Hatte man bis zu diesem Jahr immer wieder Begräbnisse in der Gruft der Garnisonkirche durchgeführt, so wird nun, 1830, gesundheitspolizeilich veranlaßt, daß das Gewölbe des Gotteshauses als Begräbnisstätte geschlossen werden muß. Infolge der stetigen Ausdehnung der Stadt liegt die Garnisonkirche längst nicht mehr an deren Rand, und man will es aus hygienischen Gründen nicht mehr hinnehmen, daß mitten im Stadtgebiet Tote bestattet werden.

Im Laufe der Jahrzehnte hatte sich die Gruft zu einer bedeutenden Grabanlage des preußischen Militärs entwickelt. Allein vierzehn Generalfeldmarschälle sind nun hier bestattet[158]Über die Zahl der in der Gruft der Garnisonkirche bestatteten Generalfeldmarschälle sind sich die Quellen nicht einig. Einige treffen die Aussage, es seien vierzehn Generalfeldmarschälle gewesen – unter anderem Georg Goens, der alle vierzehn namentlich benennt: Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 37.
Andere Quellen behaupten, es seien insgesamt fünfzehn Generalfeldmarschälle in der Gruft beigesetzt worden, geben aber keine entsprechende Liste wieder oder nennen gar keinen einzigen Namen. Daher schließen wir uns in unserer Darstellung Georg Goens an, der die folgende detaillierte Liste aufführt:

Georg Abraham von Arnim, beigesetzt 1734 – Alexander Hermann Reichsgraf von Wartensleben, beigesetzt 1734 – Albrecht Conrad Reichsgraf Fink von Finkenstein, beigesetzt 1735 – Friedrich Wilhelm von Grumbkow, beigesetzt 1739 – Dubislaw Gneomar von Natzmer, beigesetzt 1739 – Hans Heinrich Graf von Katte, beigesetzt 1741 – Adrian Bernhard Graf von Bork, beigesetzt 1741 – Caspar Otto von Glasenapp, beigesetzt 1746 – Friedrich Wilhelm Herzog von Holstein-Beck, beigesetzt 1750 – Samuel Reichsgraf von Schmettau, beigesetzt 1751 – James Francis Edward Keith, beigesetzt 1759 – Christoph Wilhelm von Kalkstein, beigesetzt 1759 – Friedrich Adolf Graf von Kalckreuth, beigesetzt 1818 – Friedrich Heinrich Ferdinand Graf Kleist von Nollendorf, beigesetzt 1823.

Goens nennt allerdings nicht die vollen Namen der betreffenden Militärs. Diese haben wir folgenden Quellen entnommen:
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Erster Teil: A-F, Arnold Wever, Berlin, 1788, Seiten 76 ff., 167 ff. und 415 ff.;
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Zweiter Teil: G-L, Arnold Wever, Berlin, 1789, Seiten 13 f., 82 ff., 169 f., 229 ff., 253 ff. und 261 ff.;
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Dritter Teil: M-See, Arnold Wever, Berlin, 1790, Seiten 90 ff. und 392 ff.;
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Vierter Teil: Sel-Z, Arnold Wever, Berlin, 1791, Seiten 176 ff.;
Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seite 104.
. Dazu kommen fünfzig Generäle[159]Auch hier schwanken die Angaben. Manche Quellen sprechen von 56 Generälen, Georg Goens, dem wir auch hier wieder folgen wollen, gibt explizit an, daß 50 Generäle zwischen 1723 und 1830, dem Jahr, in dem das Gewölbe geschlossen wird, darin bestattet wurden.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 37.
, fünfzehn Gerichtsbeamte, 37 hohe Beamte des königlichen Hofes, zehn Feldprediger und Personen, die bei der Garnisonkirche angestellt waren, 28 Offiziere und Lehrer, die an der Garnisonschule, der Kadettenanstalt und anderen Bildungseinrichtungen der Armee tätig waren, sechzehn Mediziner sowie die Familienangehörigen all dieser Personen[160]Dieter Weigert: Märker in den Grüften, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 172.
Weigert schreibt, daß die genannten Zahlen aus den Kirchenbüchern der Garnisongemeinde hervorgehen und darin jeweils die Familienangehörigen eingeschlossen seien. Es ist nicht ganz klar, wie das zu verstehen sein soll. Wenn beispielsweise von 37 hohen Beamten des königlichen Hofes die Rede ist und in dieser Zahl deren Familienangehörige eingeschlossen sein sollen – wie kann man dann von 37 Beamten sprechen? Plausibler erscheint es, davon auszugehen, daß die Familienangehörigen dieser Personen zu diesen Zahlen hinzugezählt werden müssen.
. Auch zwei Feldpropste sind in der Gruft bestattet[161]Auf den Trümmern der alten Garnisonkirche, In: Berliner Tageblatt, Jahrgang 37, Ausgabe 193 (Abendausgabe) vom 14. April 1908, Seite 5.[162]Auf der Brandstätte der alten Garnisonkirche, In: Berliner Volks-Zeitung, Jahrgang 56, Ausgabe 179 (Morgenausgabe) vom 15. April 1908, Seite 3.. In den Kirchenbüchern finden sich so große Namen wie von Hagen, von Bismarck, von Arnim und von Stülpnagel sowie viele weitere bedeutende Adelsgeschlechter aus Havelland und Uckermark oder dem Gebiet zwischen Oder und Spree[163]Weigert, Märker in den Grüften, 2004, Seiten 172 ff.. Und auch die Amme Friedrichs II. ist angeblich hier bestattet worden, heißt es[164]Duntze, Kriegsleute, 2004, Seite 11.. Alles in allem betten nun rund 815 Särge in den Katakomben der Kirche die Toten zur letzten Ruhe[165]Weigert, Märker in den Grüften, 2004, Seite 172.. Einträchtig liegen die Teilnehmer des Siebenjährigen Krieges neben denen der Befreiungskriege, die Europa Anfang des Jahrhunderts gegen Napoleon führte[166]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 38..

Reichlich zehn Jahre sind nun seit der grundlegenden Wiederherstellung und Neugestaltung der Garnisonkirche vergangen. Nun erweist sich, daß die Eile, mit der die damaligen Arbeiten aufgrund des königlichen Drängens auf schnellstmögliche Fertigstellung abgeschlossen worden waren, zu gravierenden Mängeln geführt hat, die sich am Putz und an den Gesimsen des Kirchengebäudes bemerkbar machen. Das Kriegsministerium wendet sich am 31. März 1830 mit einem Schreiben an die Oberbaudeputation, in dem dieser die neuerlichen Schäden gemeldet werden[167]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 109..

Einen Grund, die Kirche zu schließen, sieht man darin jedoch offenbar noch nicht, denn trotz allem findet am 7. April in der Garnisonkirche eine neuerliche Aufführung des Oratoriums „Der Tod Jesu“ von Karl Heinrich Graun statt. Wieder zu wohltätigem Zwecke veranstaltet, wieder mit der großartigen Henriette Sontag unter den Solisten und wieder von Otto Friedrich Gustav Hansmann geleitet, der diesmal die Königliche Kapelle dirigiert, gerät auch dieser Abend zu einem vollen Erfolg, wie man der wohlwollenden Rezension vom nächsten Tage entnehmen kann:

Die echt religiöse, aus des Herzens reinster Andacht entsprungene Tonschöpfung, in allen Parthien durch Solis und Chöre würdig unterstützt, wurden durchweg löblich vorgetragen. Mlle. Sontag sang ihre Parthie einfach, ohne allen schimmernden Schmuck (wofür wir ihr besonders Dank wissen). In der aufjauchzenden Arie: „Singt dem göttlichen Propheten“ entfaltete die Sängerin den ganzen Reichthum ihrer herrlichen Stimme, ihres musterhaften Vortrags. Doch klang der Ton für den großen Raum etwas schwach. Mlle. Hoffmann erfreute uns durch ihre höchst ansprechende Altstimme, besonders müssen wir der deutlichen Präcision rühmlichst erwähnen. […] Die Herren Stümer und Zschiesche zeichneten sich, namentlich der Erstere, durch den herrlichen, lobenswerthen Vortrag der Arie: „Ihr weich geschaffenen Seelen“ rühmlichst aus. – Mit inniger Freude können wir es sagen, daß die Kirche sehr gefüllt war.[168]Zitiert aus Der Berliner Courier, ein Morgenblatt für Theater, Mode, Eleganz, Stadtleben und Localität, Ausgabe 956 vom 8. April 1830, Seiten 1 f.

Dennoch lassen sich die Schäden am Kirchengebäude nicht ignorieren. Und so schickt die Oberbaudeputation am 27. April Karl Friedrich Schinkel, den Baurat Hampel und den Geheimen Regierungsrat Triest in das Gotteshaus, um es genauestens zu untersuchen. Ihr Urteil, zu dem sie nach ihrer umfangreichen Bestandsaufnahme gelangen, ist eine kleine Katastrophe: die Garnisonkirche, so konstatieren sie, befinde sich in einem höchst bedenklichen Zustand. Die Balken? Verrottet. Teils vom Wurm zerfressen. Die Fenster? Verfallen. Der Putz? Bröckelt herab. Dazu Schäden durch eindringendes Regenwasser und Befall mit Schwamm. Die drei Herren empfehlen die baldige Aufnahme von Instandsetzungsarbeiten und unterbreiten dafür ausführliche Vorschläge[169]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 109.. Dann geschieht – nichts.

Warum man nun, da das Ausmaß der Schäden bekannt und als durchaus problematisch bewertet ist, nicht tätig wird, um sie zu beseitigen, bleibt unklar. Vielleicht fehlt das Geld? Das dürfte der wahrscheinlichste Grund sein. Andernfalls käme wohl nur Nachlässigkeit oder Unvermögen der Verwaltung in Frage. Derweil haben König und Kriegsministerium andere Sorgen, denn sie bereiten die nächste Überarbeitung des Militärkirchenreglements vor, die am 12. Februar 1832 schließlich in Kraft tritt. Während die vorangegangene aus dem Jahre 1811 für die Garnisongemeinde noch einschneidende Veränderungen mit sich gebracht hatte, legt König Friedrich Wilhelm III. diesmal ausdrücklich fest:

Wegen Ausübung des Patronats der Garnisonkirche zu Berlin und der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, wegen Verwaltung ihres Vermögens und sonstiger Verhältnisse, soll ganz in der bisherigen herkömmlichen Art verfahren und darin nichts geändert werden.[170]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 72 f.

Damit bleibt für die beiden ausdrücklich genannten Militärkirchen alles beim Alten, das heißt, das alte Militärkirchenreglement ist für sie weiterhin in Kraft – ein Umstand, der sie auch in Zukunft unter den anderen Militärkirchen Preußens heraushebt und der Landeskirche jegliche Einflußnahme auf sie verwehrt. Dafür werden die Ausübung des königlichen Patronats und die Verwaltung der Vermögen beider Gemeinden in der neuen Ordnung klar geregelt[171]Schwipps, Garnisonkirchen Berlin und Potsdam, 1964.[172]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.. Die Ämter des Feldpropstes – der gleichzeitig Potsdamer Garnisonpfarrer ist – und des Berliner Garnisonpfarrers können nun ausschließlich durch den König persönlich vergeben werden. Und auch für den Garnisonpfarrer Ziehe liefert dieses neue Reglement – im Gegensatz zu seinem Vorläufer – Grund zur Freude, werden darin doch alle wesentlichen, mit seinem Amt verbundenen Rechte, die sich seit der Gründung der Kirche mehr oder minder herausgebildet hatten, nun gesetzlich bestätigt und festgeschrieben. In der Folge gibt das Berliner Gouvernement zwei Verfügungen heraus, in denen es zunächst gegenüber dem Militäroberpfarrer – am 10. November 1832 – und dann auch gegenüber dem Konsistorium – am 31. Dezember 1833 – feststellt, daß der Garnisonpfarrer vollständig allein für die Verwaltung des Garnisonkirchenwesens verantwortlich ist. Dies stellt eine bedeutende Aufwertung des von Ziehe wahrgenommenen Amtes dar[173]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 72 f..

Im Jahr darauf, 1833, entschließt man sich endlich, die nunmehr dringend erforderliche Renovierung der Garnisonkirche in Angriff zu nehmen. Die Gemeinde hält ihre Gottesdienste derweil in der nicht allzu weit entfernten Parochialkirche ab, muß dafür aber früh aufstehen, denn weil die Parochialgemeinde den Gottesdienst um zehn Uhr beginnen will, muß die Garnisongemeinde mit dem ihren bereits um acht Uhr dreißig anfangen, um rechtzeitig fertig zu sein[174]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995..

So wichtig die Renovierungsarbeiten sind, so dringend ist auch ihre Fertigstellung. Denn die große Garnisonkirche ist für die mittlerweile stark angewachsene Berliner Garnison bitter nötig, entschließt man sich doch, deren insgesamt vier Gemeinden nun alle in der Garnisonkirche einzupfarren, ihr also anzugliedern. Dazu gehören die Gemeinde des Kadettenhauses, deren Seelsorger der Kadettenpfarrer ist, und die von einem Divisionspfarrer geführte Gemeinde der Ersten Abteilung der Zweiten Garde-Infanterie-Division mit den Garde-Füsilieren, dem Regiment Franz, den Garde-Schützen, den Zweiten Garde-Ulanen, den Garde-Pionieren und den Stäben der Division. Wo eine Erste Abteilung ist, da gibt es in der Regel auch eine Zweite. Und weil das hier nicht anders ist, gehört nun auch die Gemeinde der Zweiten Abteilung der Zweiten Garde-Infanterie-Division zur Garnisonkirche. Sie umfaßt das Regiment Alexander, die Garde-Kürassiere sowie die Ersten und Zweiten Garde-Dragoner und wird ebenfalls von einem Divisionspfarrer geführt. Die vierte Gemeinde im Bunde ist natürlich die eigentliche Garnisongemeinde, deren Seelsorger der Garnisonpfarrer ist und zu der alle verbleibenden in Berlin garnisonierten Militärpersonen ebenso gehören wie die Angehörigen der Marine und der militärischen Anstalten, die Militärbeamten sowie die in Pension entlassenen Offiziere. Alles in allem ist das eine immens große Anzahl von Personen, die nun zu den Gottesdiensten in der Garnisonkirche Platz finden müssen[175]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 86..

Porträt des Otto Nicolai nach einem Gemälde von Ernst Hader
Porträt des Otto Nicolai nach einem Gemälde von Ernst Hader.
Quelle: Theatermuseum, Wien
Fotograf: Sophus Williams, Berlin
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Am 29. Mai 1833 findet in der Garnisonkirche eine Uraufführung statt. Keinem der Konzertbesucher dürfte dabei bewußt sein, daß der junge Künstler, der ihnen hier zwei seiner eigenen Werke erstmals zu Gehör bringt, einst ein großer und berühmter Komponist von Weltgeltung werden würde: Otto Nicolai, der spätere Begründer der Wiener Philharmoniker. Er hatte von 1828 bis 1830 am Berliner Königlichen Institut für Kirchenmusik studiert und dabei erste eigene Werke wie jene, die an diesem Abend erklingen, komponiert. Seine „Weihnachtsouvertüre über den Choral ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her'“ für Orchester, Chor und Orgel sowie sein „Te Deum“ für Solostimmen, Chor und Orchester werden vom Publikum wohlwollend aufgenommen. Nicolai widmet das Konzert, das von der Königlichen Hofkapelle zugunsten der Orchester-Witwen-Kasse gespielt wird, seinem Lehrer Bernhard Klein, von dessen „Magnificat“ er ebenfalls einen Teil ins Programm aufnimmt[176]Geistliche Musik in der Garnisonkirche, In: Berliner Don Quixote – Ein Unterhaltungsblatt für gebildete Leser, Jahrgang 2, Ausgabe 84 vom 2. Juni 1833, Seite 4.[177]Otto Nicolai: Weihnachtsouvertüre über den Choral ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her‘, mit einem Vorwort von Dr. Laura Stanfield Prichard, 2013, Website der mph – Musikproduktion Jürgen Höflich, abgerufen am 5. Oktober 2021.
Im in Deutsch und Englisch angefügten Text des Vorworts wird in der deutschen Fassung als Uraufführungsort „Potsdamer Garnisonskirche“ angegeben. Die englische Fassung erwähnt ihn als „Garrison Church (Garnisonkirche) in Postdam (Berlin)“. Es handelt sich hierbei um eine Verwechslung der beiden Garnisonkirchen. Die Quelle ist trotzdem hilfreich, da sie das genaue Datum der Uraufführung nennt.
[178]Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seiten 123 f.. Die Zeitschrift „Berliner Don Quixote“ urteilt ein paar Tage später über die Aufführung:

Die erstere Komposition [die Weihnachtsouvertüre – Anmerkung des Autors], in welcher der Tonsetzer den Sinn einer biblischen Stelle auszudrücken sich nicht ohne Erfolg bemüht hat, ist etwas gar zu sehr gedehnt, und der gegen das Ende mit der Orgel eintretende Chor, konnte nicht die beabsichtigte Wirkung machen, weil der Gesang zu isolirt, zu sehr als Zugabe erschien, und obenein von dem stark besetzten Orchester und der Orgel beinahe ganz erdrückt wurde. Sonst verrieth das Werk ein löbliches Streben nach Gediegenheit; die ältern Meister in der Kirchenmusik, und namentlich Händel, schien er sich dabei zum Muster gesetzt zu haben. Das Te Deum leidet ebenfalls an zu großer Länge, was indeß hier nicht so genommen werden kann, wenn wir das Werk mehr als zum Studium componirt betrachten, und von dem Zwecke einer Aufführung beim öffentlichen Gottesdienste abstrahiren. Sowohl in der Erfindung als auch im Gebrauche der Mittel, hat der Componist manchmal den Ort außer Acht gelassen, für den er schrieb. Einiges ist jedoch auch sehr gelungen, wozu wir namentlich eine Alt-Arie, den Schlußchor und vorzüglich ein Sextett mit Chor rechnen. Der Componist verdient alle Aufmunterung, auf der von ihm rühmlich betretenen Bahn, rüstig fortzuschreiten, und es ist dann zu erwarten, daß er gewiß mit solchen Leistungen auftreten wird, welche der Mängel noch weniger haben, als die heutigen; wenigstens fehlt es ihm dazu nicht an Talent, wenn dies auch noch einer sorgfältigern Ausbildung und eines größern Studiums bedarf. – Die Aufführung war sehr gut, die Kirche hätte aber wohl mehr gefüllt sein können.[179]Zitiert aus Geistliche Musik in der Garnisonkirche, 1833, Seite 4.

Nun, sicher kein überschwengliches, doch immerhin ein wohlwollendes Urteil für die ersten Schritte eines angehenden großen Künstlers.

Anfang des Jahres 1834 droht erneut eine große Veränderung über die Gemeinde zu kommen, für die es mehrere Gründe gibt. Zum einen hatte es sich mit der Zeit ergeben, daß der Enthusiasmus der Gemeindemitglieder mehr und mehr nachzulassen schien. Die Zahl der Konfirmanden stagniert, die der Teilnehmer bei den von Garnisonpfarrer Ziehe vorgenommenen Amtshandlungen sinkt gar. Das mag auch seinen Grund darin haben, daß es im Berlin jener Jahre durchaus große Konkurrenz für den Garnisonpfarrer gibt – in Gestalt zahlreicher brillanter Redner wie Friedrich Schleiermacher, Ludwig Friedrich Franz Theremin, Rulemann Friedrich Eylert oder Peter Wilhelm Heinrich Hossbach, die es ebenfalls verstehen, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Hinzu kommt, daß man Ziehe übergeht, als der Feldpropst Friedrich Wilhelm Offelsmeyer aufgrund seines vorgerückten Alters einen Stellvertreter benötigt, der ihn in der Ausübung seines Amtes unterstützt und somit auch die größten Aussichten auf seine Nachfolge hat. An Ziehes Statt vergibt man diesen Posten an den viel jüngeren Divisionsprediger August Ludwig Bollert. Ein herber Schlag für den Garnisonpfarrer, ist ihm doch damit jegliche Aufstiegsmöglichkeit genommen worden. Im Ergebnis bemächtigt sich seiner eine zunehmende Amtsmüdigkeit, die ihn schließlich am 22. Januar 1834 mittels einer Eingabe den König um seine Versetzung bitten läßt. In der Erwartung, daß man seinem Gesuch entsprechen wird, beginnt er damit, Aufzeichnungen für seinen potentiellen Nachfolger anzufertigen, in denen er von all seinen Bemühungen um die Gemeinde, aber auch den Problemen, die sich ihm dabei in den Weg stellten, berichtet.

Etwas mehr als einen Monat später gewährt der König Ziehe seinen Wunsch und ernennt ihn in einer Kabinettsordre vom 28. Februar 1834 zum Oberprediger und Superintendenten in Weferlingen. Doch noch muß die Garnisongemeinde nicht auf ihren Pfarrer verzichten, denn für Ziehe heißt es zunächst warten, hat doch die Witwe seines Amtsvorgängers in Weferlingen noch bis Jahresende die Nutzung der Stelle ihres verstorbenen Mannes inne. Fast ein Jahr muß Ziehe daher noch in seinem alten Amte ausharren – ein Jahr, in dem seine Gemeinde ihm den Abschied offenbar schwer und schwerer macht, denn schließlich ändert er seine Meinung und bittet den König in einem Schreiben, ihm das Bleiben zu ermöglichen – eine Bitte, die dieser nicht nur bereitwillig erfüllt, sondern obendrein mit einer Erhöhung des Gehalts um 350 Taler pro Jahr belohnt. Keine ganz kleine Summe zu jener Zeit[180]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 72 ff..

Hensels Meisterwerk

In diesem Jahr 1834 findet sich in dem gerade erschienenen Neusten Wegweiser durch Berlin, Charlottenburg und Potsdam“ von G. Eduard Müller die folgende Beschreibung der Garnisonkirche:

Sind wir über die Herkulesbrücke wieder zu der Friedrichsbrücke gelangt, so können wir in der neuen Friedrichstrasse die Garnisonkirche besuchen, obwohl wir uns vor und in ihr eben so, wie bei den anderen Kirchen Berlins überzeugen müssen, dass wir hier keinen Cölner-Dom, keinen Strassburger-Münster, keine Kathedrale von Rheims zu suchen haben. Die Kirchen in Berlin muss man nur im evangelischen Sinne, das heisst: um der Predigt willen besuchen, für die Kunst, zumal für die Architektur, ist selten etwas dabei zu gewinnen. – In der Garnisonkirche finden wir einen Christus am Oelberge von Begasse [sic!] und einen Christus am Kreuz von Wach, Bilder aus der früheren Zeit dieser, seitdem sehr vorgeschrittenen Meister. An der Wand links von der Orgel sind die Bilder der Helden des siebenjährigen Krieges von Rode gemalt und die Gedächtnistafeln der in den Feldzügen 1813-15 Gebliebenen von den Garderegimentern und der Berliner Landwehr. Diese Kirche ist die günstigste zur Aufführung grosser Kirchenmusiken, wozu sie auch fleissig benutzt wird. Die Orgel darin ist die grösste, die Berlin besitzt.[181]Zitiert aus G. Eduard Müller: Neuster Wegweiser durch Berlin, Charlottenburg und Potsdam nebst kurzer Beschreibung des Sehenswerthesten, Verlag von G. Eduard Müller, Berlin, 1834, Seiten 137 f.

Dieser kurze Passus gibt eine vollständige Beschreibung der zu dieser Zeit in dem Gotteshaus befindlichen Kunstwerke. Offenbar werden dem Besucher nun beide Altarbilder – das von Wach und das von Begas – präsentiert, allerdings bleibt die Rolle, die sie in der Kirche tatsächlich spielen, leider im Dunkeln.

Nur ein Jahr später ist diese Beschreibung Müllers schon wieder unvollständig. Die Geschichte, wie es dazu kommt, beginnt in eben diesem Jahr 1834. Wie in jedem zweiten Jahr findet auch jetzt wieder eine Ausstellung der Akademie der Künste statt, die diesmal – es ist die Nummer 280 im Katalog der Schau – mit einem wahrlich aufsehenerregenden Werk aufwarten kann: das Bild „Christus vor Pilatus“ des Malers Wilhelm Hensel. Und dies ist wörtlich zu nehmen, denn Aufsehen erregt dieses Gemälde tatsächlich. Erste Ölstudien hatte der Künstler bereits auf der vorangegangenen Veranstaltung 1832 gezeigt, doch nun kann das begeisterte Publikum das fertige Gesamtkunstwerk in Augenschein nehmen[182]Bericht über den Vortrag von Divisionspfarrer Schildt, 1893, Seiten 47 f.[183]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 144 ff.. Und auch die Kritik ist mehr als angetan davon, wie diese Lobpreisung der „Berlinischen Nachrichten“ vom 2. Oktober beweist:

Kein Künstler der neueren Zeit ist so sehr seinen eigenen und eigenthümlichen Weg gegangen, keiner hat seine Meisterschaft durch so kolossale Studien vorbereitet, keiner ist so vielfach und verschieden beurteilt worden, und keiner hat sich über alles dieß [sic!] so glänzend und ehrenvoll gerechtfertigt, als eben Hensel, und zwar durch das […] großartige und merkwürdige Bild.[184]Zitiert nach Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 146 f.

Wilhelm Hensel & Fanny Hensel, Porträt von Eduard Ratti.
Wilhelm und Fanny Hensel, geborene Mendelssohn Bartholdy, Porträt von Eduard Ratti.
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Kupferstichkabinett
Fotograf: Jörg P. Anders
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
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Das Bild ist bis ins Detail sorgfältig ausgearbeitet. Zahlreiche Bleistiftskizzen und eben jene Ölstudien, die Hensel in den Jahren zuvor angefertigt hatte, zeugen von der enormen Arbeit und Mühe, die er sich mit dem Gemälde gemacht hatte. Eine noch heute erhaltene Ölstudie zeigt eine Frau, die ein Kind auf dem Arm trägt. Auf dem Gesamtbild ist sie in einer Gruppe von drei Frauen mit Kindern auf der rechten Bildhälfte zu finden. Für diese Studie hatten dem Maler seine Ehefrau Fanny Hensel, die Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, und ihr gemeinsamer Sohn Sebastian Modell gestanden[185]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 145 f.. Der Erfolg, den das Bild auf der Ausstellung erringt, gibt dem Maler recht. Doch auch spätere Betrachter kommen nicht umhin, auf das Werk einzugehen, sei es, um es zu würdigen, oder aber, es zu kritisieren. Dem Schriftsteller Theodor Fontane gelingt in seinen berühmten „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ in wenigen Worten beides:

„Christus vor Pilatus“ pflegt als seine [Hensels – Anmerkung des Autors] beste Arbeit angesehen zu werden und wird in der Tat, in Stil und Komposition, von keinem andern seiner Bilder übertroffen; wir dürften indessen kaum fehlgreifen, wenn wir, unter voller Würdigung eines großen, ihm gewordenen Aneignungstalentes (dies Wort im besten Sinne genommen), dennoch der Ansicht sind, daß seine vorzügliche Begabung nach einer andern Seite hin lag.[186]Zitiert aus Theodor Fontane: Wilhelm Hensel, In: Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Bände 1-25, Band 12: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Spreeland, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1959-1975, Seiten 385 ff., Online-Version, abgerufen am 8. Oktober 2021.

Auch König Friedrich Wilhelm III. hatte Hensels Gemälde zu sehen bekommen, und es hatte seinen Gefallen gefunden, und zwar solchermaßen, daß er beabsichtigt, es zu kaufen. Doch bevor er sich endgültig dazu entschließt, wünscht er eine Beurteilung des Werkes durch die Meister der Akademie der Künste. So beauftragt er seinen Kultusminister Karl Sigmund Franz Freiherr vom Stein zum Altenstein damit, ein solches Urteil einzuholen. Es dauert eine Weile, doch zum Jahresanfang 1835 sind die Experten zu einem Schluß gelangt, den sie in einem Gutachten niederlegen. Und obwohl sie darin durchaus einige Kritikpunkte formulieren, fällt ihr Urteil insgesamt durchweg positiv aus. Sie halten das Bild für gelungen, heben dabei die Figur der Mutter mit dem Kinde auf dem Arm besonders hervor und befinden, es sei ein ganz großartiges Kunstwerk, das einer Kirche durchaus gut zu Gesicht stehen würde – wenn auch nicht als Altarbild, so doch als Schmuck einer Hauptwand. Ein Preis von 6.000 Talern sei nach Meinung der Koriphäen der Akademie für dieses Werk angemessen. Der Minister faßt für seinen König dieses Urteil in einem Schreiben vom 23. Februar zusammen und gibt dabei auch die Antwort des mittlerweile zum Oberbaudirektor beförderten Karl Friedrich Schinkel auf die Frage nach einem geeigneten Standort für das Bild wieder.

Weil das Bild mit 13 Fuß Höhe und 17,5 Fuß Breite[187]Das sind in heutigen Einheiten rund vier Meter in der Höhe und 5,5 Meter in der Breite. Siehe Das Preußische Maß in Preußen von 1816 bis 1869, Artikel auf der Website preussische-masse.de, abgerufen am 25. September 2021. außerordentlich groß ist, kommt eine Aufhängung in der Potsdamer Nikolaikirche, wie sie der König ursprünglich beabsichtigt hatte, nicht in Frage, da dort „nirgends ein Platz sein werde, der auch nur die Hälfte von der Größe des Bildes hätte“, wie Schinkel zu Protokoll gibt. So schlägt der Baumeister die Berliner Garnisonkirche als künftigen Ort für das Gemälde vor[188]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 147 f..

Dort soll das Bild künftig seinen Platz auf der östlichen Empore hinter dem Altar finden, wo es, in entsprechender Höhe aufgehängt, vom Kirchenschiff aus gut zu sehen wäre. Schinkel empfiehlt, dafür die drei Fenster, die hinter dem Bild zu liegen kommen würden, zuzumauern. Doch dies stößt beim König auf solches Mißfallen, daß er zwar den ausgewählten Ort genehmigt, das Zumauern der Fenster jedoch verbietet. So wird beschlossen, daß diese erhalten bleiben und nur das mittlere Fenster mit Holz verkleidet würde. Nachdem auf diese Weise alles Notwendige entschieden ist, erwirbt der König das Gemälde „Christus vor Pilatus“ vom Künstler und macht es der Garnisonkirche zum Geschenk. Die 6.000 Taler Kaufpreis bezahlt der Monarch aus seiner Schatulle[189]Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.[190]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 148..

Ob der König das Bild nur aufgrund des Gefallens, den er daran fand, ausgewählt hatte oder aber noch eine andere Motivation dafür besaß, ist nicht schlüssig nachvollziehbar. Georg Goens geht davon aus, daß die Absicht des Königs darin bestanden habe, daß das Kunstwerk „dem Volke in Waffen unentwegt predigen sollte ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt'“, ein Zitat aus der Darstellung des Verhörs von Jesus Christus durch Pontius Pilatus im Johannisevangelium[191]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 78.[192]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 148.. Eine solche Motivation mag für einen Monarchen, der seine Soldaten willig ins Feld marschieren sehen will, wofür deren festes Vertrauen auf das Jenseits eine gute Grundlage wäre, durchaus plausibel erscheinen. Angesichts der Tatsache, daß Friedrich Wilhelm III. das Gemälde jedoch ursprünglich in einer ganz anderen und noch dazu zivilen Kirche plaziert wissen wollte, kann sie aber ebenso begründet durchaus auch bezweifelt werden.

Trügerische Ruhe

1835 sind erneut Reparaturen an der nun schon über einhundert Jahre alten Orgel der Kirche notwendig geworden, die von einem Mitglied der Orgelbauerfamilie Buchholz ausgeführt werden, das sich zwar traditionsgemäß in der größten zinnernen Pfeife verewigt, jedoch lediglich seinen Familiennamen eingraviert, so daß spätere Chronisten der Garnisonkirche nicht mehr genau sagen können, um wen genau es sich dabei gehandelt hat[193]Edmund Müller: Die alte und die neue Orgel der Garnisonkirche, In: Mittheilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Jahrgang 1892, Heft 9/10, Seite 86..

War die Garnisonkirche bereits in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zu einem geschätzten Aufführungsort von Konzerten geworden, so setzt sich diese Entwicklung in den Dreißigern fort. Die Akustik und die Orgel des Gotteshauses lassen es bei Musikern aus Berlin und anderen deutschen Städten gleichermaßen beliebt werden. Als Theodor Fontane 1836 in der nahegelegenen Roseschen Apotheke an der Ecke der Spandauer Straße zur Heidereutergasse mit seiner Apothekerlehre beginnt, gewinnt er davon einen unmittelbaren Eindruck:

Meist um Ostern und Pfingsten herum gab es in dieser Kirche große Musikaufführungen, Oratorien von Graun, Händel, Mendelssohn, und an solchem Oratoriumstage verwandelte sich dann unsre Apotheke in eine Art Tempelvorhalle, drin die Billets verkauft wurden. Ich war jedesmal der „Mann am Schalter“ und hatte dabei das Vergnügen – statt der üblichen Sommersprossenschönheiten mit krausem roten Haar, die Kurellasches Brustpulver oder Lippenpomade kauften -, ein gut Teil der vornehmen Berliner Welt an meinem Schiebefenster erscheinen zu sehn. Zum Schluß dann, wenn an weitren Billetverkauf nicht mehr zu denken war, ging ich auch wohl selber in die Kirche, blieb aber nie lange. Der erste Eindruck, wenn die Tone mächtig einsetzten, war immer groß, und ich fühlte mich wie gen Himmel gezogen; aber nach zehn Minuten schon kam eine gewisse Schläfrigkeit über mich, und ich machte dann, daß ich wieder fortkam. So ist es mir, bei großen Musikaufführungen, mein Lebelang ergangen. Man muß etwas davon verstehn, muß folgen können […].[194]Zitiert aus Theodor Fontane: In der Wilhelm Roseschen Apotheke (Spandauer Straße), In: Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Bände 1-25, Band 15: Von Zwanzig bis Dreißig, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1959-1975, Seiten 9 ff., Online-Version, abgerufen am 9. Oktober 2021.

Die Apotheke "Zum Schwan" in der Spandauer Straße, Ecke Heidereutergasse, 1820
Die Apotheke „Zum Schwan“, nach ihrem Besitzer auch Rosesche Apotheke genannt, in der Spandauer Straße, Ecke Heidereutergasse, um 1820. Links ist die Außenwand der Heilig-Geist-Kapelle zu sehen.
Quelle: Stadtmuseum Berlin, Sammlung Online
Urheber: A. W.
Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin, 1923
Inventar-Nr.: VII 60/1090 w
© Stiftung Stadtmuseum Berlin, mit freundlicher Genehmigung.

In diesem Jahr verliert die Garnisongemeinde ihren Kantor Ferdinand Friedrich Wilhelm Bauer, als dieser, nachdem er dreißig Jahre in ihren Diensten gestanden hatte, am 1. Januar verstirbt[195]von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seite 32.. Nachdem bereits 1834 der bisherige Feldpropst Friedrich Wilhelm Offelsmeyer ebenfalls das Zeitliche gesegnet hatte, wird nun August Ludwig Bollert zu seinem Nachfolger ernannt. Sollte sich der Garnisonpfarrer Ziehe noch Hoffnungen gemacht haben, dieses Amt doch noch zu erlangen, so sind sie nun endgültig zerstoben[196]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 72..

Die Garnisonschule hat sich unter ihrem aktuellen Rektor Karl Friedrich Adolph Sprengel in der Zwischenzeit zu einer angesehenen Bildungseinrichtung entwickelt, einer Art Berliner Eliteanstalt für Militär- und Bürgerkinder[197]Duntze, Kriegsleute, 2004, Seite 10.. Wie Georg Goens feststellt, gilt es in jenen Jahren als eine Ehre, ein Schüler der „Königlichen Garnisonschule“ zu Berlin zu sein. Und doch ist diese Bildungsanstalt, die von rund zweihundert Schülern besucht wird, so manchem im preußischen Heer ein Dorn im Auge. Und in diesem Jahre 1836 feuern – um ein metaphorisches Bild von Goens zu verwenden – ihre Gegner, die ihre Geschütze bereits in Stellung gebracht haben, um sie in Trümmer zu legen, die erste Salve ab. Der Korpskommandeur Herzog Karl von Mecklenburg stellt beim König den Antrag, die Garnisonschule wegen der hohen Kosten, die ihr Unterhalt verursache, aufzuheben. Doch der König ist anderer Meinung und lehnt das Ansinnen mit einer Kabinettsordre vom 7. August ab. Doch so ganz vollständig ist die Niederlage der Schulgegner nicht, denn der Korpskommandeur setzt immerhin durch, daß die Schule nun Kinder aus allen Lebensaltern aufnehmen muß. Mit dieser Regelung, die bisher nicht bestanden hatte, wird die Garnisonschule zur Elementarschule herabgesetzt[198]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 74 f..

Und auch dem Garnisonfriedhof droht Ungemach. Der Berliner Polizeipräsident dringt darauf, ihn schließen zu lassen. Der Grund ist der gleiche wie einige Jahre zuvor bei der Schließung der Kirchengruft: Hygiene. Denn auch dieser Friedhof befindet sich inzwischen mitten im städtischen Gebiet und nicht mehr am Stadtrand wie zur Zeit seiner Gründung. Um diesen Bestrebungen des Polizeipräsidenten entgegenzuwirken, setzt man umfangreiche Sanierungsarbeiten an den beiden Friedhofsteilen in Gang. Man führt auch einen Pflegedienst ein, der von den Regimentern übernommen werden muß, und legt eine Belegungsordnung für den Friedhof fest[199]Dr. Karl Plumeyer: Beiträge zur Geschichte der Berliner Garnisonfriedhöfe – I. Die beiden Garnisonfriedhöfe an der Linienstraße, In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Jahrgang 1924, Heft 4-6, Seiten 28 f.[200]Heinz Berg: Vom Diesseits zum Jenseits des Spandauer Tores: Zur Geschichte des Alten Berliner Garnisonfriedhofs, In: Der Alte Berliner Garnisonfriedhof im Spannungsfeld zwischen Scheunenviertel und Monbijou, herausgegeben vom Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof, 1. Auflage, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin, 1995, ISBN 3-7759-0399-2..

Während es so tatsächlich gelingt, den Friedhof zu erhalten, gestaltet sich die Lage für die Garnisonschule zusehends schwieriger. Als der Rektor der Bildungseinrichtung, Karl Friedrich Adolph Sprengel, 1837 eine Schulchronik verfaßt und herausgibt, blickt er noch überaus optimistisch in die Zukunft, denn er schreibt an deren Ende, bezugnehmend auf die beiden Choleraepidemien von 1831 und von diesem Jahr, die die Schule als einzige von ganz Berlin ohne einen einzigen Todesfall überstand:

Mein Successor nach 50 Jahren wird darüber (d. h. ob es Schutzmittel gegen die Cholera giebt) eine richtige Meinung haben, und der glückliche Mann, der gar im Jahre 1937 Rektor der Garnisonschule ist, wird, wenn er diese meine Schlußbemerkungen noch lesen kann, sich baß wundern, wie weit zurück man vor 100 Jahren in Berlin noch war. Wenns möglich ist, Kollege Successor, so nehme ich am Sylvesterabend des Jahres 1937 Urlaub beim Gouvernement des Jupiter und besuche Dich und die Garnisonschule, ohne Dich zu erschrecken. Wie anders wird es dann auf eurem winzigen Planeten, der Erde, aussehen. Viel Dampf wirds geben! Bis heute aber, am Sylvester 1837 erfreuen wir uns im preußischen Staate noch nicht einmal einer Eisenbahn.[201]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 74 f.

Nun, was die technische Entwicklung zur Verwendung des Dampfes angeht, liegt Sprengel durchaus richtig. Die erste preußische Eisenbahn nimmt sogar bereits im anbrechenden Jahr 1838 ihren Betrieb auf. Was jedoch seine Schule betrifft, so könnte er gar nicht weiter von der erhofften Wahrheit entfernt sein. Es beginnt damit, daß die Verwaltung der Schule mittels einer Ordre im folgenden Jahr 1839 dem Garnisonkirchenkollegium entzogen wird. Zunächst ist das lediglich eine Veränderung auf bürokratischer Ebene, denn das neugebildete Schulkuratorium setzt sich aus den Mitgliedern eben jenes Garnisonkirchenkollegiums zusammen. Es untersteht nun aber der Oberaufsicht des Kriegsministeriums. Damit gehört die Garnisonschule zum Kreis der Bildungsinstitute, auf die der Staat nicht nur ein Auge hat, sondern die er direkt kontrolliert. Bemerkbar macht sich das zum einen dadurch, daß Konsistorium und Provinzialschulkollegium mehr und mehr ihr Aufsichtsrecht wahrnehmen und die Angelegenheiten der Schule zu bestimmen suchen, was zu Konflikten mit dem Berliner Gouvernement führt, das die Unterhaltung der Schule und die Unterrichtung der Soldatenkinder nicht einfach dem preußischen Staat überlassen will, dafür allerdings keine wirkliche Handhabe mehr hat. Zum anderen wird das aber auch durch den Umstand spürbar, daß plötzlich erweiterte Anforderungen an die Schulräume und deren Ausstattung wie Schulbänke, Lehrmittel und anderes mehr gestellt werden. Anforderungen, für deren Erfüllung die Kirchenkasse, aus deren Mitteln die Schule bisher ausschließlich unterhalten worden ist, nicht mehr allein aufkommen kann. Doch sollten Gemeinde und Gouvernement geglaubt haben, daß sie mit der Übernahme der Schule durch den preußischen Staat von deren Finanzierung befreit wären, sehen sie sich getäuscht. Denn der preußische Fiskus sieht das völlig anders. Gemeinde und Gouvernement hatten die Schule bisher unterhalten, also sind sie auch verpflichtet, dies weiterhin zu tun, staatliche Aufsicht hin oder her. So die Haltung des Fiskus, der der Gemeinde kurzerhand die Auflage erteilt, der Schulkasse jedes Jahr einen finanziellen Zuschuß in Höhe von achthundert Talern zu leisten[202]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 75 f..

Während die besagte Ordre auf diese Weise Gemeinde und Gouvernement die Schule entzieht, bestätigt sie immerhin, daß das Gouvernement weiterhin die alleinige und unabhängige Leitung von Gemeinde und Kirche innehat und – neben dem König – darüber das Patronatsrecht ausüben darf[203]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 75.. Die finanziellen Angelegenheiten der Gemeinde verantwortet weiterhin Garnisonpfarrer Ziehe, der die leidigen Details der Kirchenrechnungsführung in diesem Jahr allerdings an den Sekretär Woyte übergibt und nur noch die Verantwortung behält[204]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 82..

Porträt Friedrich Wilhelms III. von Ernst Gebauer, 1834
Porträt König Friedrich Wilhelms III. von Ernst Gebauer aus dem Jahr 1834.
Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital, Nationalgalerie
Fotograf: Andres Kilger
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
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So stehen die Dinge um Garnisonkirche, Gemeinde und Schule, als ein staatstragendes Ereignis die weiteren Entwicklungen um die Garnisonschule zunächst aufschiebt. Am ersten Pfingsttag des Jahres 1840 – es ist der 7. Juni – verstirbt König Friedrich Wilhelm III. Auf dem Thron folgt ihm sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. nach. Kaum ist er König, schafft er auch schon den Klingelbeutel ab, mit dem in den Sonntagsgottesdiensten Geld zur Unterstützung der Armen gesammelt wird. Der Grund ist ein gewichtiger: der neue König stört sich daran. So berichtet es jedenfalls Georg Goens. Nur das sogenannte Büchsenopfer darf weiterhin gesammelt werden. Und auch der Garnisonpfarrer bekommt den Wechsel auf dem Thron sofort zu spüren, denn nach des neuen Königs erstem Besuch in der Garnisonkirche flattert ihm eine handfeste Rüge ins Haus, überbracht durch den Prinzen Wilhelm, den Bruder des Herrschers. Der Vorwurf: Ziehe habe vergessen, im Kirchengebet die „siegreichen Heere“ in seine Bitten einzubeziehen. Eine Rüge vom König persönlich – das ist keine geringe Sache zu jener Zeit. Ziehe setzt unverzüglich ein Antwortschreiben auf des Inhalts, um Verzeihung zu bitten. Am 20. Juli erhält er Antwort[205]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 78 f.. Eigenhändig schreibt ihm Friedrich Wilhelm IV.:

Lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen über die vergessenen „sieghaften Kriegsheere“. In dem frischen Eindruck der letzten schriftlichen Ermahnungen des höchstverehrlichen seligen Vaters [gemeint ist Friedrich Wilhelm III. – Anmerkung des Autors] glaubte ich die Bemerkung nicht unterdrücken zu dürfen. Ihre Erklärung und vor allem Ihr Wandel und Wirken sind mir Bürgen von der Aufrichtigkeit Ihrer Versicherungen, Ihres vortrefflichen Willens. Glauben Sie auch an meinen guten Willen. F. W.“[206]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 79.

Den Regierungsantritt des neuen Königs nimmt der Komponist Johann Julius Schneider zum Anlaß, ihm zu Ehren eine Kantate zu schreiben. Diese „Cantate zur Huldigung Sr. Majestät Friedrich Wilhelms IV.“ wird am 16. Oktober 1740 in der Garnisonkirche uraufgeführt. Als der Künstler ein Jahr später eine weitere Kantate namens „Deutschlands Befreiung“ vorlegt, deren Text von Emanuel Christian Gottlieb Langbecker stammt, ist die Garnisonkirche am 10. November 1841 ebenfalls der Uraufführungsort[207]von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seiten 516 ff.
Bei von Ledebur sind noch weitere Uraufführungen von Werken Johann Julius Schneiders in der Garnisonkirche verzeichnet. So am 28. Oktober 1829 die Uraufführung der Kantate „Die Würde der Töne“, am 18. Oktober 1854 die Uraufführung des Oratoriums „Luther“ nach einem Text von Martin Luther, die anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens des Hansmann-Schneiderschen Gesangsvereins stattfindet, sowie am 15. Oktober 1859 die Uraufführung des Oratoriums „Die heilige Nacht“ nach einem Text von Georg Heinrich Schwerdt.
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Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen.
Quelle: Österreichische Nationalbibliothek – Austrian National Library
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In der Zwischenzeit entwickelt sich die Garnisonschule, die nun gemäß den 1839 getroffenen neuen Regelungen verwaltet wird, mehr und mehr zum Problem. Zum einen kosten – wenig überraschend – die gestiegenen Anforderungen, die man an die Schule stellt, viel Geld, und zwar weit mehr, als die Gemeinde mit ihrem Beitrag zu leisten imstande ist. Zum anderen erweist sich das Schulgebäude für eine solche Bildungseinrichtung – man wünscht sich eine Schule, die den „Anforderungen der Neuzeit“ gerecht wird – als ungeeignet. Das beginnt bei der Ausstattung und der Größe der Räume und endet noch lange nicht bei deren Lage, auch wenn diese immer größere Beeinträchtigungen zur Folge hat. Hatte das Schulgebäude einst in einem stillen Winkel der Stadt im Schatten der alten Festung gelegen, so steht es nun mitten im Zentrum der Residenz. Die Neue Friedrichstraße, einst eher ein Weg als eine Straße, wird nun von Gefährten aller Art frequentiert, die auf dem sogenannten Pfeffernußpflaster für ohrenbetäubenden Lärm sorgen. Es kommt soweit, daß sich die Lehrer schließlich weigern, in den zur Straße gelegenen Schulzimmern zu unterrichten.

Was tun? Man beratschlagt und verfällt auf die Idee, im Garten der Schule einen Neubau zu errichten, der das Schulgebäude ergänzen soll. Man prüft die Kosten – und verwirft den Plan. Zu teuer. Man überlegt weiter, man verhandelt mit dem Staat, wobei sich das Garnisonschulkuratorium von dem von ihm beauftragten Geheimen Sekretär Woyte vertreten läßt – derselbe, der für den Garnisonpfarrer die Rechnungsführung besorgt. Letzten Endes führen diese Verhandlungen zu keinem brauchbaren Ergebnis, in dessen Folge die Garnisonschule sinnvoll weitergeführt werden könnte. Und so ergeht am 2. Mai des Jahres 1844 eine Kabinettsordre Friedrich Wilhelms IV., die die endgültige Auflösung der ehrwürdigen Garnisonschule anordnet – ein Beschluß, den der noch wenige Jahre zuvor so optimistisch in die Zukunft blickende Rektor Sprengel nicht mehr erleben muß. Er hatte diese Welt vier Jahre zuvor verlassen. Damit könnte die fast zweihundertjährige Geschichte dieser Bildungseinrichtung zu einem Ende gelangen, gäbe es da nicht eine Frage, die weiterhin ungeklärt ist: was macht man mit den Lehrern? Daß diese sich nicht so einfach abspeisen lassen wollen, ist kaum überraschend. Sie bestehen darauf, daß man sie an dieser Schule fest angestellt habe und daher nun, da sie dort nicht mehr arbeiten können, für sie vorsorgen müsse. Also geht das Verhandeln weiter und die Auflösung der Schule zieht sich hin[208]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 76..

Während also in diesem Jahr 1844 das baldige Ende der Garnisonschule näherrückt und die evangelische Garnisongemeinde damit, sieht man einmal von der Garnisonkirche selbst ab, dem Verlust ihres letzten verbliebenen Stückes des einstigen Gemeindewesens entgegensieht, kündigt sich zu gleicher Zeit an ganz anderer Stelle ein Zugewinn an. Knapp einhundert Jahre, nachdem der Grundstein für die Sankt-Hedwig-Kathedrale gelegt worden war, stimmt König Friedrich Wilhelm IV. der Errichtung einer zweiten katholischen Kirche in der Residenzstadt zu. Geknüpft ist diese Bewilligung an die Bedingung, daß die neue Kirche dem mittlerweile stark gestiegenen Bedürfnis nach einer katholischen Garnisonkirche Rechnung tragen muß[209]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 111.. Wirken die beiden Maßnahmen auf den ersten Blick wie ein Widerspruch, lassen sie sich mit einem zweiten doch auch anders deuten. Während der Verzicht auf die kostenintensive Schule die evangelische Garnisonkirche und ihr Gemeindewesen auf die Seelsorge für die preußischen Militärangehörigen protestantischen Glaubens zurückwirft, ermöglicht die nun zu errichtende katholische Garnisonkirche eben diese in größerem Rahmen für die Katholiken unter den preußischen Soldaten. Damit konzentriert sich das Militärkirchenwesen der Residenzstadt nunmehr auf das für Staat und König Wesentliche: die seelsorgerische Betreuung der Soldaten, die im Namen Gottes für König und Vaterland die Waffen führen sollen.

Vielleicht aus diesem Grund läßt sich der König nicht lumpen und stiftet für die neue, von August Soller zu entwerfende katholische Garnisonkirche das Grundstück – ein Areal am Engelbecken, einem großen Bassin am Luisenstädtischen Kanal, der mit dem neuen Gotteshaus einen attraktiven Abschluß erhalten soll. Die so entstehende katholische Garnisonkirche Sankt Michael soll für die noch wenig besiedelte Luisenstadt eine maßgebliche Dominante werden[210]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 106..

Stürmische Zeiten

Das Jahr 1848 beginnt in der Garnisongemeinde mit einem Trauerfall. Am 12. Januar verstirbt der ein Jahr zuvor zum Generalfeldmarschall beförderte Karl Friedrich von dem Knesebeck. Der Militär, der sich darüberhinaus auch als Diplomat und Künstler einen Namen gemacht hatte und zum Ehrenbürger Berlins ernannt worden war, wird mit militärischen Ehren auf dem Garnisonfriedhof beigesetzt, wo er seine letzte Ruhestätte neben seiner dort bereits 1844 beigesetzten Ehefrau findet. Die offizielle Trauerfeier begeht die Garnison in der Garnisonkirche, wo das in der Gemeinde sehr aktive Paar 1815 geheiratet hatte[211]Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seiten 102 ff..

Als es im Februar in Frankreich zu Demonstrationen kommt, die sich zu einer Revolution ausweiten, in deren Folge der König abdanken muß und die Republik ausgerufen wird, mehren sich, dadurch angeregt, auch in den deutschen Ländern die Unruhen. Die Akteure sind vielfältig. Während Arbeiter, Handwerker, Bauern und Landarbeiter schon seit langem unter sozialen und wirtschaftlichen Problemen litten, strebt das liberale Bürgertum nach nationaler Einheit und einer freiheitlichen Verfassung. All diese angestauten sozialen und gesellschaftlichen Konflikte entladen sich im März in massiven revolutionären Kämpfen, die auch die Residenzstadt Berlin erfassen, wo es am 18. März 1848 zu Barrikadenkämpfen kommt. Als an der Herkulesbrücke und der Spandauer Brücke ebenso Straßenblockaden errichtet werden wie in der nördlichen Burgstraße zwischen Herkulesbrücke und Neuer Friedrichstraße, am Hackeschem Markt, an der Kreuzung Neue Friedrichstraße und Klosterstraße sowie an den Zugängen zum Schloß Monbijou, gelangt die Garnisonkirche mitten in den Frontbereich der Auseinandersetzungen. Zwar verteidigen militärische Einheiten das Gotteshaus, sehen sich aber ringsum von aufständischen Revolutionären belagert[212]Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seite 122.. Als dann an der Spandauer Straße in unmittelbarer Nähe der Kirche eine weitere Barrikade errichtet werden soll und dafür Droschken und Fässer, die anderswo als Baumaterial dienten, fehlen, versuchen die Aufständischen, die Kirchentüren aufzubrechen, um die Kirchenbänke herauszuholen, damit sie zur Errichtung der Straßensperre dienen können. Garnisonpfarrer Ziehe setzt sich höchstpersönlich dafür ein, dies zu verhindern[213]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 79.. Georg Goens zeichnet ein ebenso heroisches wie höchstwahrscheinlich überzogenes Bild der Situation, das klar zeigt, wo seine Sympathien liegen:

Da eilte der Pfarrer mit seinem Töchterlein hinab auf die Straße und deckte mit seinem Leibe die Kirchenthür, und das Bild des hünenhaften, greisen Geistlichen und neben ihm das des tapferen jungen Mädchens machte auf den Pöbel einen solchen Eindruck, daß sie die Kirche beschämt verließen.[214]Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 79.

Barrikade und Kampf in der neuen Königsstraße und Alexanderplatz in der Nacht vom 18.-19. März 1848
Barrikade und Kampf in der neuen Königsstraße und am Alexanderplatz in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1848. In etwa so dürfte es in jener Nacht auch in der Gegend um die Garnisonkirche ausgesehen haben.
Quelle: Stadtmuseum Berlin, Sammlung Online
Urheber: L. Hagner
Inventar-Nr.: GDR 85/1
© Stiftung Stadtmuseum Berlin, mit freundlicher Genehmigung.

Wie auch immer es sich wirklich zuträgt in jenen Tagen voller Aufruhr, die Kirchenbänke bleiben, wo sie sind und die Garnisonkirche übersteht die Kämpfe weitestgehend unbeschadet. Nicht so jedoch die an den Kämpfen Beteiligten. Sowohl auf seiten der Revolutionäre als auch auf seiten des Militärs sind Tote zu beklagen. Als auf dem Invalidenfriedhof fünfzehn bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen gefallene Soldaten beigesetzt werden, leitet Garnisonpfarrer Ziehe die Beerdigungszeremonie. Seine dabei gehaltene Rede läßt er anschließend drucken. Vielleicht ist es ein zaghaftes Zeichen der Versöhnung, daß an der Zeremonie Vertreter der revolutionären Bürgerwehr teilnehmen und daß es ihnen Soldaten und Offiziere gleichtun, als die Märzgefallenen im Friedrichshain beigesetzt werden – eine Trauerfeierlichkeit, bei der Adolph Sydow[215]Adolph Sydow war in den 1830er Jahren Pfarrer an der Kadettenanstalt gewesen und hatte als solcher auch an der Berliner Garnisonkirche gepredigt. Eine dieser Predigten, die er im Jahre 1836 hielt, veranlaßte König Friedrich Wilhelm III., Sydow an die Potsdamer Garnisonkirche zu versetzen. Dort wirkte er bis 1846, als er an die Neue Kirche in Berlin wechselte.
Siehe Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seiten 120 f.
, der Pfarrer der Neuen Kirche und ein politischer Gegner des königstreuen Garnisonpfarrers Ziehe, im Namen der evangelischen Berliner Gemeinden die Trauerrede hält. Und auch auf dem Garnisonfriedhof bettet man unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen zwei darin zu Tode gekommene Offiziere zur letzten Ruhe[216]Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seiten 118 ff.[217]Duntze, Kriegsleute, 2004, Seite 13..

Die Ausstellung der März-Gefallenen in Berlin, 1848
Die Ausstellung der März-Gefallenen in Berlin, 1848.
Quelle: Stadtmuseum Berlin, Sammlung Online
Urheber: Anton Ziegler, Wien, um 1850
Reproduktion: Oliver Ziebe, Berlin
Inventar-Nr.: GR 99/52,1 DR
© Stiftung Stadtmuseum Berlin, mit freundlicher Genehmigung.

Somit ziehen die Tage der Revolution an der Garnisonkirche und ihrer Gemeinde vorüber, ohne dort wesentliche Spuren zu hinterlassen. Ein letztes Mal kommt das Gotteshaus am 3. Mai 1848 mit den Geschehnissen rund um die Bestrebungen nach einem einheitlichen Deutschland mit einer eigenen Verfassung in Berührung, denn an diesem Tag dient es als Versammlungsort für die Wahlmänner Berlins, die die Abgeordneten der preußischen Hauptstadt sowohl für die Preußische Nationalversammlung als auch für das Deutsche Parlament, die Frankfurter Nationalversammlung, bestimmen sollen[218]Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 102 vom 3. Mai 1848, Seite 2..

Ziehes letzte Jahre

Zu Anfang des Jahres 1849 trifft den Garnisonpfarrer ein schwerer Schicksalsschlag: am 11. Januar verstirbt seine Ehefrau Johanna Caroline Philippine Ziehe. Besonders ihrer Unterstützung hatte er es zu verdanken, daß sein Haus einem großen Freundes- und Bekanntenkreis stets als Ort hehrer Gastlichkeit offengestanden hatte[219]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 80..

In diesem Jahr kommen schließlich auch die Verhandlungen um die Auflösung der Garnisonschule, die sich – sicher auch bedingt durch die revolutionären Zeiten – über mehrere Jahre hingezogen hatten, zu einem endgültigen Abschluß. Während man den Rektor Robert Ostmann an die Garnisonschule Potsdam versetzt, einigt man sich mit den Lehrkräften der Schule auf ihnen zu zahlende Abfindungen. Dann schließen sich die Pforten der Berliner Garnisonschule für immer.

Falls die Gemeinde aber geglaubt hatte, daß sie nun, da die Schule nicht mehr existiert, der jährlichen Zahlung von achthundert Talern, die der Schulkasse zugekommen waren, enthoben sei, so hatte sie die Rechnung ohne die preußische Bürokratie gemacht. Denn für diese ist die Nicht-Existenz der Schule noch lange kein hinreichender Grund, auf die jährliche Einnahme zu verzichten. Und so ergeht am 9. Mai eine Verfügung des Kriegsministeriums an die Gemeinde, die sie verpflichtet, die achthundert Taler weiterhin jedes Jahr zu zahlen. Und um die Absurdität auf die Spitze zu treiben, wird als Empfänger der Zahlung eine „Garnisonschulkommission“ eingesetzt. Die Begründung für diese Verfügung ist ein Glanzstück bürokratischen Einfallsreichtums:

Wir finden daher um so weniger Veranlassung, eine anderweite Allerhöchste Bestimmung zu extrahiren, als die Garnisonschule lediglich allein aus den Mitteln der Kirchenkasse gestiftet ist und aus Staatsfonds nur insoweit zur Unterhaltung der Schule beigetragen wurde, als jene Mittel nicht völlig ausreichten, überdies aber auch der Kirchenkasse durch Auflösung der Schule dadurch ein nicht unwesentlicher Gewinn erwächst, daß im Interesse derselben nunmehr über das Schullokal und die Lehrerwohnungen (die gegenwärtige Bel-Etage) frei disponirt werden kann.[220]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 77.

Daß die Gemeinde die Räumlichkeiten, die man ihr nun überläßt und als Gewinn anrechnet, komplett aus eigenen Mitteln und ohne jegliche Hilfe seitens des Staates selbst errichtet hatte, läßt man dabei großzügig unter den Tisch fallen. Noch fast fünfzig Jahre später überweist die Gemeinde Jahr für Jahr die entsprechende Summe an die „Garnisonschulkommission“, in der der evangelische und der katholische Garnisonpfarrer unter der Leitung eines Stabsoffiziers eine nichtexistierende Schule verwalten und das Geld – und das ist immerhin ein barmherziges Werk – an Kinder von Unteroffizieren aller Konfessionen verteilen – als Beihilfe zum Schulgeld.

Den letzten Akt leitet schließlich die „Indendantur des Gardekorps“ ein, als sie die Gemeinde auffordert, das Inventar der Schule abzuliefern, damit man es an die Garnisonschulen in Potsdam und Frankfurt an der Oder übergeben könne. Nachdem dies geschehen, bewahrt das Pfarrarchiv „nur eine kleine bescheidene Bibliothek mit zerlesenen Büchern von dem alten Fritz und Gneisenau, von Soldaten- und Männertugenden, von fleißigen Kindern und dergleichen […] nebst einem Packen Schreib- und Zeichenhefte und [das] Schulsiegel“[221]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 77 f..

Fast 200 Jahre ist die Anstalt mit vieler Liebe und Treue, mit Sorgen und Beten aufrecht erhalten, und zeitweise galt sie als die erste und begehrteste Mittelschule in Berlin und hat dem preußischen Heere Hunderte treuer und tüchtiger Unteroffiziere und dem Handwerk intelligente Meister gegeben, die alle über die Schulzeit hinaus unter sich eine Freundschafts- und Geistesgemeinschaft erhielten.[222]Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 77.

Das Garnisonpredigerhaus (Mittelrisalit) der Berliner Garnisonkirche im Jahre 1906
Der Mittelrisalit des Garnisonpredigerhauses der Berliner Garnisonkirche im Jahre 1906.
Quelle: Blätter für Architektur und Kunsthandwer, 19. Jahrgang, Ausgabe 19.1906, Verlag von Max Spielmeyer, Berlin, 1906, Tafel 85 via Digitale Landesbibliothek Berlin.
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
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Von der so durch Georg Goens gewürdigten und nun für immer geschlossenen Garnisonschule bleibt nichts als das Haus in der Neuen Friedrichstraße 46. Es ist das einzige verbliebene Gebäude von allen, die König Friedrich Wilhelm I. der Garnisongemeinde einst geschenkt hatte. Von nun an nutzt man es als Garnisonkirchen- und Pfarrhaus, in dem der Garnisonpfarrer, der Küster und der Kirchendiener ihre Wohnungen haben[223]Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 15.. Die nun ehemaligen Schulräume aber baut man zu einer Wohnung um, für die das Berliner Adreßbuch bereits zwei Jahre später einen gewissen Doktor Hildebrand, seines Zeichens Sanitätsrat, als Bewohner ausweist[224]Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebungen auf das Jahr 1851, 2. Teil, Verlag von Veit und Comp, Berlin, 1851, Seite 42.. Die Einnahmen aus der Miete, die dieser zahlt, kommen der Kirchenkasse zugute[225]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 81..

Im Jahr darauf, 1850, beginnen die Bauarbeiten für die Sankt-Michael-Kirche am Engelbecken. Während diese andauern – und sie werden sich aufgrund mehrerer längerer Baupausen über eine ganze Reihe von Jahren hinziehen[226]Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 111. -, hält man in der evangelischen Garnisonkirche auch katholische Gottesdienste ab, schreibt Karl Stichler in seinen 1908 in der Vossischen Zeitung veröffentlichten Erinnerungen an das Gotteshaus:

Die […] alte Garnisonkirche in der Neuen Friedrichstraße war in mehrfacher Beziehung ein merkwürdiges Gotteshaus. In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war dort an Sonn- und Festtagen vormittags der Garnisongottesdienst insofern sonderbar, als im gleichem [sic!] Kirchenraume protestantischer und katholischer Kultus abwechselte. Denn eine katholische Garnisonkirche erhielt Berlin erst in der 1854-1856 erbauten Michaelskirche am Engelbecken. Der Verfasser dieser Zeilen sah noch anfangs der sechziger Jahre vergangenen Jahrhunderts diesen Wechsel des Kultus in der alten Garnisonkirche und er kann sich noch deutlich erinnern, wie dann der Altartisch, je nachdem katholischer oder protestantischer Gottesdienst stattfand, anders geschmückt und mit anderem Altargerät besetzt wurde.[227]Zitiert aus Karl Stichler: Die alte Berliner Garnisonkirche – Erinnerungen eines alten Berliners, In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen – Vossische Zeitung, Ausgabe 203 (Morgenausgabe) vom 1. Mai 1908, Seiten 4 und 13.
Was die Erbauungszeit der Sankt-Michael-Kirche am Engelbecken angeht, ist die Erinnerung des Verfassers nicht ganz korrekt, denn diese Kirche wird erst 1861 fertiggestellt. Stichler bezieht sich hier lediglich auf die Zeit, in der der Baufortschritt am stärksten war. Berücksichtigt man die tatsächliche Erbauungszeit von 1850 bis 1861, so wird klar, daß die Angaben Stichlers bezüglich der in der Garnisonkirche stattfindenden katholischen Gottesdienste hingegen korrekt sein dürften – wodurch er sich, ohne es wohl zu merken, ein wenig selbst widerspricht.
Siehe auch Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 111.

Drei Jahre später. Für den Garnisonpfarrer Ziehe und seine Gemeinde ist es ein großartiger Tag, als König Friedrich Wilhelm IV. ihrem Gotteshaus einen neuen Altar stiftet. Der Monarch nimmt das am 1. Januar 1853 zu begehende 150jährige Jubiläum der Einweihung der ersten Garnisonkirche zum Anlaß, endlich die Vorstellungen seines Vaters Wirklichkeit werden zu lassen, die dieser in Bezug auf einen prächtigen Altar zwar entwickelt hatte, für deren Umsetzung ihm bei dem 1817 vorgenommenen Umbau des Gotteshauses jedoch die finanziellen Mittel fehlten. Der Auftrag für den Entwurf geht an den Architekten des Königs, Oberbaurat Friedrich August Stüler[228]Heinrich Lange: Ein preußischer Architekt – Zum 200. Geburtstag von Friedrich August Stüler, In: Preußische Allgemeine Zeitung – Das Ostpreußenblatt, Ausgabe vom 12. Februar 2000, Seite 12.[229]Heinrich Lange, „…zum andächtigen Besuch…“, 2002, Seite 9..

Während nun Stüler an den Entwürfen für den Altar zeichnet und nach deren Fertigstellung die Arbeiten für dessen Errichtung im Gange sind, öffnet der Garnisonpfarrer Ziehe in diesem Jahr einem anderen Berliner Künstler die seit Beginn der 1830er Jahre geschlossene Gruft der Garnisonkirche. Dieser ist kein Geringerer als der Maler und Zeichner Adolph Menzel. Er steigt in die Katakomben des Gotteshauses hinunter, um, nachdem er das im Jahr zuvor bereits in der Gruft der Frauenkirche zu Halberstadt getan hatte, seine Studien im Reich der Toten nun in der Berliner Garnisonkirche fortzusetzen. Das Ergebnis ist eine Tuschezeichnung mit dem Titel „Gruft in der Garnisonkirche“[230]Sechsundsiebzig Jahre später, im Jahre 1929, wird diese mit „A. Menzel 1853“ signierte Zeichnung in der Ausstellung „Hundert Jahre Berliner Kunst“ des Vereins Berliner Künstler als Exponat Nummer 1002 gezeigt. Sie befindet sich zu jener Zeit in Privatbesitz und ist eine Leihgabe einer Frau Hermine Grönvold.
Siehe Hundert Jahre Berliner Kunst im Schaffen des Vereins Berliner Künstler, Verein Berliner Künstler, Berlin, 1929, Seite 134 und Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 164 und Seite 171, Fußnote 138.
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Im September 1853 ist Garnisonpfarrer Ziehe mit seiner Garnisonkirche Gastgeber der jährlichen, diesmal in Berlin stattfindenden Versammlung des Deutschen Evangelischen Kirchentages, eines 1848 gegründeten kirchlichen Vereins evangelischer Geistlicher und Laien, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, eine Vertretung der evangelischen Christenheit in Deutschland zu bilden. So kommen in der Garnisonkirche an mehreren Tagen Gläubige aus verschiedenen deutschen Ländern zusammen[231]Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 223 vom 24. September 1853, Seite 1.[232]Kirchentag, In: Meyers Konversationslexikon, 9. Band: Irideen – Königsgrün, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892, Online-Version auf retrobibliothek.de, abgerufen am 16. Oktober 2021..

Zwei Ereignisse des Jahres 1854 lassen dieses für den Garnisonpfarrer zu einem Jahr der Freude werden. Zunächst begeht man mit ihm am 15. März sein fünfzigjähriges Jubiläum als Pfarrer[233]Diese Datierung geht auf Georg Goens zurück, der sich allerdings selbst darüber wundert, wie es denn möglich sein kann, daß Ziehe in diesem Jahr das fünfzigjährige Jubiläum als Pfarrer begeht, wo er doch erst am 3. Juni 1811 in der Berliner Nikolaikirche ordiniert worden war. Goens erklärt sich das damit, daß Ziehe wohl schon vor der Ordination, im Alter von 22 Jahren, in den Kirchendienst getreten ist.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 80.
Ziehe erhält aus diesem Anlaß ein Schreiben des Feldpropstes August Ludwig Bollert, in dem dieser den Garnisonpfarrer angemessen würdigt:

Sie haben mit höchster Anstrengung und Treue dem König und dem Vaterlande in der Zeit der Befreiungskriege gedient und sich in der Armee das ehrenvollste Andenken errungen. Wie ein Vater seine Kinder, so haben Sie Ihre Gemeinde auf den Schlachtfeldern wie im Gotteshause, in guten und bösen Tagen ermahnt, ermuthigt, getröstet und ihr bezeugt, daß sie wandeln solle würdiglich vor Gott, der uns berufen hat zu seinem Reiche und zu seiner Herrlichkeit. Und nicht bloß dort, nein, auch in der Stille des besonderen Lebens, im Heiligthum des christlichen Hauses sind Sie Vielen ein Bote des himmlischen Friedens erschienen.[234]Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 80.

Am 9. Juli 1854 – es ist der vierte Sonntag nach Trinitatis[235]Trinitatis ist ein Fest im Kirchenjahr, das in der römischen Kirche jedes Jahr am ersten Sonntag nach Pfingsten begangen wird. Im Deutschen wird es auch als Dreifaltigkeitssonntag und Dreieinigkeitsfest bezeichnet. – findet in der Garnisonkirche eine große Feierlichkeit statt, über die die „Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen“ zwei Tage später folgendermaßen berichtet:

Am Sonntag Vormittag um 10 Uhr fand in der hiesigen Garnisonkirche die feierliche Einweihung der von Sr. Maj. dem Könige, dem hohen Protektor der Kirche, gnädigst verliehenen Geschenke zur Ausschmückung derselben durch einen Gottesdienst statt. Es wohnten der Feierlichkeit Deputationen des Militairs der hiesigen Garnison, das Cadetten-Corps, viele höhere Offiziere so wie ein zahlreiches Publikum von Andächtigen aus allen Ständen bei. Die Feierlichkeit begann mit einem vom K. Domchor aufgeführten Chorale, worauf der Garnis.-Prediger Ziehe eine auf die Feierlichkeit bezügliche Altarrede hielt und darauf den Aktus der Weihe vollzog. Die der Kirche von unserm Könige gnädigst verliehenen Geschenke bestehen in einer neuen Altar-, Kanzel- und Taufsteindecke, welche aus carmoisinrothem Atlas angefertigt sind. Außerdem hat die Kirche einen neuen Altar erhalten. Der Altartisch, welcher aus grauem Marmor angefertigt ist, steht frei in einer Halle, die von vier vergoldeten in corinthischem Stile ausgeführten Säulen getragen wird und deren Capitol auf weißem Grunde mit einem schönen Fries geziert ist. Die Spitze der Halle schmückt ein Kruzifix.[236]Zitiert aus Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 159 vom 11. Juli 1854, Seite 4.

Garnisonpfarrer Ziehe leitet den Gottesdienst, dem der Berliner Kommandant Eduard Karl Lorenz von Schlichting als Vertreter des Gouvernements und der Vorsitzende des Garnisonkirchenkollegiums, Oberstlieutenant Mohrenberg, beiwohnen. Der König allerdings, der den Altar gestiftet und die Kosten für dessen Errichtung in Höhe von 1.700 Talern aus seiner Schatulle bezahlt hatte, ist nicht anwesend[237]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 80 f..

Der Stüler-Altar
Der von Friedrich August Stüler geschaffene Ziborium-Altar der Garnisonkirche mit dem Altarbild „Christus am Ölberg“ von Karl Begas d. Ä. Vor dem Altar ist der abgedeckte Taufstein von Andreas Schlüter zu sehen.
Quelle: Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Vorblatt via Digitale Landesbibliothek Berlin.
Bearbeitung: Alexander Glintschert (2021)
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Die Garnisonkirche verfügt nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte über einen wahrlich prunkvollen Altar. Gemäß dem Entwurf des Oberbaurats Friedrich August Stüler ist er als marmorner Ziborium-Altar[238]Als Ziborium bezeichnet man einen von Säulen getragenen Aufbau über einem Altar. Alternativ kann auch der Begriff Baldachin verwendet werden. mit goldstrahlendem Baldachin gestaltet, in den das Gemälde „Christus am Ölberg“ von Karl Begas d. Ä. hinter dem Altartisch eingesetzt ist[239]Ob man Wachs Bild „Christus am Kreuz“ weiterhin in der Kirche präsentierte oder ob es eventuell bereits vor der Errichtung des Altars von Begas‘ Gemälde als Altarbild abgelöst wurde, ist den einschlägigen Quellen nicht zu entnehmen.. Bei dieser auf römische Vorbilder zurückgehenden Gestaltung hatte sich Stüler direkt nach den Wünschen Friedrich Wilhelms IV. gerichtet, der die altchristliche Kirche der Römerzeit als reine, unverfälschte Form des Christentums ansieht und als Vorläufer der protestantischen Kirche begreift, weshalb er sich auch sehr für die altchristliche Architektur begeistert. Auf seiner 1828 noch als Kronprinz unternommenen Italienreise hatte der Monarch in den frühchristlichen Basiliken Roms mehrere Altäre der Art kennengelernt, die er nun für den Altar der Garnisonkirche ausgewählt hatte[240]Heinrich Lange: Adolph Menzels „alte Bekannte“, In: Berlinische Monatsschrift, Heft 9/98, Edition Luisenstadt, Berlin, 1998, Seiten 56 ff.[241]Heinrich Lange, Ein preußischer Architekt, 2000, Seite 12.. Dieser wird von einem antikisierenden Baldachin bekrönt, dessen Decke innen kassettiert ist und über dem ein Architrav das vergoldete Giebeldach trägt. Den Giebel zieren an seinem höchsten Punkt ein Kreuz und in seinem Dreieck das altkirchliche Monogramm Christi, bestehend aus den verschlungenen griechischen Anfangsbuchstaben des Namens des Heilands. Zwei korinthische Säulen vorn und zwei entsprechende Pfeiler hinten tragen den Baldachin, unter dem der ebenfalls von Säulen gestützte Altartisch steht. Diese bestehen aus hellem Marmor, sind in einer Plinthe[242]Als Plinthe bezeichnet man in der Architektur einen Untersatz oder auch Sockel, der die Basis eines baulichen Objektes bildet. Bei Säulen ist eine Plinthe oftmals eine einfach geformte, meist rechteckige oder quadratische Fußplatte. aus schwarzem Gestein verankert und fallen deutlich kleiner aus. Korinthische Kapitelle, aus dunklem, farbigem Marmor gesondert gefertigt, schließen die beiden äußeren Säulen des Tisches ebenso nach oben hin ab wie die in seiner Mitte. Von diesen drei Säulen sind allerdings meist nur die beiden äußeren sichtbar, da die über den Tisch gebreitete Altardecke diesen zu großen Teilen verhängt. Sie verdeckt damit auch die Rückwand des Altartisches, die ebenso wie die Platte aus niederschlesischem Großkunzendorfer Marmor gefertigt ist. So ist nur, wenn die Altardecke beiseitegezogen wird, erkennbar, daß die Rückwand keine durchgehend einheitliche Fläche ist, sondern daß in sie quadratische rote Platten – sogenannte Spiegel – aus Marbre du Roi[243]Eine Marmorart. eingelassen sind, der aus Villefranche-de-Conflent im Départment Pyrenées-Órientales in Frankreich stammt. Diese Platten werden von dunkelgrünen Rahmen aus Gabbro[244]Bei Gabbro handelt es sich um ein kompaktes, grobkörniges magmatisches Gestein. umfaßt, der am niederschlesischen Zoptenberg gewonnen wurde. Die erwähnte Altardecke ist von tiefdunkler karmensinroter Farbe und wie der ganze Altar ein Geschenk des Königs[245]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 80 f.[246]Heinrich Lange, Adolph Menzels „alte Bekannte“, 1998, Seiten 56 ff.[247]Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 148 ff..

Als König Friedrich Wilhelm III. 1817 die reformierte und die lutherische Kirche zusammenzwang und eine evangelisch-unierte Kirche ins Leben rief, hatten sich in der Folge einige Kontroversen entwickelt, die im sogenannten Agendenstreit gipfelten. In dessen Verlauf war es inbesondere unter konservativen Lutheranern zu massiven Vorbehalten gegen die Vereinigung gekommen. Ausgehend von schlesischen Gemeinden in der Gegend um Breslau griffen diese immer weiter um sich und führten zu einer gegen die Union gerichteten Bewegung der sogenannten Alt-Lutheraner, die trotz mal mehr, mal weniger intensiver Verfolgung nicht zum Schweigen gebracht werden konnte. Auch in Berlin hatte sich am 12. Mai 1835 unter ihrem ersten Pfarrer Heinrich Ernst Ferdinand Guericke eine eigene lutherische Gemeinde gegründet, und auch sie hatte in ihren ersten Jahren unter dieser Verfolgung zu leiden, bis sie 1845 endlich offiziell geduldet wurde[248]Provinzial-Adreß-Kalender für die Regierungs-Bezirke Potsdam und Frankfurt auf das Jahr 1846, Verlag bei J. W. Boike, Berlin, 1846, Seite 223.[249]Evangelisch-lutherische Kirche in Berlin, In: Website der Evangelisch-Lutherischen St. Mariengemeine (lutherisch.de), abgerufen am 16. Oktober 2021.. In der Folgezeit war es ihr aufgrund ihrer stetig wachsenden Mitgliederzahl sogar gestattet worden, für ihre Gottesdienste die große Garnisonkirche zu nutzen – zunächst von Pfingsten bis Weihnachten 1848 und dann noch einmal ab 1851. Da König Friedrich Wilhelm IV. dies jedoch an die Bedingung knüpft, daß sich die Gemeinde eher früher als später selbst ein Gotteshaus errichtet, kommt es am 10. November 1855 zur Grundsteinlegung für die erste eigene Kirche der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der Annenstraße, ganz in der Nähe des Exerzierhauses in der Luisenstadt[250]Dr. Johannes Stier: 100 Jahre Lutherische Kirche in Berlin – 1835-1935, 1. Auflage, Verlag des Lutherischen Büchervereins, Breslau, 1935, Seiten 37 f.. Während der Bauzeit ist es der Gemeinde weiterhin erlaubt, ihre Gottesdienste in der Garnisonkirche abzuhalten[251]Adreß-Kalender für die Königl. Haupt- und Residenzstädte Berlin und Potsdam auf das Jahr 1856, Verlag von A. W. Hahn, Berlin, 1856, Seiten 239 f.[252]Adreß-Kalender für die Königl. Haupt- und Residenzstädte Berlin und Potsdam auf das Jahr 1857, Verlag von A. W. Hahn, Berlin, 1857, Seite 242..

Als im Juni 1856 der Sekretär Woyte verstirbt, verliert Garnisonpfarrer Ziehe seinen Kirchenrechnungsführer. Doch da sich Ziehe selbst schon im vorgerückten Alter befindet und die Aufgabe somit nicht wieder selbst übernehmen kann, wird der Aktuar Rohde beauftragt, die Nachfolge Woytes anzutreten[253]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 82..

Im September 1857 ist die Garnisonkirche erneut Schauplatz eines mehrtägigen Großereignisses. Vom 9. bis zum 17. September findet hier die dritte Konferenz der internationalen Evangelischen Allianz statt, die als „Versammlung evangelischer Christen aller Länder“ bezeichnet wird. Nun, ob tatsächlich alle Länder dieser Welt dabei vertreten sind, darf getrost bezweifelt werden, doch daß es eine Veranstaltung von wahrlich internationalem Charakter ist, steht angesichts der in der „Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen“ erwähnten ausgewählten Abordnungen und Persönlichkeiten außer Frage. Amerika, Australien, Schottland, England, Ungarn und Frankreich sind nur einige der Länder und Regionen, die namentlich genannt werden[254]Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 211 vom 10. September 1857, Seiten 2 f.[255]Gerhard Lindemann: Für Frömmigkeit in Freiheit – die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus (1846-1879), LIT Verlag, Münster, 2011, Seiten 399 ff. (nur in Auszügen online verfügbar).. Die Teilnehmer, heißt es, wollen „Gott und dem Herrscherhause der Hohenzollern […] danken für Schutz und Schirm“. So ist es nicht verwunderlich, daß das Königspaar der Abschlußveranstaltung höchstpersönlich beiwohnt, in deren Verlauf die gesamte Versammlung zu Orgel- und Posaunenklang den Schlußchoral „Nun danket alle Gott“ intoniert – ein jeder Teilnehmer in seiner Sprache. Angesichts der bis auf den letzten Platz gefüllten Garnisonkirche ist das sicherlich für alle ein Erlebnis von überwältigender Wirkung[256]Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 218 vom 18. September 1857, Seite 1.[257]Ein Denkmal aus der preußischen Geschichte, In: Der Bär – Illustrirte Wochenschrift für die Geschichte Berlins und der Mark, Jahrgang 19, Heft 37 vom 19. Juni 1893, Seiten 443 f..

Einen Monat später weiht die evangelisch-lutherische Gemeinde ihre fertiggestellte eigene Kirche in der Annenstraße ein und verläßt damit die Garnisonkirche für immer[258]Adreß-Kalender für die Königl. Haupt- und Residenzstädte Berlin und Potsdam auf das Jahr 1858, Verlag von A. W. Hahn, Berlin, 1858, Seiten 249 f.[259]Johannes Stier, 100 Jahre Lutherische Kirche in Berlin, 1935, Seiten 37 f..

Evangelisch-Lutherische Kirche in der Annenstraße
Die Evangelisch-lutherische Kirche in der Annenstraße in Berlin-Mitte heute. Der ursprüngliche Kirchenbau erhielt später links und rechts Flügelbauten, von denen heute nur noch einer vorhanden ist. Der andere wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
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Mit Anbruch des Jahres 1858 vollendet Gottlieb Friedrich Ziehe sein zweiundvierzigstes Jahr im Amt des Garnisonpfarrers. Nach all dieser Zeit ist er nicht nur für die Gemeinde zu einer festen Größe geworden, sondern auch in der ganzen Stadt so überaus bekannt, daß man ihn weithin nur „den alten Ziehe“ nennt. „Sie werden es nur einige Jahre aushalten.“, hatte ihm sein Amtsvorgänger Friedrich Wilhelm Schliepstein einst düster prophezeit. Doch es war anders gekommen. Mittlerweile ist Ziehe so lange Garnisonpfarrer wie keiner seiner Amtskollegen vor ihm. Nun aber kann er sich der Erkenntnis nicht länger entziehen, daß dieses Amt mit seinem fortschreitenden Alter nicht mehr vereinbar ist. Sein Kräfte nehmen ab, die Energie, die ihn in all der Zeit immer angetrieben hatte, schwindet. So muß er schließlich einsehen, daß der Ruhestand unvermeidlich geworden ist, und er ersucht den König um seine Emeritierung zum 1. Juli 1858, eine Bitte, die ihm Friedrich Wilhelm IV. freundlichst gewährt. Mit einer Verfügung des Gouvernements vom 29. Juni wird ihm überdies erlaubt, in seiner Wohnung im Garnisonpfarrhaus bis an sein Lebensende wohnen zu bleiben[260]Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 81.. So geht für die Gemeinde und die Garnisonkirche wieder einmal eine Ära zu Ende.


Das Banner auf dieser Seite zeigt „Die Garnisonkirche von der Neuen Promenade angesehen unter Regierung König Friedrich Wilhelms des IIIten, 1822″ (Ausschnitt).
Albumseite aus „Das ehemalige und jetzige Berlin: dargestellt in Ansichten aus verschiedenen Theilen der Stadt. Theils nach älteren Abbildungen und theils nach eigner Aufnahme gezeichnet, von Leopold Ludwig Müller. Angefangen in Januar 1829.“, Erster Band.

Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – SMB-digital
Sammlung: Kupferstichkabinett
Ident.Nr.: Sign. 2131, Bd. 1, Teil 1, S. 18
Urheber: unbekannter Künstler, vor 1839
Technik: Schwarzer Stift
Blattmaß: 18,3 x 25,9 cm
Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Fotograf: Dietmar Katz
Bearbeitet: Alexander Glintschert (2021)
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Anmerkungen:

Anmerkungen:
1. Georg Goens: Geschichte der Königlichen Berlinischen Garnisonkirche, Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Königliche Hofbuchhandlung, Berlin, 1897, Seiten 54 f.
2. Herman Granier: Die Franzosen in Berlin 1806-1808, In: Paul Seidel (Hrsg.): Hohenzollern-Jahrbuch – Forschungen und Abbildungen zur Geschichte der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen, Jahrgang 9, Verlag von Giesecke & Devrient, Berlin & Leipzig, 1905, Seite 13.
3. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 55.
Goens gibt eine, wie er sagt, „alte Überlieferung“ wieder, nach der der Küster die Trophäen im Holzstall der Garnisonkirche versteckt haben soll. Glaubhaft erscheint das nicht. Einerseits stellt sich die Frage, wozu es an der Kirche zu jener Zeit noch einen Holzstall gegeben haben soll, andererseits darf auch bezweifelt werden, daß die französischen Soldaten die Trophäen dort nicht gefunden hätten.
4, 8. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 55 f.
5. Heinz Berg: Zur Geschichte der evangelischen Garnisongemeinde diesseits vom Spandauer Tor, In: Der Alte Berliner Garnisonfriedhof im Spannungsfeld zwischen Scheunenviertel und Monbijou, herausgegeben vom Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof, 1. Auflage, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin, 1995, ISBN 3-7759-0399-2.
6, 10. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 56.
7. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 55. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Goens hier nur von vier Bildern spricht, dann aber alle fünf Dargestellten aufzählt. Es kann also davon ausgegangen werden, daß alle fünf Bilder gemeinsam versteckt werden. Auch spricht er davon, daß die Bilder in „einer Kammer des hiesigen Garnisonkirchenhauses (Pfarrhauses)“ verborgen werden. Hier ist er etwas ungenau in seiner Darstellung. Das Garnisonkirchenhaus seiner Zeit beherbergt im Jahre 1806 noch die Garnisonschule.
9. Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 13.
11. Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 12.
12. Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 17.
13. Beatrice Falk & Bärbel Holtz: Das Schicksal der Alten Berliner Garnisonkirche, In: Der Alte Berliner Garnisonfriedhof im Spannungsfeld zwischen Scheunenviertel und Monbijou, herausgegeben vom Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof, 1. Auflage, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin, 1995, ISBN 3-7759-0399-2.
14. Carl Freiherr von Ledebur: Tonkünstler-Lexicon Berlin’s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Verlag von Ludwig Rauh, Berlin, 1861, Seite 32.
15. Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 24.
16. Zitiert nach Granier, Franzosen in Berlin, 1905, Seite 24.
17. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 56 f.
18. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 57.
19. Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 57.
20. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 57.
21, 24, 50, 109, 154, 172, 174, 189. Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.
22. Barbara Kündiger: Umbauten, Zerstörungen und Abriß, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 106.
23. Das Regiment von Kalckreuth war das Infanterieregiment Nummer 4 in der Königlich-Preußischen Armee, das in der Garnisonstadt Elbing stationiert war und seit 1797 unter dem Kommando von Oberst Wilhelm Heinrich Adolf von Kalckreuth stand, der später zum Generalfeldmarschall befördert wurde. Im Jahre 1806 hatte es unter General von Blücher bei Lübeck ehrenvoll kapituliert.
Siehe Die altpreußischen Regimenter Nr. 1 bis Nr. 20, Übersichten auf der Website preussenweb.de, abgerufen am 14. September 2021.
25. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 59.
26. Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 58 f.
27. Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 77 vom 23. September 1809, Seite 368.
28. Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 85 vom 21. Oktober 1809, Seite 409.
29, 30, 33. Berlin oder der Preußische Hausfreund, Ausgabe 89 vom 4. November 1809, Seite 429.
31. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 57 f.
32, 74, 210. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 106.
34. Barbara Kündiger: Bildwelten und Klangbilder, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 141.
Eine Information bezüglich der Entscheidung über diese Bitte ist der Quelle leider nicht zu entnehmen. Da sich in anderen einschlägigen Quellen jedoch auch nichts darüber finden läßt, daß diese Bilder eine Zeitlang in der Marienkirche ausgestellt worden wären, kann wohl davon ausgegangen werden, daß der Vorschlag der Witwe Rodes nicht aufgegriffen wurde.
35. Friedrich Carl Ludwig von Gontard war der erste Militär, der die 1806 eingeführte Stelle des Platzmajors des Obersten Militärbefehlshabers der Residenzstadt Berlin bekleidete. Zu seinen Aufgaben gehörte die Regelung und Beaufsichtigung des täglichen Dienstes der Truppen, die Oberaufsicht über die Staatsgefangenen und arretierten Soldaten sowie die Leitung des Büros der Kommandantur.
Siehe Helmut Eikermann: Platzmajor von Berlin – Ehrenbürger Friedrich Carl Ludwig von Gontard (1764-1839), Berlinische Monatsschrift Heft 7/1997, Edition Luisenstadt, Berlin, 1997, Seiten 54 f.
36, 40. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 59.
37. Werner Schwipps: Die Garnisonkirchen von Berlin und Potsdam, Berlinische Reminiszenzen 6, 1. Auflage 1964, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.
38. In den einschlägigen Quellen findet sich zwar kein expliziter Hinweis darauf, doch hätten all die anderen Reparaturen ohne eine sichere Kirchendecke keinerlei praktischen Wert gehabt, so daß davon ausgegangen werden kann, daß entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgenommen wurden.
39. Der Hinweis auf die Neue Friedrichstraße findet sich bei Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 59.
Barbara Kündiger schreibt hingegen, es wurden „[…] entwendete Orgelpfeifen wieder eingesammelt, die in der Friedrichstraße zum Gaudi geblasen wurden.“ Siehe Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 117, Fußnote 2.
Die Neue Friedrichstraße ist wohl der wahrscheinlichere Ort, verlief sie doch direkt an der Garnisonkirche. Warum hätte man die Pfeifen erst bis zur viel weiter entfernten Friedrichstraße tragen sollen?
41. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 161.
42. Als Eximierte bezeichnete man im preußischen Recht Personen, die von der Gerichtsbarkeit der Untergerichte ausgenommen waren, beispielsweise Adlige, Angehörige des Hofstaats, Geistliche und höhere Beamte. Für sie waren die Oberlandesgerichte erstinstanzlich zuständig.
43, 119, 171. Schwipps, Garnisonkirchen Berlin und Potsdam, 1964.
44. Heinz Duchhardt: Stein, Karl Freiherr vom und zum, In: Neue Deutsche Biographie, Band 25, 2013, Seiten 152-154 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
45. Hans Haussherr & Walter Bußmann: Hardenberg, Carl August Fürst von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 7, 1966, Seiten 658-663 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
46. Johannes Kunisch: Scharnhorst, Gerhard von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 22, 2005, Seiten 574-575 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
47. Hermann Teske: Gneisenau, August Graf Neidhardt von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 6, 1964, Seiten 484-487 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
48. Franz Schnabel: Boyen, Hermann von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 2, 1955, Seiten 495-498 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
49, 79, 123. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 66.
51, 143. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 71 f.
52. In der Tat ist dieser Umstand einigermaßen verwunderlich, wie auch Georg Goens in Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61 feststellt. Goens behauptet überdies, der Gouverneur, der Schliepstein das Lob ausgesprochen habe, sei der Generalfeldmarschall Graf von Kalckreuth gewesen. Das ist der Quellenlage zufolge jedoch nicht korrekt. Friedrich Adolf von Kalckreuth wurde im Jahre 1809 Gouverneur von Berlin, verließ diesen Posten jedoch 1812, als man ihn zum Gouverneur von Breslau ernannte. Er kehrte erst nach dem Pariser Frieden im Jahre 1814 als Gouverneur nach Berlin zurück.
Siehe Richard von Meerheimb: Kalkreuth, Friedrich Adolf Graf von, In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 15, 1882, Seiten 34-38 Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
53. Dort wird Schliepstein im Jahre 1845 emeritiert werden und vier Jahre später, am 2. Januar 1849, im Alter von fast 89 Jahren, zwei erwachsene Töchter hinterlassend, versterben.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61.
54. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 74.
55. Dieter Weigert: Garnisongemeinde und Garnisonschule, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 86.
56. Dieter Weigert: 1792-1794 – „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 104.
57. Bernhard von Poten: L’Estocq, Anton Wilhelm von,  In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 18, 1883, Seiten 455-456 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. September 2021.
58. Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seiten 102 ff.
Weigert gibt an, daß die Trauung des Paares von Pfarrer Gottlieb Friedrich Ziehe vorgenommen worden sei. Das paßt jedoch nicht zu den detaillierten Angaben, die Georg Goens in Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 61 ff. über die Berufung Ziehes als Garnisonpfarrer und dessen Amtsantritt macht, der Goens zufolge erst Anfang 1816 erfolgte – eine Angabe, die auch Barbara Kündiger in Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 106 bestätigt.
59. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 47.
60. Allianzvertrag zwischen dem Kaiser von Rußland Alexander I., dem Kaiser von Österreich Franz II. und dem König von Preußen Friedrich Wilhelm III. (26. 09. 1815), Website documentArchiv.de [Hrsg.], abgerufen am 18. September 2021.
61, 63. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61.
62. Als er 1814 bei der von Ludwig von Borstell befehligten Division im III. Armeekorps unter General Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz war, begann er ein Tagebuch zu führen, in dem er die Erlebnisse seiner Regimenter in Brabant, Nordfrankreich und in den Rheinlanden in diesem Jahr schildert.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 61 f. und Schwipps, Garnisonkirchen Berlin und Potsdam, 1964.
64. Georg Goens gibt den Ort als „Beaumont a. d. Oise“ an. Der ebenfalls von ihm hinzugefügte Zusatz „(oberhalb Mons)“ ist allerdings etwas verwirrend, da sich Beaumont-sur-Oise in der Nähe von Paris befindet, Mons dagegen in Belgien. Es könnte sein, daß Goens hier in irgendeiner Weise die Herkunft des Ortsnamens, dessen zweiter Bestandteil auf das französische Wort mons für Berg zurückgeht (Beaumont bedeutet soviel wie „schöner Berg“), mit einem realen Ort verwechselt. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß es sich um eine geografische Verwechslung mit dem Ort Mours handelt. Dieser existiert tatsächlich, und Beaumont-sur-Oise befindet sich nicht allzuweit nordöstlich davon. Beide Orte sind an der Oise gelegen, einem Fluß, der unweit von ihnen in die Seine mündet.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 61.
65. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 63.
Ob das Treffen mit Schliepstein nach dem Fehlschlag in Osterwieck ein Zufall oder aber in irgendeiner Weise doch verabredet war, bleibt offen.
66. Georg Goens berichtet, daß das Paar später fünf Kinder haben wird – vier Töchter und einen Sohn. Zwei der Töchter werden bereits im Kindesalter sterben. Die älteste Tochter Martha wird den ehemaligen Kadettenpfarrer Carl Hecker ehelichen, ihre jüngere Schwester Magdalene den Hauptmann a. D. und Stadtrat Hempel. Deren Zwillingsbruder und einziger Sohn der Ziehes, Martin, wird im Alter von dreißig Jahren das Zeitliche segnen müssen.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 63.
67. Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 63.
68. Dieter Weigert: Pfarrer und Bürger, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 118.
69, 108. Berg, Geschichte der evangelischen Garnisongemeinde, 1995.
70, 80, 133. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 107.
71. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 142.
72. Das erste Mal hatte er 1809 dieses Amt übertragen bekommen, es dann aber 1812 verlassen, als man ihn zum Gouverneur von Breslau ernannte.
Siehe von Meerheimb, Kalkreuth, Friedrich Adolf Graf von, 1882, Seiten 34-38.
73. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 63 ff.
75. Zitiert aus Valentin Heinrich Schmidt: Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam und die umliegende Gegend, enthaltend eine kurze Nachricht von allen daselbst befindlichen Merkwürdigkeiten: in einem bis jetzt fortgesetzten Auszuge der grossen Beschreibung von Berlin und Potsdam, 4. vermehrte und gänzlich umgearbeitete Auflage, Friedrich Nicolaische Buchhandlung, Berlin, 1816, Seite 6.
76, 77. Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seite 118.
78. Das bedeutet, daß die beiden Kirchen direkt unter königlichem Patronat stehen und somit der Herrscher direkten Zugriff auf sie hat.
81. Falk, Holtz, Alte Berliner Garnisonkirche, 1995.
Falk und Holtz weisen darauf hin, daß diese Großzügigkeit, die Katholiken betreffend, darauf zurückzuführen war, daß die preußischen Könige das Recht auf freie Religionsausübung als Zugeständnis an das katholische Kaiserhaus in Wien gewährten, wofür dieses bereit war, eine protestantische preußische Königskrone zu dulden.
82. Georg Goens nennt in Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65 als Tag der Räumung des Gotteshauses den 1. März 1817. Das paßt nicht mit der Angabe zusammen, die bei Barbara Kündiger in Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seiten 106 f. zu finden ist und sich auf ein entsprechendes, erhalten gebliebenes Dokument mit der Anweisung des Königs stützt. Die Quelle für Goens‘ Angabe geht aus seiner „Geschichte der Garnisonkirche“ leider nicht hervor, so daß wir uns in unserer Darstellung auf Barbara Kündigers Beschreibung stützen.
83. Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht, was als der Beginn der Reformation gilt. Daher ist der 31. Oktober bis in heutige Zeiten der Reformationstag.
84, 99, 110. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65.
85. Dr. C. Brecht: Die Garnison-Kirche in Berlin. Zur Erinnerung an die 150jährige Einweihungs-Feier derselben am 2. Juni 1872, A. W. Hayn’s Erben, Berlin, 1872, Seite 14.
86. Zum Brande der Garnisonkirche, In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen – Vossische Zeitung, Ausgabe 178 (Abendausgabe) vom 14. April 1908, Seite 11.
87. Das sind etwa 13,18 Meter.
88. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65 und Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14.
Auf die Anzahl der Säulen geht Goens nicht weiter ein. Brecht spricht hingegen explizit von „zwei Reihen Dorischer Säulen […], und jede Säulenreihe aus 4 Säulen hergestellt.“ Bei ihrer Erbauung besaß die Kirche in jeder der beiden Reihen allerdings fünf Pfeiler. Leider trifft Brecht keine Aussage darüber, was mit den anderen beiden Pfeilern geschieht. So muß vermutet werden, daß man sie nicht in dorische Säulen umwandelt. Möglicherweise werden sie dem Chor zugeschlagen und sind so nicht mehr als freistehende Pfeiler erkennbar.
89. Das ist der waagerechte Hauptbalken über den Säulen.
90. Bei einem Triglyph handelt es sich um eine Platte am Fries, die vier Längsrillen aufweist – zwei volle innere und zwei halbe äußere.
91. Ein Pilaster ist ein flacher, senkrechter, in die Wand integrierter Pfeiler, der deswegen auch Wandpfeiler genannt wird. Er kann auch vorgetäuscht sein und wird dann im Deutschen als Reliefpfeiler bezeichnet.
92, 102, 124. Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14.
93. Heinrich Lange: „…zum andächtigen Besuch…“ – Am 1. Januar 1703 wurde die erste Berliner Garnisonkirche eingeweiht, In: Preußische Allgemeine Zeitung – Das Ostpreußenplatt, Ausgabe vom 21. Dezember 2002, Seite 9.
94. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 107.
Barbara Kündiger weist darauf hin, daß den einschlägigen Quellen keine gesicherte Aussage darüber zu entnehmen ist, ob die nicht ausreichenden Geldmittel dazu führen, daß der bisherige Tischaltar aus Eichenholz weiterverwendet werden muß, oder ob es wenigstens möglich ist, einen neuen Altartisch zu beschaffen.
95. Das Bild „Christus am Kreuz“ existiert heute nicht mehr. Unglücklicherweise ist bisher auch keine Beschreibung oder gar bildliche Überlieferung des Gemäldes aufgefunden worden, so daß man heute nur weiß, daß es existiert, aber nicht, wie es ausgesehen hat. Es zählt zu den bedeutendsten Werken Karl Wilhelm Wachs. Einschlägige Abhandlungen zur Berliner Kunstgeschichte erwähnen das Bild ebenso wie biographische Lexika und bezeichnen es teils sogar als Hauptwerk Wachs.
Siehe Hermann Arthur Lier: Wach, Karl Wilhelm, In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 41, 1896, Seiten 774-776 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 25. September 2021, und Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 142.
96. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 142.
Barbara Kündiger schreibt darin allerdings: „Ob dieses Gemälde tatsächlich in der Kirche platziert wurde, ist jedoch heute ungewiss, da es […] in keiner einschlägigen Beschreibung der Garnisonkirche vermerkt ist.“ Das ist insoweit richtig, als es die Werke betrifft, die sich explizit mit der Geschichte der Garnisonkirche befassen – wie beispielsweise Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897 und Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872. Allerdings liefert Valentin Heinrich Schmidt in seinem 1820 in fünfter Auflage erschienenen „Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam“ eine Beschreibung des gerade neugestalteten Gotteshauses, in der er das Gemälde und seine Verwendung als Altarbild erwähnt.
Siehe Valentin Heinrich Schmidt: Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam und die umliegende Gegend, enthaltend eine kurze Nachricht von allen daselbst befindlichen Merkwürdigkeiten: in einem bis jetzt fortgesetzten Auszuge der grossen Beschreibung von Berlin und Potsdam, 5. gänzlich umgearbeitete und verbesserte Auflage, Friedrich Nicolaische Buchhandlung, Berlin, 1820, Seite 9.
97, 131. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 142 f.
98. Der Umbau des Doms dauert von 1816 bis 1821.
100. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 117, Fußnote 19.
101. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 65.
103. Klaus Duntze: Ob auch Kriegsleute seligen Standes sein können (Martin Luther), In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 13.
104. A. Heinze: Die Ruhestätten der Berliner Garnisonkirche, In: Illustrirte Berliner Wochenschrift Der Bär – Eine Chronik für’s Haus, Jahrgang 12, Ausgabe 19 vom 6. Februar 1886, Seite 234.
105. Bericht über den Vortrag von Divisionspfarrer Schildt aus Torgau „Die Garnisonkirche, ein Denkmal preußischer Geschichte“ vom 5. Mai 1893 in der Berliner Garnisonkirche, In: Mittheilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Jahrgang 1893, Heft 5, Seiten 47 f.
106. Richard Borrmann: Garnisonkirche, In: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Verlag von Julius Springer, Berlin, 1893, Seite 176.
107, 144. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 108.
111. Karl Wippermann: Schuckmann, Friedrich Freiherr von, In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 32, 1891, Seiten 647-650 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 25. September 2021.
112. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 66 f.
Bei diesem Ritus wird oft eine sogenannte Spendeformel gesprochen, die sich jedoch in den beiden Kirchen unterschied. Um bei Lutheranern und Reformierten gleichermaßen Akzeptanz zu erreichen, führt die neue Agende die sogenannte „referierende Formel“ ein, die lediglich den biblischen Bericht über das Brechen des Brotes beim letzten Abendmahl zitiert.
Siehe Walter Wendland: Die Religiosität und die kirchenpolitischen Grundsätze Friedrich Wilhelms des Dritten – In ihrer Bedeutung für die Geschichte der kirchlichen Restauration, Verlag von Alfred Töpelmann, Gießen, 1909, Reprint bei Walter de Gruyter GmbH & Co KG, Berlin, 2020, Seite 182.
113, 118, 136. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 67.
114, 115, 122, 223. Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 15.
116. Die alte Garnisonkirche niedergebrannt, In: Berliner Tageblatt, Jahrgang 37, Ausgabe 192 (Morgenausgabe) vom 14. April 1908, Seiten 5 f.
117, 217. Duntze, Kriegsleute, 2004, Seite 13.
120. Zitiert aus Schmidt, Wegweiser durch Berlin und Potsdam, 1820, Seiten 8 f.
Ein interessantes Detail ist die Längenangabe. In der in der vierten Auflage enthaltenen, aus einem Satz bestehenden Beschreibung der Kirche beträgt sie noch 177 Fuß. Wie es zu der Änderung gekommen ist, ist unbekannt. Ob Schmidt hier noch einmal nachgemessen hat? Daß es sich hierbei einfach um eine Korrektur handelt, ist nicht unwahrscheinlich. Zur Zeit der Erbauung der zweiten Garnisonkirche war ihre Länge mit 185 Fuß angegeben worden – siehe Johann Friedrich Walther: Die gute Hand Gottes über die Garnison-Kirch- und Schul-Anstallten, in der Königlichen Preußischen Residentz Berlin, oder Historische Nachricht, Wenn und wie die Garnison-Kirche und Schule zuerst gestifftet und Deroselben Anstallten unter Göttlichem Segen bis auf gegenwärtige Zeit erhalten worden. Wobey derer Merckwürdigsten Fälle und Veränderungen so diese Anstallten von Ao. 1663 bis itzo betroffen, und insonderheit der, Ao. 1720 geschehenen Zerspringung eines alten Pulver-Thurns, umständlich gedacht wird. Als auch von denen Gebäuden, Patronen und andern Bedienten bey der Kirche und Schule, Meldung geschiehet. Endlich aber Eine genaue Verzeichniß aller, bis hieher in der Garnison-Kirche ordinirten Feld- und Garnison-Prediger bey der gantzen Königl. Armeé, auch wohin, und wozu dieselben befordert worden, mit eingeführet ist, So wol aus gewissen Uhrkunden als eigner Erfahrung aufgesetzet, auch mit Neun Kupffern erläutert von Johann Friedrich Walther, Organist und Collega Ordin. der Garnison-Kirche und Schule., Samuel König, Berlin, 1743, Seite 72.
Diese Angabe folgte aller Wahrscheinlichkeit nach dem bis 1721 verwendeten Herzoglichen Neu-Kulmischen Maß und entspricht damit 54,13 Metern. Als allerdings Valentin Heinrich Schmidt seinen Wegweiser veröffentlichte, wurde in Preußen das Magdeburger Maß, das man auch als Brandenburger oder Rheinländisches Maß bezeichnete, verwendet. Ab 1816 nannte man es preußisches Maß. Darin entsprach ein Fuß 31,385348 Zentimetern. Somit würde nach Schmidts Angaben die Garnisonkirche eine Länge von 55,55 Metern (177 Fuß) beziehungsweise 54,92 Metern (175 Fuß) gehabt haben. Letztere Angabe liegt vergleichsweise nah an der von Walther und ist damit wahrscheinlich als Korrektur zu sehen.
Siehe auch Das Königliche Magdeburger Maß von 1755 – 1816, Artikel auf der Website preussische-masse.de, abgerufen am 25. September 2021 und Das Preußische Maß in Preußen von 1816 bis 1869, Artikel auf der Website preussische-masse.de, abgerufen am 25. September 2021.
121. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 66.
Eigentlich gab es fünf Träger des Großkreuzes. Der fünfte war der Franzose Jean Baptist Julius Bernadotte, der 1810 vom schwedischen König Karl XIII. adoptiert worden und als Karl Johann Kronprinz von Schweden geworden war. Da Goens ihn in seiner Aufzählung ausläßt, ist zu vermuten, daß Karl Johann auf den Gedenktafeln tatsächlich nicht aufgeführt war. Das wäre dadurch zu erklären, daß er nie als Offizier der preußischen Armee diente. Ursprünglich französischer Revolutionsgeneral, der gemeinsam mit Napoleon kämpfte, stellte er sich erst spät gegen diesen, als die französische Armee auch gegen Schweden vorging. Dann jedoch trug er als Oberbefehlshaber der sogenannten Nordarmee, die aus Preußen, Russen und Schweden bestand, zum Sieg über den französischen Kaiser bei.
Siehe Karl XIV., In: Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2, Leipzig, 1838, Seiten 560-562 – Online-Version auf zeno.org, abgerufen am 27. September 2021.
125. Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 65 f.
126. Günter Richter: Kalckreuth, Friedrich Adolf Graf von, In: Neue Deutsche Biographie, Band 11, 1977, Seiten 50-51 – Online-Version, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 27. September 2021.
127. Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seite 104.
128, 141. von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seite 508.
129. Schmidt, Wegweiser durch Berlin und Potsdam, 1820, Seite 9.
130. Brecht, Die Garnison-Kirche, 1872, Seite 14.
Brecht gibt den Namen des Bildes von Begas d. Ä. nicht an, sondern beschreibt es als „Jesus in Gethsemane am Oelberge vorstellend“. So mag es kommen, daß man in späteren Beschreibungen der Kirche, deren Autoren möglicherweise Brechts Werk als Quelle nutzten, das Werk mit dem Titel „Jesus in Gethsemane“ bezeichnet findet.
132. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 67 f.
134. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 26.
135. Lange, „…zum andächtigen Besuch…“, 2002, Seite 9.
137. von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seite 172 und Seite 320.
138. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 161.
139. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 68.
140. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 69 f.
142, 148, 150. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 71.
145. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seiten 108 f.
146. Als Knopf bezeichnet man die verschlossene, oftmals runde, gelegentlich auch vergoldete Metallkapsel, die man häufig auf der Spitze eines Kirchturms unterhalb des krönenden Kreuzes findet. Andere Bezeichnungen sind Turmknopf oder auch Turmkugel.
147, 149, 167, 169. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 109.
151. Aus der Berliner Bautradition, In: Neues Deutschland, Jahrgang 6, Ausgabe 286 vom 9. Dezember 1951, Seite 4.
152. Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, Verlag von Max Spielmeyer, Berlin, Jahrgang 19, Ausgabe 9 vom September 1906.
153. Mendelssohn Bartholdy nutzt in jener Zeit allerdings nicht nur die Orgel der Garnisonkirche, sondern auch das Instrument der Marienkirche, das ebenfalls von Joachim Wagner gebaut wurde. Siehe Bachs „Orgelbüchlein“ steht im Mittelpunkt, Neue Zeit, Jahrgang 44, Ausgabe 208 vom 2. September 1988, Seite 4.
155. Zitiert aus Der Berliner Courier, ein Morgenblatt für Theater, Mode, Eleganz, Stadtleben und Localität, Ausgabe 58 vom 7. April 1827, Seite 3.
156. von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seiten 223 f.
157. Zitiert aus Der Berliner Courier, ein Morgenblatt für Theater, Mode, Eleganz, Stadtleben und Localität, Ausgabe 74 vom 28. April 1827, Seiten 2 f.
Bei dem erwähnten Sänger Devrient dürfte es sich um Philipp Eduard Devrient handeln.
158. Über die Zahl der in der Gruft der Garnisonkirche bestatteten Generalfeldmarschälle sind sich die Quellen nicht einig. Einige treffen die Aussage, es seien vierzehn Generalfeldmarschälle gewesen – unter anderem Georg Goens, der alle vierzehn namentlich benennt: Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 37.
Andere Quellen behaupten, es seien insgesamt fünfzehn Generalfeldmarschälle in der Gruft beigesetzt worden, geben aber keine entsprechende Liste wieder oder nennen gar keinen einzigen Namen. Daher schließen wir uns in unserer Darstellung Georg Goens an, der die folgende detaillierte Liste aufführt:

Georg Abraham von Arnim, beigesetzt 1734 – Alexander Hermann Reichsgraf von Wartensleben, beigesetzt 1734 – Albrecht Conrad Reichsgraf Fink von Finkenstein, beigesetzt 1735 – Friedrich Wilhelm von Grumbkow, beigesetzt 1739 – Dubislaw Gneomar von Natzmer, beigesetzt 1739 – Hans Heinrich Graf von Katte, beigesetzt 1741 – Adrian Bernhard Graf von Bork, beigesetzt 1741 – Caspar Otto von Glasenapp, beigesetzt 1746 – Friedrich Wilhelm Herzog von Holstein-Beck, beigesetzt 1750 – Samuel Reichsgraf von Schmettau, beigesetzt 1751 – James Francis Edward Keith, beigesetzt 1759 – Christoph Wilhelm von Kalkstein, beigesetzt 1759 – Friedrich Adolf Graf von Kalckreuth, beigesetzt 1818 – Friedrich Heinrich Ferdinand Graf Kleist von Nollendorf, beigesetzt 1823.

Goens nennt allerdings nicht die vollen Namen der betreffenden Militärs. Diese haben wir folgenden Quellen entnommen:
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Erster Teil: A-F, Arnold Wever, Berlin, 1788, Seiten 76 ff., 167 ff. und 415 ff.;
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Zweiter Teil: G-L, Arnold Wever, Berlin, 1789, Seiten 13 f., 82 ff., 169 f., 229 ff., 253 ff. und 261 ff.;
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Dritter Teil: M-See, Arnold Wever, Berlin, 1790, Seiten 90 ff. und 392 ff.;
Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Vierter Teil: Sel-Z, Arnold Wever, Berlin, 1791, Seiten 176 ff.;
Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seite 104.

159. Auch hier schwanken die Angaben. Manche Quellen sprechen von 56 Generälen, Georg Goens, dem wir auch hier wieder folgen wollen, gibt explizit an, daß 50 Generäle zwischen 1723 und 1830, dem Jahr, in dem das Gewölbe geschlossen wird, darin bestattet wurden.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 37.
160. Dieter Weigert: Märker in den Grüften, In: Barbara Kündiger & Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche, 1. Auflage 2004, Berlin Edition in der Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, ISBN 3-8148-0128-8, Seite 172.
Weigert schreibt, daß die genannten Zahlen aus den Kirchenbüchern der Garnisongemeinde hervorgehen und darin jeweils die Familienangehörigen eingeschlossen seien. Es ist nicht ganz klar, wie das zu verstehen sein soll. Wenn beispielsweise von 37 hohen Beamten des königlichen Hofes die Rede ist und in dieser Zahl deren Familienangehörige eingeschlossen sein sollen – wie kann man dann von 37 Beamten sprechen? Plausibler erscheint es, davon auszugehen, daß die Familienangehörigen dieser Personen zu diesen Zahlen hinzugezählt werden müssen.
161. Auf den Trümmern der alten Garnisonkirche, In: Berliner Tageblatt, Jahrgang 37, Ausgabe 193 (Abendausgabe) vom 14. April 1908, Seite 5.
162. Auf der Brandstätte der alten Garnisonkirche, In: Berliner Volks-Zeitung, Jahrgang 56, Ausgabe 179 (Morgenausgabe) vom 15. April 1908, Seite 3.
163. Weigert, Märker in den Grüften, 2004, Seiten 172 ff.
164. Duntze, Kriegsleute, 2004, Seite 11.
165. Weigert, Märker in den Grüften, 2004, Seite 172.
166. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 38.
168. Zitiert aus Der Berliner Courier, ein Morgenblatt für Theater, Mode, Eleganz, Stadtleben und Localität, Ausgabe 956 vom 8. April 1830, Seiten 1 f.
170. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 72 f.
173. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 72 f.
175. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 86.
176. Geistliche Musik in der Garnisonkirche, In: Berliner Don Quixote – Ein Unterhaltungsblatt für gebildete Leser, Jahrgang 2, Ausgabe 84 vom 2. Juni 1833, Seite 4.
177. Otto Nicolai: Weihnachtsouvertüre über den Choral ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her‘, mit einem Vorwort von Dr. Laura Stanfield Prichard, 2013, Website der mph – Musikproduktion Jürgen Höflich, abgerufen am 5. Oktober 2021.
Im in Deutsch und Englisch angefügten Text des Vorworts wird in der deutschen Fassung als Uraufführungsort „Potsdamer Garnisonskirche“ angegeben. Die englische Fassung erwähnt ihn als „Garrison Church (Garnisonkirche) in Postdam (Berlin)“. Es handelt sich hierbei um eine Verwechslung der beiden Garnisonkirchen. Die Quelle ist trotzdem hilfreich, da sie das genaue Datum der Uraufführung nennt.
178. Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seiten 123 f.
179. Zitiert aus Geistliche Musik in der Garnisonkirche, 1833, Seite 4.
180. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 72 ff.
181. Zitiert aus G. Eduard Müller: Neuster Wegweiser durch Berlin, Charlottenburg und Potsdam nebst kurzer Beschreibung des Sehenswerthesten, Verlag von G. Eduard Müller, Berlin, 1834, Seiten 137 f.
182. Bericht über den Vortrag von Divisionspfarrer Schildt, 1893, Seiten 47 f.
183. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 144 ff.
184. Zitiert nach Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 146 f.
185. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 145 f.
186. Zitiert aus Theodor Fontane: Wilhelm Hensel, In: Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Bände 1-25, Band 12: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Spreeland, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1959-1975, Seiten 385 ff., Online-Version, abgerufen am 8. Oktober 2021.
187. Das sind in heutigen Einheiten rund vier Meter in der Höhe und 5,5 Meter in der Breite. Siehe Das Preußische Maß in Preußen von 1816 bis 1869, Artikel auf der Website preussische-masse.de, abgerufen am 25. September 2021.
188. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 147 f.
190, 192. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 148.
191. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 78.
193. Edmund Müller: Die alte und die neue Orgel der Garnisonkirche, In: Mittheilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Jahrgang 1892, Heft 9/10, Seite 86.
194. Zitiert aus Theodor Fontane: In der Wilhelm Roseschen Apotheke (Spandauer Straße), In: Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Bände 1-25, Band 15: Von Zwanzig bis Dreißig, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1959-1975, Seiten 9 ff., Online-Version, abgerufen am 9. Oktober 2021.
195. von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seite 32.
196. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 72.
197. Duntze, Kriegsleute, 2004, Seite 10.
198. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 74 f.
199. Dr. Karl Plumeyer: Beiträge zur Geschichte der Berliner Garnisonfriedhöfe – I. Die beiden Garnisonfriedhöfe an der Linienstraße, In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Jahrgang 1924, Heft 4-6, Seiten 28 f.
200. Heinz Berg: Vom Diesseits zum Jenseits des Spandauer Tores: Zur Geschichte des Alten Berliner Garnisonfriedhofs, In: Der Alte Berliner Garnisonfriedhof im Spannungsfeld zwischen Scheunenviertel und Monbijou, herausgegeben vom Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof, 1. Auflage, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin, 1995, ISBN 3-7759-0399-2.
201. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 74 f.
202. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 75 f.
203. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 75.
204. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 82.
205. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 78 f.
206. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 79.
207. von Ledebur, Tonkünstler-Lexicon Berlin’s, 1861, Seiten 516 ff.
Bei von Ledebur sind noch weitere Uraufführungen von Werken Johann Julius Schneiders in der Garnisonkirche verzeichnet. So am 28. Oktober 1829 die Uraufführung der Kantate „Die Würde der Töne“, am 18. Oktober 1854 die Uraufführung des Oratoriums „Luther“ nach einem Text von Martin Luther, die anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens des Hansmann-Schneiderschen Gesangsvereins stattfindet, sowie am 15. Oktober 1859 die Uraufführung des Oratoriums „Die heilige Nacht“ nach einem Text von Georg Heinrich Schwerdt.
208. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 76.
209, 226. Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 111.
211. Weigert, „Der ganze Krieg ist ein politischer Rechnungs-Fehler“, 2004, Seiten 102 ff.
212. Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seite 122.
213. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 79.
214. Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 79.
215. Adolph Sydow war in den 1830er Jahren Pfarrer an der Kadettenanstalt gewesen und hatte als solcher auch an der Berliner Garnisonkirche gepredigt. Eine dieser Predigten, die er im Jahre 1836 hielt, veranlaßte König Friedrich Wilhelm III., Sydow an die Potsdamer Garnisonkirche zu versetzen. Dort wirkte er bis 1846, als er an die Neue Kirche in Berlin wechselte.
Siehe Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seiten 120 f.
216. Weigert, Pfarrer und Bürger, 2004, Seiten 118 ff.
218. Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 102 vom 3. Mai 1848, Seite 2.
219. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 80.
220. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 77.
221. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 77 f.
222. Zitiert aus Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 77.
224. Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebungen auf das Jahr 1851, 2. Teil, Verlag von Veit und Comp, Berlin, 1851, Seite 42.
225, 260. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 81.
227. Zitiert aus Karl Stichler: Die alte Berliner Garnisonkirche – Erinnerungen eines alten Berliners, In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen – Vossische Zeitung, Ausgabe 203 (Morgenausgabe) vom 1. Mai 1908, Seiten 4 und 13.
Was die Erbauungszeit der Sankt-Michael-Kirche am Engelbecken angeht, ist die Erinnerung des Verfassers nicht ganz korrekt, denn diese Kirche wird erst 1861 fertiggestellt. Stichler bezieht sich hier lediglich auf die Zeit, in der der Baufortschritt am stärksten war. Berücksichtigt man die tatsächliche Erbauungszeit von 1850 bis 1861, so wird klar, daß die Angaben Stichlers bezüglich der in der Garnisonkirche stattfindenden katholischen Gottesdienste hingegen korrekt sein dürften – wodurch er sich, ohne es wohl zu merken, ein wenig selbst widerspricht.
Siehe auch Kündiger, Umbauten, Zerstörungen und Abriß, 2004, Seite 111.
228. Heinrich Lange: Ein preußischer Architekt – Zum 200. Geburtstag von Friedrich August Stüler, In: Preußische Allgemeine Zeitung – Das Ostpreußenblatt, Ausgabe vom 12. Februar 2000, Seite 12.
229. Heinrich Lange, „…zum andächtigen Besuch…“, 2002, Seite 9.
230. Sechsundsiebzig Jahre später, im Jahre 1929, wird diese mit „A. Menzel 1853“ signierte Zeichnung in der Ausstellung „Hundert Jahre Berliner Kunst“ des Vereins Berliner Künstler als Exponat Nummer 1002 gezeigt. Sie befindet sich zu jener Zeit in Privatbesitz und ist eine Leihgabe einer Frau Hermine Grönvold.
Siehe Hundert Jahre Berliner Kunst im Schaffen des Vereins Berliner Künstler, Verein Berliner Künstler, Berlin, 1929, Seite 134 und Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seite 164 und Seite 171, Fußnote 138.
231. Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 223 vom 24. September 1853, Seite 1.
232. Kirchentag, In: Meyers Konversationslexikon, 9. Band: Irideen – Königsgrün, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892, Online-Version auf retrobibliothek.de, abgerufen am 16. Oktober 2021.
233. Diese Datierung geht auf Georg Goens zurück, der sich allerdings selbst darüber wundert, wie es denn möglich sein kann, daß Ziehe in diesem Jahr das fünfzigjährige Jubiläum als Pfarrer begeht, wo er doch erst am 3. Juni 1811 in der Berliner Nikolaikirche ordiniert worden war. Goens erklärt sich das damit, daß Ziehe wohl schon vor der Ordination, im Alter von 22 Jahren, in den Kirchendienst getreten ist.
Siehe Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 80.
234. Zitiert nach Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 80.
235. Trinitatis ist ein Fest im Kirchenjahr, das in der römischen Kirche jedes Jahr am ersten Sonntag nach Pfingsten begangen wird. Im Deutschen wird es auch als Dreifaltigkeitssonntag und Dreieinigkeitsfest bezeichnet.
236. Zitiert aus Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 159 vom 11. Juli 1854, Seite 4.
237, 245. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seiten 80 f.
238. Als Ziborium bezeichnet man einen von Säulen getragenen Aufbau über einem Altar. Alternativ kann auch der Begriff Baldachin verwendet werden.
239. Ob man Wachs Bild „Christus am Kreuz“ weiterhin in der Kirche präsentierte oder ob es eventuell bereits vor der Errichtung des Altars von Begas‘ Gemälde als Altarbild abgelöst wurde, ist den einschlägigen Quellen nicht zu entnehmen.
240. Heinrich Lange: Adolph Menzels „alte Bekannte“, In: Berlinische Monatsschrift, Heft 9/98, Edition Luisenstadt, Berlin, 1998, Seiten 56 ff.
241. Heinrich Lange, Ein preußischer Architekt, 2000, Seite 12.
242. Als Plinthe bezeichnet man in der Architektur einen Untersatz oder auch Sockel, der die Basis eines baulichen Objektes bildet. Bei Säulen ist eine Plinthe oftmals eine einfach geformte, meist rechteckige oder quadratische Fußplatte.
243. Eine Marmorart.
244. Bei Gabbro handelt es sich um ein kompaktes, grobkörniges magmatisches Gestein.
246. Heinrich Lange, Adolph Menzels „alte Bekannte“, 1998, Seiten 56 ff.
247. Kündiger, Bildwelten und Klangbilder, 2004, Seiten 148 ff.
248. Provinzial-Adreß-Kalender für die Regierungs-Bezirke Potsdam und Frankfurt auf das Jahr 1846, Verlag bei J. W. Boike, Berlin, 1846, Seite 223.
249. Evangelisch-lutherische Kirche in Berlin, In: Website der Evangelisch-Lutherischen St. Mariengemeine (lutherisch.de), abgerufen am 16. Oktober 2021.
250. Dr. Johannes Stier: 100 Jahre Lutherische Kirche in Berlin – 1835-1935, 1. Auflage, Verlag des Lutherischen Büchervereins, Breslau, 1935, Seiten 37 f.
251. Adreß-Kalender für die Königl. Haupt- und Residenzstädte Berlin und Potsdam auf das Jahr 1856, Verlag von A. W. Hahn, Berlin, 1856, Seiten 239 f.
252. Adreß-Kalender für die Königl. Haupt- und Residenzstädte Berlin und Potsdam auf das Jahr 1857, Verlag von A. W. Hahn, Berlin, 1857, Seite 242.
253. Goens, Geschichte der Garnisonkirche, 1897, Seite 82.
254. Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 211 vom 10. September 1857, Seiten 2 f.
255. Gerhard Lindemann: Für Frömmigkeit in Freiheit – die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus (1846-1879), LIT Verlag, Münster, 2011, Seiten 399 ff. (nur in Auszügen online verfügbar).
256. Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Ausgabe 218 vom 18. September 1857, Seite 1.
257. Ein Denkmal aus der preußischen Geschichte, In: Der Bär – Illustrirte Wochenschrift für die Geschichte Berlins und der Mark, Jahrgang 19, Heft 37 vom 19. Juni 1893, Seiten 443 f.
258. Adreß-Kalender für die Königl. Haupt- und Residenzstädte Berlin und Potsdam auf das Jahr 1858, Verlag von A. W. Hahn, Berlin, 1858, Seiten 249 f.
259. Johannes Stier, 100 Jahre Lutherische Kirche in Berlin, 1935, Seiten 37 f.